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Neue jüdische Presse · 1911-05-19 · Heft 20 (19.5.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 20 (19.5.1911)
Date
1911-05-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 Frankfurter JfraeKtifrHes Fcrmilienblatt. scher Geistesgrößen zutage tretende kulturelle Schaffenskraft, verbunden mit einem regen Gemeinsinn und Organisationsverstänonis, haben der deutschen Judenheit ihre besondere Bedeutung für die jüdische Gesamtheit verliehen. Und auch der grandiose Allianccgedänke hat hier mehr als irgcndivo sonst in weiten Kreisen begeisterten Anklang gefunden. Wenn nun die gesamte deutsche Mitgliedschaft geschlossen und einmütig in Opposition zur. Leitung der „Alliance" tritt, so tut sie cs, weil sie den Alliancegedanken hochhält und es nicht zugeben will, daß einige tvenige Personen auf die Dauer sich mit der „Alliance" identifizieren und die „Alliance" ihren ursprünglichen gcsamtjüdischen Zielen entfremden. Die „Alliance" muß eine neue Richtung cinschlagen. Zunächst in dem, was sic lei st e t. Das große Schulwerk der „Alliance" darf nicht länger übertviegend französischen Charakter tragen. Es muß jüdisch werden. Erst dann wird cs dem Judentum im Orient denjenigen Segen bringen, den cs nach seiner ganzen Anlage und den für dasselbe verwendeten großen Mitteln zu leisten berufen ist. Ein tvichtigcr Punkt hierbei ist die Stellung der Schulleiter und der Lehrer, die sich gegenwärtig in einer für sie und ihre Aufgabe unvorteilhaften Abhängigkeit von Paris befinden und übrigens auch sozial und materiell nicht sonderlich gut gestellt sind. Auch hierin streben die Repräsentanten der deutschen Mitgliedschaft eine Reform an. Einer Aendcrung bedarf ferner das gegenwärtige System der „Alliance" in Bezug darauf, was sie nicht l e i st e t. Warum beschränkt sie ihre Tätigkeit vornehmlich auf das Schulwerk im Orient? Weshalb widmet sie ihre Kräfte nicht in gleichem Maße z. B. für die fünf Millionen russischen Juden, die „als Juden leiden"? Nach ihrem Grundgesetz ist die „Alliance" verpflichtet, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln hier einzugrcifcn. Und wenn die „Alliance" anfangs, eigentlich mehr zufällig unter den Nachwirkungen der Damäskusaffäre, chr Augenmerk insbesondere nach dem Orient richtete, so ist doch dieses noch kein Grund, ihre Kräfte auf die Dauer diesem Gebiete fast ausschließlich zu widmen. Einer Reform bedarf ferner das Verhältnis der „Alliance" zu den anderen jüdischen Organisationen. In der „Alliance" muß in gleicher Weise für alle Richtungen und Parteien des Judentums Platz sein. All diese Reformen, die hier nur kurz angcdeutct lvcrdcn konnten, liegen in den Intentionen des Präsidiums der Deutschen Konfcrenzgemeinschaft, welches die berufene Vertretung von dreizehntaufeud Alliancemitgliedern ist. Und das sind die tieferen Motive des' gegenwärtigen Wahlkampfes.*) Aus Le« Ereignissen -es Tages. 1. Die allmähliche Gesundung der palästinensischen Judenheit. Die Begeisterung ist allzusehr geneigt, über die Hindernisse, die sich ihr entgegcnstellen, über die Schattenseiten des Lebens hinwegzusehen und so, ihren Blick unabwendbar auf ihr Endziel geheftet, gar leicht das' nnnrittelbar vor ihr Liegende zu übersehen. Dies ist einerseits cin Glück: wer zuviel auf die Schattenseiten des Lebens starrt, verliert leicht die Hoffnung auf das Licht; es ist andererseits ein Unglück: wer nicht mit dem realen Leben rechnet, wird niemals Dauerndes schaffen können. Selten wohl hat man in einer kurzen Spanne Zeit die Wirkungen dieser Eigenschaft der Begeisterung so deutlich wahrnchmen können, >vie a» den Erfolgen der modcrncn national* j fi bi i s ch e n Bewegung. Wir haben ja dieses Stadium der Begeisterung eben erst durchlebt, leben noch zuin Teil darin und können schon die Wirkungen, die es gezeitigt hat, erkennen. *) Die deutsche Wahlliste siehe in der Ruhpik „Personalien" unter Berlin. D> Red. Als vor etwa zwei Dezennien die Hoffnung auf eine Regeneration unseres Volkes im Vätcrlande neu erwachte und das Gros des Volkes sich in dem heißen Streben einte, die Grundlagen zunl neuen Leben dort zu legen, als die besten Elemente Israels mit allen Kräften sich auf die Errichtung des neuen „Jischuw" tvarfcn, da vergaßen Ivir alle, daß cs ja keine Wüste war, in die wir unseren Fuß setzten, daß dort ja schon eine ansehnliche jüdische Bevölkerung lebte, daß der a l t e I i s ch u w ja schon seit Jahrhunderten existierte. Viele ivußten ja, in welcher Lage der alte „Jischuw" sich befand, wie faul und morsch alles in ihni war, aber man kümmerte sich nicht um ihn; und die wenigen, die auch auf ihn ihr Auge richteten, sagten sich, durch den neuen „Jischuw" wird auch der alte gesunden. Und so legte Man Hand an die Kolonisation des Landes, arbeitete und arbeitete, erzielte auch erstaunliche Erfolge, — aber die alte jüdische Bevölkerung lebte wie vorher; die Krankheit in ihr fraß immer weiter, die Fäulnis griff immer weiter um sich; und >vas kommen mußte, kam. Unsere Leser haben noch alle die furchtbare Katastrophe in Erinnerung, die vor wenigen Wochen erst die jüdische Bevölkerung Palästinas betroffen hat, indem zwei der bedeutendsten Wohltätigkeitsinstitute Bankerott erlitten und hunderte von Menschen brot- und obdachlos blieben. Es ist daher -umso erfreulicher, wenn man endlich sieht, daß cs sich auch int alten „Jischuw" zu regen beginnt und in den siechen Körper neues Leben einzicht. Zwei Nachrichten sind es, die uns davon zeugen: die beabsichtigte Gründung eines Rabbinerseminars in Jerusalem seitens des H ilfsv ereins und die Bildung einer j ü d i s ch e n G e m e i n d e i u I e r u s a l e »i. Mit der Errichtung eines Rabbinerseminars in Jerusalciil würde der „Hilfsvcrein" zu all den Lorbeeren, die er sich. durch seine Tätigkeit in Palästina geholt hat, einen neuen, die anderen fast übertreffenden hinzufügen. Nur wer das ganze Elend und das ganze „Tuhuwabohu" kennt, das im alten „Jischuw" Herrscht, wird die Bedeutung einer solchen Gründung würdigen können. Der westeuropäische Jude wird sie leicht unterschätzen, denn er.weiß nicht, daß in Palästina — wie überhaupt innerhalb des Gros der osteuropäischen Judenheit — der Rabbiner noch i in m c r, wenn auch nicht der einzige, so doch der einflußreichste F ü h r e r der Gemeinde ist, zu dem die Menge unbedingtes Vertrauen hat und dem sie fast in allem folgt. Und wie ist es nun demgegenüber mit dem heutigen Rabbincr- -tunk Palästinas bestellt? So sehr wir es bedan. ern, die heutigen R a b b i» e r P a l ä st i n a s ne a ch cu — von wenigen rühmlichen Ausnahmen, die aber fast alle aus dem Anslande stamliieit, abgesehen — der Judenheit keine Ehre. Es ist auch kein Wunder. Wer nur eine Vorstellung hat von der unbeschreiblichen Anormalität der Zustände, von der furchtbaren materiellen Not, von der innerlichen Demoralisation, von den allen europäischen Ansprüchen lohnsprechenden Lcbensvcrhältnissen der Juden des alten „Jischuw", wird es ini Gegenteil fast als ein Zeichen jüdischer Größe ansehe» wolle», daß noch so viel reine Gestalten und große Rabbinen innerhalb der palästinensischen -Judenheit vorhanden sind, Nur wer das alles weiß, wird ermessen können, lvelchen Einfluß die Errichtung eines Rabbincrseminars in Jerusalem üben wird. Die. Heranziehung eines Stammes in gesunden Verhältnissen herangebildeten, in jüdischer und moderner Beziehung mit guten Kenntnissen ausgerüsteten Rabbinen lvürde den Beginn einer Regeneration des alten „Jischuw" bedeuten. Allerdings muß an eine solche Aufgabe mit d er größten Vorsicht und m i t h ei lig e »>. E r n st herangegangen werden. Gerade lveil die Bedeutung der Errichtung eines Rabbinerseminars so groß ist. muß alles Nötige vorher wohl überlegt werden. Bor allein das P r o g r a m m. Der Hilfsverein muß sich bewußt bleiben, daß das Seminar palästinensischen Verhältnissen ange¬ Seite 3. paßt sein muß und darf nicht ohne weiteres ein westeuropäisches Rabbincrseminar kopieren. Es sind vom „Israelit" in mehreren Artikeln verschiedene Bedenken gegen das Programm, wie cs der Hilfsverein entlvorfcn hat, erhoben worden, und es find manche darunter wohl begründet. Es wird also Sache des Hilfsvereins sein, sein Programm nochmals zu revidieren, wobei er sachkundige Männer doch zu Rat ziehen soll. Wir haben zu der Leitung des Hilfsvereins auf Grund ihrer bisherigen Tätigkeit genügend Vertrauen, daß sie all die Wünsche, die geäußert worden sind, prüfen und was in ihnen begründet ist, auch erfüllen wird, lind dann wird das Rabbincrseminar jene weittragenden und günstigen Erfolge haben, wie es der Hilfsverein und mit ihm! alle, denen das Wohl der Judenheit Palästinas am Herzen liegt, erhoffen. Doch auch in ihr selbst beginnt es sich zu regen; vor kurzer Zeit traten die Vertreter der verschiedenen jüdischen Bevölkcrungsteile Jerusalems zusammen zwecks Gründung einer Ge- - m e i n d e, denn — es ist ebenso charakteristisch wie beschämend — Jerusalem mit seinen 70,000 Juden hatte bisher keine jüdische Genie i n d e; so groß war die Desorganisation und Uneinigkeit innerhalb der dortigen Judenheit. Bolle Einheit ist zwar auch jetzt leider nicht erzielt worden, denn die „Intelligenz", d. h. die Vertreter des neuen „Jischuw", sind in der Gemeindevertretung nicht vertreten. Mer zu große Ansprüche darf man nicht stellen, es ist schon sehr erfreulich, daß sich wenigstens der alte „Jischuw" geeinigt hat. Erst jetzt wird man daran denken können, in die jerusalemitische Judeicheit Ordnung und geregeltes Leben hineinzutragen und überhaupt erst menschenwürdige Zustände zu schaffen. Und wenn Hand in Hand damit noch eine Reform an Haupt und 'Gliedern innerhalb der C h a l n k a h gehen würde, wie man ja schon mancherwärts damit beginnt, dann ließe sich hoffen, daß mit der Zeit auch der alte „I i - s ch u w" regenerieren und so der große schwarze Fleck beseitigt sein wird, der den erfreulichen Anblick, den der neue „Jischuw" bietet, so sehr verdunkelt und trübt. 2. Unjüdische Kampfesweise. Die Voraussetzung aller großen nationalen Arbeit ist die E i n h e i t in Bezug auf das erstrebte Ziel und die gegenseitige Dichtung der verschiedene» Anschauungen in Bezug auf die Mittel innerhalb der Arbeitenden. Diese Voraussetzungen zu beachten ist doppelt notwendig bei einem so kleinen Volke, wie wir Juden eS sind, uno ist dreifach und hundertfach notwendig, wenn das Volk sich in einer so anormalen Lage befindet, wie wir. Es ist traurig, daß man all' diese Wahrheiten immer wieder aussprechen muß, doch machen die Zustände und Vorgänge, wie sie die nationale Judenheit Bukowinas in den letzten Monaten geboten hat, diese Wiederholung leider notwendig. In der Bukowina besteht schon seit langem eine jüd. Nationalpartei unter der Führung des bekannten energischen und gewandten Politikers Tr. S t r a u ch e r. Fm letzten Jahre hat sich dort nun eine neue jüdisch-nationale Partei gebildet, begründet und geleitet von Prof. Dr. L. Kellner, die sich die „Volksrats Part ei" nennt. Wir wollen hier nicht auf die Unterschiede in den Programmen beider Parteien eingehen, weil wir es nicht für ein Unglück halten, wenn zwei jüd. Parteien nebeneinander bestehen; man kann eben nicht alle Menschen in eine Partei hineinzwängen. Worauf wir nur Hinweisen wollen, dies ist die Art und Weise, in der die Gegensätze der zwei Parteien zum Ansdruck kommen. Zu den L a n d t a g s w a h l e n, die vor zwei Wochen in der Bukowina stattgefunde» haben, marschierten die beiden Parteien getrennt auf, und es entwickelte sich nun zwischen ihnen eine Kanrpagne — sowohl in Wort wie in Schrift — die einen Menschen von . nur minimalem Taktgefühl geradezu widerlich anmuten muß. Unsere Leser außerhalb Oesterreichs können sich schwerlich eine Vorstellung bilden von dieser Kampagne, die jich fast

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