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Neue jüdische Presse · 1911-04-12 · Heft 15 (12.4.1911) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 15 (12.4.1911)
Date
1911-04-12
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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4*ite iü sind in Aussicht genommen, und als Hochziel alles Strebeus, sowie des Aufwandes von Zeit, Kraft und Kosten winkt den stiiiimbegabtei, Zöglingen — der „Zeitkautor", der nach dem ihm von der Laune hochmögender Herren zugebilligten Maße arbeitet! Und diese Gefahr wird noch gesteigert, indem die Verwaltung der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands den kuriosen Einfall gezeitigt hat. Berlin dominiert, oder sucht zu dominieren. Die „Provinzler" als gnaniits negligeable h'aben den Einfluß der Residenz einfach zu respektiere», und jede' gegensätzliche Regung wird dnrch Mlltel aller Art (Siehe den Antrag auf Stiinnienvermehrnng der Großgemeinden für den Gemeindetag des D. I. G.) niedergehalten. Deshalb wird auch das Berliner Vorbild in Festlegung der Tempi für die Vorbeter, in der Ausstellung von Rekorden für Sabbat und Festtage willkommene Anhänger in Mittel und Kleingemeinden finden. Mau wird die Leistungen des Borbeters nicht nur mit der Uhr statt mit Herz wü» Ohr verfolge», man wird nicht nur de» Gottesdienst wie bei», Borlesen der Megilloh nach der Zeit beurteilen, sondern m an wird sogar, durch das Berliner Beispiel ermutigt, bei Anstellung des Kantors unb Lehrers die Tempi für jeden Tag des Jahres kontraktlich festlege». Die allmächtigen Vorstände erhalten neue Machtgebiete, de» Kantoren entstehen neue Fallen, und das Publikum hat die erwünschte Gelegenheit gefunden, der Synagoge eine genau bemessene Visite abznstatten! Man läßt sich sehen, ohne ermüdet zu werden. Was liegt daran, das; der alte Scheliach Zibbnr verschwindet, daß. statt des begeisterten, Herz und Seele in innigen Vortrag gießenden, in seiner heiligen Knust ausgehenden Vörbeters sich ein geschäftsmäßiges, den Launen und Wünschen dienstbares Banausentum breit macht, daß an Stelle des seelenvolleir Erfassens und ausdrucksvollen Vortrags der Gebete eine wertnnd weihelose Veräußerlichung tritt. Die Spekulation ans modernen Geschmack, religiöse Gleichgültigkeit und den Beifall der Menge hat auch die Gestaltung des Gottesdienstes in ihren Kreis gezogen, das Geheimnis des volle Häuser schaffenden ZnknnftgotteSdienstes ist gefunden, das' Publikum ist vor Lang,veile und Zeitversäumnis geschützt, denn „die Tempi für die Vorbeter sind ja genau festgelegt worden." „Politik uud Taufjudeu". Vor kurzem haben der „Z e n t r a l v e r e i n deutscher Staatsbürger jüd. Glauben s" und der „Bercin zur Abwe hr des A n t i s e ui i t i sm » s" einen Ausruf an die deutschen Jude n erlassen, in welchem .es n. a. heißt: „Die Wahlparole des Zentral-Bereins ist: unter allen Umständen gegen de» Antisemiten! Darum regelt nicht allein die Parteizugehörigkeit, sondern auch die Persönlichkeit eines Kandidaten unser Verhalten ihm gegenüber. Wir prüfen nicht nur seine Parteizugehörigkeit, sondern seine Stellung dem Judentum gegenüber." Diesem Satze reihen sich weitere energische Worte gegen den Autisemitisnins an, ui» zum Schlüsse zur Einigkeit und zu Zeichiinngeii zum Wahlfonds, der in diesem Sinne Verwendung finden soll, auf-, zuforderu! Schreiber dieser Zeilen ist seit vielen Jahren in seinem Bezirk bei politischen Wahlen im liberalen Sinne tätig und hat sich stets bei einer Wahlkampagne vergewissert, wie der Kandidat sich zum AntiseinitiSinns verhält, bevor er sich für ihn ins Zeug legte. Im Gegensatz zu vielen seiner Glaubensgenossen, welche glauben, daß sie mit Abgabe des Stimmzettels ihrer Bürgerpflicht Genüge geleistet haben, war er bemüht, am Wahltage bei der Agitation nsw. seine Schuldigkeit zu tun und gar manche Stimme seinem Kandidaten znznführen. Deshalb kann er es sich auch erlauben, in der vom Zentralverein berührten Frage das Wort zu ergreifen. Es ist vollständig richtig, daß der Zenttalverein in erster Reche sein Augenmerk darauf richten muß, daß der Autisemitisnins, in welcher Form er sich auch zeigt, energisch bekämpft ivird. Allein eine andere Frage ist es, ob es angezeigt ist, mit jüdischer Tätigkeit und jüdischem Geld Kandidaten zu unterstützen, welche sich taufen und ihre Glaubensgemeinschaft in schweren Zeiten und hartem Kampfe im Stiche ließen. Es ist selbstverständlich, daß man bei polttischen Wahlen nicht nach der religiösen Stellung des Kandidaten fragen soll. Allein das müssen mir Inden uns doch fragen, ob wir einem getauften Inden, der seine Religionsgemeinschaft doch fast nie ans Ueberzengung fahnenflüchtig verläßt, für seinen Verrat noch dnrch Wahl zu einem Ehrennnd Bertraueusamt belohnen sollen. Der „Zenttalverein" hat seit längerer Zeit in dankenswerter Weise den Kampf gegen die Tanfsenche auf seine Fahne geschrieben, und Herr Rabbiner Dr. Werner in Attinchen wich andere treten in stark besuchten Bersammlwigen mit wuchtigen Argumenten gegen diese „Nenchristen" auf. Was frankfurter SsraelitisHes FamUenblqti. »ützt aber diese Tätigkeit, wenn hervorragende Mitglieder des „Zentralvereins" (wie dies jetzt in Stettin der Fall ist) sich so weit vergesse», solche „Flüchtlinge" mit Ehren- und Bertcanensstellen auszuzeichnen'? Ans der einen Seile ivird zum'flammenden Protest und teilweise sogar zum gesellschaftlichen Boykott von „getauften Juden" ausgefordert, und auf der anderen Seite bietet man ihnen das höchste und ehrendste Amt au, das der Staatsbürger zu vergeben hat! Es ist höchste Zeit, daß die tonangebenden Kreise des „Zentralvereins" ein energisches Wort sprechen. Gege „ „A „ tisemite n" n n d ,,f ahne n s l n ch t i g e" oder „getaufte Jude n" muß die Parole aller Inden bei de» nächsten politischen Wahlen lauten. Zioni. Die Chalukah. In der hebräischen Monatsschrift „Haschiloah" veröffentlicht Josna B a r s i l a i (Eiseustadt)-Jdrnsalem interessante Ziffern über die Zahl der jüdischen Bevölkerung Jerusalems, die Seelenzahl der einzelnen Kolelim (Chälnkah-Landsinailnschaften), den Jahresbeitrag der Chalukah, der auf die Angehörigen der einzelnen Kolelim entfällt, die sonstigen Erwerbsquellen der Jerusalemer jüdischen Bevölkerung außer der Chalukah nsw. Die Daten beruhen teils auf eigenen genauen Schätzungen und Bobachtungen, teils auf zuverlässigen Angaben. Die Anzahl der jüdischen Bevölkerung Jerusalems beziffert Barsilai auf etwas über 44 000 Seelen. Davon gehören über 27 000 den verschiedenen aschkenasischen Kolelim und über 13000 der sephärdischen Gemeinde an. Ungefähr 4000 Personen beziehen keine Chalukah. Nähere Aufschlüsse über die einzelne» Landsmannschaften bietet folgende Zusammenstellung: Bezeichimng des Kvlel Seelenzahl Jahresbetrag der Chalukah pro Kopf Ungarn 2 000 Frcs. 100.—, Galizien 3 000 „ 40.— Siebenbürgen 100 „ 180.— Deutschland n. Holland 170 ,, 100.— Rumänien 600 20.— Amerika 1000 Doll. 100.— Warschau 2 000 Rbl. 25.— Chabäd 2 500 ,, 20.— Snwalk 1200 25.— Wilna und Shämnt 3 500 10.-^ Grodno 2 800 8.— Wolhynien 3 000 ,, f).- Reußen 700 „ 6.—, MiiE 1200!.— Pinsk 1200 „ 3.— Stalin 600 3.— Bessarabiei, 200 //• o.- Shitomir 400 „ 5.— Waad kol Hakolelim*) 1000 Gesamtzahl der aschkenasischen Ehälnkahem- 27170 psänger Hierzu kommen die Angehörigen der sephardischen Gemeinde, und zwar Spaniole» 6000, Jemeniten 3000, Perser 1200, Georgier (Gurdschis) 1000, Bncharer 500, Maghrebiner (ans Marokko und Algier) 1500, zusammen 13 200 Seelen. Bei de» Sephärdiin beziehen nur die Chächaniim (-Rabbiner) und Jeschibajünger, sowie Witlve» und Waisen Unterstützung. - Aber auch die große Mehrzahl der Aschkenasiin kann nur eine» geringen Teil ihres Lebensunterhalts ans der Chalukah bestreiten. Bloß 3270 Personen, die dem deutsche», ungarischen und amerikanischen Kolel angehören, können mit der auf sie entsallenden Chalukah notdürftig ihr Anskoininen finden; weitere 6000 Personen decken etwa die Hälfte ihres Lebensbedarss aus den Mitteln der Chalukah, während zwei Drittel der jüdische» Bevölkerung Jerusalems -nur ganz minimale Beträge .von der Chalukah empfangen und im großen und ganzen auf andere Ertöerbsqnellen angewiesen sind. Als solche Erwerbsquellen führt Barsilai an: 1. Einkünfte ans Kapital- und Grundbesitz außerhalb Palästinas. 2. Einkünfte aus Kapital- und Grundbesitz in Palästina. 3. Handel, Gewerbe und Handwerk. 4. Ünterstütznng dnrch Verwandte außerhalb Palästinas. 5. Gelegentliche Unterstützungen. Nach seinen Berechnungen decken ans der unter Skr. 1 genannten Erwerbsquelle etwa 5000 Personen, ebensoviel ans Nr. 2, 2000 ans Nr. 3, 5000 aus' Nr. 4 und 3000 ans Nr. 5 ihren hauptsächliche,: Lebensbedarf. Diese Angaben schließen jedenfalls eine wese u tliche Korrektur der landläufigen Anschauungen über dieErwerbsderhältn i s s e der jüdischen B e v ö l k e r n n g I e r ns a l e nt s in sich. *) Eine von den Vorstehern verschiedener Kolelim gebildete Körperschaft, welche an diejenigen Personen, die keiiwr der obengenannten Landsmannschaften anaehören, Chalukah gelber aus einem speziellen Fonds verteilt. Nr. 1ü. Personalien «.Kleine Mitteilungen. Petersburg. Der dieser Tage im Alter von 03 Jahren verstorbene berühmte Orientalist Professor Dr. Daniel C h o w l s o n war jüdischer Abstammung. Zum Unterschied von anderen Täuflingen benutzte er jede Gelegenheit, in Wort und Schrist für das Judentum und für die Inden einzntrete». _ Ans den Vereinen. Frankfurt a. M. Talmud-Thora-Berein. Während der Sefi roh -Zeit ivird Rabbiner Dr. Nobel an den Wochentagen eine halbe Stunde vor Nacht in der Synagoge am Börneptatz eine» S ch i n r lernen. Aus der Lehrerwelt. Frankfurt a. M. Die Israel. Religionsschnle (Dirigent: Rabb. Dr. I. Horovitz) unterrichtete im abgelaufeneu Schuljahre 525 Schüler und Schülerinnen, davon 315 in der Schule am Hermesweg, 102 in der Schule an der llnterliiidan, 21 in dem Kursus für galizische und russische Knaben und 57 in dem Religionsunterricht der Klingeroberrealschnle und der Adlerslychtschnle. Frankfurt a. M. Zn der öslentlichen Prüfung der unter der Leitung des Herrn Rabbiner Dr. Horovitz stehenden Israelit. Religionss ch n l e hatte sich ei» illustreS Publikum eingefunden — n. a. sahen wir Herrn Direktor Dr. Adler —; die Leistungen der Schüler und Schülerinnen wurden allgemein als höchst befriedigend anerkannt. F. M. Frankfurt a M. Mit Beginn dieses Monats schied, Herr Jakob Scherer, Lehrer am Philanthropin, aus seiner ötjährigen Lehrtätigkeit, um in den wohlverdienten 9i n h e st and z » treten. In Sinsheim (Baden), i», Jahre 1838 geboren, besuchte er die dortige höhere Bürgerschule und bezog hieraus das Karlsruher Lehrerseminar. Rach bestandener Lehrerprüfung wirkte er seit 1857 in Gernsbach und Freiburg i. B., später an der israel. Stadtschule und dem Großherzogl. Gymnasium in Karlsruhe. Von dort wurde er 1875 als ordentlicher Lehrer an die Realschule der israelitische» Gemeinde zu Frankfurt berufen, welcher er während 36 Jahren mit voller Hingebung seine ganze Kraft und sein großes Lehrgeschick widmete. Zahlreiche Tchülergenerationen sind ihm in treuer Anhänglichkeit dankbar, und auch früher schon wurde ihm die öffentliche Anerkennuilg seines ersprießlichen Wirkens dnrch Verleihung des KronenvrdenS 4. Klasse zuteil ans Anlaß der Einweihung des neuen Schulgebäudes oes Philanthropins im Herbste 1908. Sei» Abschied von der Schule und der Lehrtätigkeit nach mehr als einen, halben Jahrhundert, gestaltete sich zu einer erhebenden Familienfeier, an der alle, die z» dieser Schule in Beziehung stehen, herzlichen Anteil nahmen. In warmen, herzlich enipsnndenei, Worte» gab Direktor Adler den Gefühlen Ausdruck, die in erster Linie die Kollegen und Schüler des greisen Lehrers bewegen, der — trotz seiner 73 Jahre — »och »»gebeugt von.den den Beschwerden des Alters, sich in den in, wahren Sinne wohlverdienten Ruhestand znrückzieht, „in jüngeren Kräften Ran», zu geben. Indem der Direktor ferner auch den Dank und die Anerkennung des Vorstandes und des Schulrates der israelitische» Gemeinde anssprach, überreichte er de», verdienten Pädagogen die ihm vom Kaiser verliehene Auszeichnung, den Ro(e» Adlerorden 4. Klasse, als weitere Anerkennung für de» schon mit dem Kronenorden Ausgezeichneten, dabei dessen weitere Verdienste »in die Gemeinde wie auch auf soziale», Gebiete hervorhebend. Die warme Anhänglichkeit der gegenwärtige», wie der früheren Schüler des Gefeierten brachten ein paar kräftig heraiisgeschinetterte Worte eines Sextaners sowie die Ansprache eines Vertreters des Vereins der ehemaligen Schüler des Philanthropins ziu» Ausdruck. Für alle diese Ehrungen dankte der Scheidende mit bewegten Worten des Abschieds an Schule, Kollegen und Schiller. Köln. Zum Dozenten für die Religionsw i s s e „ s ch a f t e n am hiesigen Jüdischen Lehrerseminar wurde Dr. I. Lorsch, bisher Rabbinatsassistent in Fulda, einstimmig gewählt. Dr. Lorsch hat seine Universikätsstndien in München und Gießen absolviert und seine Rabbinats-Antvrisation „ach vierjährige». Besuch der Thoralehranstalt in Frankfurt a. M. erworben. Breslau. Dr. Arthur Süßmann. Religions« lehrer bei der hiesigen jüdischen Gemeinde, wurde als Oberlehrer an die Jakobsonschnle (Realschule) in Seesen berufen. Breslau. Die Rekigions-Unterrichts- Anstalt I (Dirigent: Rabb. Dr, Rosenthal) war im abgelansenen Schuljahre von 508 Zöglingen frequentiert. Frankfurt a. Oder. Oberkantor Eduard Abraham — geboren 1850 zu.Krojanke —.feierte dieser Tage sein 40jähriges Dieilstj„bil ä.n m. Nagy - Tapolcsanh (Ungarn). Oberrabbiner Nathan Schlesinger,- der Nestor der orthodoxen Rabbinen Ungarns, ist im Alter von 83

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