Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1911)
- Date
- 1911-05-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19. Seite 3. wirkliches Bcrtrautwcrdeii inif der. europäischen Äriltue wird diese unreifen Früchte der „Flegeljahre" bald verschwinden lassen. Wir wünscheil darum der „Gesellschaft zur Verbreitung der Kultur" (der wahren Kultur) recht viel Glück. Vielleicht aber wäre es gut, sie sorgte mehr dafür, das; unter ihren Lehrern, die solchen Anschauungen huldigen, erst einmal die Kultur verbreitet würde. Wer selbst aic Halbkultur krankt, darf sich wirklich nicht aninaßeii, Kultur verbreiten zu wollen! 3. Die Organisation des Generalsekretärs. Nirgends wird, man wohl mehr Absurditäten lind Paradoxe antrcssen als inr öffentlichen jüdischen Leben, besonders in Westeuropa. Eine dieser Absurditäten ist oft das Verhältnis zwischen Mauchen jüdischen Gesellschaften und ihren „Generalsekretären." Existiert eine Bereinigung ihres „Generalsekretärs" tvegen oder umgekehrt? Sie werden auch in dieser Frage eine Absurdität sehen Ivollen? Keinesfalls, es würde uns nicht schwer fallen, an den Fingern all die jüdischen Bereinigungen abzahlcn zn wollen, die einzig und allein existieren, weil ihre Generalsekretäre ihrer bedürfen." In letzter Zeit ist aber diese Absurdität noch übertroffen. worden. Es wurde nämlich eine große Gesellschaft neu gegründet, weil ihr künftiger Generalsekretär sie nötig hatte. Dies diene als kurze, aber notwendige Einlcitilng zu dem interessanten Artikel, den der bekannte hebräische Publizist Achad-Haam in der „Hazesirah" gegen dieSt. I. K. O. veröffentlicht hat. Unsere Leser können die Tatsachen, die Achad- Haam zn seinem scharfen und im großen ganzen durchaus berechtigten Angriff veranlaßt hat, ans dem Artikel selbst entnehmen, und cs erübrigt sich somit für uns, ans sie nochmals cinzngehen. Wir möchten nur einige Fragen daran anknüpfcii. Merken denn die Mitglieder des Vorstandes der 3f. I. K. O., zn»i Teil ja bekannt^ jüd. Persönlichkeiten, nicht, in welche groteske Lage sie sich durch ihr Vorgehen versehen? Wenn sic es merken, wäre cs nicht möglich — was wir wohl siir möglich halten —, der Reklame . auch wirkliche positive Leistungen hinzuznsngen? Wenn cs nicht möglich ist, wäre es nicht viel besser und schöner, die Gesellschaft schnell lvicder ansznlösen, anstatt sie ihr Scheinleben führen zu lassen? Wer von den Leitern der Sl. I. K. O. dann noch den Wunsch hätte, wirklich siir das jiid. Volk zn arbeiten, könnte cs ja in einer der anderen vielen Organisationen tun. Allerdings bliebe dann ei» Generalsekretär ohne eine Gesellschaft? Und wäre dies ein Unglück? ... Achad Haam Über die A. I. K. O. Aris einem Artikel Achad-Haams in der „Hazesirah" über die „Allgem. Jnd. Kolonisations-Organisation" (A. I. K.-O.) seien nachfolgend die bemerkenswertesten Stellen wicgergcgeben: „. . . Wie .lange noch wird, cs jedem, der sich als „Erlöser Israels" anssvielen will, gestattet sein, uns mit seinem „Erlösnngswerk" zn beglücken? Unser» äußern Feinden gegenüber sind wir machtlos. Sollten wir jedoch nicht imstande sein, uns vor nnsern innern Erlösern zn schuhen? Bor einigen Jahren faßten einige Leute (oder besser gesagt: ein Mann) den Entschluß, eine nene Organisation zur Rettung . des Judentums zu gründen und ihr den hochtrabenden Namen „Allgemeine Jüdische Kolonisations-Organisation" zn geben, der wohl etwas lang nnd schwer ansznsprcchcn ist> aber in der Abbreviatur Sl. I. K.-O. (welche an den abgekürzten Namen einer andern bekannten .jn.dischen Organisation erinnert) gar nicht übel klingt . . . Seither spielt sich vor nnsern Augen ein Drama ab, von' dem ich nicht weiß, ob die Bezeichnung Komödie oder Tragikomödie besser dafür paßt. Es wird eine Organisation mit großem Geräusch ins Leben gerufen, — nnd gleich daraus entschwindet sie den Blicken, ohne daß irgendjemand wüßte, womit sic sich beschäftigt, welche Mittel ihr zur Verfügung stehen und ob diese Mittel dem Zweck, den der hochtönende Name andcntct, irgendwie angepaßt sind. ... . . . Diese Organisation hat aber auch, wie gesagt, Augenblicke des Erwachens, in denen sie allerdings auch nichts tut, aber doch den Sln- . schein einer gewissen Tätigkeit erwecken möchte. Zn diesem Zwecke bedient sie sich eigentümlicher Mittel, die ich nicht näher kennzeichnen will. In aller Erinnerung sind noch die „frohen Nachrichten," die sic vor zwei Jahren laut verkündete, — von ihren Bemühungen in Konstantinopcl nnd den glänzenden Versprechungen, die sie seitens der türkischen Regierung erlangt habe, die sich jedoch einstweilen nicht zur Veröffentlichung eigneten. Man entsinnt sich, wohl auch noch der Debatte ans dein letzten Zionistenkongrcß iiber die Sl r t und Weise der Verhandlungen der A. I. K.-O. Frankfurter JsraelrtWes FamilieMaR. in Köiistantinopel. Zwar war die Beschuldigung, die A. I. K.-O. hätte die zionistische Organisation bei der türkischen Regierung denunziert, ohne Zweifel ' ein wenig Übertrieben. Sie hat sicherlich nicht direkt andere Organisationen angcschwärzt, sondern betreffs ihrer eigenen Bestrebungen betont, daß diese keinen politischen Charakter trügen. Allein ans dieser negativen Versicherung konnte die Regierung allerdings positive Schlüsse ziehen hinsichtlich einer ander,; Organisation, die in gleicher Richtung tätig war. Außerdem hatte die türkische Regierung keinerlei Veranlassung, der neuen Organisation anss Wort zn glauben, daß sie. keine politischen Ziele verfolge. Das Ergebnis war demnach, daß das Vorhandensein gefährlicher politischer Tendenzen bei den a n d e r » als erwiesen angenommen, das Nichtvorhandenscin gleicher Aspircitivncn bei der Sl. I. K.-O. aber bezweifelt wurde. . . Inzwischen trat die A. I. K.-O. wieder in die Periode des tiefen Schlafes ein, nnd mau hörte lange nichts mehr von den großartigen Versprechungen, die sie in Konstantinopel erlangt haben wollte und von denen man absolut nicht wußte, wann sic endlich zur Veröffentlichung reis seiir .würde». Bis die Bombe vor einigen Wochen plötzlich an einem Orte platzte, wo man sie gar nicht vermutet hatte: in der türkischen Kammer, gelegentlich der „Zionistcndebatte." Wir vernahmen da ans dem Munde eines türkischen Ministers eine deutliche Erklärung, ans der wir zwei Dinge entnehmen konnten: 1.. daß die türkische Regierung sich durchaus nicht die Mühe genommen hat, den seinen Unterschieden zwischen den Bestrebungen der verschiedenen Organisationen, die sich in Angelegenheit der jüdischen Kolonisation an sie gewandt hatten, ans den Grund zn kommen. All die Beflissenheit der Sl. I. K.-O., ihren nichtpolitischen Charakter scharf zn betonen, schützte sie nicht davor, mit der zionistischen Organisation verwechselt zn werden; bezeichncte ja. der Minister den Konstantinopeler Unterhändler der A. I. K.-O. einfach als „Abgesandten des Zionistcnkongrcssesv" — 2. erfuhren wir aus der Erklärung des Ministers, daß die „großartigen Versprechungen," die die A. I. K. - O. vor zwei Jahren 'ans der türkischen Residenz mitgebracht hatte, ein klein wenig übertrieben waren. Nach den Mitteilungen des türkischen Ministers hatte sich damals der „Abgesandte des Zionistenkongrcsses" (lies: der Vertreter der A. I. K. - O.k an zwei Minister gewandt. Der eine weigerte sich Überhaupt, ihn zn empfangen; er selbst gewähre ihn; zwar eine Unterredung, lehnte seine Barsch l ä g e jedoch k a t e g o r i s ch ab!... Doch ancb nach der Enthüllung in der türkischen Kammer., hat sich die „Tatkraft," mit der die Herren von der Sl. I. K.-O. es so prächtig verstehen, die große Glocke zn schwingen, durchaus nicht verringert. Dazu kommt, daß die Vorsehung ihnen diesmal, ohne daß sie sich besondere Mühe gegeben hätten, einen selten Bissen beschert hat. Bor einigen Monaten schon hatte sich eine Anzahl Personen in verschiedenen Orten (Bialystok, Lodz nsw.) znsammcngcta», um eine größere Bodensläche nächst R a s i c im El-Slrisch-Gcbietc anznkanscn. Der Kauf wurde nach dem in Palästina üblichen Modus abgeschlossen: Mit Hilfe von Mciklcru, die langwierige Verhandlungen mit den Vcrkänsern führen, — Verhandlungen, die große Klugheit und Vorsicht erfordern, daher eine ösfentlichc Besprechung nicht vertragen. . . Währeiid all dieser Zeit hatte die A. I. K.-O. mit der <eache gar nichts zu schassen, nnd ich weiß nicht, wie sic. cs anstellte, plötzlich mit dabei zic sein. Der Verfasser der „kurzen Bemerkung" in Skr. 76 der „Hazesirah," der anscheinend mit den Einzelheiten gnt vertraut ist, erzählt: „Die Sl. I. K.-O. kam nachher hinzu, und sie will nnn auch einen gewisse» Anteil an der Sache nehmen!" — „S i e will einen gewissen Anteil nehmen," — und ans diesen Willen leiten die Herren von der A. I. K.-O. das Recht für sich ab, nach London zn gehen, um die große Werbetrommel zn rühren! Zn diesem Zwecke veröffentlichen sie Spezialartikel nicht nur im „Jewish Chronicle," sondern auch in allgemeinen Tageszeitungen (wie der „Dailti Mail" u. a.), die tu den Ländern englischer Zunge Hnnderttanscudc Leser zählen nnd auch in Sl e g y p t c n Diel gelesen werden, —. Artikel, in denen sie che ncnzngründende jüdische Siedlung bei Rasie marktschreierisch anpreisen nnd insbesondere hervorheben, daß dieser Ort, obwohl er einen Teil des alten Palästina bildet, zn Aegypten gehört und unter britischer Oberhoheit steht. Dabei schreiben sie ohne alle Schani daS Verdienst an diesem Werke der Slrbcit der A. I. K.-O. zu. Diese sei cS gewesen, die den Ort im Lause der letzten 18 Monate allseitig erforschte und die Uebcrzengnng gewann, daß er sich zur Kolonisation vorzüglich eignet. Ihr Begründer (D r. N o s s i g) habe die Slngclegenheit vermöge seiner großen Energie so weit gefördert; seinen unablässigen Bemühungen sei es gelungen, eine Gesellschaft zur Durchführung des großartigen Kolonisativnsprojekts ins Leben zn rufen nsw. nsw., wobei sie znm Schlüsse (zur Beschwichtigung der Leute, die wirklich von allein Anfang an im Interesse der Sache tätig waren) hinznsügen: „mit Hilfe zweier Vereine in Bialystok und Jaffa." Es ist eine höchst unwahrscheinliche Annahme, daß diese Leute etwa nicht einsehen, welchen gewaltigen Schade» diese lärmenden Slnpreisungen der künftigen Enwicklniig des KolonisationslverkcS an dem betreffenden Orte zufügen können, falls es wirklich Slussicht hat, sich weiter zn entwickeln. Aber was vcrschlägt's? Dafür werden sie möglicherweise in London noch einige „Skotable" finden, die der Sl. I. K.-O. beitreten, d. h. gütigft gestatten werden, daß auch ihr Skame unter den Vorstandsmitgliedern genaiint wird. - Aus aller W^'l. Deutsches Reim. Berlin. Gegenstand eines interessanten Prozesses' siich die Sl ii s g r a b n ii g e » i n I e r i ch o geworden. I a in e s S i m o n hatte der D en t s ch e n O r i e n t g e s c l l s ch a f t siir diese Ausgrabungen 2ä CK)0 ,U. gespendet. Der Fiskus sah^diese Spende als Schenkung an und erhob 5»« bleuer gleick» 12ö0 .4 Die Oricutgcsellschast klagte, da es sich nm einen außerordentlichen Mitgliederbcitrag für einen bestimmten Zwecke handle, wurde aber in sümtlichcii 'Instanzen abgewicsen. Die Abweisung wurde damit motiviert, daß, wenn jemand einer juristischen Person nnciitgeltlich etwas zuweise, diese materiell bereichert werde. Straßburg. Auf Veranlassung des Herrn Dr. D r e y s ii s ist hier eine B e z a l e l - Sl ii s st e l l u ii g eröffnet worden. Die Ausstellung wird auch von Christen .sehr zahlreich besucht. Bis jetzt sind bereits .für 8000 JL Bestellungen gemacht worden. Oesterreich-Ungar». Wie«. Daß wir Jnd en uns ans keine der politischen Parteien verlassen können, zeigt Wien seit Jahren in mustergültiger Weise, bcuit nicht nur, daß die. dentschfreihntliche Partei sich stets als unzuverlässig erwies, sobald es sich uni die einfachsten Rechte der Inden handelte, auch die Sozialdemokratie ist nicht besser, ja sie ist hier sogar, um dem Volksiiiftinkte zu schmeicheln, antisemitisch. So .hat die Sozialdemokratie sich nicht gescheut, in dem jüdischen Stadtviertel „Leopoldstadt" den früheren Juden und jetzigen Antise-. unten Fritz Austerlitz, Chesrcdaktenr der Arbeiterzeitung, anszustclleii. Und so erklärte der getaufte Jude und sozialdemokratische Führer Dr. Robert D a u u e b e r g in einer der letzten Wählervcrsammluiigeii, es sei nicht ausgemacht, daß die Sozialdemokratie nicht für den Christlichsozialen stiniinteii. Graz. Der „Arbeiterwille" berichtet: In der letzten vertraulichen Sitzung des Geincindcrates gab cs eine lebhafte I n d c n d e b a t t e. Der Geschäftsführer eines großen Geschäftes hatte den Ehrgeiz, B iir g er v o n G r az zu w e rd cu. Der Bürgcrspitalansschnß und der Stadtrat bcantragtcu die Abweisung. Ausdrücklich wurde festgestellt, daß er ein hochanständiger Mann sei, gegen den nicht das geringste vorliege, der sich durch Fleiß nnd gute Lebensführung ein kleines Vermögen erworben habe, siir seine alten Eltern sehr gnt sorge, — aber fr sei ein Jude u ii d c i ii e ii I ii d e n nehme man nicht auf. In der vertraulichen Sitzniig sagte Gcmeindcrat H a ii s e r, daß dieser Mann, den er selbst kenne, vielleicht anständiger sei als mancher zum Bürger ernannte Herr; mau möge den Mann nicht durch die Abiveisung kränken. Genosse P o n g r a tz meinte, wenn die Herren mit Inden nichts zn tun haben wollen, dann dürsten sie auch keine Geschäfte mit ihnen machen; auch dürsten sie daun von den Juden keine Stenern einheben. Es sprachen noch einige bürgerliche Gcmeinderäte für die Bewilligung, während die Gegner nicht sprachen, sondern nur stimmtcu. Bet der Abstimmung wurde das Ansuchen des Geschäftsleiters ab ge lehnt, obwohl wiederholt sestgcstellt imirde, daß nicht das geringste dagegen vorlicge. Bor Jahren wurde allerdings ein Jude znm „Bürger" von Graz ernannt; das war aber ein sehr reicher Fabrikant. Das Geld kann alles, sonst aber siegt die Brutalität. Budapest. Der Kampf gegen das Kazarentum. — wie man hierzulande die Antipathie gegen das crbgescssene und eiiiwaudernde Judentum benennt, — hat eine Literatur gezeitigt. Als erste Verteidigungsschrift ist die Broschüre des Sldvokatcu Dr. S. I l l v s zu begrüßen, der mit dem stat istisch eii M ateria l das Kartenhaus d er Judeuhasscr um stürzt. Er weist nach, daß sich der Haß nicht gegen Fremde, sondern autochtciie Elemente richtet, die seit drei Jahrhunderten die Greiizgegeud bewohnen. Von einer Slusbeiitung der Riitheucn kann keine Rede sein, da das Judeneleiid grenzenlos ist. 33°/o der Juden sind Taglöhner, 22»/o Fu hrleute; sie sink» S te in k lo-pfer,