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Neue jüdische Presse · 1911-04-07 · Heft 14 (7.4.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 14 (7.4.1911)
Date
1911-04-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. 14 verhängnisvoll. Und wiederum ist Meininger gezwungen, zu einer historische» Entstellung Zuflucht zu nehmen. Die historische Ävinzidenz diverser Begebnisse voll welthistorischer Bedeutung kaiu dem Vorhaben! Meiningers bedeutend entgegen. Das zeitliche Zusammentreffen der Expatriierung des jüdischen Volkes und der Entstehung des Christentums gibt nämlich! Meininger die — übrigens rein formelle Möglichkeit, die ungeheuer negative, lähmende Wirkung, welche die Diaspora auf die schöpferischen Kräfte des Judentums ausüben mußte, dem vermeintlichen Ausscheiden der positiven Potenzen des Christentums aus dem Judentum zuzuschreibcn. Abgesehen davon, ist diese sozusagen rein chemische Vorstellung — die Zerlegung de; alten Israel in zwei „Urelemente" — Judentum und Christentum, — überhaupt auf das historische Geschehen nicht anwendbar. Schließlich läßt sich hie von der modernen Forschung säst allgemein festgestellte historische Kontinuität und relative Einheitlichkeit des alten und neue,! Judentums durch eine bloß verbale Gegenüberstellung — Israel und Judentum — keineswegs beseitigen. Moses und die Propheten, Simson und Josua, — kurz alle wahrhaft großen Gestalten in der alten jüdischen Geschichte passen natürlich in den Weiningerschen Judentuinsbegriff nicht recht hinein. Ergo — sind sie die — „unjüdischsten" Gestalten im alten Israel. Ja, noch mehr. Alles, was jn der jüdischen Vergangenheit gegen seine gesamte Auffassung spricht, das sollte ihiil gerade als Rüstzeug dienen, um gegen das Judentum ins Feld zu rücken . . . Ilnd in der Tat nachdem alles Positive und Erhabene in der Geschichte Israels außerhalb des Prokrustosbettes seines Judentums geblieben ist, mußte cs Meininger nicht schwer fallen, die Behauptung aufzustellen, daß nicht die Diaspora die geistigen Kräfte des Judentums lahmgelcgt hat, sondern daß die Juden im Gegenteil die gesamte Diaspora mit dem Gift ihrer Nichtigkeit, Gemeinheit und Amoralität verseucht haben . . . Zu welchen logischen Verirrungen und gewaltsamen historischen Eiitstclluiigeii der assimila!- torische Wille sogar den kühnen Gcdankenflug eines Meininger -verleiten konnte! . . : * * * Dabei konnte mtb ivollte Meininger nicht stehen bleiben. War einmal die Diaspora als Ursache des Judcnunglücks verworfen, warum sollte sie nicht als konstitutives Merkmal in den Judentumsbegriff selber ausgenommen iverdcn? Nun — auch 'zu diesem logischen Saltomortale wurde Meininger durch den unabänderlichen Vorsatz der negativen Uebcrwindung des Judentums quand meine verleitet. „Im Judentumc liegt seiner Idee nach die Ausbreitung über die ganze Erde." (p. 417.) Mutatis mutandis will dieser Satz, der in einer! neuen, absoluten Hülle den alten assimilatorischen Missionsgedanken enthält, ungefähr dasselbe sagen, wie z. B.: Im Slavcntum liege seiner Idee nach. die Unterwerfung unter das absolutistische Zarcnjoch . . . Wenn also jener Behauptung jeder sachlichieahrd Grund abgeht, so hat sie doch ihr ganz bestimmtes Ziel. Sie soll nämlich eine logisch unanfechtbare Schutzdcckc bieten für das psychologische Unvermögen, das jüdische Problem positiv zu lösen. Ist die Tiaspolra dem Judentum iuhaercnt, so ist jede Repatriierung der Juten, jeder Zionisnms, — nicht im parteipolitischen Sinn, schidern im Sinne einer jüdischen Konzentration überhaupt, — aussichtslos; denn — „der Zionismus will etwas Unjüdisches; er ist die Negation des Judentums (pp. 41;,. 424). Und gerade weil die Idee eines jüdischen/ Frcilandes, auch nach Meiningers Anerkennung, „die edelsten Regungen unter den Jude!» gesammelt hat", gerade deshalb ist sie die Negation seines Judentums . .. . So wird der Mangel an überwindungsstarkcm Willen in einer einwandfreien Toga — der Beugung vor der! -absoluten Macht eines unabwendbaren Schicksals drapiert ... Und' da das Unglück des Judentums nach Meininger unheilbar ist, so bleibt dem einzelnen Inden nur noch übrig, sich v o m Judentum zu befreien. „Die Jndenfrage kann nur individuell gelöst werden, jeder einzelne Jude muß sie für seine Person zu beantworten suchen" (p. 425). So die Weiningcrschc Logik, die arme, in den Netzen der Assimilationsidcologie gefangene Logik .... Was bleibt nun noch dem Juden, der nicht schwach! genug ist, sich mit der öden Farblosigkeit der Golusexistcnz zu befreunden, dem aber andererseits and) die Stärke abgeht, das Uebel an der Wurzel zu bekämpfen und ein neues Judentum anzustrebcn? Nur eines — die qualvolle Zwietracht des sehnsüchtigen U e b c r w i n d e u - W o l l e n s und des abhändige n Nicht ü b c r w i n d e n k ö u u e n s, die Tragödie der a g o n i s i e r e n d c n Assimilation, die Tragödie eines W e iningc r. Wer konnte ihr gewachsen sein? Auch Meininger mußte ihr erliegen. Und weder mit Haß noch mit Verachtung und Zorn darf von Otto Meininger gesprochen werden, sondern mit tiefstem Mitleid. Denn was Meininger im Judentum bekämpfte, das müssen und sollen auch wir in ihm, in uns zu bekämpfen suchen. Und was Meininger v e r n e i n e n d nicht vollbringen konnte, wir sollen und wollen es bejahend zu erreichen suchen. * * * Meininger ist der iiwralisd)e Totengräber des Ghetto- und Manscheljudentiims. Herzl — der kühne Apostel des neuen, des Zukunftsjndentums. Die Tat harrt nun ihres Schöpfers . . . .*) *) Der ge sch. Schreiber zieht eine scharfe Linie zwischen .dem Diaspora- oder Golnsjudciitum und dem Heimats- oder Palästiiiajudciitiim: crstercs verwirft er gleich Meininger, letzteres hebt er gegen Meininger aufs Schild: Meininger akzeptiert das letztere, nur meint er, daß bas PalästinajuLcntnm von Fremden entliehen ist, während der Verfasser es unser eigen nennt. ' Und doch ist es' grundfalsch, das Judentum zu zweiteilcn. — Das Judentum ist eins, auch in der Diaspora hat es glorreiches zu leisten und zu schaffen vermocht, der Talmud, der in Babylon .abgefaßt, die Jchuda Halcvi-, Jbn Esra- und Jbn Gabirol - Literatur in Spanien, sowie die eines M. Ch! Luzzati, Lewisohn, M. I. Lewisohn und Bialik in Italien, Ungarn und Rußland sind Glanzleistungen. Auf Persönlichkeiten wie Samuel Hanagid, Äbarbanel und Herzl einerseits uiid Denker wie Maimonides, Spinoza und Maimon andererseits darf auch das Pälästinajudentum stolz sein. Und schließlich sind es nur Kinder der Urhcldcn Israels, denen der Geist Simfons, Elias und Jeremias ilincwvhnt, die sich einst und heute um ihre Ideale kreuzigen und pogromicren ließen und noch lassen.' Gewiß besitzen auck) wir Juden Fehler. Allein auch während der Zeit, da wir in nnscrem Lande waren, _ waren wir nicht fehlerfrei. Götzendienst und feige Kriecher, Assimilanten in Gestalt von Griechlingen hatten wir auch, als wir auf unserer Scholle saften. Auch wir sind nur Menschen von Blut und Fleisch, und cs wäre unerfindlich, warum Fehler, die die andern Völker iit, ungeheurer Zahl besitze», auch uns in kleinerer Zahl nicht anhaften sollten! Die Emanzipation, deren das jüdische Volk benötigt, ist nicht etwa die vom I u d e ii t u m, souderu die von dem l-oblen übcrtiinchten Europa er tum. Mir kr a ii kc u au zu w eui g Iudentu m und viel zu viel Europa er tum, und diese Krankheit kann nur in Palästina, unserer alten Heimat, behoben werden. Was ipir mit dem Aninschen Artikel bezweckten, ist, die Sucht der Juden zu geißeln, den Antiscmitcn uachzuschwätzcu uud au all die lügenhaften Gebrechen, . die uns unsere Todfeinde böswillig andichtcn, zu glauben. Unsere Feinde haben so lange gelogen und von Judengebrcchcn gefabelt, bis sic es fertiggebracht haben, den Inden selbst — bisweilen noch mehr als den Christen — all ihre Märchen als wahre Geschichten, als Tatsachen glaubhaft zu machen, so daß es schier selten geworden ist, einen Inden, der auch kein bischen Antisemit ist, anzutrrsfen. Die Rcdakt. . Das tote Parlament: W i e ii, int April. 1911. h.-w. Rascher als man es gedacht hat, ist das österreichische Parlament nach 'der Vertagung zu seinen Vorgängern versammelt worden. Donnerstag! Abend erging das kaiserliche Edikt, nach welchem der österreichische Reichsrat aufzulvseii und die Neuwahlen anziiordiieu seien. So ist also Oesterreich abermals dem Regime des §• 14 überantwortet. Interessant ist der offizielle Grund, der für das Gebot der Auflösung bekannt gegeben wird: „Die Majorität und die Regierung sollten nicht in einen Exlex-Ziistand gedrängt werden!" Solche mimosenhafte Scheu vor verfassnngswidrigen Zuständen war den österreichischen Regierungen im allgemeinen und der letzien des Baron Bienerth im besonderen nicht immer eigen. Besonders dann nicht, wenn cs sich um die Juden. handelte. Tenn auch er hat, ebenso wie seine Vorgänger, immer ein Hintertürchen gesunden, sobald die Umgehung ratifizierter Gesetze zu Uiiguiisten der österreichischen Juden erforderlich! war, oder wen» das Ausspielcn per Juden ift'geii 'die anderen Nationen der.Regierung Vorteile bringen konnte. - *- i Dir Inden Oesterreichs haben die Eröffnung der ersten Session des ersten auf Grund des allgemeinen Wahlrechts ziisamin r ii g r t r e t c u c ii Abgeordnete n haus e s mit hochgespannten Hoffniiligeir erwartet. Gar bald aber zeigte sich der ausgesprochen anlisemitisch'ci Charakter der Parlameiitsniajorität, der die jüdisch-nationalen Abgeordneten in bic Opposition drängte. Die jüdisch-nationalen Abgeordneten ivaren von dem ehrlichen Streben geleitet, das Vertrauen ihrer Wähler zu rechtfertigen und oen allgemeinsten Forderungen der österreichischen Jndrnheit ohne Rücksichtnahme ans Partei- und Fraktionsprogramme zum Durchbruch zu vcrhclsen. Leider sind die praktischen Erfolge aiisgebliebcn.! ' (Die Anerkennung der jüdischen Nationalilüt. einck Frage, oie infolge der Struktur des öfters rcichischen Staates von höchster Wichtigkeit ist, kviinle nicht dnrchgesetzt werden. Die Inden wuvden auch bei der letzten Volkszähliing, trotz der energischsten Protcste, als arithmetischer Ausgleichiingsfaktor benutzt und um ihr einfachstes, das Selbstbrstiiiimiingsrecht, geprellt. Die tülturellcn Forderungen der Juden blieben unberücksichtigt, und in wirtschaftlicher Beziehung hat ihnen das „Volkshaus" auch keine Besserung gebracht. Die zur Hebung vstjüdischen Elends ciiibcrufene Enquete ist nichts weiter als eine platonische Ber sügnng ohne reale Rückwirkung. Dagegen aber hat das „Bolkshaiis" den traurigen Ruhm, mit einer ganz knappen Majorität die Resolution betreffend die E i n - s ch r ä n k n n g d c r Z n l a s s u n g jüdische r S ch ii l e r z u m M i t t e l s ch u l n n t e r r i ch t c abgelchnt und tausende jüdischer Familien durch A n n a h m c des a n t i s e m i t i s ch e n H a u s i e - rergesetzcs und P rop i n a ti v ns g c setz es um ihren ehrlichen' Erwerb gebracht zu haben. Nebenbei bemerkt, iverdcn durch die Auflösung diese Gesetze, denen noch die Sanktion des Herrcnhjajiiscs fehlt, gegenstandslos, da auch dessen Konstituierung zu Beginn der nächsten Legislaturperiode neu vorgenoiiimeii iverdcn muß. Trotzdem ist die Arbeit der jüdisch-nationalen Abgeordneten nicht ganz vergeblich ' gewesen und muß unbedingt eiiigcschätzt werden. Sic haben bei jeder Gelegenheit in die Debatte eingcgriffen und rückhaltslos die Wünsche und Beschwerden der österreichischen Jiidciihcit von dxr Parlamentstribüne herab zur allgeiiiciiicu Kcuntnis gebracht. Nunmehr ist die Auflösung des Hauses vollzogen, und mit dieser Tatsache iiius; gerechnet werden. Die Neuwahlen finden in ganz kurzer Zqit statt, und die Vorbereitungen sind bereits im vollen Kpiigc. Im allgemeinen sind die Aussichten j üd isch-nÄtiona l er Kandidaten durchaus nicht ungünstig. Denn abgesehen davon, daß die. österreichischen Jude» zri der! .Erkenntnis kommen müssen, düs; alle.Nationen des

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