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Neue jüdische Presse · 1911-04-21 · Heft 16 (21.4.1911) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 16 (21.4.1911)
Date
1911-04-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IsrairKfrtrker Isrielitischkü fnmilirnlilntt. --- Diese Zeitung erscheint wöchentlich. ' Hedaktt-n und chekchäftsst-rk: ' r 1 -.. .» Jnfertionspreise: Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frank- Frankfurt a. m.. Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. furt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 sein» Die Reklamezeile.. . 100 „ schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Ter-f-n 10507. Platz- und Daten-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, ->!■ Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. sonstige Länder Mk. 2.— C. ..... .. —. , Herausgeber: AalL Hets. , unter No. 4864. - 9. Jahrgang. Freitag, den 23. Xi88an L671 (21. April 1911). Rr. 16. Inhalt des HauPtblatteS. Artikel: Ein Briefwechsel zwischen Präsiden» Wolffsohn und der Alliance Jsraelite. — Aus aller Welt. — Personalien und Kleine Mitteilungen. — Aus der Lehrerwelt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Feuilleton: Aus der Zukunft. — Kunst und Literatur. — Wochen-Kalender. — Briefkästen. — Familiennachrichten. Ein Briefwechsel zwischen Präsident Wolffsohn und der Alliance Jsraelite. Als vor nunmehr zwei Jahren die Türkei eine Konstitution erhielt und damit in ein neues Stadium ihrer Entwicklung eintrat,. da bedeutete dieses Ereignis für alle Anhänger des zionistischen Gedankens eine doppelte Frcitbc, einmal, weil wir in einer konstitutionellen Türkei leichter die Realisierung de: zionistischen Pläne erhoffen durfrcn, und ferner, weil wir glaubten, das Erwachen der Türkei werde auch ein Erwachen der türkischen Judenheit zur Folge haben- Die eine Ursache unserer Freude war berechtigt, denn trotz Jsmacl Hakki B eys Verleumdungen und trotz Ludw ig Geigers Trinmphrufcn ist cs auch heute noch richtig, daß eine konstitutionelle Türkei für den Zionismus unendlich günstiger ist als die despotische Schreckensherrschaft des „großen Halunken". Jnbetreff der anderen Ursache aber haben wir uns zu früh gefreut, denn das „Erwachen" der türkischen Judenheit hat uns diese i n c i n e m viel ungünstigeren Lichte gezeigt, als wir es hofften. Ja, wer geneigt ist, das Leben unter dem Gesichtspunkte des Schönen und Idealen zu betrachten, wird vielleicht meinen, es wäre besser, sic wäre nicht erwacht. Denn ihr Erwachen hat uns, hat dem ganzen jüdischen Volke — wie der „Haolam" so richtig bemerkt hat — eine schöne Illusion zerstört. Bisher, wenn wir auf die kriechende Assimilationssucht und die sklavische Feigheit so vieler unserer ivestcuropäischcn Inden schauten, da sagten wir uns, das ist nur ein Produkt des Ghetto; aber dort, im Osten, da wohnen die wahren Inden, die echten Sprösslinge der Makkabäer, dort unsere s e- P h a r d i s ch c n Brüher, sic sind die stolzen, aufrechten, männlichen Inden. Und , für so groß hielten wir diesen Gegensatz zwischen Sephardim und Aschkenasim, das; man gar die Theorie ausstellcn konnte, sic gehörten verschiedenen Nassen an. So dachten wir und trösteten lvic uns — solange jene scphardischen Juden noch schliefen. Und nun, da sie erwacht sind, da der Schleier des Schlafes aufgehoben ist, was erschauten wir? Jirden, die nicht besser als die unseren in Westeuropa, Inden gleich ihnen in der civigeir entlvürdigenden Betonung ihres übcrtricfenden „Patriotisnms", gleich gewanot in der Kunst des' Nackcnbeugens, gleich sklavisch in der Bereitwilligkeit, ihre eigensten nationalen Güter aufzugeben, gleich bereit zur Entsendung von „Ergebenheitsadressen" an die Regierung, gleich ihnen — doch wozu das beschämende Anfzähleu ihrer Eigenarten? Wir kennen ja den Typus zur Genüge; setzt Mauschel in das türkische Milien, und ihr .habt den Typus der meisten Repräsentanten der türkischen Judenheit. Nun ist die Illusion zerstört. Nicht mehr iverden wir, wenn man von jüdischer Feigheit spricht, ans jene verweisen können und sagen: Seht, dort sind die stolzen Juden! Nein, dort sind dieselben Juden. Tie Eiicheit des jüdischen Volkes hat sich offenbart; wäre cs nicht schöner, sic hätte sich uns nicht in dieser Weise gezeigt? * Ties muß man vorher wissen, will man die j cr&ittcrtcn Kämpfe verstehen, die seit der Neuordnung der Türkei sich innerhalb der türkischen Judenheit abspielcn, und die den Gegenstand des nachstehend publizierten Briefwechsels zwischen den Präsidien der zionistischen Partei und der Alliance bilden. Als einige Zeit nach der Erlangung der Konstitution die zionistische Propaganda in der Türkei einsetztc, da hofften ivir alle, sie werde nur ans geringe Hindernisse stoßen und mit Leichtigkeit die Massen der türkischen Inden für sich gewinnen. Es kam nicht so. Die Massen der türkischen Juden haben noch überhaupt zu wenig politischen Sinn, uni ihre Geschicke selbst zu bestimmen, und die Repräsentanten, die sie leiten, haben sich — wie gesagt — nicht besser verhalten als ihre Kollegen in Westeuropa. Stets um ihren „Patriotismus" besorgt, haben sie den Zionismus heftig bekämpft, und der Zufall wollte es, daß an der Spitze der Zcituugsschden, die sie entfesselten, ein Mann steht, über den ein anderes Volk schon längst zur Tagesordnung geschritten wäre. Es ist eine Schande, daß jüdische Publizisten, loenit sie über die türkische Judenheit schreiben, stets den Nanicn dieses Mannes niedcrschreiben müssen, den anszusprcchcn schon an sich für einen anständigen Menschen eine Erniedrigung bedeutet: wir meinen — nun wen anderes als Herrn Fr es c o. Dieser Mensch, der eine Zeitlang Zionist war, weil, er von ihnen Unterstützung er-- halten hat und mit einem Male ihr heftigster Feind wurde, weil ihm von ihren Gegnern mehr Geld augeboten wurde, führt einen Kampf gegen den Zionismus, der, wie Präsident Wolffsohn sehr richtig sagt, der gesamten tü r kisch en I u deuh e i t äußerst schaden m it ß. Verleumdung, Denunziation, Jntriguen sind noch die anstäiwigsten Mittel, die er anwendet. Und dieser Mann ist der intime Freund des Großrabbiners H a i m N a u m, der selbst der Zögling und Vcrtrauensmann der A l l i a n c c i st. Und damit kommen wir zum eigentlichen Gegenstand des Briestoechsels, zu der Rolle, die die Alliance in diesen das Gesamtjndentum schädigenden Kämpfen einnimmt. Es ist gar keine Frage, daß die Alliance wefentlich zur Entstehung und besonders zur Ausartung dieser Kämpfe beigetragcn hat. Abgesehen von all den unwiderlegbaren Argumenten, die Präsident Wolffsohn m seinem zweiten Briefe anführt, und abgesehen davon, daß die unnationale Erziehung, die die Alliance ihren Zöglingen erteilt, mit eine der Hanptursachen für den Sklavengeist der sephardischcn 'Juden nno damit für ihre Feindschaft gegen den Zionismus ist, bedenke man noch das eine: Für den türkischen Inden ist die Alliance die eigentliche V e r t r e t c r i n des Judentums. Ihr verdankt er meist seine Erziehung, sic ist die einzige jüdische Organisation, von der er lange Zeit hindurch Kenntnis gehabt hat, und was sie sagt, ist ihm heilig und teuer. Es ist unter diesen Umstünden klar, daß der türkische Jude wesentlich in seiner Stellungnahme zum Zionismus beeinflußt wird, wenn er liest, daß die Alliance den Zionismus bei der türkischen Regierung denunziert, wenn er sieht, ivic die lokalen Vertreter der Alliance offen den Zionismus bekämpfen, und wenn er hört, wie der Vizepräsident der Alliance und der Mann, der bisher ihre Tätigkeit nach seinem Willen geleitet hat, S a l o m o n R e i n a ch, über den Zionismus öffentlich urteilt. Es gehört daher in der Tat für die Wortführer der "Alliance ein gehöriges Maß von — nun, sagen wir Unverfrorenheit dazu, kategorisch bestreiten zu wollen, daß diese mit diesen Kämpfen nichts zu tun hat und völlig neutral sei. Wir haben die Antivort der Alliance auf den zweiten Brief des Präsidenten Wolffsohn noch nicht vor uns, aber das eine können wir doch schon sagen: Wir freuen uns, daß die Alliance jetzt wenigstens offiziell nicht gegen den Zionismus austreten und neutral bleiben will, was noch vor einem Jahre nicht der Fall war; es ist aber dann ein einfaches Gebot der Ehrlichkeit für sie, an den maßgebenden Stellen innerhalb der türkischen Juli e-n h c i t in diesem Sinne zu wirken. Wir verlangen nicht von der Alliance, sich für den Zionismus einzusetzen, wir fordern aber, daß sie all ihren Organen — und auch Salomon Rcinach zählt dazu — strikte Neutralität > gebietet und alle Beziehungen — auch indirekte — zu den Verleumdern des Zionismus in der Türkei abbricht. Tut sie dies nicht, dann treibt sic wieder ein doppeltes Spiel, das aber mit der Zeit ans Tageslicht kommen wird. Mit Hintermännern und Kulissenpolitik benarrt man heute nicht die Oefscntlichkcit! Wir reproduzieren im folgenden den interessanten^ Briefwechsel: I. Köln, den 2l. Februar 1911. An das Präsidium der Älliance Jsraelite Universelle, Paris. Sehr geehrte Herren! Indem ich mich auf die Unterredung, die mein Kollege im Präsidium der Zionistischen Organisation, Herr I. H. Kann, im Laufe der letzten Tage mit Ihrem Vizepräsidenten, Herrn A a l o - ntou Reinach, hatte, beziehe, halte ich es für geboten, Ihnen nunmehr auch schriftlich den Standpunkt unseres Präsidiums zu dem im Ge-

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