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Neue jüdische Presse · 1911-05-19 · Heft 20 (19.5.1911) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 20 (19.5.1911)
Date
1911-05-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Kedakti-n u«d chefchäftsstette: Srsnkfurl 3. m., LrrrrsestrrrtzL 7 Herefo« 10507. Herausgeber: SalZ ^eis. 9. Jahrgang. Freitag, den 21. Ijar 5671 (19. Mai 1911). Rr. 20. ir-*-- Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis vro Biertelsahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— 4—...__—____ Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Die Reklamezeile.. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Berbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter No. 4864. Inhalt des Hauptvlattes. Artikel: Naivität oder Arroganz? — Bor der Entscheidung in der „Alliance'. — Aus den Ereignissen des Tages. — Aus allerWelt.-^Feuilleton: „Der Maloch-Hamowes" oder ein Tag im Golus. — Wochen-Kalender. — Familiennach richten. — Allgem eineMit.teilungen. Naivität oder Arroganz? Boin autokratischen Gebühren des Pariser Zentralkomitees der Alliance Jsraslite soll hier die Rese sein; da erübrigt es sich, erst noch zu sagen, in luelchem von diesen Stilen das an uns vom Sekretär der A. I. U. I. B i g a r t gelangte Schreiben des Pariser Zentralkomitees gehalten ist. Hier das Schreiben, unsere Erklärung hierzu folgt hinterher: Paris, de» 4. Mal 1011. An den Herrn Vorsitzenden der D. K.-G., Berlin. Sehr geehrter Herr Vorsitzender! Mit Bezug auf das von der D. K. - G. an das Zentral-Komitee betreffend die Nominierung an Stelle des Herrn Reinach eines anderen in Paris domizilierenden Kandidaten gerichtete Ersuchen, beehren wir uns. Ihnen nachstehenden Wortlaut eines Briefes unseres Herren Präsidenten an ein Mitglied des Zentral-Komitees zur gefl. Kenntnis zu bringen: „Lassen Sie mich Ihnen sagen, das; ich zuversichtlich hoffe, die Bedenklichkeiten, denen Sie Ausdruck verleihen und die ich zu würdigen lveist, durch eine Darstellung der durchgreifenden Beweggründe zu beseitigen, die das Zentral-Komitee veranlassen, die Kandidatur des Herrn Reinach anfrcchtznerhälten." . „Seit 26 Jahren ist Herr Reinach, der jetzige stellvertretende Vorsitzende, Mitglied des Zentral- Komitees; ferner gehört er zu den Begründern der Jewish Cvlonization Association, auf deren Stiftungsurkunde seine Unterschrift neben derjenigen des Herrn Baron Hirsch figuriert, Augenblicklich bekleidet er —. und zwar zum' zweiten Male.— das Amt eines Vorsitzenden der Pariser „Societe des Etudes Juives" (welche die „Revue des Etudes Juives" herausgibt). Während der Dreyfus- Affäre hätte er das edelste Benehmen." „An ihm haben wir einen höchst jüdisch, fühlenden Kollegen, der seit 26 Jahren regelmäßig allen unseren Sitzungen beilvohnt, der unserer Gesellschaft seine Zeit, eine große Intelligenz widmet und sich tagtäglich bedeutende Verdienste um die Alliance crlvirbt." „Bei der Designierung der Mitglieder des Zentral-Komitees, haben wir cs nicht mit der R e l i g io u s p h i l o s v P h i e dieses oder jenes von ihnen zu tun.' Es ist dies reine Privats a ch e, die nur den einzelnen bindet, und wofür seine Kollegen in keiner Weise zu bürgen haben. Herr Reinach hat sich in den Geist unseres Werkes allzusehr hineingelebt, als daß er in dessen Leitung seine p e r s ö n l i ch e u Auffassungen hineinzutragcn willens wäre. In vollem Einverständnis mit .uns. leitet er die Alliance nach der religlösen.'Tradition, die wir in allen unseren Anstalten ausrechterhalten." . „Halten Sie es für ge recht,.daß wir uns von einem Kollegen des Wertes des Herrn Reinach trennen, weil wir seine religiösen Auffassungen nicht teilen?'" Obigen Zeilen, die von dem Zentral-Komitee ei nst i ln »l i g gebilligt wurden, dürste sich erübrigen, nur ein Wort hinzllzufügen. Was die neuen von der D. K--G. vorgeschlagenen deutschen Kandidaten anbelangt, so war das Zentral-Komitee, nach eingehender Prüfung, der Ansicht, daß deren Nominierimg sich nicht in demselben Maße zur Berücksichtigung empfiehlt, wie die der Herren, die das Zentral-Komitee benannt hat und die sich bereits um die Alliance verdient gemacht haben. An der am 15. April aufgestellten Liste kann also keine Men de - r u n g v o r g e n o m ur e n werden; dabei steht selbstverständlich jedem Mitglied, das Recht zu, sein Votum frei abzugeben. Gegen unsere, durch unseren früheren Briefwechsel mit Herrn Jüstizrat Dr. Blair motivierte Erivartuug haben es drei unserer Frankfurter Kollegen unter dem 3. Mai abgelehnt, sich auf die Liste der Kandidaten tragen zu lassen. Da wir über die zur Nominierung von drei anderen Herren nötige Zeit nicht verfügen, so werden diese drei ausgetretenen Kollegen später ersetzt werden. Die Zahl der zu wählenden Mitglieder wird definitiv ans 33 festgestellt, wovon 14 in Paris und 19 außerhalb Paris domizilierende. Betreffend die Vertretung, welche die D. K.-G. anläßlich der Wahl nach Paris zu delegieren beabsichtigt, so wird die Zentralleitung stets gern bereit sein, Mitglieder des Zentral-Komitees und sogar einfache Mitglieder der Alliance während der Wahlstunden freundlich aufzunehmen; dabei benierken wir, daß das Skrutinium in Paris am 4. Juni von 9 ikhr Morgens bis 12 Uhr Mittags geöffnet sein wird; dagegen ist es seit 50 Jahren üblich, daß die Zählung der Stimmen, die eine ganze Reihe von Tagen, ja von Wochen beanspruchen kann, von dem Bureau unter der ausschließlichen Kontrolle von Mitgliedern des Zentral-Komitees vorgenommen werde. Das Zentral- Komitee war der Ansicht, daß kein Grund vorlicgt, weshalb jetzt anders verfahren werden sollte. Mit vorzüglicher Hochachtung, I. U. des Zentral-Komitees. Der Sekretär, I. Bigart. P. S. Der Wortlaut obigen Briefes wurde von dein Zentral-Komitee in seiner Sitzung vom 3. Mai festgesetzt. Zunächst der Brief des .Präsidenten Leven bezüglich der Qualität Reinachs zum zlveiten Vorsitzenden der A. I. U., und zwar wollen Ivir vorerst auf die formale Seite der Sache eingehen. Dieser private Brief, besagt das Schreiben, ist „einstimmig voni C. C. gebilligt worden". Also „e i n st i in m i g gebilligt"! Und wieviele Mitglieder lvarcn bei der damaligen Beratung der C. C. anwesend? Dies verschweigt uns das Schreiben, also steht es einem jeden frei, sich die Zahl der anwesenden Mitglieder zu denken, lvie es ihm beliebt, und mithin fällt die Bedeutung der Einstimmigkeit weg. Zioeitens loisscn wir nicht, ob Reinach selbst, als über sein Berblciben im C. C. beraten wurde, zugegen war oder nicht; es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß die Anwesenheit Reinachs, dessen Persönlichkeit denen der französischen Mitglieder des Komitees gegenüber unstreitig überragend ist, von großem Einflüsse auf den Beschluß seiner Kollegen sein mußte. Und ist den Mitgliedern der einstimmige Beschluß der D, K. G., der dahin geht, Reinach von der Leitung auszuschalten, überhaupt unterbreitet worden? Kannten denn die Mitglieder die triftigen Gründe, die für diesen Beschluß maßgebend waren? Zu Ehren der Mitglieder des C. C., unter denen sich auch Rabbiner befinden, glauben wir, annehmen zu dürfen, daß die Mitglieder des C. C. keine Kenntnis davon hatten. Nach der löblichen Praxis des C. C. — sagen wir genauer des geschäftsführenden Sekretärs im Einklang mit dem Autokraten Reinach —, ist anzunehmen, daß all' die Beschlüsse und deren Begründung den Mitgliedern des C. C. vorenthalten worden sind; ist doch nach dieser glorreichen Praxis das Schreiben der D. K. G. samt der Kandidatenliste vom 42. 'April einfach unterschlagen worden, und in der Sitzung des C. C. vom 15. Jlpril wurde anstatt des obengenannten Schreibens des Präsidiums der D. K. über ein Schriftstück, das das Präsidium der D. K. G. an die deutschen Mitglieder gerichtet hat und zuM Pariser Büro auf Umwegen gelangt ist, beraten. Man sieht also, was man von der „e i n st i M m i g e n" Billigung des C. C. zü halten hat. So weit die formale Seite. Doch wie ist es mit dem Inhalt des Leven'schen Briefes bestellt? Was sagt- Leven? „An ihm, — an Reinach — haben wir einen höchst jüdisch fühlencen Kollegen." Salonton Reilt a ch „c i n hö ch st jüdisch fühlender Mann"!! Scherzte Leven, wollte er dabei einen grotesken Witz machen, oder Unterzeichnete der greise Präsident diese ihm yorgelegten, geradezu zynischen Worte im .Halbschlummer? „Ecrasons l’jnfäme" gelobte Reinach noch vor kurzem in Nr. 19 unserer Zeitung, also Reinach gelobt und ruft alle Welt zur Vernichtung dcs Ehrloscn, des Schändlichen u n d G e m e i n c n ans, und wer sind diese E h rlosen. Schändlichen und Gemeinen? Wir, das jüdische Volk, das seinen Sabbat, seine Speisegesetze, seine eigene Sprache bis datoge halten und noch ferner zu halten gewillt ist; „das Judentum ist nach Reinach weder eine Religion, noch eine Rasse, noch ein Volk" — die aber einer anderen Ansicht sind — und das sind ja alle Ilitt cn mit Ausnahme des zweiten Präsidenten der A. I. U. —, die Mnssen als „Feinde d e s I u d e n t u tu s", desReinachschen Judentums, vernichtet werden! Und nun fragen wir: kann ein Mann, der sich gegen das jüdische Volk mrd die jüdische Religion verschworen hat, der auf den Untergang des Judentums und der Juden hinarbeitet nno zur Vernichtung desselben alle Welt aufrnft, als „höchst jüdisch fühlend" bezeichnet werden? Schon im Jahre 1903 sagt er unumwunden im „Echo Zioniste" vom 20. Dezember, daß er mit Freuden eine Kampagne gegen die jüdischen Speisegesetze und andere Archaismen im Judentum, wie Sabbat u. dgl. m., unternehme, und dies tut er in Wort und Schrift, dies tut er mit den reichen Mitteln der A. I. U., und nun sollen diese seine Taten aus einem „höchst jüdisch fühlenden" Herzen erklärt werden; seit wann ist die Vernietung des Judentums und dessen Grab-

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