Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1911)
- Date
- 1911-04-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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cur <— . ~'' >; Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. L— frei ins Haus. Bei der Post abonniert.im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Lesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— ----------- 'daKtisil «n- Hefchäftssiek Srankfurt s. M., Bnnge|lraße 7 Telefon 10507. Herausgeber: Kalg H»eis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Psg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Berbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter No. 4864. 9. Jahrgang. Freitag, den 9. Nissan 5671 (7. April 1911). Rr. 11. WW" Die nächstwöchentliche Nummer erscheint bereits Mittwoch. Schlug der Jnserateu-Annahme Dienstag Mittag. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Tragödie der Assimilation. — Das tote Parlament. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Aus der Zukunft. — Kunst und Literatur. — W o ch e n - K alen d er. — Familiennachrichten — Barmizwohs. Die Tragödie der Assimilation. Von M a x i m Ani n. (Schluß.) Wenn ivir nun das Wciningersche Urteil aus seine Richtigkeit hin prüfen ivollcn, so gilt cs also vor allem, die wesentlichsten Attribute seines Jndentumbegriffes auf ihre drei genannten Hauptquellen — Ghetto, Assimilation, Antisemitismus -- zurückzuführen und so das Reale und Zeitliche vom Irrealen und Absoluten zu souoern. . Wir werden dann Weininger nicht selten bcipflichten/ wenn er die negativen Züge des kulturell-sterilen Gheltdjndentums und den moralisch-minderwertigen Habitus des Assimilantenjndcntuins markiert. Wenn Weininger im heutigen Judentum bei: Mangel an wahrer Größe („Keine jüdischen Mörder^ aber auch keine Heiligen"), an scharf ausgeprägter Persönlichkeit („Der Jude ist -nichts und kann daher alles iverden"), an tiefem Glauben („Der Jade glaubt nicht an seinen Glauben, er zweifelt an seinem Zweifel"), an lauterem Humor . („Der Jude ist humorlos, aber spottlustig"), — wenn er dies alles konstatiert, sodarf man sich dabei nicht von der ungeheuer übertriebenei^Förm hinreißen lassen und den wahrer, Kern nicht übersehen. In diesem karrikaturuzäßig verzerrten Porträt erkennen >vir doch das Antlitz des in seinem allseitigeu Ghetto abgeplagten Golusjuden. . In noch größerem Maße - gilt das Gesagte von denjenigen Attributen seines Judentumsbegrifses, die Weininger seinem unmittelbaren Milieu — den assi m i l n tiousl ü st c r n e n '5 ch i ch t e n d e s W e st j u, d e » t ic in s — entnimmt — und. —■ selbstredend ganz unbe - gt'ündct und willkürlich — auf das g e s amte I u denk u m ü b e r t r ä g t oder, richtiger. seine»? absolute» Judentum inkorporiert. Dem Juden (lies: Manschet . . .) fehlt jede „Selbstachtung", jeder „Eigenwert", jeder „Ahnenstolz". Daher - - seine Protzerei, seine weibische Titelsucht. Er ist — arrogant und gemein, feig und srech, „zersetzend, aber nie wirklich zerstörend"' .. . In der Musik ist sein Ideal — bei: „Effekt", in der Wissenschaft — die „Verflachung, bas - Selbstverständlichmachen" . . .• „Deich Jwdenl ist . unzugänglich: das umnittelbare Sein, das Gottes'gnadentum, der Eichbaum, die Trompete, das Siegsriedmdtiv, die Schöpfung seiner selbst, das Wort: ich bin." (p. 445.) Lassen wir auch hier die nnzulässigc Berallgemcinernng und die übermäßige Schwarzmalerei jbei Seite, — gafft uns hier trotzdem nicht das fratzenhafte Antlitz Mauschcls, des kulterellen Schmarotzers, entgegen? Ist denn diese Gestalt nicht 'zu unseren Passiva zu zählen, zu dem, was das Judentum von sich abzuwerfeu, was cs zu überwinden hat? „Des Juden psychische Inhalte sind sämtlich mit einer gewissen Zweiheit oder Mehrheit behaftet; über diese Ambiguität, diese Duplizität, ja Multiplizität kommt er nie hinaus." (p. 444.) Spricht zu uns in diesen Worten nicht die kulturell-zerklüftete Seele der heutigen jüdischen Intelligei?,;, — mag sie von dieser Ambiguität im deutsche», russischen, polnischen oder französischen Kulturniveau betroffen sein? Wem von uns ist diese geistige Zwietracht fremd? Kraftvoll ruft uns das fremde Kulturwesen zu: „Werde mir gleich, passe dich mir au!" Doch mächtig hallt das- Jüdische in unserem tiefsten Innern wieder: „Bleibe dir selber treu, meide den Selbstmord!" . . . Gehört dieser innere Kulturkampf zweier ■- und oft mehrerer — Seelen in einer — und dabei noch so schmalen! — Brust nicht zu den schmerzvollsten Konflikten, die das Judentum Positiv lösen muß, soll es ein frei schaffendes und kühn aufstrebendes Volk werden? * * * üiitit lassen sich noch gewiß eine Anzahl gänzlich bodenloser Behauptungen ansühren, die Weininger kritiklos dem antisemitischen Arsenal entlehnt hat, und denen jeder Anhaltspunkt im jüdischen Leben abgeht. Ter Jude ist seelenlos, amorälisch . . . „Der Geist ist cS, »voran es dem Inden . . vor allem zu gebrechen scheint" . . . „Aus Mangel au Tiefe ist dem Judentum die höchste Genialität versagt." „Den Juden fehlt vollständig das Verständnis für den Staatsgedanken." „Der Begriff des Bürgers ist dem Juden vollständig transzedent." „Ter Sozialismus ist arisch, der Kommunismus — jüdisch." Die Widerlegung dieser und einer Reihe ähnlicher apodiktischer Urteile, deren Bodenlosigkeit vor ihrer Schärfe gewiß nicht zurücksteht, wollen >vir uns und ceni Leser ersparen. Sie beweisen nur, wie rücksichtslos Weininger auf sein Ziel hinsteuerte. . Weininger mußte eben das Judentum zu einer wesentlich und absolut negativen. Kategorie degradieren, um dann leichten .Herzens das a priori gefällte und an Marx mahnende Urteil auSsprecheu zu können: „Der Erlöser d c s Judentums muß der Erlöser v o m Judeutunie sein." . . Die Analogie mit der Marx'scheu Behandln n g der I u d e n f r a g e l i c g t stii f der Hand. Auch Marx konstruierte sich, ivie übrigens alle negativen lleberwinder des-Judentums, sein Judentum so zurecht, daß er ihm in der Gestalt seines Erbfeindes, des Kapitalismus, den Todcsschlag versetzen. konnte. Dem sollte die Formel dienen: Judentum und Kapitalismus verhalten sich zu einander gewissermaßen ivie die Seele zum Körper, wie die spezifisch geartete Form zum allgemein-wirksamen Inhalt. Und da blieb natürlich nur noch der logisch nnanfechtbare Schluß zu ziehen: Nur vom 'Ableben des verpönten Körpers kann die Befreiung der Seele erwartet werden , . . „Die Emanzipation der Juden ist die Emanzipation der Menschheit von den Juden." — Die Devise aller negativen Ueberwinder des Judentums. „Auäaenm delendum esse!" ... D i e schärfsten Urteile über das Judentum!, rü h ren oft gerade vunseincn jüdisdicn Ucbcrwindcrn her. Der psychologische Grund dieser sonderbaren Erscheinung ist Weininger nicht entgangen. Er sagt: „Man haßt im anderen nur, was man nimmer kein nstll und doch immer zum Deil noch ist." (p. .413.) * * * Für die grundsätzliche Zwietracht der echt ififcifcljeu Psychik Meiningers und feiner „arischscin-ivollendcn" Logik ist es besonders bezeichnend, daß Weininger im Grunde genommen doch die historische Ursache des Judenverhängnisses richtig ersaßt hat. Wenn er mit jeder seiner Behauptungen bestrebt ist, nachzuweisen, daß im Jude n t u nt „d i e größten Möglichkeiten, aber die geringsten Wirklichkeiten" vorhanden sind, so betont er dabei stets und -mit allem Nachdruck, daß dieses Urteil 'sich nur auf das heutige — also aus das Diaspstrai- Jndentum bezieht. Seine geniale Intuition mußte ihn auf'den tiefsten. Grund der jüdischen Leiden und Mängel Hinweisen. Gegen den wahren Feind den Todesschlag zu führen, das mußte Weininger aussichtslos erscheinen, — es fehlte ihm eben die Kraft der nationalen Bejahung. So blieb ihm denn nichtÄ anderes übrig, als sich durch eine absolut unbegründete, historisch-willkürliche Behauptung den Weg zu seinem Ziele zu ebnen: Das alte Israel nnÄ das heutige Judentum seien chren wesentlichsten geistig-moralischen Anlagen nach grundverschiedene, ja in vielen Beziehungen sogar diametral entgegengesetzte historische Gebilde. „Das alte Israel scheidet sich in Juden und Christen . . . Die Diaspora wird nun vollständig, und aus dem Judentum verschwindet die Möglichkeit zur Größe: Männer wie Simson und». Josna, die u n j ü d i s ch st c n im alten Israel, hat. das Judentum seither nicht wieder Hervorbringen können" (p. 449). Zweifellos mußte auch Weininger 'hier die Frage aufgetaucht fein, warum denn die platonische Idee seines Judentums gerade im T i aspora-Judentum ihre vollkommenste historische Verwirklichung gefunden hat. Für einer;, jeden Unbefangenen ist hie Antwort bereits in der Fragestellung enthalten. Für Meiningers Judentumsbegriff wäre aber diese Erkenntnis geradezu