Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1911)
- Date
- 1911-05-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 21 jüdisch-deutschen Gemeinden noch viel schreienderes Unrecht, das der D. I. G. B. beseitigen könnte, geschieht. So ist z. B. der Wählmvdns in mancher jüdischen Gemeinde höchst u n demokratisch, sodaß manche Gemcindeväter sich se.lbst oder durch die Hand eines befreundete nBorgängerszn mAührer bestimmen lassen und sich derdnrch denWahlmodus zu völliger Ohnmacht verurteilten Gemeinde aufoktroyiercnl Das ist ein Nebel, dein abzuhelscn der D. I. G. B. eigentlich berufen wäre. So könnte z. B. der D. I. G. B. eine Bestimmung in seine Statuten aufnchmen, daß eine Gemeinde, um dem Verband des D/J. G. B. anzugchören, vor allem ein d emokratisches Wahlrecht besitzen muß. Und siche! cs gibt sogar noch näher liegende Ucbcl abzustcllen; so halten wir es für ein großes Unrecht, die Minoritäten in den Gemeinden, die andere Anschauungen als die regierende Mehrheit haben, auf dem Gcmeindetag unvcrtretcn zu lassen. Was bedeutet die Bestimmung der neuen Verfassung, daß die Vertreter einer jeden Gemeinde nur einen aus ihrer Mitte Mit der „Führung" ihres St imjwrechts zu betrauen haben, anders, als eine Ausschaltung der Minorität? Wozu ist denn überhaupt diese Führung nötig, wenn ein jeder gehört werden soll? Sieht nicht diese Bestimmung nach einer B evormundung aus? Ein Unrecht zu beseitigen, gibt die neue Verfassung vor, nämlich die Entrechtung der Großgemeinden; allein Gemeindeverwaltungen, die auf Entrechtung basieren und von Entrechtung ihrer GeMeindemitglied'er leben, haben auf Recht keinen Anspruch! Jedes weitere Recht, das den Herrschenden, die zu Unrecht regieren, eingeräumt wird, bedeutet eine weitere Entrechtung derer, die zu Unrecht regiert werden. „Die großen Gemeinden sind förmlich durch ihre ungenügende Vertretung 'im Verhältnis zu den kleinen Gemeinden entrechtet." Allein wir gestehen cs offen, daß kleine Gemeinden, die im echt jüdischen Geiste und demokratisch vcrlvaltct werden, dem Judentum mehr nützena l s m a n ch c G r o ßgcmeindc, die im negierenden, assimilatorischen und p l u t o k r a t i s ch e n Geiste geleitet wird! Soweit über das Unrecht, das durch die alte Verfassung den Großgcmcinden entstand. Und tvas das Unrecht betrifft, das den kleinen Gemeinden bezüglich der Ucbertragung der Mandate an Fremde geschieht, so halten wir dieses fiir eine arge Bevormundung und Entrechtung zugleich. Was den kleinen Gemeinden frommt, wissen sie selbst mir besten; man kann doch nicht gut von Genreinden wie von Schulbuben, denen man Aufträge ablockt, sprechen. Wir resümieren: Solange die großen Gemcirrdcn kein demokratisches Wahlrecht besitzen, kann ihnen keine größere Vertretung gewährt-werden. Die Müwrität darf unter keinen Umständen ausgeschaltct werden! Die Führung des Stimmrechts durch ciiren einzelnen Vertreter und die Bcvornmndung der übrigen darf nicht festgesetzt werden! Jede Gemeinde muß das Recht besitzen, -Mandate Fremden zu übertragen. So und nicht anders darf eine neue Verfassung des D. I. G. B. ausschen, — cs sei denn, daß die Leiter des D. I. Ä. B. sich nicht vor einem tiefgehenden und dauernden Riß in-der dcutsch en Judenheit scheuen. Aus den Ereignissen des Tages. 1. Das Blntmärchen in Kiew und seine Lehre. Europa hat wieder sein Blntmärchen gehabt. Europa? Nein, Rußland; es besteht ein Unterschied dazwischen. Aber Europa hört die Lüge mit an und schweigt; und wird so teilhaftig an dieser Schande . . , ' In Kiew ist ein toter Knabcnlcichnam gefunden worden. Doch wir beginnen nicht richtig. Ter tote Knabenleichnam' würde keine Veranlassung zuM Märchen gegeben haben; es ist eine andere Ursache vorhanden. Frankfurter IsraelitisKes Familienblaü. Vor Mehreren Wochen nämlich wurde — wie unsere Leser cs wohl wissen -- in der DninÄ über einen Antrag zur Abschaffung des Anstedlungsrayons beraten; der Antrag wurde einer Kommission überwiesen, und in der Kommffsicn wird sich aller Annahme nach eine Mehrheit für ihn finden. Diese günstige Ent-, scheidung galt cs zu verhindern. Und gerade in dieser Zeit fand män in einem nur von Christen bewohnten Stadtteile Kiews im Keller eines in seiner Jugend getauften, seit Jahren als Antisemiten bekannten Juden den Leichnam eines Knaben, der an seinem Körper viele Wunden austvics. Nun, merkt 'ihr schon den Zusammenhang? Er ist doch wohl klar geiuig. ' Welches Mittel wäre besser, wirksamer als dieses, aus dem Vorfall einen Ritualmord zu konstruieren, im Volke wieder den Haß gegen die Jildcn zu entflaimiicn, cs Mi Ende gar zu Jnoenmetzcleic» kommen zu lassen? Und dann, ja dann ivird die Duma sich hüten, einen für die Juden günstigen Entschluß zu fassen. Ter Leichnam war da, — wer weiß, ob nicht zwischen den gekennzeichneten politischen Absicht der „Schwarzen Hundert" und der Ermordung des Knaben eine gewisse Kausalunion besteht —, die Massen des Volkes sind genügend ignorant und korrumpiert, und die Journalisten des Verbandes haben das genügende Maß von Gewissenlosigkeit- und Gemeinheit, um die alte Lüge zu neuem Leben zu erwecken, und so war das Blutniärchen in wenigen Tageir in all seiner Furchtbarkeit und Brutalität da: die Abgeordneten des Verbandes krönteir tzMn. die Aktion, indem sie in der Duma eine Interpellation darüber einbrachten; die Duma lehnte zwar die Dringlichkeit der Interpellation ab, aber bei der Beratung, war die Gelegenheit geboten, ein paar Pogrom reden in das Land hinanszusenden/ und Purischkewitsch und Markow haben sich ihrer Aufgabe glänzend erledigt. Tas Land geriet in Aufruhr, in Kiew verlebten die Inden furchtbare Tage der Todesangst, die jüdischen Zeitungen schrieben und schrieben, die Führer d:r Judcnhcit berieten, Proteste wurden geplant, — und nun ist a l l c s v o r ü b e r, ohne daß einem Juden ein Haar gekrümmt tvurde. Man übersah nämlich eincir Faktor: die R cgicrung oder sagen wir lieber Herrn Stolypin. Herrn Stolypin paßte jetzt ein Pvg r o M n i ch t, und so blieb er aus, trotz aller Aufhetzung und Agitation seitens der „Schwarzen Hundert. Denn in Rußland entstehen Pogrome nicht durch die Wut der Massen, nicht durch die.Empörung des Volkes, sondern nur .auf Befehl des Herrn Ministers. Und so ist diesmal die Gefahr vorbei; durch Zufall, durch ein Glück, infolge der politischen Konstellation. Wie, wenn cs aber zum Pogrom gekommen wäre? Wie, wenn eine Judemnctzclci in die politische Kalkulation des Halunken auf dem Ministersessel hincingepaßt hätte? Was dann? Dann tvärc cs wieder losgegangen tvie vor fünf Jahren, dann tvärcn wieder Männer getötet, Kinder gemartert, Frauen vergewaltigt, Greise gefoltert worden, wären wieder Hunderte von Juden umgekommcu. Tausende Bettler geworden und Hunderttauscnde seelisch vernichtet worden. sind das hat ja nur an einein Haar gehangen. Selten hat ein Ereignis das ganze furchtbare Elend der jüdisch en Lagc, die ganze Anormalität und Haltlosigkeit unseres Lebens in einem so grellen Lichte gezeigt, ivie das Kiewcr Blntmärchen. Alle Völker haben heute ihr Los in ihre eigenen Hände gcnomnien, regeln ihr Dasein nach selbstbcstimmten Prinzipien und ewigen Gesetzen, und unser Sein hängt von dem Willen einiger korrumpierten Staatsmänner, hängt von der politischen Konstellation des Herrn Stolypin ab! . Und in einer solchen Zeit, wo uns all das Elend unseres Volkes so deutlich vor Augen geführt wurde, -gibt es noch , naipe Gemüter, kindliche Schwärmer innerhalb unserer vstjüdischcu Brüder, die alles Heil erwarteten von — von einem Proteste der jüdischen Rabbiner Rußlands, worin sic dagegen Widerspruch erheben sollten, daß Man den Juden vorwirft, das Blut von Christenkindern für ihre Osterbrotc zu verwenden. Man möchte lachen, wenn die Sache nicht so furchtbar traurig wäre, ob der Naivität solcher Menschen. Protestieren, logisch Nachweisen, daß das Blutniärchen unwahr ist! ist es nicht dasselbe, tvie tvcnn man einem Mensche», der von einem Mörder überfallen tvird, als Abwchrmittcl raten wollte, ihm logisch zu beweisen, daß der Mord unmoralisch ist! . . . Aber zu einer solchen Zeit — und dies ist noch tveitaus trauriger — gibt es in Westeuropa Menschen, die noch darüber sinnen, ob es eine I udc»fra g e gibt, die zweifeln und schwanken, ob man ein Asyl für ihre unglücklichen Brüder suchen muß, die noch all das Heil vom Fortschritt der Völker crlvarteu! Und wenn »ran solche Menschen sieht — und man sieht sic auf jeder Straße, in jeder jüdischen Versamnrluug —, dann steigt manchmal der unschöne Wunsch auf, diese Juden möchten einmal nur ein paar Stunderr die seelischen Qnalerr erleben, die ihre russischen Brüder tagaus, tagein durchwachen. .Sie tvürdcn dann nicht mehr so sprechen - , . 2. Die Türkei und der Zionismus. Wir haben mal die Ehre gehabt, daß iur t ü r k i s ch e n Parlament von uns gesprochen tvurde. Die Ehre ist keine so große, wenn man liest, tvelchc Männer zuM großen Test über uns gesprochen haben, und tvas gegen uns gesagt tvurde. Bei der Beratung des Budgets des Ministers des Innern kam der arabische Abgeordnete von Jerusalem — ein arabischer Abgeordneter aus Jerusalem, das 70,000 Juden und 2000 Mohammedaner hat — auf den Zionismus zu sprechen, den er als staatsgefährlich angriff. Es sprachen noch andere Araber dagegen, denen gegenüber der jüdische Abgeordnete Mazliach Wendi und andere armenische, und bulgarische Abgeordnete den Zionismus verteidigten. Ter Herr Minister des Jnnerrr erklärte lakonisch — es gibt Staatsmänner, die von der ganzen Kunst der Politik nur das eine Wort Talleyrands kennen: „Der Mensch hat einen Mund, um zu schweigen!" —, daß die türkische R cg i e r u n g k c i n e s >v e g s die Bildung von Mit politischen Absichten verbundenen Kolonien dulden werde. Aus der ganzen Debatte — tvie die früheren vor ihr — können wir nur eine doppelte Lehre ziehen: einmal, nicht jedesmal alles für verloren zu halten, wenn ei» t ü r k i s ch e r M i n i st e r e i n W o r t g c g c n d e» Zionismus spricht, und ferner, mehr als j e d a f ü r zu sorgen, däß das türkischc Volk und die t ü r k i s ch c n S t a a t s m ä n - ncr über das wahre Ziel des Zionit Mus aufgeklärt w crden. Es ^cugt in der Tat von tvcnig Mut und »och weniger politischem Verständnis, tveim man — tvie cs manche Zionisten getan habe» — ganz in Verzweiflung gerät, wenn ein türkischer Staatsmann sich unfreundlich oder gar gegnerisch gegen den ^Zionismus geäußert hat. Vor allem ist ja die ganze Lage' der Türkei derart verworreil und haltlos, daß die Haltung des einen Ministers von wenig praktischer 'Bedeutung sein kann. Die Minister folgen sich ja so schnell, daß, tvas der eine heute denkt, morgen schön vom anderen aufgegeben Ivcrdcn kann. Und ferner — und dies ist die Hauptsache —, wenn ein türkischer Staatsmann gegen den Zionismus spricht, so spricht er ja nie gegen den wirklichen Zionismus, gegen däs, was er in der Tat ist, sondern wendet sich nur gegen einen gedachten Zionismus, gegen eine Bewegung, tvie er sie s in seiner erregten Phantasie vorstcllt, oder — und dies ist meist der Fall — tvie sie ihm von gehässigen Feinden des Zionismus geschildert tvird. Man lese nur einmal, was die arbaischcn Abgeordneten gegen den Zionismus gesagt haben. In Palästina — also verkündeten sie — haben