Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 20. \ l ii ausschließlich auf wüste Beschimpfungen, rüde Anrcmpelungen und gemeine Scheltereien beschränkte. Wir haben hier weder den Willen noch die Möglichkeit, zu untersuchen und festzustellen, auf wessen Seite mehr Fehler begangen wurden, obwohl wir uns nicht verwehren können, unserem Gefühle Ausdruck zu geben, als ob das Auftreten des Herrn Prof. Kellner durchaus nicht immer fein und nur von nationalen Rücksichten bestimmt gewesen.war. Wie dem auch fei, es ist jedenfalls ein betrübendes und beschämendes Bild, das die Judenheit Bukowinas in den letzten Monaten geboten hat. Wenn nwn es auch den streitenden Parteien als Entschuldigung anrechnen darf, daß das Niveau des politischen Kampfes in ganz Oesterreich noch einsehr, sehr tiefes ist, nichtsdestoweniger hätten sie sich bewußt bleiben müssen, daß auf dasselbe Niveau wie die übrigen Nationalitäten Oesterreichs herabsinken, eme Herabsetzung der jüdischen Nationalehre bedeutet. Glücklicherweise hat das häßliche Spiel gute Früchte gezeitigt. Die Juden, denen auf Betreiben des „Deutschen" Kuranda und des „Polen" Löwen st ein im vorigen Jahre die nationale Kurie verweigert worden ist, und die so in der deutschen wählen mußten, haben sechs Mandate in dieser Kurie gewonnen. (Es entfallen davon vier auf die „Nationalpartei", zwei auf die „Volßratspartei".) Aber das erfreuliche Resultat darf die Kämpfer nicht über das .Häßliche ihres gegenseitigen Kampfes hinwegtäuschen. Glücklicherweise ist zu hoffen, daß jetzt, da der Kampf beendet ist, auch die gegenseitigen Beschimpfungen verstummen und beide Parteien g eeint in einenr „Jüdischen Klub" austreten werden. Bo» der eine» Partei ist die Hand zuin Frieden bereits gereicht worden; sollte die „Bolksratspartei" mit Prof. Kellner an der Spitze die gebotene Hand mutwlllig zurückweisen, so würde dies eine Pflich tv ergessenh eit gegenüber dem jüdischen Volke bedeuten, dir an nationalen Verrat grenzte. 3. Blumeutage. Die beliebt gewordene Einrichtung der Blumentage lenkt den Blick der jüdischen Publizistik auf eine unangenehme Tatsache innerhalb des Gebietes der allgemeinen Wohltätigkeit. Auf die Tatsache nämlich, daß wir Juden da so häufig Geber und so selten Nehmer sind. So häufig Geber und in unverhältnismäßig bedeutend höherem Maße als die nichtjüdische Bevölkerung, well wir der Stimme unserer Religion und unseres für die Bedrückten empfindenden jüdischen Herzens folgen; — und so selten Nehmer, well die in der allgemeinen Wohltätigkeitspslege maßgebenden Nichtjnden nicht selten antisemitischen Regungen nachgeben. Recht bezeichnend sind in Hinsicht dieser Erwägungen die folgenden, „Der Wiener Blumentag und die gefoppten Juden" betitelten Ausführungen der Wiener „Int». Ztg.": „Wir sind unverbesserliche Schwärmer. Für den „Deutschen Schulvcrcin" und ähnliche nationale Zwecke sind wir allerdings, wie die Sammlung für die Rosegger-Stiftung lehrte, nicht mehr zu haben, aber auf das Schlagwort „Wohltätigkeit" fallen wir noch immer prompt herein. Wie beseligend ist es doch, bei einer Veranstaltung wie dem jüngsten Wiener Blumentag, bei welcher das „ohne Unterschied der Konfession" ausdrücklich garantiert war, wenigstens passiv als Zahler, als Wohltäter mitzuwirken und in den Strudel der festfreudigen Weltstadt als Gleicher unter Gleichen unterzutauchen. Die Wiener Juden hohen auch tüchtig mstgemacht, die jüdischen Jungstauen schwärmten mit den Sammelbüchsen in der ganzen Stadt umher, und die „Glaubensbrüder" griffen begeistert nach Börse und Portefeullle, um — von 100 Kr. abwärts — nach bekannter „echtjüdischer Manier" zu spenden. Was scherte es sie, daß int Festkomitee unter dem Vorsitze der Gräfin Stephmiie Wenckheim eine überwiegende Mehrhell christlichsozialer und rein klerllaler Koryphäen saßen, war doch! dieses verd'ächftige Ensemble geziert durch! jüdische Damen. Marckfartrr FsrüMischB garnAienAatt. Das Vertrauen der Judenschaft in die ganze Aktion ließ sich auch nicht erschüttern, .als schon am Morgen des Blumentages die christlichsoziale „Reichspost" in ihrem Leitartikel „Die Blume der Nächstenliebe" den „Erlös" für die hundcrttausende Symbole christlicher Charitas reklamierte. Nachdem nun das Festkomitee an 140,000 Kronen cingesackt hat, mögen immerhin die Vörden Preßjuden sorgsünr vorgehaltene» Schleier allen. Nun erst verrät das „Neue Wiener Tagblatt", welches mit dem Rathaus sehr intinr ist, daß der Erlös in erster Linie dem katholischen Vereine Nutzer uämirubilis, Erziehungsanstalt für verlassene Mädchen, welcher mit deni Festkomllee unter der gleichen Präsidentin in Personalunion lebt, zufällt. Der interkonfessionelle „Verein für Obdachlose", welcher bisher als Aushängeschild obenan gehängt war, ist in zweite Linie gerückt, wü> für andere nicht beteiligte Vereine ist ein späterer Bkuiucntag in Aussicht genommen." Was wir daraus lernen? Sehr einfach! Daß unsere Führer, wenn sie mehr als sogenannte Führer von des Geldbeutels Gnaden sein wollen, die Pflicht haben, sich vor den Geldsamiiilungen über die Erfüllung 'berechtigter jüdischer Ansprüche zu vergewissern. In unserer Zeit, in der jeder nicht ganz lllleresselose Jude eine jüdische Zeitung hält, in unserer Zell, in der die jüdische Presse in jeder Richtung auf der Höhe steht, ist cs ein leichtes, gegebenen Falls ein Znhaltcn der jüdischen Taschen zu erreichen. Aus aller Wett. Deutsches Reich. München. In der Rituellen Speise-Anstalt wurden im vorigen Jahre 40773 Atahlzeitcu verabreicht. Hiervon gelangten aus Stiftungsmitteln als unentgeltliche Kost zur Ilbgabe 1999 Mahlzeiten, an Kranke -und Rekonvaleszente», 8968 Mahlzeiten an unbemittelte Gemeindeinitglieder, 7757 Mahlzeiten an Kinder unbemittelter Gemeinde- Mitglieder. In der an die Stiftung angegliederten Anstalt wurden verabfolgt: 18 590 Mahlzeiten an Erwachsene zum Preise von 45 Pfg. pro Mahlzeit, 803 Mahlzeiten an Kinder znm Preise von 25 Pfg. pro Mahlzeit. Oesterreich-Ungar«. Budapest. Polonhi. der famose gewesene Fustizminister, hat die Organisation der antisemitischen Partei durchgeführt. Die konstituierende Versammlung war von 1000 Personen besucht. Zioni. Czernowitz. In Ausführung des Beschlusses der jüdischen Nationalpartei erging an sämtliche zehn jüdische Landtagsabgeordnete eine Einladung des Seniors Kämmerrat Hecht zu einer Besprechung, um zur Frage der Bildung eines jüdischen Klubs im Landtage Stellung zu nehinen. Dieser Einladung haben denn auch sämtliche Abgeordnete Folge geleistet. Bei der Besprechung wurde einmütig die Bildung eines jüdischen Klubs beschlossen, wobei alle Abgeordnete sich bereit erklärten, dem Klub beizutrcten. Es wurde hierauf ein dreigliedriges Komitee bestehend ans den Abgeordneten Jakob Hecht, Dr. Fokschauer und Dr. Isidor Katz gewählt, welches mit der Ausarbeitung des Statutes sich beschäftigen wird. Nach Fertigstellung des Statutes wird die Konstituierung des Klubs stattfinden. Abg. Dr. Strauch er präzisierte die Aufgabe des jüdischen Klubs, welcher die gesamten Interesse» des jüdischen Volkes in der Bukowina zu vertrete» haben wird. Großbritannien. London. Die Jto hat im vergangenen Jahre 1287 Personen, von Bremen nach Galveston befördert, die dairn von dein „Aewish Jmigrants Information Bureau" in den Südwcst-Staatcn untergebracht wurden. Auf den russischen EisenbähNenen wird den Auswanderern der Jto eine bedeutende Preisermäßigung gewährt. Rußland. . Radomisel. Schon sell Ostern zittern wir u-M unser Leben, denn in den Dörfern agitieren die Beamten für den Bund der echten Russen. Den Höhepunkt aber erreichte unsere Angst letzten Samstag, an welchem Tage unter Anwesenheit der Bauern der Umgegend die Fahne der echten Russen eingeweiht und der hiesigen Kirche übergeben werden sollte. Sämtliche jüdische Häuser blieben verschlossen, und kein Jude wagte sich ans Fenster. Kaum einer von Der hiesigen Judenheit dürfte an diesem Tage gegessen haben. Erst, als es bis nach Minchoh ruhig geblieben war, atmete man auf. So leben wir hier in beständiger Furcht, und manch' einer beneidet die Toten, die in der Erde ruhig gebettet liege». Lehrer I. I. Braun. Palästina. Jerusalem. Der S p ü tzr e g e n, der jüngst nieberging, ist von einer solch' belebenden Wirkung auf die Pflanzenwelt gewesen, daß eine vorzügliche Ernte in Aussicht teht. Der Regen ist noch zur rechte» Zeit gekommen, denn die Situation war bereits sehrkritisch. Jaffa. Die materiellen Anforderungen an die Verwaltung der Tachkcmouischule wachsen ständig. Es müssen jetzt zwei weitere Klassen hinzugesiigt tverden. Auch sieht sich die Berwaltrmg vor die Aufgabe gestellt, aus dem kürzlich crtvorbencn Terrain einen m o d e r n e n Schulbau zu errichten, der in der Zahl der aufzunehmciidcn Schüler einen größeren Spielraum läßt, in hygienischer Hinsicht Lehrern und Schülern die Arbeit erleichtert und bei: neuzeitlichen schultechnischen Prinzipien mehr Rechnung trägt. Bon hvöhgeschätzter Seite in Jaffa ist ferner auf die dringende Notwendigkeit der Angliederung einer Töchterschule hingcwiesen worden, da für die religiös-nationale Erzieh»,lg der weiblichen Jugend in Palästina bisher noch nicht einmal ein Anfang geinacht luot.bcu ist und diese für die künftige Entwicklung des neuen Jischnb hochwichtige Angelegenheit ' nicht länger verrrachlässigt werden darf. Es darf daher >vohl an alle Palästinafreunde die Bitte gerichtet werden, die Schule mit Jahresbeiträgen rlnd Spenden zu bedenken. Adresse: Komitee der hebe. Mittelschule „Tachkemvni," z. H. des Herrn Fritz Sondheimcr, Frankfurt am Main, Zeit 114. Amerika. Montreal. „8e Devoir" u. „8e Nationaliste" richteten vor einiger Zeit antisemitisch gefärbte Angriffe gegen den belgischen Konsul Clarence I. De Sola, den bekannten Präsidenten der kanadischen Zionisteiiföderation, weil er nicht die belgischen Flagge zu Ehren des eucharistischen Kongresses geflaggt hatte. Sota erhob die Ehrend c leid igungs klage. In seiner Klage wies er auch darauf hin, daß die beleidigenden Arissälle der beiden Zeitungen geeignet seien, die guten Beziehluigcn zwischen der katholische» und der jüdischen Bevölkerung Kanadas zu trüben und eine judenseindliche Bcwegmig hervorzurufen. An Hand der Konsnlardienstordmmg führte er aus, daß es nicht üblich sei, die Konsulatsfahne bei rein religiösen Festen zu hissen, und daß von den 14 Konsulaten fremder Staaten in Montreal bloß ein .einziges zu Ehren des eucharistischen Kongresses geflaggt hatte, aber auch dieses nur aus besonderer Höflichkeit, weil die gelegentlich des Kongresses veranstaltete Prozession die Straße durchzog, in der sich das betreffende Konsulatsgcbäude befindet. Die Eh'renbeleidigungsklage Mr. de Solas hätte den Erfolg, daß die beiden Zeitungen ihre Beschuldigungen vorbehaltlos widerriefen. Der „Maloch -Hamowes" oder Ei» Tag im Golus. Erinnerungen aitsT" einer Fericn-Reise im Lande der Pogrome. Bon Jacob ben EliLser, Offenbach. (Schluß). Ich schaue mich um. Dort — steht voller Entsetzen der kleine, liebe Schlvmoh. .Das zarte Rosa ist aus dem lieblichen Gesichtchen geschwunden.-Eine erschreckende Todesblässe lagert auf Stirn und Wänglein. Die großen, schönen Kinderaugeu starren blöde drein. . . Regungslos, wie eine Statue steht meine Wirtin da> die Hände auf denr Kopse. — Die drei kleinen Mädchen auf dem Boden, am Herde — sind eingeschlummert. Ahnungslos liegt das eine schwarzseidenhärige Köpfcheniin Schoße des Schwesterchen und schläft . . . Mein Genosse, ein Jude, aus des Städtchens Umgebung, kramt hastig und nervös in seiner Tasche . * - Endlich findet er das Gesuchte, zieht es hervor und breitet