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Neue jüdische Presse · 1911-05-05 · Heft 18 (5.5.1911) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 18 (5.5.1911)
Date
1911-05-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 aufgefordert wurde, sagte: „Sobald der erste Jude Leutnant der Marine ist." Auch wir müssen so handeln, imö die von unseren Führern im jüdischen Gemeindeleben anders verjähren, auf deren Abdankung haben wir zu bestehen, denn sic haben uns bei dem Kampf um unser Recht verlassen und sich so unwürdig erwiesen, fernerhin Führer im jüdischen Gemeindeleben zu sein. Aus aller Well. Deutsches Reich. Berit«. Unter Anwesenheit zahlreicher Mitglieder des Zentralkomitees und Delegierter fand hier die Generalversammlung des Vereins >,E s r a" statt. Moritz Dorn - der Vorsitzende, cröffnete die Bersamntlung. Er gedachte Dr. Hirsch Hildesheimers, dessen große Verdienste uin den „Esra" er eingehend würdigte, und Eduard Cohens-Fränkfurt a. Main, der dein Verein 2000 JL hinterlassen hat, erwähnte eine Zuwendung von 3000 JL seitens Dr. Paul Schottländers-Breslau und berichtete sodann über die Tätigkeit des Vereins im verflossenen Jahre. Unter Hinweis auf den gedruckt vorliegenden kurzen Bericht teilt er mit, daß bas Zentralkomitee zur Ansivdluug von 12 Arbeitern in Kafr-Saba der Auglo PalLstine Comp. Frs. 22 000 überwiesen hat und die Kolonie Che de re h mit 20 jüdischen Arbeitern zu versehen beabsichtigt. Auch sollen die Gesundheitsverhältnissc indieser großen Kolonie durch den Bau eines Arzthauses und Anlegung einer Wasserleitung weiter verbessert iverden. Das ganze Unternehmen dürfte eine Ausgabe von 60000 Francs beanspruchen. Im Anschluß daran erstattete Sanitätsrat Dr. D. Caspare, der eben in Palästina getvcilt und die Kolonie Chcdereh eingehend besichtigt hat, einen kurzen Bericht über die Verhältnisse dieser Kolonie. Chcdereh ist ein herrlicher jüdischer Besitz, über 14 OM Morgen groß und so schön, daß jeder Europäer daselbst mit Vergnügen wohnen würde. Der Boden ist überaus fruchtbar; es könnten bei rationeller Bewirtschaftung viele Hunderte jüdischer Familien auf demselben in Frieden und Ruhe ihre Existenz finden. Bei den Wahlen werden die ausscheidendcn Mitglieder des Zentralkomitees Dr. D. C a s p a r i, Konsul Julius F r i e d e m a n n, Berthold Israel, Willibald L ö w e n t h ä l, Professor Dr. Mittwoch, Prof. Dr. Marburg, sowie die beiden Revisoren M. Apolant und I. H. Wagner per Akklamation wicbergewählt und an Stelle des fei Dr. Hirsch Hildcshciincr Dr. Eduard Biberfeld ueugewählt. Berit«. Die Mische Mittelpartei. die „Freie jüdische Bereinigung" beabsichtigt, anläßlich der am 7. und 8. Juni hier stattfindenden Generalversammlung des Rabbinerverbandes ihren 1. ordentlichen De legierten tag abzuhalten. — Bis jetzt hat man von dieser vor 2 Jahren gegründeten Organisation noch wenig gehört. Oesterreich-Uugaru. Budapest. Der heftige Kampf zwischen den beiden jüdischen Parteien anläßlich der Landtagswahl hat mit der am 26. April stattgeftnidenen engeren Wahl ein Ende gefunden. Beide Parteien haben gesiegt. Der Kandidat der jüdischen Nationalpartei Bizebürgermeister Wcißelberger wurde als Majoritätsrandidat mit 4758 Stimmen gewählt. Das Minoritätsmandat siel mit 4660 Stimmen Pros. Kellner zu. Der Kairdidat der deutschen Parteien Hvfrat Di. Skedl blieb mit 4285 Stimmen in der Minorität. Lemberg. In dem ruthenischen Dorfe Karow haben gelegentlich der griechisch-katholischen Ostcrfeiertage Exzesse gegen die Juden stattgefunde», bei denen Blut floß. Die Nachricht ist weiter nicht aufregend; — läßt doch jedes Jahr die Ostcrzeit irgendwo in der Welt christlichen Haß gegen die Juden auflvdern, —: und diesmal war es ausnahmsweise ein ruthenisches Dorf. Und doch hat die Nachricht ihre bcsoildcrc Bedeeutnng. Oesterreich 'steht vor den Reich srat- Wahle n, imd in dem galizischen Landtcile müssen sich Juden und Ruthenen Verbünden, soll die reaktionäre polnische Schlachzizenherrschast gebrochen werden. Da wird denn der Borfall in dem ruthenischen Dorfe den Polen ein wilkommclnes Mittel sein, den Juden vor der Freundschaft mit den Ruthenen bange zu Machen. Doch - die Juden Galiziens' sind in den letzten Jahren vernüfttger geworden. Ein großer Teil von ihnen weiß bereis daß nur kühle Erwägungen sie bei ihren Maßnahmen leiten darf. Frankreich. Palls. Es ist ein merkwürdiges Schicksal, daß die Juden überall in der Welt, lvö chaotische Wkarrkfurter FsraMWrS MmAienölatk. Zustäiche eintreten, zuerst der leidende Teil sind. 'So hatten jetzt bei den Kämpfen in Marokko die Juden von Mahinez, die dem Sultan, treu geblieben waren, bei der Verteidigung der Stabt einen schweren Kampf xnit den Berbern zu bestehen. Bei dieseni Kampfe verlöre« die Berber bedeutend mehr Leute als die Inden, die wahre Wunder der Tapferkeit verrichteten. Auch hier hat sich, also wieder einmal die jüdische Treue zu Gesetz und Regierung bewährt. Rußland. Petersburg. Duma-Abg. L. N. N i s s e l o w i t s ch erließ zum Pcsachfcst einen Aufruf unter der Ueberschrift: Verzweifelt nicht! In dieseni Aufrufe heißt cs: „Die Mittel, die die jetzt sieghafte Reaktion anwcndet, um unsere geistige und wirtschaftliche Rechtlosigkeit zu befestigen werden in den gesetzlichen Institutionen, durch administrative Verordnung oder kurzerhand durch die Verwaltung durch geführt. Aber beweist nicht gerade dieses System, daß die dritte Duma, obgleich sie sich nach Belieben biegen und wenden läßt, dennoch ihre Zustimmung zu allen diesen Mitteln versagen Würde? Dieser Umstand muß uns, meiner Meinung, einen gewissen Trost bieten in -unserem jetzigen großen Unglück. Ich persönlich habe die Ucbcrzeugung, daß die jetzige schwere Zeit nicht lange dauern wird. . . Mein Ausruf richtet sich an alle diejenigen, die im öffentlichen jüdischen Leben tätig sind. An alle diejenigen, die noch vor kurzer Zeit mit solchem Feuereifer gearbeitet haben, jeder auf seinem Platze und heute, infolge der cingetretenen Reaktion, resigniert und müde sich zuriickziehvn von jeder gesellschaftlichen Arbeit, die ganze volle Verantwortlichkeit den zwei jüdischen Deputierten mit den Petersburger jüdischen Kreisen überlassend, ohne daran zu denken, daß selbst zur klcinstcu Arbeit, wenn sie Erfolg haben soll, die Unterstützung der großen jüdischen Gesellschaft unerläßlich ist. Indem ich mich' an Euch wende, wiederhole ich: verliert nicht den Mut, Brüder, und hvlfct uns arbeiten znm Nutzen und zum Glück für unser Volk." Warschau. In ganz Russisch-Polen werden seit einiger Zeit Hausdurchsuchungen in den Wohnungen jüdischer Akademiker aurd sonstiger^ Angehörigen der jüdischen Intelligenz vorgciiommcn. Im Anschluß daran sind in den letzten Tagen mehr als 300 Verhaftungen zu verzeichnen geivesen. Die meisten Verhafteten sind jedoch wieder auf freien Fuß gestellt worden. A«s -er Lehrerwett. >'Frankfurt a. M. Der Bericht der Israelit. Volksschule (Rektor: B. Falk) für die Jahre 1909 und 1910 zeigt, wie weitere jüdische Kreise das' Wohl dieser Schule ständig lut Auge haben, zeigt aber auch, daß an der Spitze dieser Schule ein Mann stehen muß, den innige Liebe init der ihm anvertrauten Schule verbindet. Sind doch die Aufgaben der Leitung einer Volksschule vielgestaltiger als die anderer Schulen! Die Volksschule hat Aufgaben der Familie mit zu übernehmen, und so sehen wir, wie die Israel. Volksschule — eine Mustcranstatt nach dieser Richtung — schlecht genährte Kinder in der Panse .mit Milch und Brötchen versorgt, schwächliche und kränkliche Kinder zur Erholung tvegschickt und allen Kindern in ihrer eigenen Badeanstalt ein rcgclniüßiges Bad zuteil werden läßt. Besuch des Theaters und der Sehenswürdigkeiten der Stadt. Fußwanderungen, Schwimmunterricht schließen sich ferner in den Kreis dieser - familiären Fürsorge. Diese glänzenden Verhältnisse lassen es" verstehen, wenn dem Audrang in die Schule nicht Genüge geleistet tverdeir kann, und machen den Wunsch zu einem berechtigten, daß die Zahl der inatcricllen Förderer der Schule sich ständig vermehren möge. Gegemvärtig tvird die Schule, die eine sicbcnklassige ist, von fast 4M Kindern — Knaben und Mädchen —: besucht. Belli«. Der Verein „Israel. Lehrerinnenhcim" schließt bas' Führ 1910 mit 50342 Mark in Einnahmen und Ausgaben ab. Im Heim befanden sich zum dauernden Aufenthalt 22 Damen. Auch die beiden Räume des Erholungsheims waren von 9 Damen fast während des ganzen Jahres in Anspruch genommen. Mir den Erlveiternngsbau wurde das Ncbenhaus an.gekanft. Berlin. Rabbiner Dr. R. Ung erleid er ist am 25. April nach langem Leiden in seiner Wohnung Magdeburgcrstr. 33 im Alter von 77 Jahren gestorben. U., ein geborener Ungar, wurde noch bei Lebzeiten Wraham Geigers von Rawitsch in Posen, wo er als Rabbiner tätig war, im Jahre 1870 an die jüdische Gemeinde in Berlin berufen, wo er. als Kanzelredner sehr beliebt war. Bor sechzehn Jahren ließ er sich pensionieren. Nr. 18. Königsberg. Dem 18. Berichte der Religionsschule der Ge Meinde Ab aß Jisrvel (Dirigent: Rabb. Dr. Wohlgemut!)) entnehmen wir folgendes: Die Frequenz ' betrug 66 Knaben, 47 Mädchen und 10 Teilnehmer an den Fortbildungskursen. Ter I u g e n d g v t t e s d i e n st fand (in jedem Sabbat - Nachmittag statt. Er besteht aus Minchah- und Mussafgebet und der Verlesung der ganzen laufenden Sidra. Die Funktionen wurden fast sämtlich von einzelnen Zöqlingcn ausgciibt. Wien. Im Alter von 78 Jahren verschied Rabbiner Aron Fried'Mann von der „Schönlaternschul." ’ Vielleicht der letzte der Paladine aus der Glanzzeit Prags, verkörperte er, der Schüler Rapaports und Samuel Freunds, die klassische jüdische Forschung. Budapest. Charakteristisch für die soziale Lage der israel. GeMeiudebeamten Ungarns ist folgende Ausschreibung der Schauchctstelle in Brezvwa: „Für Schcchita und die Schamesagcnden der Gemeinde und Chcwra Kadischa werden ein Jahresgc- (alt von 300 Kr. fix (gleich 250 JQ, 100 Kr. auS Legaten, Quartier in Natura, 4 Meter Holz im Gemcindeivald und die üblichen Nebcncmolumciite verabfolgt." Petersburg. Die Gesellschaft für Verbreitung von Bildung unter den Juden Rußlands, hat in ihrer dieser Tage hier ftattgehabtcn Tagung beschlossen, daß in den jüdischen Anfangsschulen und in den Mädchen s ch u l e n Bibel int Original und hebräischer Sprachunterricht gelehrt werde, und daß das Jargon nur dort unterrichtet iverde, wo es Umgangssprache ist.. G lenilMm. © Der „Maloch - Hamowes" A H oder » Ein Tag im Golus. Eriniicrmlgcn ans einer Ferien-Reisc im Lande der Pogroinc. Bon Ia c.v b b e n Elröscr, Osfenbach I. Ci» Städtchen, ein hinter den Jahrhunderten zurückgebliebenes, ein weltverlorenes, eines der zahlreichen armen, elenden Städtchen im Zarcnlandc. Einsam liegt cs da in der Tiefe eines - Tales, abseits von dem Getriebe der Welt. Es verharrt — wie erstarrt und in sich zusamMengekauert — in ewiger gleichgiltigcr Schivcigsamkeit. Und es krankt, siecht und verkümmert still und klagelos in Elend und Armut. . . . Der nackte lehmige Boden fault den größten Teil des Jahres hindurch unter einem dünnflüssigen Koth, in denk man bis in die Knöchel versinkt. — Die kahlen, traurigen Ghetto-Gässchen grinse» schmerzlich und Ivchiniitig. . . Die müden, wacklige» Hänschen träumen in de» Tag hinein und schrecken wie unheimliche, lauernde Gespenster des Nachts . . . Bor den Haustüren regt sich ein buntes Treiben: Hähne, Hühner und Gänse picken in lautloser Andacht zwischen dem' Dünger . .. Wenn die Jugend, vom „Cheder" dispensiert, Zeit und Muße hat, gesellt sie sich gar bald zu dieser andächtigen befiederten Schar und spielt mit ihr gemeinsam in dem schmutzigen Koth. .. Alles dies aber geht in der Regel still und geräuschlos vor sich hin, so daß die Eintönigkeit des Städtchens nicht im geringsten unterbrochen wird. ' „Ein Fremder" gehört im Städtchen, zu den seltensten Erscheinungen. Und taucht er einmal — sich durch irgcitb welchen Zufall in dieses trostlose, weltvergessene Nest verirrend —. daselbst ans, so erregt er ungeheures Aufsehen und brenneirdcs Interesse hei den armen Einwohnern. Er wird so unwillkürlich zunt „Beleber der Toten." Denn durch ihn erlvachen die im monotonen Schlummer versunkenen Wesen aus ihrer Erstarrung und stumpfen Gleichgültigkeit: Die Hunde bellen, die Hähne krähen und die Gänse gackern. Alles bekommt Leben! Und alles ' verkündet dem Städtchen die unverhoffte, seltsame Neuigkeit, das sensationelle Ereignis. . . > Und die bellenden Hunde, die krähenden Hähne und die gackernden Gänse * sie umringen den Fremden, den Eindringling und starren ihn verwundert und fragend an. Die Kinder aber rennen erschrocken und sprachlos vor Ueberraschung davon und beeilen sich, den Eltern die „erschreckende Kunde" beiznbringen. . . Da recken die Frauen die Hälse —. und gucken sich fast die Auge» aus. . . Die Männer jedoch schleichen sich allmählich, einer nach dem andern, lautlos, wie Katzen, aus ihren baufällige» Hütten und begrüßen den Gast respekt- und ehrfurchtsvoll. Ein jeder drängt sich an ihr heran, erfaßt seine Hand, drückt sie kräftig und' ruft ihiir ein feierliches' „Schalvm--gleichem" zu, . . Dabei erhciter»

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