Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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fleitufle za lit. 15 tfes fttnifefntfet Iftaefttifrfieu lainlKenfitafe. Ein jüdisches Volksfest an der Newa. Ein jüdisches Volksfest an der Newa?! — An der Newa werden beständig Pläne zur Vernichtung Israels geschmiedet, von dort ans ginge» die Pogrombefehle nach allen Städten und Städtchen ßinßlands, von dort gehen tagaus, tagein Austreibnngsverordnnilgen gegen die Inden nach den Stad' ten und Dörfern: es wetteifern dort Regierung. Duma, Reichsrat und Senat in chikanöseii besetzen gegen alles Jüdische, gegen Man» und Iran, gegen Jung und Alt, gege.n Hans und Schule, gegen Handel und Wandel; knrznni alt das, was das korrumpierte sinsterc Zarenreich an Verbrechertum, Verworfenheit, Verlogenheit, Finsternis und Dummheit in unbegrenztem Maste besitzt, hat sich dort zusammengesunden, um das Leben der ansgesaugten, geknechteten Juden noch unerträglicher zu gestalten; — und dort in Per residenzlichen Mördergrube des Hooliganenscheiks ein j ü d i s ch e s V o l k s f e st?! Wie ist das zu erklären?! In Petersburg ein jüdisches Volksfest! Und doch ist daS Judentum ein Feld unbeschränkter Möglichkeiten. Schon Abraham ging unversehrt ans dem Kalkofen, ans der Raserei und flammenden Wut Nimrods über die von. Abraham zerstörten Götzen hervor, ans der Pharavnischeu Raserei und Vernichtnngswnt ob der Vermehrung Israels gingen Moses und seine Lehre hervor, aus der Raserei RebnkadnczarS Daniels und ans der Raserei Tinn' Rabbi Jochanan Ben-Jochai und Jawne . . . Ein jüdisches Volksfest ist in Petersburg gefeiert lvvrden, ein echt jüdisches Fest, und somit erübrigt eS sich zu sagen, das; da nicht ob niedergerungener Menschen oder niedergeivorsener Stiere triumphiert ivnrde, es war ein Fest der jüdischen W i s s e n s ch a s t ob neu. gefundener Wahrheiten, ob gradczn b a h n b r e ch ende r Entdeiknngen! Und wer ist dieser grvste Pfadfinder? A. A. H a r k a w i! Geboren am 22. Cheschivan 1835, in Nvivogrudvk, besagte sich Harkawi bis zu seinem 23. Lebensjahre ausschließlich mit dem Takmndstiidinin, besuchte die Jcschiwos zu I w i e, Nowogrndok und Wolosin. 1858 trat er in die Rabbincrschnlc zu Wilna, 1863 in die Universität zn Petersburg ein. Rach Absolvierung der Universität — 1867 — wurde er von der Fakultät zur weitere» Ansbildnng »gch dem Auslände geschickt, hörte Vorlesungen über Assyriologic und Keilschrift bei den berühmten Gelehrten Lipsius-Bcrlin und Oppert-Paris und bekam darauf einen Katheder an der Petersburger Universität; allein Jntriguei, des Orientalisten Professor Chwolsou — dieser jüngst verschiedene getaufte Jude fürchtete den Rivalen — nötigten ihn, sein Amt an der Universität niederzulcgcn, und so wurde er Bibliothekar an der kaiserlichen Bibliothek. Fünfzig Jahre sind verflossen seit dem Beginn des wissenschaftlichen Schaffens Harkawis auf dem Gebiete der jüdischen und allgemeinen Geschichte und Archäologie, — und wie grandios und gigantisch ist das Werk dieses großen Gelehrten! Schier unzählig sind die in vielen wisseiischastlichen Zeitschriften und Enzyklopädien verstreuten Abhandlungen und Werke, die bisweilen epochaler Natur sind. Nicht hier ist der Platz, all diese Leistungen auszuzählen, aber wollte man den pyramidalen Bau des geistigen Krösus genau überblicken, so würde es einem schwindlig vor dieser Höhe! Als Dokumentalhistoriker ist Harkawi unübertroffen, und auf dem Gebiet der jüdischen Wissenschaft mit keinem der jüdischen westeuropäischen Gelehrten zn vergleichen; ein S tc iu sch n cider, ein Bacher bedeuten ihm gegenüber ganz wenig. Ohne seine Forschungen würden wir aus dcm Gebiete der jüdischen Sekten, insbesondere der Karäer, und der Geschichte der Chnsaren. geradezu im Dunkeln tasten. Sowohl sein Wissen, das beinahe bis zu dem Umsange eines B r itisch mu seum hcranreicht, ' wie sein Scharsblick sind geradezu erstaunlich. Allein nicht nur mit seinem Wissen und Schassen steht er einzig da, sondern auch mit seiner strengen Frömmigkeit, die ihn zur Beobachtung der kleinsten Gebote anhält, sowie mit seiner glühenden Liebe zum jüdischen Volke. Die meisten seiner Werke schrieb er hebräisch, was nicht einmal ein Zunz tat, dessen Schaffen in einer Zeit begann, als die Juden Deutschlands noch hebräisch verstanden haben. Und siche! Auch unser Volk, daS mehr anszusetzen als zu danken versteht, auch unser Volk weiß diesem unseren geistigen Baron Hirsch den verdienten Dank zu erstatten. Von allen Schichten, Klassen und Richtungen der Jndenheit Rußlands und auch der des Auslandes wurden dem greisen Gelehrten, der vor wenigen Tagen seinen 75. Geburtstag und öOjähriges Jubiläum feierte, Hnldignngs-Äldressen dargebracht, fast sämtliche jüdische Großgemeinden Rußlands schickten Deputationen, und von den größten Gaonim, wie Rabbi Chajim Solaweitschik, und Zadikim wurden dem Jubilar Dankesschreiben übersandt, und selbst die Rabbiner des heiligen Landes sehlten nicht. Diese Einmütigkeit von der krassesten Assimilation bis zur äußerste» Orthodoxie und Nationalismus beweist, was Harkawi uns, dem gesamten jüdische» Volke, bedeutet. Und daher ist das Jubiläum Harkawis zum wahren jüdischen Volksfest geworden, zum Fest der jüdischen Wissenschaft und Triumph des jüdischen Geistes! Und wenn dieses Fest in der Residenz der neuzeitlichen Barbarei und deschristlich übertnnchrcn Götzendienstes, wo lausende' von Plänen für die Vernichtung. des jüdischen Volkes geschmiedet werden, slattsand. so will das sagen, daß der jüdisch e G e i st n n v e r w n st l i ch i st, und daß dieser Geist, der den Pharao von einst und seine hamonitischen Nachfolger überdauert hat, auch den Zar-Pharao von heute und seinen verruchten Kreaturen überdauern wird und sie als Schandfleck der Geschichte der Menschheit in Vergessenheit geraten lassen wird. „Die Tempi für die Borbeter sollen genau festgelegt werden." Von Jakob T r e u. Das deutsche Judentum hatte seit der Zeit der Jiidcncmanzipation häufig Gelegenheit gehabt, sich mit den Erzeugnissen des Berliner Bodens, mochten sic den Kreisen der Gemeinde, der Verbünde oder deren Anstalten entspringen, in nicht immer erwünschter Weise zn beschäftigen. Die neueste Kunde ans der Berliner Gemeindestubc ist jedoch geeignet, auch den Humor zn beleben, so ernst die Lache auch in anderer Beziehung stimmen must. Der Gottesdienst in den Berliner Synagogen soll um gestaltet — d. h. nicht etwa in jüdischem Sinne — nein, nur vcrk ü r z t werden, namentlich aber sollen ,.die Tempi für die Vorbeter genau .festgclegt werden." Der Jllnstrativn und sachlichen Belvertung dieser neuesten Reglementiernng des jüd. Gottesdienstes seien nachfolgende „Momentaufnahmen" dieses köstlichen Produkts gemeindlicher Brrlvaltnngswcisheit bestimmt, welche vielleicht mehr als lange fachmännische Ausführungen die geschaffenen Verhältnisse beleuchten. Vor 2 Monaten tagte der Verband jüdischer Lehrervereine. Im Mittelpunkt der Verhandlnngen stand die Vvrbeterfrage. Der Referent forderte für den Vorbeterstand und seine 'Aufgabe mehr Licht, mehr Achtung und Bewegnngssrcihcit. Nord und Süd sollten nach den Worten des Vorsitzenden einander näher gebracht, die „Mainlinie" überbriickt werden. 'Auch die Großgemeinden stellten bei solch wichtigen Beratungsgegenständen ein großes Kontingent ihres Kantorenbestandes. Die erhaltenen Eindrücke wurden im neugegründctcn Kantoren- Organ geradezu begeistert gefeiert. Kein Wunder also, wenn dieselben noch lange nachh'allten und auch den Weg in Laicnkrcise, ja sogar in die weiö'heitnmwobenen Räume der Berliner Gemeindeältesten fanden, deren Fürsorge für den aufstrebenden Vorbetcrstand aneifertcn und als wichtiges Bcratnngsergebnis der erwertnngsvollen Fach- und Laienwelt verkündeten: „Die Tempi für die Borbeter sollen genau festgclegt werden." * Es ist nicht zn bestreiten, daß vom Standpunkt „vorstündlicher Allgewalt" und des gerade in der Berliner j n d. Gemeinde st n b e heimisch gewordenen Sonnenkönigt n m s, das ' die Organe der Gemeinde gewissermaßen als Lohnarbeiter betrachtet und kein Gefühl für ideale Berufstätigkeit und dementsprechende Bewertung der Persönlichkeit anfkommen läßt, der gefaßte Beschluß verständlich ist. Ebenso verständlich ist die Haltung h o ch in ö g e n d e r K o m - merzienrät'e, den gewohnt sind, die Welt nur im Zeichen d c S Verkehrs zu betrachten, und deren allumfassende Unternehmungen den intimen Regungen des in Not, Dank und Herzenspflicht sich emporringendcn Gemüts keinen "Raum gewähren, wenn sie das Engros- Prinzip ihres' Schaffcnsgebietes auch auf das Terrain des ihnen überantworteten synagogalen Lebens übertragen und einfach dekretieren: „Die Tempi für die Borbeter sollen genau sestgelegt werden." » Trotz alledem verrät der samose Beschluß in einer Hinsicht eine Auffassung vom Wese» des Vorbeters, der auch wir, wenn auch von anderen Gesichtspunkten aus, zustimmen können. Während der Wortführer des Lehrerverbands, den Vorbeter mit dem Sänger vergleichend, emphatisch ansrnst: „Er steht in des größere» Herren Pflicht, er gehorcht der gebietenden Stunde," beweisen die allmögcnden Herren der Residenz in der Oranienburgerstraße mit ihrem Beschlüsse, das; sie in ihren Vorbeter eben nicht den Länger sehen und in seinen Darbietungen keine Knnftleistnngen erblicken, denen ans allen anderen Gebieten des künstlerischen Lebens, Theater, Konzert, Matinee sive o'clock Tee zn lauschen, sie doch nie und nimmer an Zeit und Geld geizen würden. Wenn aber nicht einmal Sänger und gewiß nicht Baal Tefilloh, was ist ihnen der Kantor sonst? Könnte nicht vielleicht der setig entschlafene „Organisations-Entwurf" darüber' Aufschluß geben? Doch nie ivollen nicht seine Ruhe stören und uns nur darauf beschränken, daß der „T e in p i - B e s ch l n ß" beredtes und t l a s s i - s ch e s Zeugnis ablegt für des Fiasko de r durch Orgel, gemischter Chor und st i m m g c w a l t i g e S o t i st e n g e d a ch t e n mt d erhofften Nenbeleb u n g des Kultus und des religiösen Interesses. Unwillkürlich schweift unser Blick zurück auf dieselbe Stätte, wo vor vielen Jahren erstklassige Meister des Reginus und wirkliche Schelichci Zibbur ihres'Amtes walteten, der gefeierte Ascher L ion, der phänomenale Lichte »stein, ausgezeichnet durch edle Aufsassnug seines Berufs und herrliche Interpretation der Tefillaus, sowie viel bewundert von allen, die ihn hörten und hingerissen ivaren vom Zauber seines stimmlichen Kleinods, dann aber besonders der vorzügliche Kenner des alten Reginas und begnadete Lehrer und Vertoner des überlieferten Stils, L e iv a n d o w s k i! Welche Gefühle würben diesem gefeierten Beherrscher der Herzen die Wandlung anslösen, welche sich inzwischen in Würdigung seiner Kunst an der Stätte seiner Wirksamkeit vollzogen hat! Welche Bitterkeit beschleicht u it s bei diesem Vergleich im Hinblick auf die hochinteressanten 'Ausführungen Lewändowskis über die Kunst des Vortrags und den musikalischen 'Ausdruck der Gebete! „Wenn uns der Schatz unserer rituellen Rezitative erhalten bleiben soll, dann dürfen wir ihn nicht, wie das leider am meisten bei unseren Glaubensgenossen selbst der Fall ist, mit Hohn behandeln, und ihn der Lächerlichkeit preisgeben. Der musikalische Ansdruck für unsere Gebetweise ist ein heiliges Erbe, geschaffen . ohne musikalische Bildung, ohne kritische Untersuchung, einzig und allein der fromme unmittelbare Erguß heiligster Inspiration; und wenn wir auch die Sprache unserer Väter verlernt haben, das Verständnis für ihre und unsere herrlichen Tonweisen müssen wir wieder gewinnen, dieselben erhalten und Pflegen. Wer empfände nicht in ihnen die Geschichte unseres Volkes! .... Die Mission, die dem Vorbcter von der Gemeinde übertragen wird, ist nach jüdischer Auffassung von nicht geringem Inhalte, und wenn dem Vorbcter die Lösung dieser Aufgabe nicht verleidet, wenn er vielmehr von Liebe und Hingebung zn feinem Berufe sich durchdringen soll, daim sollte man in der Beurteilung seiner oft schwierigen und physisch anstrengenden Leistungen nicht imgerecht sein. Die Abneigung gegen alles Melismatischc in den musikalischen Rezitativen spricht —. bescheiden ausgedrückt — die vollständigste Unkenntnis des Charakters dieser Gattimg aus, und so wenig ein Baum seiner Aeste, Zweige und Blätter beraubt iverden und dann noch den Begriff Banni darstcllcn kann, ebensowenig können die jüdischen Rezitative des mclismatischcn Schmuckes entkleidet werden." Würde Lewandowski auch heute noch die Durchführbarkeit seiner Forderungen und trefflichen Ratschläge zugeben? Nein, nach Punkt 5 der neuen Berliner Synagogenordnnng werden die Ergüsse der Borbeter weniger von der inneren Teilnahme der Gemeinde, dafür aber mehr von der U h r begleitet sein. Und wehe dem idealen Sonderling am Borbeterpult, dem es cinfallen sollte, die Gebete nach ihrer inneren Artung jubelnd oder klagend, lyrisch, elegisch oder Parlando vorzutragen! Die Poesie seiner Auffassung wird sich nur noch innerhalb der vom Vorstand vorgeschriebenem Tempi entfalten können, und der sich selbst vergessende, dem Herzensdrang entquellende Vortrag wird durch die ~ Parze in Gestalt des die Einhaltung der Tempi sorgfältig hütenden Dieners sein schnelles Ende finden. Was sind den Berliner Herren die zarten Blüten der SchabboS- und Jontof - Gesänge, oder die stimmungsvollen, ergreifenden Rezitative! — „O l e n n" ist Trumpf! * Doch können auch groteske Einfälle nicht über das Bittere und Ernste der geschaffenen Lage henweghelfen. Dringend notwendig wird allseitig die intensivere 'Ausbildung des Kantorstandes anerkannt. Sektionen und Tagungen aller Art widmen der Idee Zeit und Kraft, Körperschaften stellen Mittel zur Ausführung bereit, eigene Kurse, Musikdirektoren und Seminarien werden mobil gemacht, sogar Kantor - Hochschulen