Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter JsrarMWes Familienblaü. ' Nr. 20 legung eine höchst jüdische Tat! Viag sein, daß Salvmon Reinach das Verschwinden des jüdischen Volkes als eine gute Tat an sichte und konsequcntcrwcise zu betreiben sucht/ allein dies kann doch nicht als jüdisch bezeichnet werden, und w i r, die toir leben und für unseren B estand auch kämpfen wollen, können doch nicht Salvmon Reinach die Mittel zu unserer eigenen Bcrnich tung geben! Oder glaubt Herr Leven, das jüdische Volk als gurmtite negligeable, als unerzogenes Kind behandeln zu dürfen und uns unseren Totengräber als Präsidenten, ocr mis schleunigst zu Grabe befördert, aufoktroyiercir zu sollen? Allein um dieses zu bewerkstelligen, bedarf man nicht gerade Rcinachs, diese Arbeit konnte auch Dubrowin, der Führer der russischen Verbändlcr, der auch akademisch gebildet ist, mit - viel geringeren Mitteln und in viel kürzerer Zeit verrichten, and wir haben dann den Vorteil, nicht noch den Spott der Welt ob der Vernichtung der Juden von einem Juden zu ernten, denn Reinach ist der Abstammung nird dem Namen nach Jude, Dubrowin aber Christ . . " '„Während der Dreyfus-Affärc," meint Herr Leven weiter, „hatte er, Reinach, das edelste Benehmen." Nun, so hätte damals die Alliance Zola, der sicherlich ein noch edleres Benehmen an den Tag legte, zu chreni Vizepräsidenten wählen sollen . . . und Zola wäre auch zum jüd. Führer geeigneter als Reinach gewesen, da Zola den Juden keine Verachtung entgcgeugcbracht, geschweige denn ihre Bekämpfung nicht gelobt 'hat, während Rcinach von der größten Verachtung für nationale sowie traditionelle Juchen erfüllt ist und offen in seinem famosen „Orpheus", S. 192 sagt: „Noch heute bleibt der größte Teil der 11 Millionen Juden weit gegenüber den Christen zurück, da sie den Sabbat und die absurden Spciscgebotc beachten." Reinach bekleidet, erzählt uns Herr Leven des weiteren, das Amt eines Vorsitzenden der Pariser „8ooiste des Etudes Juives".' Was will das sagen?! Reinach ist auch Vizepräsivcnt der A. I. 11., freilich zu ihrem eignen Verderben, zu ihrem und unserem größten Schaden. Daß jeinand sich mit dem Judentum befaßt, beweist nichts, die Hauptsache ist, wie er sich mit ihm befaßt. Auch Austen Chambcrlain befaßt sich mit dem Judentum, und wer wäre so dumm, von uns Juden Anerkennung für Chambcrlain für seine Verdienste um das Judentum fordern zu wollen? Wie objektiv Reinach jüdische Wissenschaft betreibt, ist uns zur Genüge bekannt, sein fanioser „Orpheus" legt beredtes Zeugnis dafür ab! Für diese seine Verdienste um das Judentum möge sich Reinach bei Drumont und Artur Meier empfehlen, sie werden ihm ohne weiteres ein Ehrendiplvm ausstellcn . . . „Ferner,"' sagt das Leven'sche Schreiben, „gehört er, Reinach, zu den Begründern der Jewish Colonisation Association." Doch sollte nicht gerade hierin auch einer der G r ü n d e f ü r das Fehlschlagen des großen Werkes des großen Philanthropen zu erblicken sein?! . . . Was die Alliance war und was sie unter der Aegide des Autokraten und fanatischen Atheisten Reinach geworden ist, weiß alle Welt, mit Ausnahnie des greisen Präsidenten Leven, zur Genüge . . . Wer weiß, ob nicht Baron Hirsch scincin Werke eine ganz andere Richtung gegeben hätlc, wäre ihm nicht Reinach zur Seite gestanden? „Seit 23 Jahren ist Herr Reinach," sagt ferner der Brief, „der jetzige stellvertretende Vorsitzende, Mitglied -des Zentralkonlitces." Leider zu lange, allzu lange! Wäre Reinach im Komitee nur 3 oder 6 Jahre gewesen, er hätte wahrlich nicht so viel Schaden anrichten können! * . Die lange Tauer einer Amtsführung kann nur dann jemaird zugute gehalten werden, wenn der Betreffende sein Amt richtig und gut ausgeübt hat, nicht aber, wenn er es in verderblicher Weise geführt hat. Herr Leven bemüht sich, uns des ferneren zu belehren, baß die „Rcligionsphilosophie der Mitglieder" mit der „Alliance" nichts zu tun hat, „dies ist reine Privatsache". „Herr Reinach hat sich in den Geist unseres Werkes allzusehr hincingclcbt, als daß er in dessen Leitung seine persönlichen Auffassungen hiueinzutragen lvillcns wäre." Doch muß eine derartige weitgehende Toleranz, einen verbissenen Atheisten zum Leiter einer Institution von 13 0 Schule n, in denen 4 0000 jüdische Kinder zur Religion c r z o g c n w c r d e n sollen, cinznsctzcn, komisch anmuten. Was würde Herr Leven dazu gesagt haben, würde man einen fanatischen Rabbi oder einen Pvbjedonoszew zum Leiter einer Freimaurerloge eingesetzt haben? Oder daß man einen A n a r ch i st c n zum Lenker einer M onarchie bestellen sollte? Diese sonderbare Toleranz kann man nur einer Gemeinde von Schwachköpf cn oder Indifferenten zumuten, mit denen man überhaupt nicht zu rechnen brauck)t! „Salvmon Reinach hat sich in den Geist unseres Werkes allzusehr hincingelebt, als daß er in dessen Leitung seine persönliche Auffassung hineinzutragcn willens wäre." Wie sonderbar! Wer ist cs denn sonst, der die Alliance zum Werk der Zwietracht unter den Juden gemacht hat? Wer ist es denn sonst, der die Alliance zur Denunziantin und Ränkcschmicderin gegen große Organisationen wie den Hilfsvcrein und die nationaljüdischc Partei herabgcwttrdigt hat?! Wer ist cs denn sonst, der die Alliance zur autokratischen Handlungsweise, zur zynischen Verachtung der öffentlichen Meinung und 'selbst der C. C.-Mitglieder der anderen Lander verleitet? Wer ist es denn sonst, der den famosen „Orpheus" an die Zöglinge der Allianccschulen verteilen läßt? Die Arbeit Rcinachs in der A. I. 11. ist u n persönlich, nicht seine A n s ch a n u n g e n, sondern die der Alliance sind ihm dabei maßgebend, nicht in seinem Sinne und seinem G c i st leitet er die A. I. U., sondern i n dem traditionellen Geist der A l - l i a n c e." — Dies sucht uns Leven glauben zu mache». Ist das wahr? Genügt denn nicht der bloße Namen Reinach, um das Gegenteil von all denk zu beweisen? Können denn Fanatiker vom Schlage Rcinachs ihre Person von ihrer Arbeit trennen? B e w c i s e n n i ch t all die jesuitischen Winkelzüge, all die Machenschaften zum Zweck der Inhibierung der Beschlüsse der D. K. G., die für Rcinachs Verbleiben in der Leitung der A. I. 11. ungünstig sind, beweist nicht das krampfhafte Festhalte n R c i n a ch s an seine in Am t da s gerade Gegenteil von Unpersönlichem? Männer im Ehrenamt von dem Rufe Reinach s pflegen in der Regcl anf einen bloßen Wink ihrer Wählerschaft zu - rückzutreten; sich klammern an ein Amt mit allen, zu Gebote st e h c n d e n Mitteln tun nur Stute, die von ihrem A nt t großen materiellen oder moral i s ch c n N u tz e n z i c h c n. Die T. K. .G. wirkt in Preuße n, wo Minister bisweilen auch bei Mißtrauensvoten im Amt zu bleibe» pflegen, und doch sind in einer kurzen Spanne Zeit zivei Vorsitzende der D. K. G. freiwillig >vegcn Unstimmigkeiten in dem C. C. zurückgctretcn. Reinach wirkt int Lande der republikanischen Demokratie, Ivo Minister fortwährend gehen und kommen und sucht trotz großer Majorität gegen ihn im Amt zu bleiben. „Reinach arbeitet - inr traditionellen Geiste der Alliance." — Wer ist so töricht, uns glauben machen zu wollen, das; der Geist, in dem die Alliance von heute geleitet wird, derselbe ist, der unter Cremieux und Isidor Löb geherrscht hat, und weshalb denn sonst sind die fortgesetzten Streitigkeiten Paris mit Berlin, wenn nicht um den Geist, der in der Alliance von .heute herrscht? Berlin wünscht, daß die A. I. 11. gut jüdisch und bloß im Interesse und zum alleinigen Nutzen des jüdischen Volkes wirken soll und zwar ganz im demokratischen Sinne, während Paris lediglich danach trachtet, die A. I. 11. g u t französisch zu gestalten. Dies kann nnr auf Kosten des I u d c n t u m s geschehe n, ja nur bei seiner völligen Vernichtung zustande kommen; um aber die Widerstände innerhalb der A. I. 11. zu beseitigen, nkuß die Leitung in a u tokratisch er, ja in Stolipynischer Methode arbeiten. Die Wahlen in der Alliance stehen vor der Türe; die D. K. G. hat einstimmig, wirklich cinstinlinig, nicht nach dem berühmten Muster der Einstimmigkeit in Paris, beschlossen, den Verderber der A. I. 11. auszuschalten; und da das Vertrauen in die Geschaftsp'raxis von Paris längst verloren gegangen ist, so ist auch beschlossen worden, Vertrauensmänner nach Paris zur Ueberwachung des Wählganges zu delegieren. Allein Paris lehn't in zynischer Weise diese Maßregel ab; Paris weiß anscheinend, daß bei guter Kontrolle des Mahlganges Reinach stiegen muß, und so greift es zu Winkelzügen. Es ist die heiligste Pflicht jedes Mitgliedes, insbesondere der D. K. G., seine Stimme gegen Reinach abzugeben (cs kann auch auf andere Weise fcstgcstcllt werden, wieviel Stimmen gegen Reinach abgegeben worden siitd). Der begonnene Kampf muß zu Ende geführt werden! Die Alkiance muß' — kh'rcrBcstiminung gemäß — jüdisch werden, — nnd sic wkrd's a u ch! Bor der Entscheidung in der „Alliance." ii. Von Josef Lin- Berlin. Zunächst ein paar Worte über die in den jüngsten Tagen cingctrctenen Ereignisse. Die Lage hat inzwischen eine Verschärfung, zugleich aber auch eine gewisse weitere Klärung erfahren. Am 3. Mai beriet das Pariser Z entralkomit e c über die Ergebnisse der am 25, Ap'ril stattgehabten Tagung der Deutschen Konferenzgcineinschaft, und es beschloß, den Forderungen der deutschen Mitglieder nicht nachzugeben und auf Rcinachs Kandidatur zu bestehen! Die in manchen Kreisen gehegte Hoffnung auf eine friedliche Verständigung mit Paris in der Kandidatenfrage hat sich somit als zu optimistisch eriviesen. Ebenso ist die Erivartung nicht in Erfüllung gegangen, daß Herr Salvmon Reinach cs als ein Gebot der Selbstachtung und des Allianceinteresses betrachten ivürdc, in Anbetracht des deutlichen einstimmigen Mißtrauerisvotums der 13,000 Alliancemitgliedcr repräsentierenden Deutschen Konfcrcnzgemeinschaft auf sein Amt sieiwillig zu verzichten. Ueberraschcn kann diese Jntransigenz der Pariser Leitung nicht. Ihr ganzes bisheriges Verhalten in der Wählfrage, an die sie überhaupt erst nach wiederholtem nachdrücklichen Drängen der deutschen Mitglieder hcrangetreten ist; die Umgehung des Präsidiums der Konferenz g cm einsch aft ulld die Agitation gegen dasselbe unter den Mitgliedern der Deutschen Konferenzgcnieinschäft; die Berweigerling des Rechtes an die deutsche Mitgliedschaft, selbst für die deutschen Zentralkomitee-Mitglieder Kandidaten zu nominieren, — alldies bedeutet nicht allein eine formale Illoyalität; es ist zugleich ein faktisches Ueberschreiten der der engeren Exekution rechtmäßig zustehenden Befugnisse; eine machthaberische Selbstherrlichkeit, die zu.den demokratischen Grundprinzipien der „Alliance", >vie überhaupt zu den Grundsätzen jeder modernen Organisation in krassem Widerspruch steht. In feinem Äanfcc erfreut sich die „A l l i a n c e" eines s o l ch e n A n h a n g s w i c in Deutschland, lind zwar nicht bloß in Bezug auf die Zahl der Mitglieder. Hier hat auch die „Alliance" seit jeher ihre treuesten und ergebensten Mitglieder. Die deutsche Judenheit ntarschiert an der Spitze der westjüdischen Gemeinschaft auf den Gebieten sozialer und geistiger Betätigung zur Förderung der. Juden und des Judentums. Die in der Fülle jüdi-