Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1911-04-12 · Heft 15 (12.4.1911) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 15 (12.4.1911)
Date
1911-04-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2692297-2692716-2692731--06112-2701085
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 15 insbesondere aus der jüdischen Literatur — dieses reiche jüdische Material bedeutet für das wissenschafttiche Verantwortungsgefühl und die tiefgründige Wahrheitsliebe des nichtjüdischeu Gelehrten Tombart ein Ehrcnzengnis — und ferner mit Hilfe seiner überaus scharssinnigen, gesunden inte feinsinnigen Intelligenz. In der Tat erreicht er Resultate, die zum größten Teil durchaus ivahr sind. Es ist eigentlich eine Schande für unsere jüdischen Schriftsteller in deutscher Sprache, wenn inan sicht, welche feinsinnigen, >v a h r c n und tiefgründigen Urteile Sombart ü her den jüdischen G c i st a u s s P r i ch t. wie sie von jüd. Seite noch niemals gesagt wurden. Es ist aber auch zugleich ein Beweis, ans welche Mwegc einseitige Parteinahnic und unwahre Vorurtcilc den menschlichen Geist führen können. Es gibt schwerlich ein Problem, über das mehr geschrieben und mehr gesprochen worden ist, wie der jüdische Geist. Männer ersten Ranges haben darüber jahrelang nachgcdacht, Hunderte von Federn sind darüber in Bewegung gesetzt worden, und welche himmelschreienden Unwahrheiten und aller elementaren Logik honsprechcnde Urteile sind zutage gekonuncn. Und alles nur aus dem einzigen Grunde, weil ein Wirrkopf und Phantast (Graf Gvbincau) die Behauptung von den snpcriorcn und inferioren Rassen aufgestellt hat. Es ist soweit gekommen, daß aufrichtige, einsichtige Männer zu der Uebcrzeugung gekommen sind, das sei eine Frage, die unlösbar sei und andere gar überhaupt die Existenz von Rassen geleugnet haben. Sombarts Buch ist ein cUatanter Beweis, daß cs bei aufrichtiger Wahrheitsliebe und psychologischem Verständnis gar nicht allzuschwer ist, die jüdische Psyche in ihren äugen fällig st en Eigenschaften zu erfassen. Mer vorläufig nur soweit. Wer die jüd. Seele bis auf ihren letzten Grund erforschen will, wird scheitern müssen. Ich will nicht behaupten, daß cs niemals möglich sein wird. Vielleicht wird die Wissenschaft einmal so weit sein, sowohl die individuelle. wie auch die Kollcktivpsychc bis auf ihre letzten Tiefen zu ergründen; vielleicht wird cs möglich sein, — was N c ii a ii erträumt hat — genau Voraussagen zu' können, wie dieser Mensch und dieses Volk unter bestimmten Umständen handeln werden. Vielleicht, vielleicht? . . . Vielleicht aber auch nicht! Vielleicht sind wirklich die größten Wahrheiten nur intuitiv erfaßbar, vielleicht sind wirklich die letzten Rätsel nur der Ahnung, nicht der Erkenntnis zugänglich. Auch dies vielleicht? ..... Jedenfalls ist cs heute eine Vermessenheit, die Psyche einer Gesamtheit ganz und gar zrr enthüllen. Sombart hat dies nicht gclvußt oder vielleicht — was ich eher glaube — nicht zuzugebcn vermocht. Er ivolltc die jüdische Psyche ganz erfassen und — ist gescheitert. Und rveil er es wollte, mit jenen vier Grundeigcnschaftcn der Jude», die er feststcllt und die in richtigem Maße genoinmcn Ivahr sind — es sind dies „Intellektualismus, Telcologismus, Voluntarismus oder Encrgismus und Mobilismus" —, die jüdische Seele bis zum letzten Reste zu ergründen, kam er dazu, sic zu übertreiben; was ihm zur völligen Erfassung . fehlte, suchte er durch eine Uebertreibung dieser vier Eigenschaften zu ersetzen. Aber cs hilft nichts; cs hat nur den einen Erfolg, daß sein „L ö s u n g s v e r s u ch", d c r in richtigcm M äße gchaltcn, u nans c ch t b a r wäre, nun durch dicUebert r c i b u n g eben n i ch t m e h r g a n z richtig ist. Die Psyche eines Volkes läßt sich eben nicht ganz erfassen. Und gerade Sombart hätte dies wissen müssen. „Aller Intellektualismus ist flachwurzlig", sagt er sehr richtig. Und ist die jüdische Bolkspsychc etwa so slachwurzlig, daß man sie durch rein intellektuelles Denken ganz ergründen kann? Dies werden auch Sie nicht sagen wolle», Herr Professor! Die Psyche eines Volkes ist eben keine Gleichung, in der man auf die eine Seite all ihre Bestandteile, auf die andere den Namen des Volkes setzt, und' die dann glatt.'aufgeht. In der Gleichung steckt noch ein Unbekanntes, ein X. Und dieses X macht — vorläufig ganz sicherlich — unlösbar. Und weil sic unlösbar ist, wäre cs kein Vorwurf für Sombart, wenn er die Gleichung ungelöst gelassen hätte. Sein Fehler war, das; er sic lösen wollte. Wer zuviel will, erreicht nieist zu wenig . . . *. Und der dritte Teil: „Wie jüdisches Wesen entstand" — nun, Sombart weiß selbst, daß er auf wissenschaftliche, unanfechtbare Wahrheit keine» Anspruch erheben darf. Sombart lveiß auch, daß die ganze Frage zum eigentlichen Problem nicht gehört; er behandelt sic nur, weil er „nicht Gefahr laufen will, daß die besten Leser dieses Buch mit einem Gefühl der schincrzendcn Unbcfriedigthcft aus der Hand legen". Es wird Leute geben, die meinen werden, es wäre um der Wissenschaftlichkeit des Werkes willen besser gewesen, wenn Sombart den Abschnitt sortgelasscn hätte; ich bin nicht dieser Meinung. Denn auch dies ist Wissenschaft, was über Probleme handelt, die in der Sphäre des Problematischen liegen; ohne solche Wissenschaft hätten wir auch nicht die exakten Resultate. Nur müssen sich sowohl Autor wie Leser bcivußt bleiben, daß das behandelte Problem ctivas Problematisches ist. Und weil cs so problematisch ist, will ich es auch hier nicht ausführlicher behandeln. Ich stimme in vielem mit Sombarts Meinung überein, in vielem wieder nicht; und was ich darüber denke, ist schließlich ebenso problematisch, — vielleicht noch mehr' — wie Sombarts Ansichten. Das mache jeder mit sich selbst ab; interessant ist ja gerade dieser Abschnitt ungemein. * * * Alles in allein: ein Buch über Problcine, die jeden Inden aufs ' lebhafteste, interessieren müssen, das wahr sein wollte und — was für den Leser die Hauptsache ist — zum größten Teile — in der grundlegenden These ganz und gar — wahr ist. Für Sombart selbst ist das eine so ehrenvoll wie das andere. So sehr die Ausführungen über das jüdische Wesen ein Ehrcnzcugnis sind für seine Intelligenz und seine ivissenschaftlichc Dcnkkraft, nicht minder ehrenvoll ist cs für seine ganze Persönlichkeit, daß er zum ersten Male in einem Buche über die Juden völlig objektiv gcivesen ist und nur das Wahre finden wollte. Und — wie sagt doch Nord au so schön in seinen „Paradoxen" — „int Streben nach der Wahrheit ist ja nicht das Finden die Hauptsache, sondern das Suchen. Der hat genug getan, der ehrlich gesucht hat". Und mag man die Ergebnisse Sombarts bestreiten, mag man in vielem ihm widersprechen, den Ruhnl wird man ihm nicht nehmen können, die Wahrheit ehrlich gesucht zu haben, einen Ruhm, der in diesem Falle ein doppelter ist. ’ T” -—- jflgjg;- jwwsr Brief aus Ungarn. ~ Ungarn ist das Land der Klubs. Dort treffen sich die Gleichgesinnten und Gleichgestimmten, halten ihre Konvcntikcl ab, schmieden Pläne und dirigieren je nach der Kraft des Klubs den Geist des öffentlichen Lebens. Nun gibt es in der Hauptstadt viele solcher exklusiver Zirkel, die judenrein sind und bleiben wollen. Vor allem steht in vollem Wichse das mit Argusaugen bewachte N a t i o n a l k a - sino, das die Exklusivität bis über das vierte Geschlecht hinaustreibt. Wem der allwissende Gothaische Almanach durch die Taufe verdünntes Blut in den Pulsen uachivcist, der hat dort keinen Platz. Im L a n d e s k a s i n q sind sie toleranter. Da macht die Taufe salonfähig. Nur die gemischte Ehe findet daselbst ihre» Boykott. Im Kasino der Leopoldstadt, dem Büdapester Westend, da sind sie noch einen Grad freisinniger gestimmt, da wird nicht einmal das bischen Weihwasser verlangt. Wer sich' meldet «nd> als guter Patriot seinen Klabrias meistert, cs mag ein glücklicher Spekulant oder heimatsloser Kongrcgationspatcr sein: er wird genommen, in die Mysterien des Kartenhauses cingeführt und zum Vollbtutmagyaren verschrien. Denn das ist in der Lcopoldstadt die Hauptsache. . . Es ist der größte Klub der Hauptstadt und hat mit Abnahme der paar Rciwminierarier, die von den Ordcnsüchtigcn mit Champagner und Artischoken gefüttert werden, lauter Semiten, die man auf Meilen 'erkennen muß, in seiner Mitte, und nirgends in der Welt gibt sich soviel Indolenz und Intoleranz gegen jüdische Interessen kund, wie eben dort. Sic stiften ungarische Kulturpreise, veranstalten Kunstabcnde, unterstützen antisemitische Literaten und Journalisten, alles, um als tolerante Magyaren zügelten. In diesem Zirkel, der cs in der Behandlung der französischen Kartenpartien zur Weltmcisterschaft gebracht hat, wird die erste Generation vom Spielteufel geholt, die zweite stirbt in der Kirche den Jiidcntod. Am 7. ds. -Mts. hatte nun dieses Kasino einen bitteren Tag. Der gewesene Justizminister Polonyi, der »och immer seinen jähen Sturz aus dem weichen Ministcrstnhl nicht verschmerzt hat, wendete sich im ungarischen Parlament mit brutaler Vehemenz gegen die alten Kämpen. Eine Pogromrede dröhnte ins ungarische Volks ha»S und fand allseitige Zustimmung. Selbst die politischen Gegner des großen G a l c o t.t o, die ihm sonst totfeind sind, stellten sich in den Kreis seiner Grattilantcn. Zioni. Die 6. Landessynode der badischen Juden vom 3.—5. dlpril 1911. Auf der 5. Synode hatte der Oberrat seine Vorlage zur Reformierung des Gebctbrichs cingebracht; man hatte erwartet, daß die großen Gegensätze einen harten Kampf während der Tagung entfachten; es kam anders; der Oberrat zog seine Vorlage zurück, alles verlief friedlich, es war die Friedenssynodc. Allerdings war. es ein ungesunder Zustand, daß dieser aufgcspeichcrte Zündstoff nicht damals.schon zur Entladung kam; so samuielte sich inzwischen immer ueuer Stofs dazu an und cntlnd sich mit einer Vehemenz, sodaß ein großer Knalleffekt entstand, und gar viel Pulver nutzlos' verpuffte, wobei aber nach dem großen Knall der Effekt eiir sehr kleiner war. Die Tagung der 6. Synode stand im Zeichen des Kampfes, sie wurde die Kampssynode, iinnierhin mit friedlichem Ansgang. * Der 1. Tag verlief in der gewöhnlichen Weise. Am Vormittag fand ein Festgottesdicnst in der Synagoge .statt, an den sich die feierliche Eröffnung anschlosi. In seiner kurzen Ansprache teilte der Rcgicrnngskoinmissär die Vorlagen des Obcrrats mit. Zum Präsidenten wurde sodann Synagogcnrat A. Oppenheim-Mannheim, zu dessen Stellvertreter Stadtrat L. M a r x - Bruchsal, zu Sekretären Bauer- Mannheim und Dr. L e v i s - Karlsruhe einstimmig gewählt. Der Präsident brachte ein Hoch auf den Großherzog ans und gedachte sodann der verstorbenen Mitglieder Ser Synode, Rechtsanwalt Stadecker-Mannheim und Sigm. Hnsck-Weinheim. Am Nachnnttag fanden Kommissionssitzangen statt. * - Ter 2. Tag war der „S i m o u s" t a g, dieser Tag erhielt nämlich sein hauptsächlichstes Gepräge durch die großzügigen, wirkuiigsvolseil Reden Dr. I. Simons-Heidelberg. Schon vor Beginn der Sitzung ersah inan aus den erregten Zwiegesprächen der einzelnen Abgeordneten und aus dem hastigen Hin- und Hcrrcnnen, daß wichtige Erörterungen bcvorftchcn. 'Nach ciitcm' kurzen Bericht des Referenten der Budgetkommisfion wurde dann zum ersten Mal aus allgemeinen Wunsch eine Generaldebatte über das Budget eröffnet. Nun hielt Dr. I. Simon feine erste Anklagerede gegen den Oberrat. Dr. Simon begann mit einem Rückblick auf die letzte Synode. Jene Synode war gekennzeichnet durch die Gebetbuchvorlage, doch kam es trotz der oppositionellen Mehrheit nicht zu einem Aufeinandcrprallcn der Gegensätze, wie man cs erwartet hatte. Denn mit dem Znrückziehcn der Vorlage hatte die Mehrheit erreicht, ivas' sic wollte. Man schloß den Frieden mit dem Oberrat, der dann auch erklärte, er werde der konservativen Majorität Rechnung tragen. Doch das ganze System, das der Overrat in religiösen und jüdisch-politischen Dingen befolgt, musste ihn mit den konservativen Elementen der badischen Jnden'heit wieder in Konflikt bringen. Das System des Obcrrates zeige sich besonders in fol gcnden Erscheinungen: Am treffendsten in seinem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.