Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Israitkfrtrker Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementspreiS pro Vierteljahr: In Frank« furt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich»Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— H-daKii-rr irnd chefchäffsstekks: ' Srsnkfurt s. m.. .43 xx xt g s ft r xx J| e 7 P-r-fon 10507. Heransgsvev: Saly cheis. JnsertionSpreise: Die diergespaltene Petitzeile..... 85 Psg. Die Reklamezeile ........ 100 „ Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Ro. 4864. 9. Jahrgang. Mittwoch, den 14. Nissan 5671 (12. April 1911). Sfr* 15 BMMB——I nF" Die nächste Nummer erscheint infolge der Feiertage in verkleinerter Ansgabe am 21. April mittags. Inhalt »es Hauptblattes. Artikel: Unsere Haggada. — Aus der Welt der Gedanken. — Brief aus Ungarn. — Die 6. Landessynode der badischen Juden - Aus aller Welt — Personalien und Kleine Mitteilungen. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Aus der Zukunft. — K u u st u n d L t t era c u r. — Wochen -Kalender. — Familiennachrichten.___ Unsere Haggada. Von Dr. H. A b r a h a in sohn. Das weltumwälzendc Ereignis der Erlösung unseres Urstammcs aus ateinberaübender SNavcnatmosphäre rauscht wieder an uns vorbei. Jnr Zaüberbann der ahiiungstiefen Schiinurimnacht kommt cs wie heilige Offenbarung über unsere gvlusgetoohntc Seele. Wir stehen geblendet von der erhabenen Größe der gigantischen Erlösimgstat, und unser Gemüt erhebt sich leise schwebend empor in das Ewigkeitsrcich des majestätischen Geulagedankeus ... ' Was ist uns der Nebelwust der düsteren Gegenwart?. Was das bebcbange Zittern vor der hcranschleichcnden uiiheilschwangern Zukunft? Hinter uns. erstrahlt in heiliger Morgenschöne purpursonnenklar das epochale Ereignis unseres Werdens: die Erlösung aus Mizrajim . . . Und wie vom Sonncnstrahlenkuß die Memmonssäule> klingts aus unserer Seelentiefe frnhlingsjauchzend glockenhell: Knechte waren wir dem Pharao in Mizrajim ... Wir waren Sklaven. Und haben ausgehört, es zu sein. Der Heilige, gelobt sei sein Name, hat uns mit starker Hand gerettet. Er hat unsere Kerker gebrochen, die Ketten gesprengt, unsere Körper befreit und die Seelen erlöst. Und hätte: Er uns nicht hinausgeführt aus Mizrajim, dann: wären ivir, unsere Kinder und Kindeskindcr noch heute Knechte in Mizrajim. - Und sind wir auch alle verständig und weise »ud erfahren, gereift und torakundig, ist es uns doch heiligstes Gebot: zu erzählen . . . . . Also klingt die wundersame Geschichte in der «chimurimnacht von Geschlecht zu Geschlecht und wird zur. unversiegbaren Quelle von Hoffnung, von Kraft, von Streben und Wollen, und darum von endlicher Erlösung. Denn Wille zur Freiheit macht frei. . . Die anpassungssüchtigen Gesinnung»-- »iakler mögen Ilnglück in unserer Ausdauer beim alten Bund, Elend in unserem Festankern in der heiligen Tradition wittern; die siebenmalweisen Superklugen, diese wolkendeutenden Sturmvögel unseres Stammes, den Untergang ihres Blutes voraus ahnend verkünden; wir hören nicht auf, zu erzählen von gewaltigem Weh und tiefster Pein, von Schmerz und Schmach; von Kerker und Knute, von Trauer und Trübsal, von Finsternis, Verzweiflung und — Freiheit, heilig göttlicher Freiheit, von Jezias Mizrajiin. Der Weg in die Zukunft, — das kündet das Frühlingslied unseres aufcrstandenen Volkes, die Haggada, — führt durch das Elend. Ein Volk, das an: schwersten gelitten, ist unsterblich! Möge die Gegenwart mit Hämmern, tausend Zentner schlver, auf unser Herz herniederfallen, es hört nicht auf zu schlagen. Wir hören nicht aus zu hoffen, zu leben. Wir erzählen .... Und so war es auch in Bus-Brak. Ringsherum erdröhnte der eherne Legionentritt, der die jüdische Saat erbarmungslos zerstampfte. Der mordende Kriegsstahl des Römerheeres hatte jede Hoffnung zerschnitten. Nichts als dampfende Leichen, rauchende Trümmer, Schutt und Verzweiflung waren geblieben. Und in der Luft ein wimmerndes Stöhnen, Seufzen und Todcsröcheln. Golusnacht drückte die Gemüter, lastete ans den Seelen. Finstere Gegenwart breitete die nebelnächtigen Schwingen über das ganze Geschlecht. Da erhoben sich die Gcistrsheroeu und entzündeten mit ihrer heiligen Geschichte die iveitlenchtenden Wachtfeuer. Rabbi Elieser, Rabbi Joschua, Elieser Sohn Asarjas, Rabbi Tarfon und der heilige Rabbi Akiba erzählten jene ganze Nacht hindurch unentivegt mit Feucrseele und Flammensprache von Jezias Mizrajim. Bon Schmerz und Schmach; von Kerker und Knute; von Trauer und Trübsal; von Finsternis, Verzweiflung und Freiheit: heilig jüdischer Freiheit! Die Alten erzähl!eu — so kündet cs im lapidaren Ewigkeitsstil die Haggada bis die Jugend hcranreifte. Bis die Jünglinge kamen mit unbändigem Freiheitsvrang. mit nimnierstillem Lebenswillen; stolz wie das Prophetenwort, stark wie der. rauschende Frühlingssturm. Und dann sagten unsere Lehrer: Genug! Hier ist die Zeit oes Frühgebets, denn ans den Bergen Judas glüht der Frühlingslilorgeii .... - Aus der Wett der Gedanke». (B e t r a ch t u n g e n und Besprechünge n.) Bon Ben-Koheleth. IX. ' ■ Die Juden und die Wirtschaft.*) Die „Allgemeine Zeitung des Judentums" wird entsetzt das Buch ablehnen, wird in höchster moralischer Entrüstung dagegen protestieren, daß der moderne Kapitalismus ein Werk der Inden sei und Sombart einen Antisemiten schimpfen. Die „Stäatsbürgerzcitung" wird auch das Buch verwerfen, wird dagegen protestieren, daß *) Die Judcic und das Wirtschaftsleben von Werner Sonchart. Leipzig. Verlag von Duncker L-Humblot. 1911. 476 S. 9 11, geb. 11 Mk. die Juden so begabt und intelligent seien,- tvie sie das Buch schildert und wird Sombart als einen von jüdischem Gelde bezahlten Judenknechr bezeichnen. Sowohl Geiger als B r u h n werden über das Buch entsetzt sein, und dies ist ein Zeichen, daß es wahr ist. * * * „Wahr ist", ivird vielleicht als apriorisches Urteil nicht ganz richtig sein, sagen tvir also vorerst: es will wahr sein. Und dies ist nicht wenig; hier ist cs sogar sehr viel Die »leisten -Bücher wollen ja nicht wahr sein, treten nicht tendenzfrei und voraussetzungslos an ihr Problem heran, sondern suchen nur ein vorher gefaßtes Urteil unter allen Umständen zu beweisen. Darum ist es schon an sich nicht ivenig, wenn man von einem Buche sagt, es w r l l wahr sein. Wo es sich aber um etwas I ü d i s ch e s handelt, da schien bisher das Wahrseinwollen etwas Unmögliches zu sein; denn in der gesamten ungeheuren Literatur über jüdische Fragen wird man die Bücher, die wirklich wahr sein wollen, an den Fingern zählen können,' falls sic überhaupt existieren. (Mir ist kein einziges bekannt.) Daruin ist es sehr viel, wenn ich Sombarts Buch zuerkenne, daß. es stets wahr sein will. * Aber i st es auch wahr? Dies ist die Hauptfrage. Denn ivas nützt mir das Wahrseinwollen, wenn es zu falschem Ergebnis führt. Man wird zur Beantwortung dieser Frage das Buch nicht als Ganzes, sondern nach seinen drei Teilen be trachten müssen und wird dann sagen können: Jeder Teil ist wahrer als der folgende. Der erste, der „den Anteil dcc Juden am Aufbau der modernen Volkswirtschaft" behandelt, ist der sicherste. Er ivird noch zahlreicher Ergänzungen bedürfen — was ja Sombart selbst zugibt — und vielleicht in Kleinigkeiten widerlegt werden, seine These jedoch, daß die Iuden am Ausbau der kapitalistischen Wirtschaftsordnung einen hervorragenden Anteil haben, wird von nun an als w i s s e n s ch a f t l i ch c T a t sa ch e gelten müssen. Dieser Teil ist aber auch derjenige, oer sowohl mich als. den Leser, die wir beide nur Laien sind, am wenigsten interessiert. Der zweite Teil: „Die Befähigung der Juden zum Kapitalismus" ist bei weitem interessanter, aber auch bei weitem weniger sicher feststehend. Dcc These, die Sombart aufstellt, ist ganz klar. Sie besagt: Die Juden sind sowohl infolge der Lebensverhaltnisse im Goluth, als auch insbesondere ihrer rassenmäßigen Anlagen nach ganz besonders zuin Kapitalismus befähigt, ja kapitalistischer und jüdischer Geist sind sogar dasselbe. Sombart sucht dies zu begründen, eimual mit einem ganz erstaunlich großen und umfassenden Material. sowohl aus der allgemeinen wie