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Neue jüdische Presse · 1911-04-12 · Heft 15 (12.4.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 15 (12.4.1911)
Date
1911-04-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15 Frankfurter JfraelittsHes Familienblatt. Seite 3. Lebeusiverk, der Gebetbuchvorlage, die .er dann glücklicherweise zurückzvg. Zweitens führe der Oberrat ein einseitiges Pcirteiregimciit und feien bis vor einem Jahre ans dem Obcrrat konservative tStcmciitc grundsätzlich ausgeschlossen worden, llninittelbar nach der letzten Synode habe er den Frieden mit der konservativen Opposition durch die Wahl eines Parteigängers in den Oberrat gestört. Saft alle Oberratsmitglicder seien an der Gründling der „Liberalen Vereinigung für das Judentum", deren Standpunkt sich mit dem des OberratS decke, beteiligt gewesen. Ein lveitercs Zeichen des Systems sei die Behandlung der Rcligioiisiinterrichtsfrage, die ja Gegenstand einer besonderen Interpellation geworden ist (s. unten). Endlich wies Dr. Simon noch auf das .im Auftrag des Oberrats erschienene Dr. A. Lewinsche Werk: „Die Geschichte der badischen Juden" hi», in dem zwar nicht der Verfasser, sondern ein anderes Oberratsmitglied (Nährend des Verfassers Krankheit) die letzte Synode als die wenigst fruchtbare bezcichiicte, während Obcrratsiiiikglied Geheinirat Nosin sie als eine leistungsfähige bezeichnetc. Er schloß damit, den Borir-nrf, er wolle deii Oberrat und die Synodalverfassnng stürzen, könne er beruhigt ziirückivciscn, denn er schätze die Organisation als wertvolles Geschenk aus der Hand des verstorb. Großherzogs. Doch loürde dieser, wenn er es g e!v n ß t hätte, den Oberrat nicht in dieser Weise die . orthod. Minorität haben bedrücken lassen. — Die ganz missverständliche Tcntnng dieser Worte seitens des Präsidcnteil zog Tr. Simon einen Ordnungsruf zu, der jedoch nach erklärenden Worten Dr. Simons und nach der überzeugenden Erklärung durch Rechtsanwalt Kassewitz-Freibiirg am Aachiuiktag zurückgezogen wurde. Wahrend der ganzen Rede hatte int Saale grosse Erregung und lknrnhe geherrscht, und viele Zwischcurnfe ertönten, sowohl vom Lberratstisch. >vie ans den Reihen der Synodalmitglieder: mit großer Schlagsertigkeit ging der Redner ans all diese Zwischcnbcmerkungen ein. Nach ihm sprach L. M a r r - Bruchsal, der sich gegen einzelne Punkte der letzten Ausführungen und gegen den „Israelit" wandte. Sodann hielt Geh. Oberreg.-Rat Mayer die Verteidigungsrede für de» Oberrät. Der Abgeordnete Simon habe all' die Behauptungen wieder ausgestellt, die ja schon ans dem „Israelit" bekannt seien, und die ja Gegenstand der gerichtlichen Aburteilung bereits gewesen seien, Diit scharfer Polemik wandte sich dann Gch.-Rat Mayer gegen die übrigen Ausführungen von Dr. Simon. Die Zusammensetzung des OberratS beruhe nicht auf Willkür, sondern auf gesetzlichen Bestiinninngen. Außerdem gehöre dem Oberrat zur Zeit ein orthodoxes Mitglied an: ein Obcrrat, nur aus Orthodoxen bestehend, könne keinen Bestand haben, denn die Orthodoxie könne niemals tolerant sei». Nach ihm verteidigte anch Ministerialkoinmissär Geh. Oberregierungsrat Böhm den Oberrat, legte insbesondere Verwahrung gegen die 'ütugriffc auf die jetzige Regierung ein; vor allem »ciisse man bedenken, daß das Hans der Zähriugcr den Inden immer wohlwollend gegenüber gestanden sei. In langen, klaren Darlegungen vertrat Dr. S i m v ii nochmals seine Anschauungen, kennzeichncte das Vorgehen des Oberrats gegen die Orthodoxen, das diese als schwere Bedrückung empfänden: er erlvähnte als Beispiel die Behandlung, die der Verein zur Wahrung der Interessen des gcsetzestreuen Judentums durch den Obcrrat erfahren habe. Immer schärfer und eindringlicher wurden die Worte des Redners, und mit erhabner Stimme schloß er ungefähr unter folgenden Sätzen seine zweite Rede: „Aian hat auch heute lviedcr hier das patriotische Element gegen uns ansspielcn wollen: man hat uns ja schon oster revolutionär genannt, gegenüber diesen Vorwürfen brauche ich nichts zu sägen, Als letzte Hoheit steht für uns, über »ns allen das Gottesgesetz: wenn nur mit dem sind, so sitzen hier die Rechten und oben (am Oberratstisch) sitzt die Anarchie!" Große Unruhe folgte ans diese Worte. Oberrat L. Ettling er protestierte in erregten Worten gegen den Vorredners Synodalmitgl. Dr. Kassew i tz - Freibnrg betonte gegenüber dem Regiernngsvcrtretcr, daß die badischen Inden in nnerschütlerlichcr Treue zu ihrem Würste»Haus ständen, und von dessen Wohlwollen der Jndenheit gegenüber überzeugt seien, und daß auch durch den Wechsel der Regierung darin sich nichts geändert - habe. Niemand in der Synode habe etivas anderes behauptet. Damit war die Sitzung beendet, und svtvvhl die Gesichter der Synodalabgeordneten, des Oberrats, wie anch der zahlreichen Tribünenznhörcr legten beredtes .Zeugnis ab für diese stürmische Verhandlung. Es lvar im kleinen der J4 n l - t n r kainpf der b a d i s ch e n Jude n. Weltanschauungen Ivarcn in ihrer ganzen Schärfe auseinandergeplatzt: und wenn dieser streit auch keinen andern Wert gehabt hätte für die Orthodoxie, als zu zeigen, dast sie lebt und freie Bahn und Luft für ihre Lebeiisentwicklung brauche, io lväre auch das schon ein Erfolg! Biel ruhiger verlies am Nachmittag die Budget b e r a t u n g. Nachlängerer Debatte, woran hauptsächlich die Vertreter der Landgemeinden sich beteiligten, tvnrdcn hie Anträge der Religio nslchr er ans Gehaltserhöhung n n d A u f st e l l u n g einer Ge h a l t S s k a l a . sowie der A n t r a g a u f It it t e r ft ü tz 11 it g bedürftige r i s r a cl i t i sch er Gemeinde n a n g c >i o m m c ii; der ganze Bora n schlag, der nur eine kleine Erhöhung des Steuersußcs brachte, wurde g e n e h m i g t. Nach Beendigung dieser Arbeit wurde in die Besprechung der Interpellation S i in o n d e u R e l i g i o ii s s ch n l u n t e r r i ch.t b e t r. eingetreten. Dr. Simon begründete dann die Interpellation. Das Leitmotiv seiner Erörterung war: Man kann mit Berwaltungspolitik keine Religion machen. Er wies ans den bekannten Karlsruher Vorfall hin, wo ein Kind durch einen Schiitzmaiiii in den Religionsniiterricht geführt wurde und erwähnte weiter die Verhandlungen in der zlvcite» bad. Kammer Über diese Angelegenheit, in der sich sämtliche Parteien gegen das Verhalten des Oberrats ansspracheii. Es bedeute ein Gewissenszwang, wenn die Kinder orthodoxer Eltern gezwungen werden, in einen liberalen Religionsunterricht zu gehen, eS müßte in solchen Fällen Dispens erteilt werden, und nicht, ivie es geschehen sei, den Eltern nahegclegt werden, aus der Landesshnagoge aiiszutretcn. Oberrat Dr. H a ch c n b n r g legte den Ttandpuiikt des OberratS dar, der Oberrat könne keinen Dispens erteilen, nach dein Buchstaben deS Gesetzes müsse er so verfahren, um de» obligatorischen Religionsunterricht nicht zu einem fakultativen irerdcn zu lassen. Dr. K a n d e r - Pforzheim sprach gegen die Aiilirvrt des Oberrats. Nach, einer langen Debatte nahm noch rin mal Dr. S i »i o n das Wärt zn einer großen Rede, in der er mit all' den Einivänden gehörig abrechnetc. Unter andcrin betonte er: Der Rabiueii dcs Gcsetzes lasse noch einen breiten Ranin für Handhabiittg zn, so daß vor allem eine Gcwisscnsbedrückung ausgeschlossen Iverdc. Der obligatorische Religionsniiterricht werde nicht gefährdet. Auch sei der offizielle bad. Rcligioiisiiiiterricht ja gar- »icht dem jiid. Rcligionsgesetz entsprechend. Damit die Aussprache zu einem positiven Ergebnis führe, beschloß ma», die Wünsche in einer Resolution znin Ausdruck zn bringe», wonach der Oberrat in den Fällen Dispens erteilen solle, ivv der Batcr die Erklärung abgibt, daß er eine andre religiöse Auffassung habe, und daß gelingender Ersatz für den Religionsunterricht vorhanden sei. Ta es bereits V->U Uhr w7ir, beschloß man über die Resolution erst am nächsten Tage abziistimme». 'Am nächste» Tage erfuhr man, paß keine Resoliitivii eiiigclanscii .sei, und daß ayßerdc», die Interpellation Kander den hebräischen Unterricht betr. nach den Ausschlüssen, die die Interpellanten in der Koininifsio» erhalte» hatten, zurnckgeiiommcii sei. Die Sitzung dieses letzten Tages wurde mit Besprechung einiger kleiner Vorlagen ansgesüllt. Tie srohc Schlußstimmmuiig zeigte sich besonders bei Besprechung der Interpellation des bad. Vereins für das Fraiieiistimiiirccht, lvouach den israelit. Frauen das aktive und passive Wahlrecht zur Synode verliehen werden solle. Ans Galanterie ging die Synode über diese Interpellation nicht zur Tagesordnung Über, sondern legte sie dem Oberrat zur Prüfung vor. In der offiziellen Schliißansvrache des Regt c r ii n g s v e r t r e t c r s war vor . allem die Acnßcniiig bcmerkeiisirert, daß die Regierung besonders auch die a b w e i ch e n d e n A u s - f ü h r ii u g e » m i t .g r o ß e »i I n t c r e s s e verso l g t h a b e! Was ist erreicht, und was wird nun stimmen? Das ist die Frage, die viele Gemüter jetzt beschästigt. Prophezeien ist mißlich: die nächsten Jahre werden die Ernte zeitigen, werden -vor allem zeigen, ob das wirkungsvolle Vorbringen der orthodoxen Interessen nntzcii wird. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M-, 7. April. Die gestrige Sitzung des A u s s ch u s s e s der i s r a e l. Gemeinde beschäftigte sich mit dem Rechiinngsplan für das Jahr 1011, der gciichinigt wurde. Eine größere Debatte entspann sich nur bezüglich der- S y ii a g o g e n - I n s p e k t i o n e n. — Dr. H a n a u e r rügte hier, daß der Ausschuß über diese wichtige Behörde noch nie etwas erfahren habe. Er verlangt, daß der Vorstand dem Ansschnß die Erneiiiinng neuer Syncigogen-Jnspektoren zn- Kenntnis gehr, das; die Syiiagogen-Jnspektion bei der Neuwahl eines Mitgliedes dem Vorstand drei Namen vorlcge und nicht — wie bisher — einen. — Wie sich ans der Debatte ergab, wechselt die Inspektion in der Synagoge am Börneplatz alle 4 Jahre, indem jedes Jahr einer der vier Inspektoren ansscheidet, und sind die Inspektoren in der Hanptshnagoge aus unbestimmte Zeit gewählt; außerdem ist jedesmat ein Mitglied des Vorstandes Vorsitzender einer Syiiagogen-Jiispektioii, welch' letzterer Umstand den Wunsch anrcgtc, das: auch der Ansschus; in den Tyiiagogeii-Jiispektionen . vertreten sein möge. — Der Ausschluß beschloß, den Vorstand zn ersuchen, die Zahl der Inspektoren in der B ö r n e p l a t z - S y n a g o g c auf sechs zn erhöhen und von den Wahlen der Syiiagogcn-Jnspeklioiien dem Ansschus; stets Kenntnis zn geben. Bei der Position „Neubau des Krankenhauses",, der —■ nebenbei bemerkt — einschließlich Terrain ■2(4 'Di i 11 i o u e ii Di a r k kosten wird, sprach Hugo Frankel die selbstverständliche Erwartung ans, daß am Sabbat sämtliche Arbeiten ruhen werden. — Ferner beschloß der Ausschuß — ans Anregung des Herrn Fränkel —, den Vorstand zn ersuchen, für den nächsten Winter zn den Tehitliin-Borträgen Rabbiners Dr. Nobel einen größeren Saal zur Verfügung zn stellen, da der Hörsaal stets überfüllt war. Frankfurt a. M. Der für das Iahe 191t ausgestellte :K c ch n ii ii g s plan der i s r a e l. G e »i e i n d e stellt sich wie folgt: O r d i n a r i n m. Einnahmen: Hanptsynagoge 8100 JL — Synagoge am Börneplatz 21 450 . Ii. — -Synagoge an der Köiiigsteiiierstraße 21500 JL — Synagoge und Religionsschnle in Bockenheim 2250 -ik — sonstige Gottesdienste 1250 JL — Beeidignirgswescii 51200 Diark — Schlachtwesen und sonstige rituelle Betriebe 20 750 JL —■ Ritnalbad 2700 JL — Verwaltung und Unterhaltung der Gemeindcgebäiide 4200 Diark — Zinseneinnahmen 50 040 JL — Kultus-- steuern 514 000 JL Ausgabe»: Allgemeine Verwaltung 21300 JL — Hailptsynagoge 4< 704 JL — Synagoge am Börneplatz 37 220 JL — Synagoge au der Köiiigsteiiierstraße 10400 JL — Synagoge und. Religionsschnle in Bockenheim 12 060 JL — sonstige Gottesdienste 0600 JL — Beamten- und Witwen- Pensionen 20 140 JL —• Realschule 90 000 JL —• Gcineiiidehospitat 05 000 JL —■ Beerdignngswesen 20170 JL — Schlachtivcsen und sonstige rituelle Betriebe 44,570 JL — Ritualbad 2480 JL — Verwaltung und Unterhaltung der Grineiiidegebände 20 600 JL — Versicherungen 2000 JL — Verzinsung und Tilgung 168 125 JL — Knltnssteuern 11000 Diark — Religivnsnnleiricht 25 250 JL — Beiträge Jiir allgemeine Zwecke 11300 JL — Diverses 18 500 Diark. Extr a vrdi » a r i u III. Einnahmen: Gekündigte Darlehen 1064 000 JL 'Ausgaben: Renvan des Krankenhauses (Terraincrwerb 320000 JL, S traßenheisteUnng 10 000 JL, Baurate 400 000 JL, sachliche Koste» 30 000 JL) 760000 JL — Anlage eines neuen Friedhofes (Terraincrwerb, l. Rate) 300 000 JL Außerdem enthält der Rcchnnngsplan noch die Positionc» Fonds und Nebciiverwaltnngeii: in Summa balanziecl er mit 1918 967 JL Frankfurt a. M. Dem 12. Jahresbericht des Israel. S l c l l e n v e r m i t t l n n g s - u n d V e r s i ch e r n n g s v c r e i » entnehmen wir folgendes: Das abgetansene Jahr stand im Zeichen ruhiger Weitcrentwicklnng. Die S t e l l e n v e r m i t t l ipt g hat mit recht befriedigendem Erfolge gearbeitet, und die Versirheriingskasse wurde. Dank der Besserung der allgemeinen wirtschastlichen Verhältnisse, nur in mäßigem Grade in Anspruch geiioiiimen. Die Beitrüge der außerordentlichen Diitglieder betrugen l'.NO: 173l JL, die Kosten der Stclleiwcrinittluiigs-Zcntrale und Berwaltnngskosten. bcliesrn sich aber in diesem Jahre auf 2395 JL Der auffällig e R ü ckgan g in den Beiträg ett d c r a » ß eriirdentli ch e n Di i t g l i e - der ist zum Teil wenigstens darauf znrückznsühren, daß sich hier und da die irrige Dieinung herausgebildet hat, der Verein sei durch die Gründung des „Verbandes der Tabbatfreiinde" überflüssig geworden. Demgegenüber ist seftznstetlen, daß^ der „Verband der Sabbatfrennde" mit Rücksicht ans den Verein von jeder Tätigkeit auf dem vom letzteren bearbeiteten ltzebicre der kanfmäiiiiischeii Stellenverinittlnng absieht. Hosfentiich genügt diese 'Anfklärnng, um dem Verein die alten Freunde zn erhalten und zahlreiche neue zn gewinne». Das Veieiiisvermögeii beläuft sich am Ende des Berichtsjahres ans 23 728 JL gegen 31868 JL am Ende 1909. Die B ersiche r n n gska s s c zahlte im Berichtsjahre 1080 JL au 11 Mitglieder. Die Stellenvermittlung, der bekanntlich die gleichartigen Vereine in Berlin, Brcslan und Hamburg angeschlossen sind, kviinte als Stellenvermittlungs-Zentrale wieder ein sehr befriedigendes Ergebnis erzielen. Es wurden 180 Stellen, davon 150 Gehilfen und 24 Lehrlingsstellen besetzt, gegen 143 und 25 im Bvrjahre. Die Ziffern dürfen als Beweis dafür dienen, daß für die jüdischen Haiidliingsgehitsen die Wahrung des Sabbats ^ihre Chance n b e i d e in Suchen einer stelle nicht beeinträchtigt.

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