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Neue jüdische Presse · 1911-04-28 · Heft 17 (28.4.1911) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 17 (28.4.1911)
Date
1911-04-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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HedaLtto« ««d ch-fchLftsstells: Srankfurt a. II?., iSttrtQeJiarrtJie 7 Telefon 10507. H-ra«,g-e«r: S«kL H«tr. 9. Jahrgang. Freit»,, den S». Nssnu S671 (28. April 1911). «r. 17. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Psg. Die Rellamezeile.100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Ro. 4864. ,7»- .. - Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— i.__ , __ Inhalt des Hauptblattes. A r t i k e l: „Im en am li, mi Ii". — Brief aus Oesterreich. — Brief aus Ungarn. — Aus aller Welt. — Personalien und Kleine Mitteilungen. — Feuilleton: „Der Tam". — Wochen-Kalender. —Familiennachrichten. Briefkasten. — Allgemeine Mitteilungen. „Im en ani li, mi li". „Wenn nicht ich für mich, wer dann!" Wieviel praktische Lebensklugheit, welche Fülle von Kultur ist in diesem kurzen Ausspruche Hillels enthalten. Unzählige Individuen, aber auch große Parteien und Völker haben es zur höchsten Entfaltung ihrer Kräfte und so zur Erlangung höchsten Glückes gebracht, nur weil sie diesen Hillelschen Wahlspruch befolgten. Aber nicht geringer ist die Zahl der Individuen, Parteien und Völker, die sich in Stagnation, Verkümmerung und Verelendung befinden, da sie den Hillclschcn Wahlspruch nicht befolgten; anstatt auf die eigenen Kräfte 'zu bauen, zogen sie es vor, sich auf die anderen zu stützen, auf die anderen, die nur und ausschließlich an sich, an ihr eigenes Wohlergehen dachten und die Lässigen, Einfältigen, die auf sie hofften und alles Heil von ihnen erwarteten, in aller Gemütsruhe verkümmern ließen. Ist es nun nicht eine Ironie der Geschichte, eine der größten Tragödien der Menschheit, daß gerade das Volk, das der Menschheit die goldene Lehre der Selbsthilfe gegeben hat, cs ist, das sich ausschließlich und andauernd auf andere verläßt. Seine Freiheit erwartet es ausschließlich vom Himmel, seine Menschenrechte von der Humanität der Völker, seine Wertschätzung von der objektiven Beurteilung antisemitischer Arier! lind siehe, gerade die Partei, die den' großen Hillel gestellt hat, gerade die Nachfolger der Pharisäer, die Orthodoxie, sündigte in chrem übertriebenen, übermäßigen Vertrauen auf andere am meisten. Die Aufklärung kam, und die Zeit gebot dringend die Gründung von Schulen zur Erlernung von Sprachen und Realien, doch die Orthodoxie schlief und murmelte vor sich hin: „Apikorsus". Es entbrannte der Kampf für Freiheit und' Menschenrechte, der freiheitliche Gabriel Rfeser kämpfte heldenhaft, dvch die Orthodoxie schlief. Geiger, Grätz u. a. erforschten den Werdegang Israels, elfterer stellte alles Geschehene auf den Kopf und entseelte das Judentum, doch die Orthodoxie — mit Ausnahme Samson Raphael Hirschs— schlief und murmelte vor sich hin: „Apikorsus". Weiß schrieb sein „Daur daur wedaurschow" — Geschichte der mündlichen Lehre —, doch die Orthodoxie schlief und murmelte vor sich hin: „Apikorsus". Es entstand eine große hebräische Literatur mit Tages- und Wochenzeitungen, doch die Orthodoxie schlief und murmelte, vor .sich hin: „Apikorsus". Es entstand eine nationale -Weltorganisation zur Änsiedlung Palästinas, und die Orthodoxie schlief und murmelte nach ihrer Art: „Apikorsus", Und während die Orthodoxie gemächlich schlief und mir das ihr alles bedeutende Wörtchen „Apikorsus" vor sich hin flüsterte, ging eine gewaltige Umwälzung in Israel vor sich, entstand ein neues Judentum und die Judenhcit iourde bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt! Alles wurde ohne die Orthodoxie gemacht und daher auch gegen sic gerichtet. Doch siehe! Infolge der nationalen Selbstcrwachung, die auf der Hillelschen Formel der Selbsthilfe beruht, beginnt auch die Orthodoxie nach und nach zu erwachen und zu arbeiten. Halevi .dachte an Weiß „Daur daur wedaurschow" und schrieb sein „Dauraus horischaunim". Jawitz dachte an. Grätz' „Geschichte der Juden" und schrieb „Tanldaus jisroel". 'Aber auch mit Gründung von Zeitungen — z. B. die Zeitschrift „Haiwri", Berlin :—, sowie Schulen — wie „Taschkemauni" in Jaffa, eine Gründung des „Misrachi" — beginnt die Orthodoxie. Wohl geben noch gewisse Orthodoxe die alte Methode des Schlafens nicht auf, legen die Hände in den Schoß und warten bis „kulo sakai", alles fromm sein werde; allein selbst der intransigente Flügel der Orthodoxie, der alles Heil von den „Nissim", von den Wundem erwartet, selbst dieser beginnt — wenn auch in schärfster Inkonsequenz zu seiner Nissim-M ethode —, sich für das Arbeiten im Lande der Väter zu organisieren, mag dabei auch der Wunsch, die Arbeit anderer zu paralysier en, mitspielen. Und wie sind die Werke? Sowohl das Werk Halevis, wie auch das von Jawitz sind von großem Wert und Bedeutung. Wohl haben sie Lücken: Halevi polemisiert viel zu viel, und Jawitz geht zu viel auf Einzelheiten ein, doch sind ihre Aussnhrungen meistens zutreffend uns tiefgründig, und bei allen beiden ist „chmnfo merubo mezilso", ist Licht mehr als Schatten. Das Werk von Jawitz hat noch den besonderen Vorteil, in einer Sprache von klassischer Schönheit und überaus klarem und verständlichem Stile geschrieben zu sein (bis heute liegen bereits sieben dickleibige Bände vor). Auch die Zeitschrift „Haiwri" gewinnt immer mehr an Wert, der Kreis der Talente, die diese Zeitschrift mit interessanten Abhandlungen versehen, nimmt stetig zu. Besonders erfreulich zu vermerken ist, daß vom ersten Augenblick an, da die Orthodoxie sich aktiv an der Literatur und Wissenschaft des Judentums zu beteiligen beginnt, — statt das ewige Geschrei über „Aipkorsus", wie es von einer intransigenten Seite bis zum lleberdruß geschieht, fortzusetzen —, gleichzeitig die Auferstehung des göttlich und national geheiligten Hebräisch zu verzeichnen, ist. Der westeuropäischen Orthodoxie hat bisher der schwere Vorwurf der totalen Vernachlässigung des Hebräischen als Sprache angehaftet; der Orthodoxie noch mehr/als der- Neolvgie, betrieb doch letztere noch bis vor kurzem — und teilweise noch jetzt — bewußt die Auslösung des eigenen Volkes. Anders aber die Orthodoxie, die das- Erbe der Väter treu bewahrte und ihre An gen nach Zion gerichtet hielt. Nun beginnt die Orthodoxie — wenn auch leider einstwcilen nur teilweise '—, was sie gefehlt hat, wieder gut zu machen. Es sind Zeichen der Zeit . . . Vielleicht gelangt man nach und nach zu der Einsicht, daß auch die andere Methode: die Exklusivität, die Verketzerung und „Nissimmacherci" völlig verfehlt ist . . . Vielleicht .... Ein guter und verheißungsvoller Anfang ist durch Jawitz, Halevi und Berlin gemacht worden, die Jehuda Halevis, Jbn Esras und Ben- Gabirols komnicn vielleicht noch nach, vielleicht .... Brief ans Oesterreich. Hebung der wirtschaftlichen Lage der galizischen Jtlden. — Kampf für die Gleichberechtigung. — Was not tut. Dieser Tage fanden in Wien zwei auch die Juden des Auslandes interessierende Generalversammlungen jüdischer Organisationen statt. Es tagten nämlich der „Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in G a l i z i e n" und die ,,£), esterr. Israelit, llnio n". Der Hilfsverein hat in seinem letzten Geschäftsjahre besonders die jüdischen Handwerke r Galiziens durch Bereinigung zu Produktivgenossenschaften wirtschaftlich zu heben gesucht. Diesen Genossenschaften werden seitens des k. k. Gewerbebeförderungsamtes unter billigen Bedingungen Maschinen gestellt, sie können ihren Mitgliedern durch Wanderlehrer. Fortbildungsunterricht gewähren, erhalten mitunter staatlichen Kredit und bieten ferner den Borteiß daß sie den Einkauf der Rohmaterialien und den Verkauf der Erzeugnisse ihrer Mitglieder vereinigen und so billigeren Einkauf und Ausschaltung des Konkurrenzkampfes unter den Mitgliedern erreichen. Der Hilfsverein errichtete im abgclaufenen Jahre folgende Produktivgenossenschaftcn, die ausschließlich oder zum großen Teile aus jüdischen Gewerbetreibenden bestehen: Tischlergenosscnschaft in Bolechow, Genossenschaft der Bauerntucherzeuger in Rohatyn und Kürschnergenossenschaft in Zolkiene und begann die Gründung einer Genossenschaft der Bürstenbinder in Magiervw und der Hornkammerzeuger in Sassow. Für den Anfang sind diese Genossenschaften mit Betriebskapital zu dotieren, da die Beträge der von den einzelnen Genossenschaften gezeichneten Anteilscheine nur in kleinen Räten eingehoben werden können, und da der Landesausschuß eher eine Subvention gibt, wenn die Genossenschaft bereits auf ihre Wirksamkeit Hinweisen kann. Hier wäre ein fruchtbares Feld für die von der „Jca" eingeleitete Hilfsorganisation. Was die von dem Hilfsverein in Galizien eingeführten Industrien betrifft, so seien hier die Ausführungen des Berichts über die Kleiderko n f e k t i o n wiedergegeben. Danach ist die von dem Hilfsverein subventionierte Kleiderkonsektion

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