Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2692297-2692716-2692736--06188-2701176- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Rr. 20. Seite 5. es mit zitternden Händen sorgfältig auf dem Tisch aus. Es ist dies ein gelbes Schriftstück, sein Paß! — . . . Und draußen schreitet er, der Gefürchtete, der „Maloch-Hamowes"! Hoch- und übermütig und nach Opfer nusspähend. — Er ist mittelgroß und korpulent. In dein feisten, blutroten Gesicht stecken zwei kleine, aber scharfe, spitzstechende, stahlgraue Augen. Und wenn diese Augen sich ans Dich heften, so fühlst Du's, und es ist Dir, als bohrten sie sich tief; tief in Dich hinein, nin Deine Geheimnisse schonungslos an den Tag zu fördern. An seiner Seite marschiert ein hagerer, hochaufgeschossener Dragoner mit einem verlebten, grinsenden Gesichte. Es ist dies der „Schreiber". In einiger Entfernung schlendern in schmutziger Uniform die zwei „Straschniks", jeder eine „Nagaika" in seiner Rechten. Die scharfen >,Maloch-Ha»wwcs-Augen" wühlen in allen Enden des armen, schmutzigen Städtchens. Sie suchen ein Opfer. Mer! nichts ist auf der traurigen Straße zu sehen. Alles leer und verödet. Wie ausgestorben! Die Läden sind nur halbgeöffnet. — Biele find ganz geschlossen. Aus Furcht vordem „Maloch-Hamowes!" ... Ueber des Brutalen Gesicht huschte ein Zug boshafter Schadenfreude. Die Wahrnehmung, daß seine. Anwesenheit dem armen Städtchen tätliche Angst einflößt, schien ihm Genugtuung rmd Freude SU bereiten. Als er aber an einem größeren Laden — dem größten im Städtchen —, den er auch geschlossen fand, vorbei kam, da verzog sich plötzlich sein Gesicht. — Wütend machte er halt und brummte: „Verfluchte, verdammte Juden!" Dann schlug er mit gehallter Faust auf die Ladentür. „Oesfnen!" Der Laden wurde von innen geöffnet. Der „Maloch-Hamowes" rind sein Gefolge traten ein. Bald hörte man ein Weinen und ein Flehen. — Und — ein Schimpfen und Fluchen. — „Der Laden wird untersucht," flüstert mir mein Wirt, der indessen wieder ein wenig zu sich gekommen war, tonlos zu. „Ja, untersucht. — Ob nicht Verbotenes in ihm verkauft tvird. — Und — natürlich wird viel Verbotenes — entdeckt werden. Denn alles, was dem „Maloch-Hämolves" gefällt oder gut schmeckt, wie gewisse gute Zigarren und dergleichen, ist nach dem „neuesten Gesetze" den Juden verboten, muß daher aus dem Laden entfernt und —> in das Quartier des „Maloch- Hamowes" gebracht werden.- Zu diesem Zwecke gehen ja auch die „Straschüftks"- mit l—? (um die Pakete in die „Maloch- Hamowcs" - Wohnung zu bringen — Seht doch nur hin —< jetzt —" Ich blickte hin. Und in der Tat. Eben verließ ein Straschnik den Laden. Er war mit allerhand kleinen und großen Paketen voll beladen. — Mut traten die „Untcrsuchcr" in einen zweiten Laden ein. In einen dritten. Und so fort. Und überall das Gleiche. Es wurde gefleht und geweint. Der Ladenbesitzer, seine Frau und Kinder bateil um „Gnade und Schonung." Und die „Untersuchet-" flitchten und schimpften und drohten. Und überall ward „Verbotenes" entdeckt rmd — entfernt-. V VI. „Wir sind verloren!" . . Es war mein armer Wirt, der entsetzt also aufschrie. Ich wandte mich zu ihm um, staunend und fragend. Da deutete er mir mit dem Finger. — Und ich sah: Sie traten nun auch in das „Gasthstus," zu rms eiu! Doch bevor ich mich noch recht besinnen konnte, da fühle ich schon einen leichten, aber unwirscheil Schlag auf der Schulter. Und eine grobe Bierstimme fuhr mich üt brüskem, höhnendem Tone an: „He, Du, Elvrej I1) Wer bist Du? Woher kounnst Du? Was schaffst Du hier? Kannst Du Dich legitimieren? Elvrej? Hast Du einen Paß?" Es lvar die Stimme des „Natschalnik," des „Maloch-Hamowes." Da stand .er dicht an meiner Seite er selber, der Schreckliche, der Entsetzliche! Seine stechenden Augen pickten an meinem Gesicht und gruben sich darin immer tiefer ein. Ich fühle mein Blut heiß lverdcn und kochend aufwallen: Solch eine Behandlung! —> Und von einem solchen Aas! — Ich bin im Begriff, ihm seine Frechheit ins Gesicht zu schleudern. Da trifft mich der Blick meines armen, >vie vernichtet dastehenden Wirtes, der so flehend, so ergreifend bittend lvar, daß mir das Wort auf den Lippen erstarb^ „Antwort! Rede, Elvrej! Woher bist Du?!" wiederholte indessen der brutale „Maloch-Hamolves" seine Forderung. Schweigend überreichte ich ihm, statt jeder Antwort, meinen „Paß." Er lvirft einen flüchtigen Blick auf ihn und dann auf mich und beginnt: „Sv! — Du bist ein Ausländer, Elvrej! Hahahä! Welcher Ewrcj ist feilt Ausländer! Eh'achacha! Alle, alle Elvrejs sind Ausländer! Weil sie keine Inländer sind! —! Weil sie nirgends — Inländer sind! Nirgends!" J) Jude. t AsxarKtisHes ZaMlieMM. Ich lasse ihn reden, so viel er lvill und lächele nur sarkastisch. Das ärgert ihn. Und wütend donnert er: „Du lachst, Elvrej. Meinst Du, Du „deutscher J'nd," daß Du bei uns mehr bist als ein Elvrej, als unser Elvrej?! — Slh! — weißt Du, Du bist mir sehr verdächtig! —■ He — bist wohl ein Schmuggler! —. Wo hast Du denn Dein Gepäck?! Das muß untersucht werden! Sofort! — Nein! — Trag' dies Gepäck doch lieber iir den Magistrat." — Und mein Gepäck lvurdc ohne weiteres von Branskij, dem Straschnik, fvrtgctragcn. — — Nu» wandte sich der „Maloch-Hamolves" zu meinem Wirt: „Paß nur auf, Gerschek! Du beherbergst in Deinem Gasthaus alle in- und ausländischen Revolutionäre und Schmuggler! Alles Gesindel! . Dein Gasthaus muß geschlossen werden! Für immer geschlossen werden! Und Du —7 Du — Du sollst — zum Teufel! lveitcr wandern!" — — Gesenkten Hauptes, völlig uiedcrgcschmettert steht mein Wirt da, keines Wortes fähig. Nur die Tränen rinnen aus seinen Augen unaufhörlich. Meine Wirtin aber liegt auf den Knieen vordem „Maloch-Hamolves," ringt Verzlveifclt die Hände und bittet in herzzerreißendem Tone: „Um Gottesivillen! Erbarmen, Herr Natschalink! Habt Erbarmen! . . . Wo sollten wir hin mit unseren kleinen Kindern? . . . Wohin?! . . Erbarmet Euch unser, unserer Kinder! . . . Wir sind nicht schuldig! Nicht schuldig! . . . Bei Gott! Wir beherbergen keine Schmuggler und keine Revolutionäre! O, Erbarmen! . . . Herr Natschalink! Erbarmen! . . ." „Fort, vermaledeites Jndeulveib! — Und Schnaps, verbotenen Schnaps habt Ihr lvohl auch verkauft! Verkauft Ihr immer! —, 9tuu gut! — Ich mache „Protokoll" — — Ihr sollt fünfundzwanzig Rubel Strafe bezahlen. — Und dann — das übrige —: wollen wir mal sehen! ... — Und nun Branskij! — führe diesen deutschen Elvrej in den Magistrat." Er deutete auf mich. — „Dort soll er übernachten, bis sein Gepäck durchsucht und alles Geschmuggelte in die „Kammer" gebracht lvird. Und dann, na dann! —; — —" „Branskij ist nicht hier", erklärte der „Schreiber," der bis jetzt schweigend dagestanden. „Er ist ja fort mit dem Gepäck —" „Via, da mag er bleiben, dieser deutscher Schmuggler. — Aber, Du, Gerschek, Du bist verantwortlich! — Verstanden?! — Du sollst's büßen, wenn er entflieht! . . ." VII. Es lvar eiu sonniger, tansluumcrnder Morgen, als ich, nachdem ich mein Gepäck lvicder erhalten hatte, das Städtchen verließ. Die Sonne lachte munter und glitzerte im schmutzigen, dünnflüssige» Koth. — Das Städtchen schwelgte wieder im ganzen Reiz der Monotonie. Alles lvie damals, vor Jahren —: Das Geflügel pickte andachtsvoll zwischen dem Dünger. Die Kinder balgten sich stumm- und lautlos im Staube. Und in den müden Hütten herrschte Ruhe und Stille. Ja, eine glückliche Ruhe! Die armen Juden sind heute „glücklich!": „Er ist fort! — Er — er — der „Maloch- Hamowes" er ist fort!" ... Man raunte sich in die Ohren, winkt es sich mit den Fingern und nickt einander freudig die Köpfe zu. Und man atmet erleichtert auf. Au der Brücke „steht man sogar beisammen" und spricht laut von dem „Glück." Ja, jeder hatte „Glück." Jeder! Der eine hat nicht mehr als zwanzig, ein anderer nicht mehr als fünfzehn und ein dritter nur zehn Rubel „Schaden" von dem gestrigen „Scheck) itoh- oder Maloch-Hamowes-Tag" davongetragen. — Der „Glückliche" aber war der arme „Chäzkel," der Synagogcndiener. Er ist schon mit 5 Rubel davongekommcn! Als nämlich der „Maloch-Hamowes" unter den zahlreichen Besuchen, die er dem Städtchen machte, auch der Mikivah und dem Beth-Hamidrasch einen Besuch abstattete, — hätte er in letzterem niemand angetroffen. Der Raw und sämtliche Beth-Hamidrasch-Bachurim Ware» fort. Der „Maloch-Hamowes" war darob außer sich vor Wut. — Er fluchte und suchte unter den Tischen und Bänke» . . . Da siehe! Unter einer lag wirklich ei» dem Zarenlandc sehr gefährliches Geschöpf! In höchst eigener Person schleppte es der „Maloch-Hamowes" hervor. Es war ein etwa 7 jähriger, blaßcr Chederjunge mit zwei goldgelben „Scitenlöckchen" und einem Schwarzsamt-Käppchen mrf dem Haupt. „Unerhört!" schrie da der „Maloch-Hamowes," als er diese Entdeckung machte. „Locken und ein Samtkäppchen bei uns in Rußland! Wissen's denn diese verdammten Juden, die Elvrejs dieses Städtchens, nicht, daß sie in Rußland .find, wo sie — nicht wie in Galizien — keine „Locken" und „Smntkäppchen" tragen dürfen?! ... — Wart' nur Du elendes Judenkind! —" Und er zog sein Taschenmesser hervor Und schnitt — in höchst eigner Person! — dem armen, in Tränen aufgelösten und in Todesangst fiebernden Kinde seine zwei „Löckchen" ab! —i Dann ging er befriedigt aus dem Beth-Hamidrasch. , . Der Synagogendiener aber, dessen Sohn der unglückliche Junge war, erhielt noch am selben Tage eine Aufforderung, fünf Rubel dem Magistrat als Strafe zu zahlen, weil sein 7 jähriger Sohn cs gewagt hatte, das zivilisierte Rußland mit feine» „Löckchen" und „Samtkäppchen" zu kompromittieren!^- . . „Fit-sure" Pincenez double, 14 st Goldauflage. Mk. 7.50, Nickel Mk. 5 50. Operngl., Feldst., nur beste ' abrikate in großer Auswahl. Lorgnons, Brillen, llncenez; Spezialwerkstätte für Optik, Mechanik, Elektrotechnik. Physikalische Lehrmsttel. „I. SB. Albert. Inh. Paul Wanderey, Haus Neptun. Ecke Reue Mainzerstr. u. Weißfrauenstr. 11. Tel. 7254, Amt 1." naiser JFriedricti Quelle - Ottenbach a. M. - Gegen Gicht und Bhenmatismna bewährt. Alleiniger General-Vertreter: Friedrich Stahl« Frankfurt a. M., Stallbnrgstr. 9. Tel. 259 u. 714. Für den Schulbedarf. Beisszenge, Keissbretter, Reißschienen, Winkel, Linear»Zeichenblocks, Plastilin, Farbkasten, Pastelle etc. Jm Emme/ & Sohn, Schillerstrasse 28. Deutsches , Beobachtungen pr. St. 1 Mk. Ermit- DAVAPflir. telungen, Recherchen u. Auskünfte blvvU f v. 5 Mk. an. Gewissenhafte Ans- Institnt führung u. strengste Diskretion als mehrjähriger Polizeiu. KriminalrSrmcn. beamte gesichert. Wochen-Kalender. (Zeitangaben nach dem Losch.) Samstag, den 20. Mai l— 22 Ijar): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 40 Min. Sabbat-AuLgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 10 Min., in Berlm 8 Uhr 55 Min. Wochenabschnitte: B e h ar und B e ch u k a u s e i. — Alle sieben Jahre soll ein sogenanntes „Brachjahr" sein. Weder Feld noch Weinberg darf bestellt werden. Nur das „Wildgewachfene" ist einzuheimsen. Dieser „Sabbat der Erde" im siebten .Jahve lehrt wie der wöchentliche Ruhetag die Anerkennung Gottes als Herrn der Welt und Eigentümer aller Güter! Nach einem Zyklus von sieben Brachjahren folgt das fünfzigste als Sabbatjahr, sodatz sowohl im 49. als im darauffolgenden Jahve die Feldarbeit ruht. Außerdem fällt im fünfzigsten Jahr aller veräußerter Grundbesitz wieder zurück an die betr. Familie und den betr. Stamm. Knechte können „frei ausgehen," was übrigens auch in jedem siebten Jahre mitunter geschieht. Geldschuld verfällt. Diese soziale Gesetzesbestimmung schließt im jüd. Staat eine ungesunde Verschiebung des Besitzes, blendenden Reichtum auf der einen und drückende Armut auf der anderen Seite von vornherein aus, ebenso meuschenentwürdigende Leibeigenschaft. — Die große „Strafpredigt," Tauchocho genannt, Alle Exilsleiden werden prophetisch vorausgesagt: Bedrückring, Hungersnot, Pest, Seelenpein, Tod durchs Schwert, Vertreibung aus dem Heimatsland, Hohn der Feinde, aber auch Schutz vor völligem Untergang. Gesetzliche Bestimmungen darüber, tvenn jemand den Wert eines Feldes oder Viehes fürs Heiligtum bestimmt. OfUnbacber Druckluft-Hnlage Telefon 123. OffanbaGh a. H. Telefon 123. Unübert offene bewährteste TaDDlchrwtnlantia. Allgemeine Mitteilungen. Kampf gegen die Animierkneipen. Nachdem vor einiger Zeit die Frankftrrter Frauen in einer großen Versammlung gegen die Schäden des Animierkneipenwesens protestiert haben, wollen nun auch die Männer in diesen Kampf eintreten. In verschiedenen Städten Deutschlands finden in diesen Wochen Versammlungen zu dieser Frage statt. Unter voller Anerkennung der bereits erfolgten Kundgebungen gehen die Männerversammlungen doch mehr darauf hinaus, eine reichsgesetzliche Regelung herbeizuführen und den im Ülbgeordnetenhause von den verschiedensten Parteien eingebrachten, darauf hinzielende» Antrag wirkungsvoll zu unterstützen. Auch hier in Frankfurt a. Main findet am Dienstag, den 23. Mai, abends 8is> Uhr, im großen Saal des Kaufmännischen Vereins eine solche Versammlung statt, au der sich eine große 'Anzahl von Vereinen und Körperschaften aller Konfessionen und Richtungen beteiligen. Auch Damen sind dazu eingeladen. Als Hauptredner ist Lic. D. Weber, M.-Gladbach, gewonnen; in der freien Aussprache werden bedeutende Sachkenner aus den verschiedensten Richtungen zu der Frage Stellung nehmen. .Näheres siehe Inserat.__ f. C. jStrubberg & Go. 25 Nette Mainzerstiasse 25. Spezial-Geschäft für elegante Damen- Wäsche.