Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1911)
- Date
- 1911-05-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4, Holzhauer, Waldaüfforster und verrichten die schwersten Gcrüstearbeitcn. 16% der Juden sind Kleinbauern, die jede Feldarbeit allein verrichten müssen. 80% gehen an Unterernährung zugrunde. Ihre Kost besteht aus Erdäpfel, Maisbrvt, Milch und Häring. Fleisch wird nur am Sabbat — Li,gesehen. Das; die Armut unhaltbare Zustände geschaffen hat, beweist die Landflucht Mn schreiendsten. Von 958 jüd. Familien sind 10» — also 11% — nach Amerika gewandert! Zioni. Großbritannien. London. Der Preßseldzug des Assimilationsjudcn Professor Wald stein gegen das Rcserat über die j ü d i s ch c Rasse auf dem Rasscnkongreß, „da cs keine jüdische Rasse gebe," hat erreicht, das; dieses Referat von der Tagesordnung ab ge setzt ist. Rußland. Petersburg. Die NachriLt von dem Beschluß der D u m a k v m Mission für Landesverteidigung, d i c I u d c n v o m M i l i t ä r d i c n st auszuschließen und sie als Ersatz dafür mit einer besonderen Steuer zu belegen, hat in der jüdischen Gesellschaft große Aufregung verursacht; u. a. haben die ehemaligen jüdischen Soldaten vou Poltawa und die jüdische Gesellschaft von Homcl an den Vorsitzenden 'der Duma einen Protest gesandt. Warschau. Hier organisierte sich eine Gruppe junger Leute mit dem Zwecke, eine Fußtour durch Palästina zu unternehmen. Bis Bczouth in Syrien soll die Reise auf Wasser gehen und von dort unter Führung durch das ganze heilige Land bis,Waad el Arisch. Die Reise soll drei Monate dauern. Warschau. Mit dem Beginn der warmen Jahreszeit hat die Saison der Fcucrsbrünstc wieder c in gesetzt. Bisher liege» Meldungen, über Brände aus folgenden Orten vor: Am 14. Avril a. St. brach im Städtchen Usda (Gouv. Minsk) ein großes Schadenfeuer aus, dem zahlreiche jüdische Kramläden und Wohnhäuser, ferner eine Reihe von Bethäusern und Bothe-Midroschim zum Opfer fielen. Bereits zwei Wochen vorher brannten in demselben Städtchen sieben Häuser jüdischer Einwohner ab. In S k i d e l (Gouv. Grodno) wütete dieser Tage ein großer Brand, der insbesondere große Ledcrvorräte dortiger jüdischer Kaufleute vernichtete. Das Städtchen Paleschti (Gouv. Bessarabicn) ist fast vollständig nicdergebrannt. Zahlreiche jüdische Familien sind obdachlos und dem größten Elend preisgegcben. Bulgarien. Sofia. Der neue Ministerpräsident Geschow enipfing dieser Tage eine Abordnung der Juden. Grvßrabbincr Dr. Ehrenpreis hielt eine kurze Ansprache, in der er hauptsächlich der Erwartung der bulgarischen Judcnhcit Ausdruck gab, daß das neue Kabinett die Rechte der religiösen und Wohlfahrtsinstitiitioiicii der -bulgarischen Judenheit bestätigen und ihnen die Möglichkeit der freien Entwicklung sichern werde. In seiner Antwort betonte G c s ch o w, daß er stets ein aufrichtiger Freund und Bewunderer der Juden gewesen sei. Das bulgarische Volk habe niemals judcnfeindliche Neigungen, wie sic in andern Ländern häufig zutage treten, bekundet. Die Frage der Kvrporationsrcchte der jüdischen Genicindcinstitutionen werde, er einer günstigen Erledigung entgegenzuführen. Türkei. Smyrna. Eine Anzahl angesehener jüdischer Bürger unserer Stadt hat den Plan gefaßt, ein jüdisches Gymnasium zu errichten. Kürzlich hielt der Kammerdeputierte unserer Stadt, N i s s i m M a z l i a ch C f f e n d i. einen Vortrag über diesen Gegenstand, und cs gelang ihm, sogleich aus der Mitte der Versammlung 3000 Frcs. für die geplante Gründung anfzuvringcn. Ein wohlhabender jüdischer Kaufmann lat sein gerämniges Wohnhaus der neuzugründendcn Schule zur Verfügung gestellt. Bisher waren die jüdischen Bewohner Smyrnas gezwungen, ihre Söhne in katholische Gymnasien zu schicken. Palästina. Jerusalem. Im ersten Vierteljahr des lausenden Jahres kamen in den beiden Polikliniken des L e m a a n Z i o n 5590 Kranke zur kostenlosen Behandlung, Venen Medikamente und Verbandzcuge gratis geliefert wurden. Die Apotheke verfertigte 4365 Rezepte, teils gratis, teils zu Minimalpreisen. 345 Personen wurden mit den notwendigen Krankenutensilicn (Brillen, Bruchbänder ustv.) versehen. 11 russische Enrigranten wurden bei Begründung ihres REfltJfatfet FsrrMtkMS FavÄieuAatt. ' " > Nr. 19. Berufs unterstützt. Für 6 Lehrlinge wurde das Lehrgeld entrichtet und an fünf Personen. Beiträge bewilligt, um ihre Existenz zu crinöglichen. Nachdem .her Leiter der Augcnycilanstalt Dr. M. Erlanger zurückgetrcten ist, uni sich in §uropa niederzulassen, ist der Verein mit verchiedcncn Spczialaugcnärztcn in Verhandlung getreten, um den Posten baldigst wiederum mit einem gleich tüchtigen Spezialisten zu besetzen. Aegypten. Kairo. Die hiesigen jüdischen Gemeindeverhältnisse boten bis vor kurzem ein Bild trostloser Zerfahrenheit. Die Aschkenasim waren in unzählige kleine Bctgcnosscnschaftcn zersplittert, die keinerlei Zusammcnhang niiteinandcr hätten. Infolgedessen ehltc cs auch an de» notwendigsten Gemeindcinstituten und Wohlfahrtseinrichtungen. Seit kurzem macht sich nun .in unserer Stadt das erfreuliche Streben bemerkbar, die verschiedenen kleinen Vereinigungen und Zwcrginstitnte zu einer geordneten Gemeinde zns a m in e n z u s ch l i e ße n. Der Erfolg dieser Bestrebungen scheint gesichert zu sein. Im Zusammenhänge mit den organisatorischen Bemühungen der hiesigen Judeuschäft steht auch die vor kurzem erfolgte Gründung eines großen jüdischen Kr outen h anses und eines j ü - d i s ch c ii Greiscn asyls. Personalien n. Kleine Mitteilungen. Breslau. Geh. Justizrat Dr. Wilhelm Freund, Vorsitzender der Stadtverordneten, der Anwaltskaniincr und der jüdischen Nepräsentanten und Ehrenbürger der Stadt Breslau, erhielt anläßlich seines 60. Diciistjubiläums den Roten Adlerorden 2. Klasse mit der Zähl 60. Stuttgart. Hier feierte Adalbert Rlchn o w S k y seinen 93. Geburtstag und in Cannstatt Frau Elise Wormser ihren 90. Geburtstag. Sulzburg (Oberpialz). - Moses Aron Regensburger und Frau Emma geb. Nahm feierten ihre goldene Hochzeit. Saarwelliugen. Am 5. Mai starb im 87. Lebensjahre Daniel Lazar, 1. Vorstand der Synagogen-Genicindc. Ein gutes Stück altchrwürdigcr Kehilloeinrichtung ist mit diesem Manne, dessen achtungsgebietendes Acußcre und herzgewinnende Freundlichkeit einen großen Kreis von Freunden uni ihn scharte, dahingcgangen. Bis zu seinem letzten Lcbcnstagc — 54 Jahre hindurch — versah er das Amt des Parncs. Alle religiösen Institutionen hatten an ihm einen treuen Hüter, so daß die Gemeinde, was ihre Einrichtungen betrifft, den größten als Muster dienen könnte. Osterburken. Nach einem Referate des Synodalabgcordnetcn Dr. Simon-Heidelberg über seine Tätigkeit in der Synode sprachen die in Osterburken versammelten Vorsteher und Vertreter des 16. Synvdalwahlbezirkcs diesem ihr volles Vertrauen aus. Budapest. In P an c so va verschied —84 jährig— Major Samn Sorger, ein Held des Frciheitskampfes von 1848, und hier Gustav Goldberger de Buda, ein tätiges Mitglied der Chewra Kadischa. — Dr. Aron Becker, Vorsteher der jüd. Acmciiidc N a g y - S z a l o n t a, spendete 10 000 K r. sür Wo h l tä t i g k e it s z w e ckc. —. Max Adler, der dieser Tage verstorbene Vorsteher der Chewra'Kadischa in Hcvcs, hinterließ 20 000 K r. für ein jüdisches Siechenhans und Adolf Sternth al - Budapest 140000 Kr. für den Ungar.-Jüd. Knltiirfonds. —' Hier ist ein jüdisches H a n d w c r k e r - Kasino gegründet worden. Zioni. Budapest. Berthold Nemünyi, ein drittjähriger Rechtshörer der Budapcster Universität, wurde von der iingar. Akademie der Wissenschaften für sein, die Auswanderung behandelndes großes Werk ausgezeichnet. Ncmeiiyi, der heute 18 Jahre alt ist, hat fünfzehnjährig maturiert und ist ein Sprach eiigcnic. Er hat sich auch bereits als soziologischer Schriftsteller einen Nam en e r w o rb e ii und mit seiner Studie über „Adam Smith und seine Lehre von der Arbeit" und seiner Broschüre „Ueber die Milliardcnfrage" Aufsehen erregt. Z i o n i. Prag. Der Buchhändler Edgar Taussig erhielt den Titel eines Kaiser!. Mats. —* Obcrkoinmissär Josef Lichten st c r n wurde zum Polizei rat befördert. Prag. In Lach au ist die aus dem 14. Jahrhundert stammende Synagoge ein Raub der Flammen geworden. Zürich. Bei den Kantonratswahlen wurde als einziger jüdischer Kandidat RechtS-Anwalt Dr. Färb st ein von der sozialdemokratischen Partei mit großer Mehrheit wiedergewählt. Warschau. Einer, der noch Napoleon!, gesehen hat, der Schneidermeister Pinkus Gonsarvsky ans Kovcl, ist dieser Tage dort gestorben. Er war der Begründer einer Familie, die 145 Kinder, Enkel ntid Urenkel zählt. Ein naher Verwandter Gonsaroskys, der heute 113 Jahre alte M. Gordin, ebenfalls ans Kovcl. erzählt, daß er und Gonsarosky sich noch gut des Kaisers Napoleon zu eriuuer» wissen, den sie gesehen hätten, als er seinen berühmten Feldzug nach; Rußland machte. G. ist 120, Jahre alt geworden. Warschau. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung hiesiger Stadt beläuft sich gegenwärtig auf 306 000 Seelen (— 37% der Gcsamtbcvölkerung). Warschau. Hier wurde an zwei Brüdern i »i A l t c r von 10 u n d 12 I a hi reu die Milo hi vollzogen, deren Vater vor ihrer Geburt, um das Wohnrecht in Petersburg zu erlangen, zum orthodoxen Glauben nbcrgetreten war und nun znm Judentum wieder zurückgekehrt ist. New-Uork. Die Ehe zwischen einer III d i a II c r i II und einem g a l i z i s ch c II Inden, die jüngst in Kansas geschlossen wurde, verdient ans folgenden zwei Gründen hier registriert zu werden: l.dürfte cs der erste derartige Fall sein und 2. erklärte der im jüdischen Schrifttum bewanderte Jude, er gehe deshalb die Ehe ein, weil die Indianer von den zehn Stämmen Israel abstamincn. G Mek 0 Der „Maloch - Hamowes" oder Ein Tag im Golns. Erinnerungen aus' ' einer Fericn-Rcise iiit Lande der Pogrome. Bon Jacob sie» Eliöscr, Offenbach. (Fortsetzung.) „Vorgestern war es. Wir, alle Kinder, waren im „Cheder." Draußen hat's geregnet. . -. und wir lernten so „Chunicsch-Raschi" . . . Wie immer . . Der „Rebbe" war eben ein bischen eingeschlafcn. Wie immer. . . Im Cheder war es still... ganz still . . . Wie am Schabbos Nachmittag . . . Wir spielten: „Mem-Schin" . . . Ganz leise, um den Rcbbcn ja nicht zu wecken . . . Da . . . plötzlich . . . Die Tür wurde aufgerissen! .... Hastig! . Und — wir starben schier vor Schrecken. Und: Inmitten des „Cheders" ... da .standen sie. . . mit einem Male! . . . alle drei!: der „Schreiber" und beide „StraschniksH . . . „Der „Schreiber" schlug dem „Rebbe" ans die Schulter, daß er erwachte. Dann schimpfte und fluchte er dem „Rebbe," der „Rcbezin," uns und allen, allen Juden! . . . Dann schlug er zornig alle Chiimoschim und Gemoros zu ... Er sammelte sic . . . Dann schrie er etwas ans Russisch —> und übergab diese Sphorim-) den „Straschniks" . . Dann fluchte und schimpfte er wieder . . . Dann sagte er der „Reheziii" — der Rebbe versteht kein polnisch ,—, daß er die heiligen Sphorim nach Petersburg senden würde. Und dort werde man sic alle zu Asche verbrennen! . . . Sie! die heiligen, heiligen Sphorim!" — Eine glühende Zorncsröte überflutet jäh Schlomohs liebliches Gcsichtchcn, und er bricht ab. Dann wiederholt er mit vor innerer Erregung vibrierender Stinimc: „Zu Asche ... zu Asche verbrennen! . . . Sie ... sie! ... die Chiimoschim und die Gemoros! Unsere alten, heiligen -Sphorim!" . . . Und nun treten Tränen in die schönen Kastanienaugen. Die Pupillen glänzen und schimmern feucht und gleichen zwei schmelzend aufflackernden Kerzen. „Warum sollen denn die heiligen Bücher verbrannt werden?" frage ich. Ein heftiges Schluchzen schüttelt aber den kleinen Chedcrjuiigcn und hemmte seine Antwort. Endlict, stoßt er schluchzend l,-:■ i »r: „Ich weiß nisch . . °. weiß nisch warum . . . Aber der Rebbe ... der Rebbe ... er sagt . . . „Mir scnncii in Golns," ... in Golns seiincn mir ... in Golns! ... — — Aber . . . aber ... ich frage den Rebbe . . ..ich, frage auch Euch! . . . Warum scuueii wir in Golns?! ... — Warum? Sagt! . . . sagt mir doch . .-. warum? . . Warum . . . sennen nisch die „Gojim" in Golns? Nur mir . . . Inden! . . . sennen in Golns! . . . Warum sennen mir . . . grad mir, in Golns? . . . Warum?!" ... An dein ganzen Leibchen schlotternd, stand der arme kleine ikerl vor mir. Sein Gesichtchen Ivard immer röter, ftammcndcr. Aus den großen schönen Augen stürzte sich der Träiicnstrom unaufhaltsam. Und in halbcrsticktcin,. schluchzendem Tone kam. cs in kleinen Pausen, stoßweise inimer noch hervor: i) Schntzleutc. — Der „Schreiber", und die zwei Schutzleute bilden die Behörde des Städtchens. a) Bücher.