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Neue jüdische Presse · 1911-04-28 · Heft 17 (28.4.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 17 (28.4.1911)
Date
1911-04-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. in Tarnotv in eine G. m. b. HI die zum größten Teile aus Christen besteht, aber von dem früheren jüdischen Geschäftsinhaber geleitet wird, übergegangen. Doch müsse die Gesellschaft, ob sie nun wolle oder nicht, Juden als Arbeiter beschäftigen, und durch die Umwandlung in eine G. m. b. ,H. würde nun eine größere Anzahl solcher Arbeiter Beschäftigung finden. Wenn man dies liest, so scheint es, als solle es in Galizien so gehen wie in anderen Ländern: die Juden gründen neue Erwerbszweige und bekommen sie, dann von den Nichtjuden abgenommen, die sie dann zum Dank juvenrein machen. Zahlreiche von Juden gegründete Banken und andere Aktiengesellschaften, die heute 'keine Juden mehr anstellen, sind der Beweis dafür. Wenn die Arbeit des Hilfsvercins zweckdurchdacht sein soll, dann muß er sehr auf der Warte stehen. Schwieriger unb; undankbarer als die Tätigkeit des Hilfsvereins ist die der -Oesterr. Jsraelitischen Union, deren Aufgabe» denen des „Zeirtralvereins deutscher Staatsbürger, jüdischen Glaubens" entsprechen. Denn die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden läßt sich, nicht dadurch erkämpfen, daß man die einzelnen Verletzungen dieser Gleichberechtigung nötigenfalls bis zur höchsten Instanz verfechtet; womit keineswegs gesagt sein soll, daß man sich nicht bei jedem Fall einer Verletzung der Gleichberechtigung mit allen Mitteln zu wehren hat. Und so kann die Oesterr, Israelit. Union alljährlich auf ihrer Generalversammlung dieselben Klagetöne , anstimmcn, ohne etwas. dafür tun zu können, daß die Juden in der Wirklichkeit und nicht nur auf dem Papiere als gleichberechtigte Menschen betrachtet werden. Wäre es da nicht das beste, vor allen Dingen durch zielbewnßte, innerjüdische, kulturelle Arbeit die jüdische Würde zu heben? Vorläufig ist die innerjüdische kulturelle Arbeit — mit Ausnahme der von Zionisten geleisteten — sehr wenig wertvoll; sie ist rein mechanisch : der Rabbiner predigt, weil er dafür bezahlt wird, der Lehrer lehrt das vorgeschriebene Religionspensum aus denselben Grüilden und selten aus innerem Trieb, und die sogenannten Führer im jüdischen Gemeindeleben, die Vorsteher der Gemeinden und Vereine, sind höchstens gute Geldverwalter der ihnen anvertrauten Verwaltungen. Es fehlt jegliche Kenntnis von den Werten des Judentums, und es erstirbt deshalb auch immer mehr jüdisches Denken und Fühlen und mit ihm jjie jüdische Würde. Ter Zerfall der Judenheit, der gerade bei uns in Oesterreich in Taus- und Mischeheseuchen krasse Fornien angenommen hat, ist von innen heraus gekommen; das sollten alle die bedenken, die es ehrlich mit der Zukunft des Judentums meinen. Der Weg ist den führenden Kreisen gegeben; sie brauchen sich! nur der kulturell wertvollen Arbeit der Zionisten anzuschließen. Dr. G. Brief aus Ungarn. Eine Spende Erzherzog Friedrichs. —, Das erste Jeschiwah-Internat. —. Für Jerusalem. — Pesach- Reminiszenz. Mein diesmaliger Brief weiß ausnahmslveisc Erfreuliches und nur Erfreuliches zu berichten. Erzherzog Friedrich, der Bruder unseres Kaisers, hat dem inPöstyen, dem berühmten Heilbade, in. Gründung begriffenen jüdischen Krankenhause 3000 Kronen gespendet. Ferner ist in Pöstyen das erste Je sch iwah-Jnternat errichtet worden. 25 Talmudjünger erhalten für 6 Gulden vollständige Versorgung und können sich, befreit von Not und Sorge, dem Studium des jüdischen Schrifttums wechen. Findet dieses Beispiel Nachahmung, dann ist die brennende Jeschtzvah - Frage mit einem Schlage gelöst. Froh stimmt gleichfalls das wachsende Interesse für Palästina auch außerhalb der zionistischen Kreise. Natürlich ist da nur die Orthodoxie gemeint, denn die Neolvgic läßt sich trotz aller widrigen Erfahrungen in ihrem magyarischen Chauvinismus nicht beirren. Ein Beweis dieses wachsenden Interesses innerhalb der Orthodoxie ist Frankfurter JsraelitiMes Familienblatt. die Zeichnung von 150,000 Kronen als zinsfreies Darlehen zur Erbauung von Freiwvhnungen in Jerusalem seitens eines Konsortiums, an dessen Spitze der orthodoxe Kanzleipräsident Frankl, Ritter von Freudiger, Eftajim B e njamin und Dr. I. Schächter stehen. 3000 Anteilscheine 5 50 Kronen gelangten zur Zeieh^ nung. Der Tilgungsmodus ist die Verlosung. Zum Schluß noch! eine Pesach-Reminiszenz; sic betrifft 'die besonderen Ausgaben, die der Pesach der öffentlichen Wohltätigkeitspflege in Budapest verursacht. Die Summe ist eine sehr stattliche, denn die Kultusgemeinde verausgabte 51,000 Kronen, die Chewra Kadischa 17,000 Kronen und der Jüdische Frauenverein 10,000 Kronen. _ Zioni. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurta.M. Der Deutsch-Holländischen Palästina-Verwaltung ist vom Kaiserlich deutschen Konsulate in Jerusalem nachfolgendes amtliches Schreiben zugegangen: Kaiserlich deutsches Konsulat. I. N. 973. Jerusalem, den 7. April 1911. Durch Ihren hiesigen Vertreter, Herrn Rabbiner I. Horovicz, sowie auch durch andere vertrauenswürdige Personen bin ich unterrichtet worden über die Notlage, in welche ein Teil der hiesigen jüdischen Bevölkerung durch den finanziellen Zusammenbruch mehrerer Anstalten, insbesondere der Grcisenasyle, geraten ist. Ebenso ist cs mir bekannt geworden, daß die Palästina- Verwaltung in so anerkennenswerter Weise eingegriffen hat, unr dem dringendsten Bedürfnis abzuhclfen Und sich dadurch Anspruch auf den Tank von vielen Hunderten in ihrer Existenz bedrohten Personen erworben hat. Soweit ich die Lage übersehe, wird aber noch mehr getan werden müssen, damit wieder geordnete Zustände herbeigeftthrt tverdcn. Ich habe daher aus' Gründen der Humanität und weil die Palästina-Verwaltung, welche ihren Sitz in Deutschland hat, mir geeignet und willig erscheint, weitere Hilse zu leisten, Ihren Vertreter bei dem hiesigen Gouverneur eingeführt, damit auch dieser sich für die Hilfsaktion interessiere; cs handelt sich nach »seiner Ansicht darum, Maßregeln zu ergreifen zur Liildcrung der augenblicklich dringenden Not, von welcher ca. 700 Greise betroffen sind, sowie eine Anzahl von Familien, die bisher in hiesigen Talmudschulen ihren Lebensunterhalt hatten, und ich hoffe, daß dieser Hilferuf, den die Dentsche Palästina-Verwaltung hat ergehen lassen, überall entsprechenden Widerhall finden wird. Der Kaiserliche Generalkonsul, (gez.) Schmidt. Weitere Spenden nehmen die Bureaux der Deutsch - Holländischen Palästina - Verwaltung in Frankfurt a. M. (Schützenstr. 14) uird Berlin (Heidereutergassc 4), sowie das Frankfurter Hilfs- Komitee für die notleidenden Brüder im Auslände (Kassierer Tr. Israel Noos', Schöne Aussicht 5) entgegen. Frankfurt a. M. Am letzten Sabbat-Nachmittag fand in der S y n a g o g e a m Börnep l a tz der erste Jugend-Gottesdienst statt, zu dem eine große Schar Knaben und Mädchen erschienen lvar; auch die reifere Jugend und dieerwachsenen Mitglieder der Gemeinde waren zahlreich vertreten. Ter Minchah-Gottcsdienst nmrde durch die Mitwirkung des Synagogen - Chors, der sich in dankenswerter Weise dazu bereit erklärt -hatte, besonders feierlich gestaltet. Nach Beendigung desselben richtete Rabbiner Dr. Nobel seine Ansprache an die Jugend, auknüpsend an die Sprüche der Väter. Die von Herzen kommenden Worte verfehlten nicht ihren Eindruck auf die jugendliche» Zuhörer; versteht es doch der - verehrte Redner in seiner schlichten, eindringlichen Weise ganz besonders, Begeisterung für die heiligen Aufgaben des Jndentiniis zu erwecken. Der Jugendgottesdienst soll allsabbatlich nachmittags um 5 Uhr stattfinden. Möge auch diese neue Einrichtung stets wachsendem Interesse bei Groß und Klein begegnen und so dazu beitragen, das geistige Leben innerhalb der Gemeinde zu fördern und zu vertiefen. M. Metz. Eine in ihrer Art wohl einzig dastehende Veranstaltung zur Feier des Pesachfestes hat in Metz stattgesunden. In dem von der Lothr,ingeii« Loge ins Leben gerufenen Militär Hause, wo voriges Jahr schon ein Sederabend gegeben wurde, sind für die jüdischen Mannschaften zwei herrliche Sederabende Rr. 17 abgehalten worden. Einen eigenen Reiz gewannen diese zwei Wende dadurch, daß sich zu den 40 S o l d a t e n etwa ebensoviele Zivilpersonen — teils Angehörige der Loge, teils andere Mitglieder der Gemeinde — gesellt hatten; auch die Jugend fehlte nicht. Fleißige Hände hatten knnst- und stilgerecht die Sederplatten zurechtgemacht, und nach vorschriftsmäßig verlesener Hagadah wurde in angeregter Stimmung das lecker bereitete Mahl cingenonnnen. Nach einer, die Bedeutung des Auszuges aus-Aegypten und die Wanderung unserer Vorfahren durch die Wüste für den sittlichen Fortschritt des Volkes Israel, erläuternden Rede des Herrn Theodor G o l d s ch m id t. wurde von einem Soldaten gebenscht und dann der Sedcr zum Abschluß gebracht. Rußland. Petersburg. Der Fortbestand der von dem verstorbenen Baron David Günzburg ins Leben gerufenen Akademie für d i e W i s s e n s ch a f t des Inden tnms scheint nunmehr gesichert zn sein. Die Regierung hat die Ernennung des Herrn Dr. I. L. Katzenelfohn zum Leiter der Akademie genehmigt. Die Anstalt hat neuerdings unter den wohlhabenden Juden der russischen Residenz zahlreiche Förderer gefunden, und es 'steht zu erwarten, daß sie von nun an auf sicherer materieller Grundlage ruhen ivird. Auch die Wage des Anfcnthaltsrechts der Dozenten und Hörer dürfte in befriedigender Weise geregelt werden. Petersburg. Die Duma bat den jn d c n f e i n d l i ch c n Beschluß gefaßt, daß Juden weder an Gemeinde-Vcrs a m in l n n g e n teilnehmen, noch zn Gemeindev e r o r d n e t e n gewählt werden können. — InWitebsk drang während des Gottesdienstes die Polizei in die Synagoge, untersuchte sämtliche Personen — etwa 300 — und verhaftete 40, die keine Papiere bei sich hatten. Die Polizei soll geglaubt haben, daß iic der Synagoge verbotene Versammlungen stattfänden. Kiew. Infolge der neuen lokalen Verfügungen sind hier 1500 j ü d. Familien a u s g e w i c s e n. Unter diesen -Opfern befinden sich etwa 300 Pharmazeuten, die angeblich ihrer Fachbeschäftignng nicht nachgehc». Damit hat es folgende Beivandtnis: Juden, die nach langen Kämpfen durch alle Prozentnormcn hindurch den Grad eines Pharmazeuten erworben haben, verfügen über das allgemeine Wohnrecht im ganzen Reich. Seit einiger Zeit will indes die Verwaltung ihnen dieses Recht nur dann zugestandcn wissen, wenn sie entweder Apotheken besitzen oder verwalten, bezw. in solchen angestellt sind. Diese Forderung bedeutet aber in den allermeisten Fällen eine potenzierte Grausamkeit. Der diplomierte jüdische Pharmazeut, der infolge des gesellschaftlichen Judenhasses ans seiner direkten Fachbctätignng auf Seitenwege, wie z. B. auf Gründungen von Drogerien, gedrängt wird, ist schon durch die Wirtschaftsverhältnisse genügend gestraft. Wenn sich dazu noch die Ausweisung gesellt, so tritt für die Betroffenen der Ruin ein. In Kiew gerate» so Hunderte dieser Pharmazeuten ins grüßte Unglück, und ettva 70 Drogerien, an denen die meisten dieser Ausgewiesenen beschäftigt sind, werden geschlossen. Neben den AnAveisungsnkasen zeichnet sich' gegenwärtig die Kiewer Obrigkeit durch zahllose Schikaniernngcn von Juden aus. Das Institut der sogenannten O b l a w a, einer „cchtrussischen" Art von Menschenjagdcn, ist besonders emporgeblüht. Es vergeht in den letzten Monaten kein Tag, an dem die Polizei die Inden ynbehdlligt ließe. Mitten in der Nacht überrumpelt die Polizei zahlreiche jüdische Familien, scheucht sie aus ihren Betten auf und prüft ihr Wohnrecht, und ivcr nicht an Ort und Stelle sein Privileg dokumentarisch nachzuweisen vermag, der wandert ins Revier, um mit Verbrechern cingesperrt und per Schub befördert oder andern Widerwärtigkeiten aus'gesetzt zn werden. Neuerdings veranstaltet die Kiewer Polizei sowohl am Tage als in der Nacht in den dichtbevölkerten armen jüdischen Stadtvierteln, ebenso wie in den belebten Straßen, ja in den eleganten Läden des Stadtzentrunls ihre „Oblawas," und vielfach wird überhaupt keine Scheidung mehr vorgenommen, sondern von dem..überfallenen Orte muß jeder Jude, ob privilegiert oder nicht, unter verstärkter Eskorte ins Revier wandern, wo erst die richtige Untersuchung stattfindet. Diese Zustände haben unter den Kiewer Juden «ine Panikstimmung hervorgerufen. Geradezu ein mittelalterliches Bild ist jedcswal das Erscheinen einies von einem starken Polizeikordon umringten Trupps ahgefaßter Juden, ein Bild, das die uiedern Elemente zn Pogromen förmlich reizt. Großbritannien. London. Die Ausführungen Ministers Churshill im Parlament haben die Befürchtungen wegen Einschränkung der Einwanderung zerstreut. Er sagte: „England muß jede Beschränkung des Asylrechts vermeiden, das es so lange jenen gewährt

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