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Neue jüdische Presse · 1911-03-31 · Heft 13 (31.3.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 13 (31.3.1911)
Date
1911-03-31
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Sk 13. Frankfurter Israelitisches FamilienblaÜ. Seite 3. Die vortrefflich geleitete Monatsschrift bietet in jeder Nummer eine reiche Fülle praktischer Anweisungen und nützlicher Fingerzeige für alle Zweige der Landwirtschaft und reiht sich den besten Fachblättern dieser Art Ivürdig an. Wie-sehr man in maßgebenden Kreisen Amerikas die Tätigkeit der Juden ans dem Gebiete der Landwirtschaft — auch in wissenschaftlicher Hinsicht — zu schätzen weiß, geht daraus hervor, daß der jüdische Agronom Dr. I. J-. L i P m a n kürzlich zum Direktor der State and College Experiment Station von New Jersey, einer der ungesehensten landwirtschaftlichsten Versuchsstationen Aincrikas, ernannt worden ist. Aus -er Zukunft. Von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) „Das ist vermutlich ein Amulet," sagte Doktor Hoffmann, einen verständnisinnigen Blick mit seiner Frau anstauschend, „darin ist höchst wahrscheinlich ei» Blättchen gelegen mit einem hebräischen Gebet, das gegen den bösen Blick und gegen alle möglichen Krankheiten schützen soll. Dergleichen hängen sie in Rußland hen Kindern an." ■ „Das haben wir anfangs auch geglaubt," versetzte Herr Meier, „doch es ist nichts derartiges — Sie werden gleich sehen." Er war bei diesen Worten bemüht, den Deckel der Kapsel zu öffnen, aber seine Hand zitterte, er brachte ihn nicht aus. „Erlaube Papa," sagte Egon, indem er ihm das Medaillon aus der Hand nahin und es. öffnete, ein zufammengefaltetcs beschriebens Papier fiel auf den Tisch. „Darf ich's lesen?" „Gewiß, es ist doch für Dich." Egon entfaltete das Blättchen, seine Eltern blickten in sichtlicher Spannung zu ihm hinüber. „Lies laut," sagte der Doktor, „und übersetze cs gleichzeitig. Du weißt, niit denr Hebräischen stehe ich nicht auf bestem Fuße." Egon las: „Umgeben von unerhörten Schrecknissen ist cs die Pflicht jüdischer Eltern,'die Möglichkeit ins Auge zu fassen, ih'ren Kindern plötzlich entrissen zu werde,i und dieselben als hilflose Waisen zurückznlassen. Für diesen Fall schreibe ich dieses und werde das Geschriebene in eine Kapsel ein- Ichlicßen und dieselbe meiner neugeborenen Tochter an den Hals hängen. Das Kind hat heute in der Synagoge zu N. den Namen Leah erhalten, sie ist die Tochter des Mordechai — da folgen die Namen der Mutter und der beiderseitigen Großeltern —. Es ist das Kind strengfrommer Eltern, ich flehe denjenigen, der cs finden und sich seiner annehmen wird, an, es zu erziehen oder erziehen zu lassen nach den Gesehen unserer heiligen Lehre, nach denen die Eltern des Kindes stets gelebt haben. Der Heilige — gelobt sei Er! —, der alles vergilt, wird auch die Wohltaten vergelten, die meiner Tochter erwiesen worden." Egon hatte mit nicht ganz sicherer Stimme die Zeilen zu Ende gelesen, dann ergriff er die Hände des ihm gegenüber Sitzenden und drückte sic gegen seine Brust. „Ich danke Dir, Papa, aus vollem Herzen und auch im Namen des unglücklichen Vaters meiner Lili für alles, was Du an ihr getan hast. Ich kann nurwiederholen, was er geschrieben hat, Gott möge cs Dir vergelten." Inzwischen war Frau Dr. Hoffmann zu ihrem Gatten getreten, dessen Hände' sie umklammerte. „Ist es nicht merkwürdig?" flüsterte sie halblaut, „ist es nicht wunderbar? — ganz dasselbe — zum Verwechseln —" „Was findest Du wunderbar, liebe Mama?" fragte Egon. Beide Gatten wechselten abermals einen fragenden Blick, dann räusperte sich der Doktor, und dann erst sagte er: „Es ist in der Tat auffallend, wir haben in Rußland ein ganz ähnliches Medaillon gefunden, meine Frau hat recht, zum Verwechseln ähnlich." „Und was war darin?" „Atich ein zusammengefaltetcs Papier von derselben Größe,' mit denselben kleinen zierlich krausen «chriftzeichcu. Wir hielten das Geschriebene für ein Gebet, für ein Schutzmittel gegen den bösen Älick — doch nach dem, was Du uns soeben vorgclcsen hast —" „Wenn Du das Blättchen noch hast, könntest Du es mir gelegentlich einmal zeigen." „Das kann ich Dir gleich zeigen, ich habe es drinnen in, Schreibtisch." „Ach! nein, bitte, heute nicht das eilt doch nicht." Aber dem Doktor schien es allerdings zu eilen. Oh»« auf Egons Einrede zu achten, hatte er das Zimmer verlassen und kam gleich darauf mit einem goldenen. Medaillon zurück, das dem auf dem Tische liegenden allerdings zum Verwechseln glich. Alle staunten, doch noch mehr staunten sie, als der Doktor die Kapsel öffnete und ein znsammcngefaltetes Blättchen hervorzog von genau demselben Format. „Herrgott im Himmel!" rief Egon, dem er das Blättchen gereicht hatte, „das ist nicht nur dieselbe Handschrift, das ist auch an demselben Tag geschrieben. Sieh nur her," wandte er sich an Herrn Meier, „cs ist dasselbe Datum, und — gerechten Gott! — cs sind dieselben Worte — auch die Namen der Eltern und Großeltern, sind dieselben nur handelt cs sich hier u», einen Knaben von vier Jahren — Abraham — Gott im Himmel! das ist vielleicht mein Spielkamerad Awrohmle — Awrohmle Lili's Bruder — ach, daß sie den erschlagenhaben!" Die Gesichter des Doktors und seiner Frau hatten sich mit aschfarbener Blässe überzogen, namenloses Entsetzen malte sich in ihren verzerrten Zügen. Der Doktor öffnete wiederholt den Mund, als wolle er sprechen, ohne einen Laut hervorzubringen. Endlich gelang es ihm; doch seine bebende Stimme toar gradezu unkenntlich. ,Mohcr weißt Du denn," wandte er sich an Egon, „daß Lili's Bruder erschlagen worden ist?" „Bon Euch, Ihr habt mir's doch gesagt." „Du kvarst schwer krank," stamniclte Frau Doktor Hoffmann, „wir durste» Dir die Wahrheit nicht sagen, wir haben Dich getäuscht." „Also, Awrohmle lebt? — Lili's Bruder! — Wie wird sie sich freuen — meine Lili!" Jetzt erst ward Herr Meier aufmerksamer: die unheimlich verstörten Gesichter der Freunde ließen ihn Unheimliches ahnen. „Lass' doch noch mal sehe»/ sagte er, indem er die beiden beschriebenen Blättchen an sich nah», und mit einander verglich. „Es unterliegt auch nicht dem leisesten Zweifel, daß die beiden hier genannte Kinder Geschwister sind. — In Rußland haben Sie das Medaillon gefunden — wo?" Hilf- und ratlos blickten die Gatten einander an. „Sprich Du!" stammelte die Frau kaum hörbar. Aber der sonst so redegewandte Mann war nicht sofort in,stände, der Aufforderung zu entsprechen. Endlich begann er mit sichtlicher Anstrengung und wiederholt stockend: „Das haben Ivir gesunden — bei einem Kind, — das — das wir angenommen haben. — Unser Einziges war uns gestorben, — bei der Beerdigung fanden tvir an der Friedhofsmauer ein schwer verwundetes, bewusstloses Kind. Wir haben es zu uns genvmmen, — haben cs als Ersatz betrachtet für das uns Entrissene. Seinen wilden Fiebcrphantasien konnten wir nur entnehmen, daß sein Vater vor seinen Augen erschlagen worden war." „Das war Awrohmle," sagte Egon aufstehend, „kein Zweifel, das war incin Spielkamerad. Morgen soll es mein Erstes sein, nach dem Bruder meiner Lili zu' forschen, und ich werde nicht ruhen, bis ich ihn gefunden habe. — Aber jetzt ist eS Zeit zum Ankleiden. Für Dich auch, liebe Mama, Du mußt auch noch Toilette mache». — Ich bin doch jetzt entschuldigt. — Auf Wiedersehen!" Er wandte sich der Tür zu und mar eben im Begriff, dieselbe zu öffnen, als der Doktor, der ihm nachgeeilt war, den Arm um ihn schlang. „Egon!" stammelte er flehend, „mein Sohn! mein Kind! mein liebes, liebes Kind!" — „Lieber Papa," sagte Egon innig, indem er die Umarmung erwiderte, „aber verzeihe, ich muß mich schon anklciden." „Er kann es nicht fassen," schluchzte Frau Doktor Hoffmann händeringend, „sagen Sie cs ihm," wandte sie sich an Herrn Meier, „ich sehe es Ihnen an. Sie haben's erraten." Dunkele Glut überzog im Moment das intelligente Angesicht des Angeredeten, dem erst jetzt die vollständige Tragweite der eingetretenen Entdeckung klar' geworden. Ties anfatmcnd trat er zu dem jungen Mann und ergriff dessen herabhängende Hand. „Lieber, guter Egon! — sei vernünftig! — sei ein Mann — es ist doch Gott sei Dank! noch nichts geschehen." Verständnislos blickte Ego» von dem einen zum andern. „Was sollte denn geschehen sein? — Um Gottcswille»! — sprechet doch, sprechet! — was sehet Ihr Euch und mich so schreckvvll an? — was ist geschehen? — ist Lili erkrankt?" „Sei unbesorgt, Lili ist gesund. Du warst doch erst jetzt mit ihr zusammen —" „Nun ja freilich, wir waren doch auf dem Standesamt, sie hat sich schon mit meinem Namen unterschrieben, Lili Hoffmann," fügte er glücklich lächelnd hinzu. „Er kann es nicht fassen," wiederholte Frau Doktor Hoffmann schluchzend. „Großer Gott!" „Liebe, gute Mama, was ist Dir? — und was glaubst Du, daß ich nicht fassen kann? — So saget mir doch, was ist geschehen? — Um Gottes Barmherzigkeit willen! martert mich nicht länger!" „Du hast recht," sagte der Doktor mit bebender Stimme, indem er ihn mit sanfter Gewalt in einen Sessel niederdrückte, „ich >vill es Dir klar und deutlich sagen, sonst verstehst Du es nicht." „Betrifft, es Lili?" fragte Egon erbleichend. ,/Lili und Dich." ' „Uns beide, dann ist es nicht das ärgste. Mit Lili vereint, ist alles leicht zu ertragen." „Es gibt verschiedene Bande, auch Geschwisterliebe eint." „Nun ja freilich, aber davon wollten wir doch jetzt nicht reden, es wird wirklich spät. Bitte, sage mir rasch, was ich, wie Du glauben scheinst, wissen muß." _(Fortsetzung folgt.) _ „Zu Geschenken eignen sich meine Operngläser, Feldftecher.Lorgnons, Barometer. Thermometer, Brillen, Pincenez; Spezialwerkstätte für Optik, Mechanik, Elektrotechnik- Physikalische Lehrmittel." „I. W. Albert, Inh. Paul Wanderey, Haus Neptun. Ecke Reue Mainzerstr. und Weißfrauenstr. 11. Tel. 7254. Amt I." Schlafzimmer-Einrichtungen Bettenfabrikation, Bett-Wäsche. Bleidenstrassc 10. Teppiche Gustav Schwarz llGutleatstrassel4 nächst dem Schauspielhaus. Kein Laden. Tel. 18479. Gegen den Strom. Ein Brief von Wilhelm Blank. Gegen den Strom »vollen Sie schivimmen, haben Sic mir letzthin mit leisem Lachen gesagt, lieber Freund. Dazu gehören sehr starke Arme, eine recht kräftige Lunge und ein kerngesundes Herz. Nicht sich vom Stroin »villcnlos treiben lassen. Das ginge allenfalls noch an, meinen Sie »veiter. Wer niit den Wellen kämpfen, sich stemmen, strauben geg-n die Anschauungen, die »ins nun einmal alle umfluten, das sei ein törichtes Unterfangen und obendrein undankbar. Ja, lieber Freund, Hand aufs Herz, ist's denn Ihr »oirklicher und wahrhaftiger Ernst, »oas Sie mir da in Ihre»» Briefe andeuten? Sollen Ivir alles vernünftige Prüfen, jedes freie Empfinden dahingeben, »vcil's mit den Wogen der Zeitlichkeit nicht übereinstimmt? Sollen Ivir, besonders wir Juden jüd. Pflichttreue, uns nicht aus den Brandungen, vielleicht auch aus dem seichten Geplätscher dieser Zeitlichkeit auf die Leuchttnrine der Ewigkeit flüchten und von dort Ausschau halten auf das Wasser, das uns umspült, auf das Land, das wir erspähen möchten? Cs ist vielfach ein Zwiespalt vorhanden zwischen Religion und Leben, der nicht erfreulich, nicht erwünscht und nicht geboten ist. Heiligung, sittliche Veredlung, das ist am ersten Anfang und am letzten Ende Grundström ung und Hauptziel des I ndentums. Ta ist natürlich keiner, der so kühn sein dürfte, um dieses Zieles willen irgend eines der Mittel ivcgzustoßen, die chm von einer alles überragenden Weisheit dazu gegeben sind. Abr schon die Gedankenlosigkeit, mit der diese Mittel vielfach gebraucht werden, schon die Tatsache, daß oft zu leerer Form erstarrt, was doch beseelter Inhalt sein sollte, ist und bleibt bedauerlich. Freilich gibt es hierfür eine entschuldigende Erklärung : wir sind Kasten und Klassen von Geschäftsleuten, wir stehen im Erwerbsleben, können nichr von unseren Renten zehren und sind nicht imstande, uns so schnell und geisteskräftig den. Vorstellungen und dem Milieu, die uns beherrschen, zu entziehen. Allein das entbindet uns nicht von der Pflicht, macht uns die Pflicht im Gegenteil umso dringlicher, in dem Kreise, in den wir hineingestellt sind, mit den Mitteln, die uns erreichbar und verfügbar sind, zu wirken, zu bilden, voranzuschrciten. Es sollte aber — und das ist das mindeste, was verlangt werden niuß — in allererster Reihe wenigstens nicht das umgekehrte Verhältnis von dem herrschen, das eigentlich walten sollte, es sollten nicht die Juden mit schlechtem Beispiel vorangehen. Betrachten Sie einmal unsere Damen — vom Baby in der Wiege an bis zur dcmnächstigen oder bereits gewordenen Großmutter: Blauseidene oder weißseidene Jäckchen umhüllen die niedlichen Neugeborenen, im koketten Zierpuppenausvutz trip-

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