Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1911)
- Date
- 1911-05-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19. ' Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Leite 5 „Warum?! . . . warum?! . . . Warum peinigen sie uns?! ... Warum seuuen mir in Golus?!" ... . . .»Ich wußte freilich noch immer nicht, wer der „Maloch-Hamowes", das Entsetzen des «tanzen Städtchens, sei. — Aber wahrlich! Er interessierte mich in diesem Moment nicht mehr. Voll Bewnndcrung, zugleich aber auch voll Mitleid schaute ich in das tiefgcrötete Kindcrantlitz. Dieses junge, unschuldige Goluslind! Wie tief cs schon das Golns empfindet! Und Ivie es sich in seiner naiven, unschuldigen Weise gegen dasselbe anslchnt! Wie es sich mit allen Fasern seines jungen Herzchens nach Freiheit sehnt! Obgleich cs — in des GolnS tiesstem Elend geboren nnd erzogen — die köstliche Freiheit kaum den Namen nach, kennt! Dennoch! . . . Und wie tief die Liebe zu den Heiligtümern seines großen, ewigen Volkes in seiner jungen Seele wurzelt! ... Wie gebannt hängen meine Angen an dem lieblichen Antlitz. Es badet sich in Tränen. Langsam und sachte rollen die Trüncntropfen über die zarten Wänglein .und fallen endlich auf den schmutzigen Boden! . . Ich schanc in das in Tränen aufgelöste, arine, junge Golnswesen und versinke in tiefes Nachdenken . . . Aber in meinen Ohren tönt es immer noch bitter und herzzerreißend: „Warum senncn mir in Golus?!" — Etwa eine Viertelstunde ist verronnen, lieber das nasse Gcsichtchen fährt jetzt ein großes, rotes Taschentuch; schüchtern blicken die großen, schönen Augen mich jetzt an, nnd die rosigen Lippen bewegen sich und setzen fort: „Sic waren schon vielmal bei uns, im Cheder, der Schreiber und die „Straschniks". Und immer haben sic gedroht, die Sphorim zu .verbrennen. Mer der Rebbc hat ihnen immer Geld gegeben. Manchmal 20, manchmal 25 Kopeken! Sie verteilten es unter sich und gingen fort . . . Nur diesmal! . . . Der Rcbbe hat kein Geld . . . Gar keines . . Er wollte bei uns, den Talmidim^) leihen . . . Aber . . . Auch wir hatten nichts . . . Da eilte der Rcbbe zum roten Joske, nebenan. — Aber auch der rote Joske hat nichts gehabt. Der rote Joske ist ja selbst ciir armer Mann ... Da ging der Rcbbe zum langen Hcrschcl. Er ist ein sehr guter Mensch. Wer auch ein armer, sehr armer Mann. Er gibt immer den „letzten Groschen" weg. Und anch jetzt gab er dem Rebbcn sein Letztes. Aber das war nicht viel. Nur 10 Kopeken. Damit kam der Rcbbe nach Hanse nnd gab es der „Rcbbczin". Die Nebbcziir gab es dem „Schreiber" . . . Und — schwor, ihm noch zu geben. — Mer der „Schreiber" schimpfte und fluchte und nahm die 10 Kopeken nnd — und auch die Chnmoschiin und die G'moroS, die heilige Sphorim. — Dann . . . dann schlug er uns, die Talmidim, mit seinem Stock nnd jagte uns alle ans dem „Cheder." Dabei schrie er wütend, daß wir „morgen Mld übermorgen und überübermorgen —i in den Cheder nicht kommen dürfen, denn der „Maloch-Hamowes" — der „Maloch-Hamowes" ... er kommt .... kommt heute!" „Aber mein lieber Schlomoh, kannst Du mir nicht auch sagen, wer dieser „Maloch-Hamowes" ist, wie er sogst heißt, nnd woher er kommt?" „Wie er heißt? das weiß ich nicht. — Aber er ist ja der Natschalnik. Der Natschalnik unseres Kreises. - Er wohnt in der „Kreisstadt", nnd er regiert über alle Städtchen des „Kreises" . . . Gcrad' wie ein Kaiser regiert er .'. . Er kann tun und tut anch, was er nur will. . . was er nur will! Und er will so viel! — so viel! — alles! Und er peinigt uns, die Juden, so — so — so! — Er hat gar kein Rachmones! . . . Gar kein Rachmones! . . . Gar nicht! . . . Er ist unbarmherzig! Ein „Maloch-Hamowes"! Alle nennen ihn darnin „Maloch Hamowes" . . . Nicht nur die Juden allein . . . auch die Gojim .... alle . . . alle! . . . Sogar der „Schreiber" nnd die „Straschniks" selber nennen ihn „Maloch-Hamowes . . ." IV. Ich will ansgchen nnd mir dieses gefährliche Subjekt, diesen „Maloch-Hamowes" nnd „Judenfresser" einmal von Gesicht zu Angesicht mischen . . Kaum aber fiel die Tür hinter mir ins Schloß . . da —> eine Hand umklammert krampfhaft meinen Arm. Von hinten . . . Ich ivende mich jäh um nnd — schaue in das verstörte Gesicht meines Wirtes. Atemlos und außer sich vor Aufregung ist er mir gefolgt nnd steht nun an meiner Seite nnd hält noch immer meinen Arm fest. „Nicht doch, Rcbb Jüd'" . . . keucht er. „Nicht doch, Rebb Jüd', bleibt hier. Geht nicht jetzt auf die Straße. Er — passiert bald! . . ." „Den „Maloch-Hamowes" meint Ihr wohl!" rns' ich. „Na, er wird mich nicht verschlingen. Ich bin sehr knochig — und werde ihm in dem Rachen stecken bleiben." — Ich lache harmlos. Mein Wirt aber setzte bei meiner Bcincrkung eine solch' erschreckende Miene ans, daß mein Lachen stockte. „O, Rebb Jüd!" seufzt er wehmütig. „Ihr wißt ja nicht, was für ein „Zvrcr-Jisroel"H er ist. 3) Schüler. H Judenfeind. dieser „Mcrloch-Hamowes". W«rs für ei» erbitterter Judenfeind!- Wenn er Euch erblickt, so läßt er Euch bald ins Gesängis abführen ..." „Wieso?" — „Na, einfach: Habt Ihr alle „Dokumente" bei Euch?" „Alle!" —. ',Und doch, Rebb Jüd! — lind doch! Bleibt, zu Hause! Einerlei! Ob Ihr alle Eure Dokumente habt, oder nicht. Ihr seid ein Jud'! Rebb Jüd! Was Hilsts mm, wenn Ihr da die besten Dokumente habt.. Ihr seid ein Jüd! — — Und wenn er — Euch sieht, einen fremden Jüd! dann läßt er Euch cinfperren — jaja —. Lacht nicht. — Sv ist'S schon vielen — vielen „fremden Jüdcn" hier ergangen —" „Aber mit welchem Recht?!" Ein wehmütiges Lächeln erstirbt auf den welken Lippen. „Recht?" haucht er bitter ans. „Von Recht redet Ihr? . . . Hier? bei uns?! . . . Und gegen einen Jüd?!" . . . „Aber — aber — ich gehöre ja nicht zu Euch — ich bin ja ein deutscher Jude — ein deutscher Staatsbürger! Und ich habe ja mit Eure«« russischen „Maloch-Hanwwes" nichts zu schaffe». Er soll mir nur vom Leibe bleiben!" — „Ach — ach! — Einerlei, Rebb Jüd! — einerlei! — Ob Ihr ein deutscher oder französischer oder gar amerikanischer Jnd seid! Einerlei — einerlei! wenn Ihr nach Rußland kommt, dann seid Ihr nicht mehr als ein „bloßer Jüd", der rechtnnd schutzlos ist. — Ali! wenn wir Erez-Jisroel-Jüdcn — wären! das wir' was. anders! Aber so — so ... — Ja, ja ja —.Ihr seid ein Jüd, Rebb Jüd. . ." Und die Jude» sennen in Golus. Alle Juden — alle — alle!" Eine dicke Träne rieselt bei diesen Worten über die falben Wangen des arinen Juden und verliert sich in seinem dichten Bart ... Und ich bleibe zu Hanse! . . . V. Ich sitze am Fenster des. „Gastzimmers" nnd schaue auf die schmutzige einförmige Straße . . . Ich erwarte gespannt die angekündigte „Maloch- Hamowes" - Wanderung durch dcrs Städtchen. Ein unheimliches Gefühl beschleicht mich dann nnd wann und durchzittert blitzartig mein Herz. Ja, wirtlich! Die allgemeine tätliche Angst de§ Städtchen hat auch mich in ihren Bann gezogen. Ach!! — Und obgleich ich dieses Ach mit zwei Ansrnsungszeichcn schreibe, so vermag ich doch nicht jener bitteren Empfindung Ausdruck zu verleihen! — Ach!! — Da sitze ich in der Patsche, im finsteren, jüdischen Golus! — Gleich dem greisen „Brückenjnden", der schluchzenden „Brückenjüdin", dein aufgeregten Ladenssocher nnd seiner schwindsüchtigen Frau. . . Gleich meinem gebrochenen Wirt, meiner händeringenden Wirtin: gleich dem armen Schlomoh, feinem Rcbbe», seiner „Rcbbezin" und endlich gleich dem ganzen siechenden, verwesenden Städtchen. Denn wie sie alle, empfinde in diesem Augenblicke anch ich die servile Unterwürfigkeit des Golus. — sehe auch ich mich der brutalen Willkür des unbekannten „Maloch-Hamowes" preisgegeben. Und nun weiß ich, iv«rs Golus heißt, tvas meine Brüder in der Zeit des „Friedens" nnd „Pogromcnstillstand" leiden! — Ich sitze am Fenster. Meine Phantasie malt mir allerlei dämonische Schrcckensbilder aus. Und in allen diesen Bildern sehe ich den „Maloch-Hamowes". Mir gegenüber sitzt mein Wirt und steigertnoch mein Mißbehagen, indem er mir die schrecklichsten Episoden von dein „Maloch-Hamoives" erzählt. „. . . Ja. ja," seufzt er jetzt bitter, des Erzählens erschöpft. „Er ist ein souveräner Herrscher im ganzen „Ujesd" (Distrikt) dieser „Maloch- Hamowes"! — Uebcrdies ein Schüler von Kruschiwan! — Ein „echter Russe!" — Aus Großrußland, von wo aus man oft nnd anch heute die Inden vertreibt ..." Er hält inne nnd holt schwer Atem. Dann fragt er mich plötzlich : „Habt Ihr schon je gesehen, wie man die Inden im Golus jagt, wie man sie vertreibt, wie Hunde vertreibt?!" „Gesehen wohl nicht . . . Aber gehört! 'Genug darüber gehört!" „Gehört!" — Nein, nein, Rebb Jud . . . Dcrs ist nichts! . . Das kann man ja gar nicht beschreiben, gar nicht schildern. — Unmöglich! — Seht mich an, Rebb Jüd, nnd leset in meinem gealterten, „von Zoroß gealterten und zerfallenen Gesicht." Ich, o, ich, Rebb Jüd! — Oh, ich . . . kann wie Jeremias sagen: „Ani hagewer rooh oni!" — Ich Hab gesehen — gefühlt, — bitter — bitter — gefühlt . . . Bin selbst ein Vertriebener!" „Ihr?" — „Ja, ich . ." Ich bin kein polnischer Jude. Ihr merkts wohl selber an der Sprache. — Ich wohnte in einem Dorf in Groß-Rnßland, woselbst ich geboren und ausgewachsen bin . . . Man vertrieb mich! — Warum?! Weshalb?!-Und ich wanderte — wanderte — „Von einem Ort zum andern . . ." Gerad' wie's im Goluslicdel heißt . . . Jahrelang ioandcrte ich . . . Keine Ruhe findend . . . Arm und nackt . . . Und ich sah Golus und Golus und Golus! — Solange! — Endlich schleuderte mich dcis Schicksal in diesen polnischen Sumpf, — in dem ich «rüde und kraftlos versank, und in dem ich gleich den anderen Eingeborenen langsam zugrunde gehe! Umsobesser!! — Brr! . . . Ein ekelhaftes, überflüssiges Dasein! Und — wird das gar kein Ende »ehmen, dieses — dieses, dieses Golus!! — Wie lange?! Wie lange noch?! Ist'» immer »och nichk genug?! immer noch nicht?!! -— Aber! aber! — — Sehr nur! — Dort! — Ribouo-schel-vlom!!! —" Leichenblaß mit diesem letzten Schreckensansschrci auf den entfärbten Lippen sprang jetzt mein armer Wirt in die Höhe. Sein Gesicht verzerrte sich. Und die Lippen bebte». Wie eine eiserne Klammer umfaßte seine Hand meinen Arm, und mit einem Ruck riß er mich vom Fenster: „Ribono-schel-vlom!" schwebte es noch einmal wie ein Hauch ans den zitternden Lippen. Und immer leiser, schwächer stammelte er hervor: „Er kommt! — Kommt! — Er — Er — Dort! — Seht Ihr ihn nicht?! Jetzt da ... Er kommt, der „Maloch-Hamowes!" Und dann verstummte er. Und mit ihm verstuinmte alles im Hause rings »in mich her. — Ein unsäglich schwüles, bleiernes, drückendes, niederdrückendes Schweigen! . . . _(Schluß folgt.)__ „Fit-sure" Pincenez double, 14 k Goldauslage, Mk. 7.50, Nickel Mk. 5 50. Operngl, Feldst., nur beste Fabrikate in großer Auswahl. Lorgnons, Brillen, Pincenez; Spezialwerkstätte für Optik, Mechanik, Elektrotechnik. Physikalische Lehrmittel. „I. SB. Albert, Inh. Paul Wandercy» Haus Neptun, Ecke Reue Mainzerstr. u. Weißfrauenstr. 11. Tel. 7354, Amt I." Schlafzimmer-Einrichtungen Bettenfabrikation, Bett-Wäsche. Georg Amendt, Xachf. Bleidenstrasse 10.’ Allgemeine Mitteilungen. In der Kunsthandlung H. T r i t t l e r, Frankfurt a. M.. sind Original-Radierungen von den Holländern Graadt van Roggen, M. van der Belck, und W. O. I. Nienwenkamp ausgestellt. 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Lehre daraics: Israels Priester stehen nicht unter dem Bann eines „^vtenkultns," sie gehören voll nnd ganz dem Leben an! — Leibesfehler (am Auge, Fuß, an der Hand nsw.) iverdcn ausgezählt, welche den Priester zum Dienste untauglich machen. Auch „Tumo" oder „tlnrcinheit" schließt vom Genus; heiliger Opfcrgabcn aus. Kein Nicht-Priester genieße heilige Heben und Gaben, ausgenommen des Priesters Frau, Kinder und Knechte; jedoch auch diese unter gewissen Umständen nickt. — Leibesfchlcr an Tieren, die diese von der Verwendung als Opfer ausschließen. Neugeborenes darf erst nach achttägigein Alter geopfert werden. — Abhandlungen über sämtliche Hauptfeste: Namen, Bedeutung, Datum des Festes, Fest-- opfer lKap. 23). Dieser Abschnitt ist Borlcsungskompcndinm an verschiedenen Feiertagen. — Der goldne Leuchter, der mit reinem Olivenöl täglich gespeist werden sollte, ein Symbol des rein strahlenden Ttzoragcistes in Israel; der goldne Tisch init den 12 Schanbrotcn, in 2 Schichten a <> geordnet, ailsabbatlich erneuert, die Weihe auch des irdischen Genusses darstellend. — Zum Schluß die Geschichte eines Gotteslästerers, der zur Strafe für sein Vergehen gesteinigt wurde, nachdem Moses hierüber Gott besonders gefragt hatte. Dienstag: Lag b' O in e r. Offenbacbtr Druckluft« Anlage Telefon 123. Ottenbach a. H. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste TepplChr eint SUDS*