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Neue jüdische Presse · 1911-04-21 · Heft 16 (21.4.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 16 (21.4.1911)
Date
1911-04-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. Itz. spräche zwischen den Herren Reinach und Kann berührten Thema Larzulegen. Wir bedauern außerordentlich, daß die Attinungskämpfe unter den ottomanischen Juden bezüglich der großen allgemein-jüdischen Tagessragcn in den letzten Monaten in einer Form geführt werden, die dem gesamten Judentum schaden, die aber in erster Reche für die ottomanische Judenheit gefährlich werden' könnte. Es mutz doch jedem Einsichtigen klar sein, daß, wenn eine starke Bewegung unter den ottomanischen Inden als eine staatsgefährliche hingestellt wird, und weiur cs in erster Reche Juden sind, die diese Gefahr betonen, das Ooium der Unzuverlässigkeit und der Staatsgeführlichkeit auf das ganze ottomanische Judentum zurückfallen mutz. Das allgemein-jüdische Interesse erfordert deshalb dringend, daß der jetzt in der Türkei, namentlich von einer kleinen Gruppe von Publizisten befolgten Kampfesmcthvdc ein Ende bereitet wird. Mt großer Genugtuung habe ich ans den Mitteilirngen des Herrn Kann entnommen, daß Herr Salvmon Reinach den oben dargelegtcn Standpunkt würdigt und in Erwägung gezogen hat, im Sinne der hervorgehobenen Schlußfolgerung zu wirken. Da die Kreise, die in der bezeichncten Weise gegen den Zionismus Stellung nehmen, für Ratschläge und Belehrungen seitens der Alliance zweifellos in hohem Matze zugänglich sind, würde ein solches Einwirken gewiß den erwünschten Erfolg haben. Atcinerseits habe ich den Freunden unserer Sache in der Türkei die Weisung gegeben, daß jede Aeußernng und Aktion, die geeignet wäre, den leider bestehenden Konflikt zu verschärfen oder der Polemik, sofern dieselbe den allgemein-jüdischen Interessen schädlich sein kann, neue Nahrung zuzuführen, möglichst unterbleiben st>ll. Nur wo. wie dies seitens eines Konstantinopler Publizisten geschah, der Zionismus in allzukrasser nnd das jüdische Gemeinwohl gefährdender Weise angegriffen wurde, h<che ich die notwendigsten Mbwehrmatznahmen billigen müssen. Ich gestatte mir nun, die Hofsrmng auszudrücken, daß Sie, im Sinne der zwischen Herren Reinach und Kann geführten Unterredung, Ihre Bertrauensmünner in der Türkei dahin instruieren werden, daß dieselben« die ottomanischen Juden, die auf Ihre Meinung großes Gewicht legen, darüber aufklären. Laß die bisher befolgte Taktik von Ihnen nicht gebilligt wird und daß Sie vielmehr darin eine Gefahr für das jüdische Gemeinwohl erblicken. Genehmigen Sie, sehr geehrte Herren, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung! Für das Präsidium der Zionistischen Organisation: gez.: Wolffsohu. IL Übersetzung aus dem Französischen. Paris, Len 3. März 1911. Herrn D. Wolffsohu, Präsident des Zionistischen - Aktionskomitee, Köln. SÄA geehrter Herr Präsident! Wir haben mit größter Aufmerksamkeit Ihren Brief vom 21. Februar durchgelesen und ihn gleichzeitig zur Begutachtung Len auswärtigen Mtgliedern des Zentralkomitees übermittelt. Was die in der Türkei durch den Zionismus hervorgerufene Polemik betrifft, so weisen Sie der Alliance eine Rolle und einen Einfluß zu, welche durch die Tatsachen nicht gerechtfertigt werden. Wir arbeiten in der Türkei schon seit fast 50 Jahren. Das Programm, welches wir in diesem Lande, sowie in allen Ländern, auf die sich unsere Tätigkeit erstreckt, uns zu verwirklichen bemühen, ist immer strikt das' folgende gewesen: Zu arbeiten au dem materiellen, intellektuellen und moralischen Aufschwung der jüdischen Bevölkerung und der Sugenb mit der Kenntnis und der Liebe zum Judentum,, die Freude an der Regenerationsarbeit und die treueste Ergebenheit zu ihrem Vaterlande einzuflöhen. Wir verfolgen unsere Bemühungen in diesem Geiste in der festen Ueberzeugung, daß wir den ottomanischen Juden gegenüber unsere Pflicht erfüllen. Ms das neue Regime in der Türkei ans Ruder gekommen und die Freiheit der Presse proklamiert war, machte der Zionismus von ihr Gebrauch, um dort sein Programm zu entwickeln und dort Anhänger zu werben. Das war selbstverständlich sein gutes Recht. Wir haben niemals daran gemuht, es' ihm zu bestreiten, und haben, wie auch immer unsere Stellungnahme in dieser Frage gewesen ist, nicht den geringsten Versuch gemacht, seine Tätigkeit zu durchkreuzen. Aber die Wortführer des Zionismus haben sich nicht darauf beschränkt, ihre Ideen zu verbreiten; bei ihreni Bemühen, sie in die Schichten cindringcn zu lassen, die noch wenig den Wert des „gedruckten Wortes" zu wägen verstehen, griffen sie oft mit der bedauerlichen Heftigkeit die an, welche ihre Ansichten nicht tellen, oder die in ihrer Propaganda die Möglichkeit einer Gefahr für das ottomanische Judentum erblickten. Wir erwähnen nur Ksickkurter ZfrLelWAs KümilienblaA. beispielweise die Verleumdungen, die von den zionistischen Zeitungen, sogar der „Welt", gegen die Alliance, ihre Ziele, ihre Arbeitsweise und ihre Einrichtungen verbreitet worden sind. Dm Alliance hat trotzdem niemals eine Zeile veröffentlicht, um aus diese Beschuldigungen zu antivorten. Die gemäßigten «uiü vernünftigen Elcincntc unter der jüdischen Bevölkerung der Türkei, diejenigen, welche das größte moralische Ansehen genießen, mißbilligten die Propagairda des Zionismus in der Türkei. Nachdem die neue Regierung cs sich als Richtlinie vorgczeichuet l)attc, den Zusammenhang zwischen den verschieden.cn cihuischcu Elementen der Bevölkerung zu stärken, konnten die Israeliten sich davon überzeugen, daß die Propagierung der zionistischen Ideen in den ottomanischen Kreisen als Begünstigung der partiknlaristischcn Ideen interpretiert wurde, die geeignet seien, die nationale Einheit zu gefährden. Die zionistischen Organe haben mit der „Kampfeswcisc" Leu Anfang gemacht, deren bedauerliche Folgen Sie heute konstatieren. Es war natürlich, daß .diejenigen unter den ottomanischen Juden, welche die zionistische Tätigkeit mißvttligten, sich von jeder Gemeinschaft mit einer Bewegung, die ihnen gefährlich, schien, loszusagen versuchten. Sie antworteten auf den Angriff; sie hatten sich zu verteidigen und sich in den Augen ihrer Mitbürger zu rechtfertigen. Ter Angriff war .heftig; die Verteidigung war cs auch, und — wie das unvermeidlich, ist, — Uebcvtrcibungen wurden hier und dort begangen. Sie bitten uns heute, bei unseren Vertrauensmännern zu intervenieren, unt sie zur Mäßigung zu ermahnen. Wir können nur wiederholen, was wir schon oben bemerkt haben: Die Alliance hat den Kampf weder provoziert iwch gefördert. Niemals hat irgend eine Organisation in der Türkei, irgend xine Zeitung, irgend ein Schriftsteller von uns irgend eine Parole oder eine Subvention erhalten. Wir haben mit dieser Bewegung nichts' zu tun; wir sind nicht einmal aufge;ordert worden, irgend einen Rat zu geben. Die ottomanischeu Israeliten sind selbst imstande zu beurteilen, auf welcher Seite ihre Pflicht liegt, wo ihre Interessen als Israeliten und als «ottomanische Untertanen sich befinden. Diejenigen, welche bevollmächtigt sind, . im Rainen der Alliance zu sprechen, .haben die Order, den religiösen und politischen Streitigkeiten fern zu bleiben. Sie halten sich in den Schranken dieser Neutralität und es ist unser Wunsch, daß sie in Zukunft ebenso außerhalb aller Agittttion bleiben, wie sie cs in der Vergangenheit gewesen sind. Da der Kamps, von dem Sie sprechen, nicht von uns gefördert worden ist, da keiner unserer Vertrauensmänner dabei beteiligt ist, so wissen wir nicht, an wen wir uns mit unstrm Rat zur Mäßigung wenden sollten. Wir wünschen mit Ihnen, daß der Kampf, den Sie bellagen, aufhöre und sehnen so wie Sie von ganzem Herzen das Ende eines Streites herbei, der für das ottomanische Judentum nur von Schaden sein-kann.' Empfangen. Sie, Herr Präsident, die Versicherung unserer äuSgezeuhncten Hochachtung gez.: Der Präsident N. Leven, gez.: Der Sekretär I. Bigart. III. Köln, den 9. April .1911. An das Präsidium der Alliance Jsraelite Universelle, Paris. Sehr geehrte Herren! Ich bin im Besitze Ihres geehrten Schreibens vom 3. v. M. und bedauere außerordentlich, daß die Lage meiner Gesundheit, die mich gezwungen hat, auf einige Wochen nach dem Süden zu verreisen, mir erst heute gestattet, ans dasselbe zurückzukommen. Ich bedauere diese Verzögerung umsomehr, als ich cs für nötig Aalte, Sie auf einige Stellen; in Ihrem Schreiben aufmerksam zu machen, nwriu die Lage der Dinge in der Türkei in einer Weise dargestellt wird, die den tatsächlichen Verhältnissen nicht gerecht wird. Die von Ihnen gegebene Darstellung, daß gleich nach der türkischen Revolution die zwnistischc Organisation eine ausgedehnte Propaganda in der Presse angefangen hätte, daß von Ihnen aus nichts, absolut nichts, geschehen!väre, um unsere Pläne zu durchkreuzen, daß wir aber die Kreise und Personen,,die unserer Idee ablehnend gegenüber standen, in überaus heftiger Weise angegriffen, ja sogar verleumdet hätten, — diese Darstellung beruht von Anfang bis zu Ende auf Voraussetzungen, die mit den geschichtlich und dokumentarisch feststehenden Ereignissen nicht in Einllang zu bringen sind. Im Juli 1908 fand die Umwälzung in der Türkei statt und cs' dauerte bis zum Sommer 1909,. bevor eine regelmäßige zionistische Propaganda in einigen türkischen Zeitungen emsetzte. Bevor aber dies der Fall war, empfingen Sie, meine Herren, die nach Europa entsandte Delegation der türkischen Kammerdeputierteu in Ihren Pariser Büros und.bei dieser Gelegenheit war es. daß Ihr Präsident, Herr Narcisse Leven, eine Ansprache hielt, worin er den Zionismus als dcu türkischen Interessen zuwiderlausend bezcichnete und einen scharfen Gegensatz wischen ihm und der Alliance konsttuierte und hervorhob. Es war dies der erste öffentliche Angriff und Sie werden, meine Herren, nicht streiten, daß er von Ihne» ansging. _ Sie stellen ferner in Ihren«. Schreiben fest, paß. keine Organisation, in der Türkei, keine Zeitung, kein Schriftsteller von Ihnen jeinals eine Parole oder irgend eine Subvention erhalten hätte. Auch diese Feststellung findet in den Tatsachen keinen Anhaltspunkt. Denn im Sommer 1909, während ich selbst in Konstantinopcl Ivar, ist Ihre»« Konstantinopler Vertrauensmann, Herrn Ferncindez, eil« Cvmiminiciue über de>« Empfang der türkischen Delegation nnd über die Ansprache Ihres! Präsidenten zur Weitcrverbrcitung übermittelt worden, das dieser durch Herrn Bcnveiiiste, dem Direktor der Alliance-Schule in Konstantinopel-Galata, an eine große Reihe von Zeitungen mit der Bitte um Aufnahme verschickt hat. Ihre Feststellung, daß keine Zeitung von Ihnen jenrals eine Parole erhalten hatte, entbehrt, wie niir scheint, auch im Lichte solgenocr Tatsache der Berechtigung. Bor wenigei« Monaten hat Ihr Vizepräsident, Herr Saloinou Reinach, einen Brief an Herrn David Fresco —, dem Herausgeber des in Konstantinopcl erscheinenden Blattes „El Ticmpo," ein Blatt, das ich nach, dei« Enthittlungen der letzten Aöonate. wohl nicht näher zu charakterisieren brauche gerichtet. Dieser Brief lmttete: „Ich habe öfters die Gelegenheit gehabt, über dcu Zionismus z«« sprechen mit enrinenteu Vertreter,« der jungen Türkei, Freunde — wie sie es ja alle sind ,—. der Alliance Jsraelite Universelle. Ich hegte die Befürchtung, daß sie diese zu gleicher Zeit reaktionäre und wahi«- witzige Bewegung, welche in eineüi Lande, wie die heutige Türke« nicht nur mit loyalen Gefühlen, sondern auch mit de,n gesunden Menschenverstände unvereinbar ist, ernst nehmen würden. Ich habe immer mit einer wahren Erleichterung feststellen können, daß die Herren, die sich bei mir erkundigten, sich, keinen Illusionen über die Wichtigkett n,«d die wirkliche Kraft des' Zionismus Hingaben. Ich sehe im Zionismus z,vei Elemente: Einersetts ein zweifellos 'sehr sympathischest Das Elend der unterdrückten Israeliten in Rußland und Rumänien, die sich vor einer Wirklichkeit, die sie zerschmettert, in das Gebiet der Träume flüchten; das andere Element, in - meinen Augen sehr wenig respektabel, ist der Ehrgeiz, der Reklamedurst gewisser Agitatoren. In den Ländern wo die Juden verfolgt werden, kann der Zionismus ein vertröstendes Hirngespinst sein; in der Türkei ist er nur eine Dummheit." Ich glarche, daß die Parole die Ihr Herr Vizepräsident Mit diesem Briefe ausgegeben hat, an Dentlichkctt nichts zu wünschen übrig läßt. Die Motive, die Ihren Herrn Vizepräsidenten zu einem solchen Schreiben haben veranlassen können, sind mir umso unerklärlicher, als, wie Sie mir gegenüber selbst mit Nachdruck hervorhebcn, nach Ihrer Meinung, die ottomanischen Juden vollkommen imstande sind, selbst zu beurteilen, was ihre Pflicht ist und was ihre wahren Interessen sind als. Juden und als ottomanische Bürger. Sie teilen mir mit, —. und ich hatte es ja nicht anders erwartet —. daß alle diejenigen, die befugt sind, im Namen der Wiance zu sprechen, den Auftrag haben, allen religiösen und politischen Kämpfen fen« zu bleiben. Leider stehe» aber zu dieser Erklärung die Tatsachen in eine«! bedauerlichen Gegensätze, daß in der ganzen Türkei Ihre Schicken sie Zentern des uns feindliche» nnd aktiv bekämpfenden Geistes sind; daß Ihre Konstantinopler Schulbshorden einen hartnäckige» Kampf gegen den des Zionismus verdächtigen Turnverein Maccabi führen; daß einer Ihrer Schullehrer in Saloniki ein Hauptletter der dortigen antizionistischen Bewegung ist. Es kan» Ihnen, meine Herren nicht unbekannt sein, daß in der Türkei kein Jude daran zweifelt, daß die Mliance gegen de«« Zionismus ist und ihn bckänrpft. Sie können sich Ivo hl auch kann« darübcr wundern, daß Ihre zum Frieden und zur Neutralität nrahnenden Vorschriften nicht die gewünschte Beachtung finden, wenn die Mitglieder Ihrer obersten Verwaltung mit einem solchen Beispiele vorangehen. Glauben Sie mir, meine Herren, daß eine Polemik mit Ihnen mir ebenso peinlich ist, wie sie Ihnen nur erscheinen kann. Ich beschränke mich deshalb auch auf die in obigen Ausführungen enthaltenen Widerlegungen, die mir unumgänglich notwendig erschienen, und übergehe Vieles. Mit tiefem Bedauern habe ich aus Ihrem Briefe entnehmen müssen, daß Sie die Notwendigkeit eines Eingreifens nicht anerkennen, wodurch dem Bruderkamps, der zum Schaden des jüdischen Genreinwohles unter der ottomanischen Judenhcit weiterwütet, ein Ende bercttet werden könnte. Nach wie vor werde ich die hohen Ziele, denen die Alliance sich widmet, die großzügige Arbeit, die sie auf manchen sGebieten geleistet

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