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Neue jüdische Presse · 1911-05-12 · Heft 19 (12.5.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 19 (12.5.1911)
Date
1911-05-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Sic geben dem Beschauer ein klares und vollständiges Bild von der hohen Stufe, auf der die Kinder Israel bereits zur Zeit Moses' standen. In diesem Raum befinden sich ferner einige Torahrollen. Sie sind geöffnet und zeigen bezügliche Stellen. Silberner Schmuck und Mäntelchen liegen in reicher Auswahl nebenbei. Wichtig sind die Pläne und Skizzen der antiken Trinkwasseranlagen Palästinas, wie z. B. die Salomonischen Teiche, der Tunnel von Siloah mit der sich anschließenden Wasserleitung. Interessant ist auch Las 'Zelt der heutigen Wüstensemitrn, das uns veranschaulichen soll, wie etwa unsere Ahnen einst gewohnt Hatzen, And eine Tafel althebräischer Trachten. Phönizisch-südische Grabanlagen sind ebenfalls dargestellt, die Königsgräber, Familiengräber und Grabstätten Einzelner. Erwähnt, sei auch der dort dargestellte Bleisarkophag aus Tyrus, auf dem Bibelsprüche mit hygienischeckBedeutung cingraviert sind, Knochenkisten und Knochenrcsten aus Jerusalemer Katakoinben. Hier sind auch gleich Sachen des heutigen Palästinas ausgestellt. Kleine Modelle von Kochherden, Kohlenbecken, Krügen, Handmühlcn, kurz von allen Gegenständen, die zur Wohnungseinrichtung, zur Nahrungszutzerettung und zur Körperreinlichkeit dienen. Verlassen wir jetzt Raunt 3 und wenden uns zu dem andenr Saal. Bevor >vir noch Raum 26 betteten, blicken wir einen Augenblick nach links, wo in einer Wand zwei Grabsteine aus Wien und Aden eingemauert sind. Wie auf das Leben der Juden die Hygiene in der griechisch-römischen Zeit Einfluß gehabt hat, ist ebenfalls nur durch eine Spruchsammlung aus dem Talmud dargestellt. Im übrigen zeigt Raum 26 die Entwicklung der Hygiene bei den Juden des Okzidentes vom Mittelalter bis zur 'Neuzeit. Auf Bildern und Kupfern sehen wir EittbiuLungen, Besuche bei Wöchnerinnen, Mahlzeiten am Pessach und Sukkoth. Vor allem natürlich sind Bilder von der Bcschneidnng vorhanden upo die hierzu notwendigen Instrumente. Auch der Darstellung des rituellen Bades, der Mibveh, ist ein breiter Raunt gewährt worden. Wir sehen nicht nur Photographien, sondern auch Pläne, Grundrisse; auch zwei Modelle, das der der Mikwch in Offenburg,' etwa 1380 erbaut, unb der in Friedberg in Hessen, die ungefähr 120 Jahre früher errichtet wurde. Den Hauptteil dieses Raumes nimmt das sog. Sabbatzimmer (Ende des 17. Jahrhunderts) ein. Das Wohnzimmer eines Jude», wie es sich nur am Sabbat zeigt. Alles ist ordentlich und sauber. Auf der Kommode das Geschirr, die Zinnteller auf dem Ofen. Die Bücher, die aus den Zwischenetagereu der verschiedenen kleinen Tischcheir liegen. Wen» man so das Zimmer anschaut, da wird man so recht davon überzeugt, welche ungeheure hygienische Bedeutung allein doch der Sabbat hat. Kleine Modelle zeigen uns das Schächten, das „Koscher-Machen" des Fleisches, die Taharoh. Sehr inttressant ist folgender Beleg dafür, daß sich geschächtetcs Fleisch länger frisch hält als geschlachtetes. Man nahm zivei gleich große Hammel; den einen schlachtete man, der andere wurde geschachtet. Nun wurde das Herz des geschächteten Tieres viel kleiner, das andere blieb so groß wie cs behn lebenden Tier war, da im letzteren Fall alles Blut int Herzen bleibt. Daß sich aber Fleisch ohne Blutgehalt läiiger frisch hält, ist selbstverständlich. ZuM Schluffe wollen lvir noch' erwähnen, daß Frankfurt, das ja ein sehr reges Interesse fiir die Ausstellung bekundete, viele interessante Photographien nach Dresden sandte. Besonders hervorgehoben seien die Bilder von der Synagoge aus dem Jahre 1711, die vonr ehemaligen Judenfriedhof und von dem zu Anfmig des 13. Jahrhunderts bestehenden Friedhofe Mn LöwcNplatz. Und schließlich eines, darstellend' die Plünderung und Ermordung von Juden im Frankfurter Ghetto, . . . .. . . | Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Im Aufttage der Historischen Abteilung wird Dr. Grunewald auchein Büch: „Hygiene der Juden" demnächst herausgeben, für das eine Anzahl bedeutender Fachleute Beiträge geliefert hat. Aus de« Ereignissen -es Tages.*) 1. Die vkganifierung -er amerikanische« Judenheit. Amerika das Land der modernsten Entwicklungsformen, das ttotz all seiner großen Schattenseiten doch das Land ist, in denk das moderne Leben seine reicheste Entfaltung und Ausdehnung erlangen wird, ist auch für das Judentum ein Land der Hoffnung. Wir in Mropa schenken gewöhnlich diesem amerikanischen Judentum zu wenig Aufmerksamkeit. 2lb und zu kvinmt eine Nachricht von irgend einer reichen Spende eines jüdischen Alultimillivnärs zu uns herüber, von den inneren Entwicklungsprozessen aber, von der geistigen Entwicklung der amerikanischen Jndenheit wissen wir nur wenig, fast nichts. Alle hervorragenden jüdischer Persönlichkeiten aber, die Amerika bereist haben, erzählen nur Frohes und Glückverheißendes vom dortigen Judentum. Noch vor etwa einem Iahte erklärte der bekannte hebräische Schriftsteller Rüben Braiuin, der längere Zeit in Amerika geweilt hatte, Amerika sei das Land der jüdischen Zukunft, und auch in diesen Tagen hat sich Dr. Schemas ahn Le Win, der soeben von Amerika zurückgekehrt war, begeistert über das amerikanische Judentum ausgesprochen. Und die Nachrichten, die manchmal zu uns gelangen, bestätigen diese günstigen Urteile voll und ganz. So wird denn in diesen Tagen berichtet, daß in allen größeren Städten Amerikas eine starke Bewegung eingesetzt hat, die zur Zusammenfassung aller lokalen jüdischen Vereinigungen und Institutionen zu organisierten jüdischen Gemeinden führen soll, wobei natürlich jede Institution ihre vollste Bewegungsfreiheit behält; daß —> nachdem Ncwyork bereits seit 2 Jahren eine geeinte jüdische Gemeinde besitzt —. auch in Philadelphia und Chikago eine solche im Entstehen begriffen sei. Diese kurze Nachricht, so unscheinbar sie aussieht, besagt in Wirklichkeit, daß das amerikanische Judentum an der Schwelle einer neueuEpvche steht. Man weiß, wieviel schon die Jndenheit Amerikas — besonders - materiell — bishdr geleistet hat und bedenke, Ivelche ungeahnte Möglichkeiten zu jüdischer Arbeit geboten werden, wenn all die großen Energien und materiellen Machtmittel, über die die amerikanischen Juden verfügen, erst einmal organisiert sei» werden. ' Abgesehen davon, daß die so organisierten jüdischen Gemeinden politisch eine überaus wichtige Rolle spielen können und werben —i was in Newyork schon heute in hohem Grade der Fall ist —, daß sie durch ihre Geldmittel sozial für ihre Mitglieder Hervorragendes und Mustergültiges leisten können, daß sie materiell siir die jüdischen Institutionen Europas von der größten Bedeutung werden ^können —, man denke nur, welche Geldmittel Dr. Lewin bei seiner Propagandareise für das Technikum in Haifa zusammmengebracht hat —, abgesehen von all dem, wird die Gründung von jüd. Gemeinden in Amerika auch dem inneren Leben der Judenheit selbst ein neues Feld ungeahnter Entwicklungen bieten. Dort in Amerika, dem Treffpunkt aller Nationen, dem' Sammelpunkt von Juden aus den verschiedensten Ländern, kann die Annäherung all dieser Juden, ihre Verschmelzung zu einem neuen Typus vor sich gehen. Der Antagonismus zwischen deutschen, russischen, rumänischen, galizischen, englischen Juden, der in Europa noch immer besteht und den ganz zu 'entwurzeln "es unmöglich ist, dort' in Amerika wird und muß er verschwinden. Amerika kann in der Tat für uns Juden zum' „Schmelztiegel" werden, in dem' wtt aber nicht mit anderen Nationalitäten verschmolzen, sondern untereinander vereinigt und verbunden werden. So ist diese Nachricht PoU der Gründung jüd. Gemeinden in Amerika aufs freudigste zu begrüßen. Was sie aber noch wervoller inacht, ist die Iveitcre Tatsache, die sie meldet, haß die ReforMrabbiner sämtlich feindlich der Gründung dieser Genteinden gcgenüberstehen, in der sie nur das Streben nach Separatismus und Zionismus — so hat Dr. Philipsou in Cincinnati erklärt —• erblicken. Dies zeigt, daß diese neuen jüd. Gemeinden gewillt sind, in gut jüdischer Weise zu arbeiten, zeigt aber auch, daß das Reformjudentum in Amerika zurückgeht. Das ist uur uatürlich. Diese spezifisch deutsche Giftpflanze, deren *l Wie unsere Leser schon gesehen haben, haben wir mit der vorigen Nummer diese neue Rubrik eingeführt, in der wir unsere Leser mit allen wichtigen Ereignissen und Erscheinungen des öffentlichen jüdischen Lebens bekannt machen werden. Nr. 19 Entstehung in Deutschland' noch ein wenig verständlich, wenn auch durchaus nicht entschuldbar ist, und die von Deutschland aus nach Amerika exportiert worden ist, hat eben dort zu wenig geeigneten Boden gefunden, dessen sie zu gedeihlicher Fortpflanzung bedurfte. Der Widerstand der Reformrabbiner wird natürlich! nicht den geringsten Wert haben, ihre Anhänger selbst stehen an der Spitze der neuen Gemeinden, und so werden sic sich denn wohl oder übel zur Mitarbeit bequemen müssen, wenn sie überhaupt nicht übergangen sein wollen. Von diesen neuen jüd. Gemeinden aber werden sie — .so hoffen wir — am meisten profitiere», denn während die anderen in erster Linie soziale materielle Vorteile haben werden, werden sie dort erst lernen, Jrrden zu sein. 2. Russische Halbkultur. Halbkultur ist Manchchal schlimmer wie Unkultur, denn die Unkultur ist sich wenigstens bewußt, Unkultur zu sein, die Halbkultur maßt sich jedoch gar oft air, wahre, ganze Killtur;u sein. Halbkultur ist die Ursache zahlreicher gefährlicher Uebel, an denen die russische Jndenheit krankt. Halbkultur ist die wahre Ursache all jener krankhaft nihilistischen Ideen, die, entspringend der faulen russischen Erde, unsere Brüder im' Osten so stark infiziert haben; HalbkMtur ist die Ursache jener nationalen Strömungen 'innerhalb der russischen Judenheit, die — Heute allerdings in schwächerein Maße als früher .—> dem' Vordringen der nationalen Idee so stark geschadet haben; Halbkultur ist die Ursache jener extremmen zügellosen Freigeisterci, die ■—i wenn auch! äußerlich ähnlich — in Wirklichkeit nichts zu tun hat mit der Weltanschauung mancher moderner westeuröpäischer Denker; Halbknltur ist endlich auch die eigentliche Ursache all jener unangenehinen Erscheinungen, die in der diesjährigen Generalversammlung .der „Gesellschaft zur Verbreitung der Kultur" in Petersburg zu Tage getreten sind. Diese Gesellschaft, eine der ältesten einflußreichste» und weitverzweigtesten jüdischen Vereinigungen Rußlands ist zu einer Zeit gegründet worden, da die kulturelle Ausbildung der russischen Judenheit eine nur minimale war, zum Zwecke, eben diese Ausbildung durch Gründung von Schulen in allen Teilen des Reiches zu heben. Sie besitzt sehr viele Schulen und Ortsgruppen, und ihre jährliche Generalversammlung beansprucht deswegen mit Recht die Aufmerksamkeit und das Interesse der gesamten jüdischen Oeffentlichkeit, umsomehr Interesse, wenn man bedenkt, ivelche Bedeutung gerade die Erziehung der Juden für die Zukunft unseres Volkes hat. Zn der diesjährigen Gcneralversamnilung nun. die in der vergangenen Woche in Petersburg tagte, hat sich eine starke Strömung breit gemacht, die darauf Hinziclt, das Hebräische samt der Bibel aus dcu Volksschulen, die die Gesellschaft unterhält, zu verdrängen. Hebräisch, erklärten die, einen Wortführer dieser Strömung, ist etivas Nationales, die Gesellschaft aber darf keine nationale Partei sei», sondern muß neutral bleiben. Hebräisch, erklärten die anderen, ist etivas Religiöses, die Gesellschaft aber darf keilte religiöse Partei sein, sondern muß neutral bleiben. Hebräisch, erklärten endlich die dritten, ist für das praktische Leben wertlos, die Gesellschaft aber darf in den Schulen nur das eine Ziel verfolgen, ihren Zöglingen eine Ausbildung zu erteilen, die ihnen den Lebenskampf erleichtert! —, Also was denn? Jargon, sagten die einen, denn dies ist die einzige' nationale Sprache des jüdischen Volkes. Russisch, schreien die anderen, denn einmal sind wir Russen, und ferner ist Russisch fürs Leben praktischer als Hebräisch und Jargon. Und die Bibel? Nir», die Bibel, die ist doch etivas Religiöses, über Religion aber sind die Vertreter dieser Strömung schon langst hiniveg, und zudem erfordert die „wahre Pädagogik" —i Ignoranten gebrauchen gerne hochtrabeirde Ausdrücke —, daß die Schulen religionslos seien. Wir haben die einzelnen Anschauungeil so ausführlich gebracht, weil sie so deutlich reden, daß ein Kommentar überflüssig 'ist. Man möchte sich förmlich an den Kopf fassen, wenn mau diese babylonische Begriffsverwirrung, diesen krankhaften Nihilisnius, diese tragikomische Unkemltnis der elementarsten Wahrheiten tvahrninimt, in einer Versammlung, die in der überwiegenden Majorität ans Lehrern besteht, —- und solchen Männern ist die Erziehung eines großen Teiles der jungen Generation in die Hände gelegt! Nim soll gewiß nicht verschwiegen werden, daß nicht alle so denken, daß sich die Majorität der Versammlung für den Unterricht im Hebräischen und der Bibel entschied, aber es ist ttaurig genug, - wenn eine starke Minorität so denkt. Die Ursache? Wir haben es eingangs gesagt: H'albkultur. Das Ausschnappen von Phrasen, die unverdaute Aufnahme von ungesunden Anschauungen, die lächerliche Sucht von den Modernen der Modernste zu sein, all die bekannte Symptome der Halbukltur sind es eben, die zu solchen Anschauungen. führen. l.Unb' das Mittel? Ganze, wahre Kultur! Ein

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