Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1911)
- Date
- 1911-05-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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i r- — i Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus: Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Lesterreich - Ungarn Mk: 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— ■■ — He-aKtt-n und chefchäftsstelle: Srsnkfurt 2. M., LrrrrN-estrrrrtzs 7 ‘tyetcfon 10507. Herausgeber: Aal- ^eis. , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. ... . 25 Psg. Die ReklamezeUe. . MO .. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter No. 4861. 9. Jahrgang. Freitag, de« 14. Ijui- 5671 (12. Mai 1911). Nr. 19. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: „Das Tohuwabohuland." — Die jüd. Abteilung auf der Internat. Hygiene-Ausstellung. — Aus den Ereignissen des Tages. — Achad Haam über die A. I K. O. — Aus aller Welt. — Per sonalienundKlei ne Mitteilungen. — Feuilleton: „Der Maloch-Hamowes" oderein Tag im Golus. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. — Briefkasten. — B a r m i z w 0 h 3. Das „Tohuwabohnland." Kennt Ihr das Land des „Tohuwabohu"? Cs ist das Land, wo Luft erschlichen und Licht gestohlen werden muß, das Land der Fäulnis und des Morschen, des Kerkers und des Galgens, das Land des Zaren uird daher auch des Nihilismus und Atheismus, das korrupte Zarenreich. In diesem unglückseligen Lande befinden sich Millionen unserer unglückseligen Brüder, die im Namen der christlichen Liebe systematisch von Volk und Negierung mit dem größten Behagen geknebelt, gehetzt und gemartert iverden. Bei einer solchen Behandlung seitens eines christlichen Volkes sollte man meinen, daß die russische Judenheir nichts weniger als Liebe und Bewunderung für das Christentum empfinden werde; allein weit gefehlt. Was bei Menschen in 110 r m a l e n Verhältnissen natürlich, ja selbstverständlich ist, ivird für Menschen, die im „Tohuwabohu" aufgelvachsen und groß geworden sind, zur Unmöglichkeit; der freie Mensch verfährt b i bedachter und fortgesetzter Mißhandlung nach der natürlichen und daher gesunden Lehre: „Ajin t a ch a s a j i n", der unfreie aber, der K n e ch t, handelt gemäß der unnatürlichen und ungesunden Lehre: Wenn Dich jemand auf die linke Wange schlägt, so reiche thmanch die r c ch t e d a r . . . . Es scheint unglaublich, und doch ist cs leider wahr: Begeisterte Nationaljuden glauben jeglicher Verpflichtung, ja sogar jeglichen Respektes gegenüber den jüdischen Gesetzen ledig sein zu dürfen, begeisterte Nationaljudcn glauben, das geheiligte Land der Väter, wo die Wiege des Volkes gestanden und seine Kulter entstanden ist, um ein fremdes, nie gekanntes und womöglich erst noch zu erstehendes Land cintauschcn zu dürfen . . begeisterte Nätionaljuden glauben, die ererbte herrliche Sprache, in der unsere ganze grandiose Kultur niedcrgelegt ist, unsere köstlichen Märchen und Lieder gewoben und gesungen worden sind, um irgend eine Bastardsprache, einen Dialekt, ein kauderwelsch cintauschcn zu dürfen, und siche: begeisterte Nationaljuden bringen cs sogar fertig, auf Kosten des Monotheismus das Christentum zu verherrlichen und begeisterte Lobeshymneu-auf den Gottsohn anzustimmcn, in einer Zeit, da die Träger des Christentums, die katholischen wie protestantischen, sich beständig den Kopf zerbrechen, wie das unhaltbar gewordene Christentum zu halten ist; in einer Zeit, da die herrliche» Wahrheiten des Judentums von christlicher Seite immer mehr Anerkennung finden, kommen jüdisch-nationale Schriftsteller, allerdings vereinzelte, und indem sie das Judentum in den Kot zerre», heben sie das Christentum in den Himmel! Also Juden, die von einem furchtbaren Martyrium von zweitausend Jahren, das ihnen das Christentum mutwillig bereitet hat, zu erzählen wissen; Inden, die noch gegenwärtig von den Christen getreten und mißhandelt werden und lediglich ob ihres Judentums unsägliche Qualen zu erdulden haben, ergehen sich in Verherrlichungen des Christentums, — was. soll man dazu sagen! Ist es Schlechtigkeit, ist's Wahnsinn?! Halbbildung und Nihilismus sind es, die sic dazu verleiten, Halbbildung, Nihilismus, die ihren Ursprung im Wesen des Rnssentums haben, das mit „Piaiistwo"-Besoffenheit identisch ist. Wahrlich, diese Erscheinung ist an und für sich schlimm genug, allein die Sache gestaltet sich noch schlimnier, wenn nian bedenkt, daß in Rußland gegenwärtig eine Taus-Epidemie unter der Jugend grassiert; die verunglückte Revolution smoie der gewaltige Druck seitens der Regierung trägt gewiß viel zur Taufe bei, allein durch die neu entstandenen Christusapostel wird die Taufe den Täuflingen leichter gemacht, wenn nicht gar als ideale Tat hingestellt. Und doch, doch sind auch russische Nationaljuden viel schuld daran; gewiß haben die entsetzlichen Zustände Rußlands einerseits, sowie die Halbbildung und der russische' 'Nihilismus andererseits ihren Hauptanteil an dieser ebenso häßlichen wie gefährlichen Erscheinung, aber — die Nationaljudcn sind mitverantwortlich dafür zu machen. Wir haben bereits hier auf die Tatsache hingewiesen, daß die'Nationaljnden in die nationale Bewegung als „Maskilim" eingetretcn, als Maskilim der Schule Voltaires, die die Religion nicht nur negieren, sondern sie auch hassen. Eigentlich hätten die zum Nationalismus infolge ihrer enttäuschten Hoffnungen, die sie auf die Freiheitsanwandlungen Alexanders II. gesetzt hatten, übergcgangencu Maskilim dreifachen Grund gehabt, ihren Standpunkt der Negation und des Hasses zu korrigieren. Die christliche Religion wurde den Völkern aufg czwung en, die jüdische Religion dagegenwurde freiwillig a l s L ä u t e r i n u n d Leiterin sowohl des einzelnen Individuums als auch der Gesamtheit geübt. Die christliche Religion würde als K i r ch e, a l s bedrückende M acht gehaßt, der jüdischen Religion aber stand zur Zeit der Haskala nicht die Polizei zur Seite. Der Katholizisnius ist bloß Konfession, während das Judentum nicht nur Religion sondern auch Nationalismus "und in geivissem Sinne Sozialismus ist. Der päpstliche Katholizismus setzt sich in Widerspruch zur Freiheit unv Wissenschaft, das Judentum aber nicht. Man sieht, den. nationalen Maskilim fehlte jeglicher rationelle Grund zur krassen Negation, geschweige denn zum Haß. Sogar der einzige plausible Grund der Neologic Westeuropas, die Erlangung von Menschenrechten, fehlte den russischen „Maskilim" der achtziger und neunziger Jahre. Saß doch damals auf dem Thron Alexander III., und seine Regierung behandelte die Orthodoxie mit größeren! Wohlwollen als die Liberalen. Wan sage nicht, die Liebe zur Wahrhaftigkeit ist es, die die russischen Maskilim zur Negation veranlagte; denn cinnial befanden sich unter den Maskilim auch religiöse Naturen, und ferner, wieso konnnt es dann, daß ihre Wahrhaftigkeit ausschließlich auf dem Gebiet der R e l i g i o n, nichtaber aufdenandern Gebietendes Lebens zum Ausdruck kommt. Ter National j u d e kann mit gutem Gewissen, auch wenn er noch so freisinnig gesonnen ist, die Traditionen der Väter halten, und dies steht wohl fest, daß in der Diaspora kein e G ewäh r fü rdie Erhaltung des Judentums außer durch die Relig i 0 n v 0 r h a n d e n i st. Uns dünkt, daß einer der Gründe für das 'Negieren der Religion seitens der nationalen Intelligenz Rußlands in dem Wunsch zu suchen ist, unbedingt zur Intelligenz mitgezählt zu werden. Die russische Intelligenz rekrutiert sich nicht bloß aus Leuten, d.e höhere Schulbildung genossen haben, die Zahl der Akademiker ist gering, und da zur Intelligenz Leute ohne Grad und ohne jegliche Schulbildung zählen, so ist der einzige Gradmesier der Bildung die Negation, und da dieselbe leicht zu haben ist und dazu noch manche zeitliche Bequemlichkeiten bietet, so greift ein jeder zur Negation und sucht sogar den 'Nachbar darin zu überbieten, was auf besonderen Mut und höhere Bildung in den Augen der Masse schließen läßt. Und merken es nicht die Nationalisten Rußlands, welchen Schaden ihr Verhalten zur Reli-' gion anrichtet; werden sie garnicht ihren Standpunkt korrigieren? Uns dünkt, es beginnt auch in Rußland zu dämmern . . . Die jüdische Abteil««- ans der Internat. Hygiene-Ansstellnna. e. Dresden, 9. Mai. In der „H i st o r i s ch c n A b t e i l u n g" der vorigen Samstag eröffneten I n t e r n. H y g i e n e - Ausstellung sind der Hygiene der Juden zwei Räume reserviert. Die Einrichtung einer jüdischen Abteilung bot zu Anfang Schwierigkeiten. Was sollte man ausstellen? Wodurch die weitentwickelte Hygiene des alten Israels zeigen? Plastische Darstellungen aus der altjüdischen Zeit existieren nicht, da es bekanntlich keine jüdischen Bildwerke gibt. So blieb das die einzige Möglichkeit: Man zog aus unserem Schrifttum alle Verse aus, die irgendwelche sanitären Vorschriften, enthalten» eine Arbeit, an der sich außer dem Leiter der Abteilung, Rabb. Tr. Max Grün» wald-Wien, auch Rabb. Tr. Bambcrger- Schönlnnke beteiligte. Diese Verse nun sührtc Frau Dr. H it sch mann-Wien in Kalligraphie aus, und so wurden sie in Raum 3, der dem jüdischen .Altertum gewidmet ist, an beit Wäichen aufgehängt.