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Neue jüdische Presse · 1911-03-24 · Heft 12 (24.3.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 12 (24.3.1911)
Date
1911-03-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12. Seite 3. Frankfurter Israelitisches Familienblatk. und einige Tage darauf eine »och zahlreichere Gruppe von mehr als >200» Personen, meist Engländern und Amerikanern, in Jerusalem an, nachdem bereits eine Woche vorher eine größere europäische Reisegesellschaft unsere Stadt besucht hatte. ' Infolge des regen Fremdenverkehrs ist das kau fin a nn i | cf) c Leben in Iernsalem wieder etwas l e b h a f t e r g e w o r d e n, und auch die jüdischen Handelsgeschäfte, Hoicls usw. erzielen beträchtliche Einnahmen, was die gegenwärtig hier herrschende finanzielle Krise einigermaßen mildert. Diese Krise ist durch die infolge Mißwirtschaft >uid unzweckmäßige Geldgebarnng hervorgernfene Insolvenz zweier hiesiger jüdischer Wohlfahrtsinstitute, des A l t c r s v e r s o r g n n g s h c i m s und der I e s ch i b a h T o r a t h C h a i m, hervorgernfen worden und hat den Ruin zahlreicher Familien bewirkt. > Unter dem Eindruck dieser finanziellen Katastrophe hat von neucin eine lebhafte Bewegung eingesetzt, die die Organisierung der aschk e n a s i s ch e 11 Bewohnerschaft Ieru s a - le ms zu einer Geineindc mit geordnet e r V e r w a l t u n g anstrebt. Gäbe, es eine solche, so würde die offizielle Gemeindevertretung die Verwaltung der verschiedenen gemeinnützigen Anstalten in wirksamer Weise überwachen und dem will.ürlichcn Schalten und Walten einzelner unverantwortlicher Personen ein Ende machen. Frühere Bemühungen nach dieser Richtung hin scheiterten an dem Widerstand der führenden orthodoxen Kreise, insbesondere der Rabbiner. Neuerdings scheint jedoch selbst das aschkenasische Beth-Din seine Meinung geändert zu laben. Am 5. d. M. fand in dieser Angelegenheit eine große öffentliche Vcrsaminlnng statt, die von zahlreichen angesehene». Bürgern besucht war, jedoch nicht zu dem gewünschten Ergebnis führte. Demnächst soll eine zweite größere öffentliche Versaininlung stattsindcn, in der auch das Rabbinat vertreten sein dürfte, und von der man hofft, daß sic die Modalitäten für die Wahl eines Waad- Hair (Gcmeiuderats) unter allgemeiner Zustimmung endgültig festsetzcn wird. Dieser Körperschaft würde dann wohl auch die Aufgabe znfallen, die Neubesetzung der seit dem Tode R. Samuel Salants vakanten Oberrabbinerftellc der Aschkenasim in die Wege zu leiten. . Die Stadtverlvattung. hat beschlossen, die Straßen mit Asphalt zu- Pflastern. Der Anfang soll demnächst mit der Asphaltierung eines Teiles der Jafsastraße, nämlich dom Hotel Post bis zum Stadtgarten, gemacht lvcrden. 'Späterhin soll die ganze Jaffastraße vom Jaffatyr bis zum Hospital Schaarc Zedek, undin einem Jahre sollen noch weitere drei Hauptstraßen asphaltiert werden. „N. I. K." Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Es ist eine alte Sache, daß die mit den Bolksinstinktcn rechnende So zialdeinokratie den Antisemitismus nicht verachtet, wenn er ihr jür ihre Zwecke dienlich erscheint. Man sehe sich'nur einmal die Sozialdemokratie in Oesterreich an. Aber auch in Deutschland können mir.mit Beispielen dienen. Der „Vorwärts" leistet sich gern dann und wann einmal eine antiscmilische Entgleisung. Auch die Frankfurter „V o l k s st i »i m e" ist dieser sozialdemokratischen Taktik treu. So lesen >rir in ihr in einer Notiz über TschirikowS „Die Inden": „Das Stück ist reich an (allerdings ungewollten) Anspielungen ans F r a n k f u r t e r Z n st ä n d e. Wenn dort die r im ch e n Juden als ausbeuterische Teufel geschildert werden, die mit jedem herrschenben Regime Hand in Hand gehen, wenn sie nur etwas dabei verdienen, wer denkt da nicht an unsere B ö r s c n a ssy r e r , die sich viel weniger über die Beeinträchtigung des Lebens, und Glaubens ihrer armen Mitbürger in Deutschland entrüsten, als darüber, daß — ihre feinen Söhne immer 'noch nicht Reservelent- »aut werden dürfen Wer das Stück kennt, der weiß, daß die Volksstimme die Dinge"entstellt und nur eine passende Gelegenheit vom Zaune brechen wollte. Darmstadt. In der Zweiten Kammer brachte jüngst Abg. Schmitt (Zentrum) bei der Generaldebatte Tiber den Etat des Ministeriums des Innern auch die Friedhof s a n g e l e g c n h e i t der I s r a c l i - t i s che n R e l i g i o n s g c s e l l s ch a f t i n Gießen kur Sprache. Rach dem Gesetz über das Beerdignngswesen, so führte der Redner aus, stehe den einzelnen Konfessionen das Recht zu, gesonderte Fricdhöse an julege 11. Der Israelitischen Religionsgemeinschaft sei dies abgeschlagen worden, >reil ans dem allgemeinen Friedhof genügend Raum vorhanden sei. Das Kreisamt Gießen habe sich dabei auf den Artikel 5 deS Gesetzes gestützt. Dadurch, werde aber das in Artikel 3 anfgestellte Prinzip eingeschränkt. Minister v. Ho mb erg k erwiderte, daß in dieser Angelegenheit die E n t s ch e i - d n n g d e s M i n i st e r i n m s a n g e r u f e n worden sei, das d e m n ä ch st da r ü b e r b e s ch l ie ß c n werde. Hannover. Auk dem 2. Verb mittag des Verband der jüdischen Jngendvereine D e nt s ch l a n d s, der Sonntag hier stattfand, waren 61 Vereine aus allen Teilen des Reiches vertreten. Im ganzen zählt der Verband jetzt 70 Vereine mit 8069 Mitgliedern. In den Begrüßungsansprachen wies der Vertreter des - Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Professor Dr. Blum e n t h a l (Berlin) auch ans die k o m in e n d e n Re i ch s t a g s w a h l e u hin und bezeichnete es als Pflicht aller Inden, unter keinen Umständen einen Antisemiten zu wählen und auch nicht Parteien zu unterstützen, die bereit sind, mit Antisemiten zusammenzugehen. Die Juden hätten sich von den herrschenden Parteien Hinhalten und übersehen lassen und seien dadurch keinen Schritt weiter gekommen. Man verlange keine Titel und Orden, sondern nur die durch die Verfassung, garantierten Rechte, und man müsse von diesem Ttandpnnkte ans. besonders auch in der Fernhaltnng vom Offiziersstande einen Ausdruck der Mißachtung erblicken. Einen breiten Raum in den Verhandlungen nahm dann die Aussprache über die Frage in Anspruch, ob die Gründung besonderer liberaler Jngendvereine, wie es in Berlin geschehen' ist, im Interesse des Verbandes liege. Die Frage wurde grundsätzlich verneint. Der Verband will neutral sein und schließt deshalb alle religiösen Tendenzen aus. Der Verbandstag hielt aber auch die Gründung von politischen Jngendvereine» außerhalb des Verbandes für nicht wünschenswert, weil er davon eine Beeinträchtigung der jüdischen Jugendbewegung und eine Zersplitterung in den Jugendvereinen besürchtet. Die weiteren Verhandlungen bezogen sich aus die Agitation und auf Organisativnssragen Der Vcrbandstag nahm folgende Anträge an: 1. Die Mitglieder eines Verbandsvereins, die sich vorübergehend an dem Sitze eines anderen Verbandsvereins anfhaltcn, dürfen an dessen nichtgeschäftlichen Veranstaltungen unter denselben Voraussetzungen tcilnehmcn, unter denen es dessen Mitgliedern gestattet ist. 2. Der Verbandstag empfiehlt den- Verbandsvereinen körperliche Hebungen, besonders das Turnen ihrer Mitglieder eifrig zu fördern und beauftragt den Vorstand, in diesem Sinne ans die Vereine cinzuwirken. 3. Diejenigen Vereine, in deren Statuten der Passus enthalten ist, daß politische und religiöse Fragen in ihren Vereinen von der Erörterung ausgeschlossen sind, sollen vom Vorstände a n f g e f o r d c r t werden, diesen Passus zu streiche u. Zum ersten Vorsitzenden des Verbandes wurde Dr. A p f e l wicdergewählt. Rußland. Petersburg. Die mit der Prüfung des A n t r a g s z u r A u f h e b u n g des A nsiedl u u g s r a y o n s beauftragte D n m a k o mm issio n hielt am 15. März ihre erste Sitzung ab. Von den 22 Mitgliedern hatten sich 16 eingefnnden, 9. oktobristischc und oppositionelle Abgeordnete, die den Antrag untcrzcichnet haben, 3 neutrale Oktobristen und I Nationalisten und Rechte. Kommissionsprüscs T m i t r j n k o w (O!t.) beantragte die Einsetzung einer fünfgliedrigen Untcrkommission zur Lammlnng und Sichtung des Materials. 9c i s s e l o >o i t s ch sprach sich für die sofortige Wahl eines Kommissionsreserenten aus, dem man das Material zur Verfügung stellen möge. Diesem Vorschlag schloß sich Matjnnin (Okt.) an. Der Progressist S o k o l o w brachte eine dreigliedrige Kommission in Vorschlag, bestehend ans je einem Anhänger und Gegner der.Vorlage und einem Neutralen. Der Nationalist Zitö witsch erklärte sich sowohl gegen eine llnterkommission, wie gegen die Wahl des Referenten, da ja alle Komniissionsmitglieder sich ihre Meinung bereits gebildet haben. Mau könne zur Abstimmung schreiten. Der Antrag auf Einsetzung einer llnterkommission wurde mit erdrückender Majorität abgclehnt. Nachdem Baron Nt eyendorff und D in i t r j n k o w die Wahl zum Referenten ' ab gelehnt hatten, wurde Andronvw (Okt.) einstimmig znm Berichterstatter gewählt. In Anbetracht dessen, daß die Duma der Kommission eine einmonatige Frist gestellt hat und seitdem bereits drei' Wochen verstrichen sind, wurde beschlossen, beim Plenum eine Verlängerung dev Frist nachzusuchen. Petersburg. Die Gerückte über S t o l h p i n s A b d a n k n n g sind vorläufig noch u n k o n t r o l l ie rb a r; wahrscheinlich ist er ihr Urheber, um dadurch seine Position zu stärken. Auch bei einer Abdankung Stolypins würde alles beim alten bleiben, und daher kann für uns Inden nur von. geringer Bedeutung sein, wer an der Spitze der Regierung steht. Amerika. Ncw Aork. Der mit einem Kostenaufwand von zwei Millionen Mark errichtete R e u b a u des I ü d i s ch e i! K inderhei m s (Hebrew Jnfant Asylum) ist sertiggestellt. Das Kinderheim nimmt die Kinder von der Geburt bis zum fünften Lebensjahre auf. Sobald die Kinder fünf Jahre alt geworden sind, werden sie den Eltern zurückgegeben oder anderen Instituten übergeben. Aus der Zukunft. Bon Friedrich Rott. (Fortsetzung.) „Papa und Viktor »'arten bereits im Wagen, wenn es Dir gefällig wäre, Geliebte —“ „Ich bin bereit, lass' uns nur meinem Papa 'Adieu sagen." Sie klopste an die Zimmertür ihres Vaters, der mit seltsam .heiserer Stimme „herein!" rief. Egon öffnete die Tür, und beide traten ein. „Wir wollten Dir Adieu sagen, Papa," sagte Lili, indem sie wie flehend zu ihm aufblickte. Sie hätte sich so gern nur für einen Moment an ihn gelehnt, ihm ihre Stirn zum Kusse geboten, aber er hatte ihr die Hand gereicht und dabei wiederum den 'Arm so stramm gehalten, daß sie sich zurückgedrängt glaubte. »Ihr geht jetzt auf's Standesamt? — Gott segne Euch, liebe Kinder!" Mit zuckenden Lippen und sichtlicher Anstrengung hatte er die Worte kaum hörbar geslüstert. Daun aber, sich aufraffend, fügte er hinzu: „Ich gehe jetzt zum Rabbiner, das Erforderliche mit ihm zu besprechen. Adieu, liebe Kinder!" Das Brautpaar hatte sich entfernt, Herr Meier stand noch einige 'Augenblicke mitten im Zimmer, als lausche er dem Davonrollen des Wagens. Dann richtete er sich stranim auf, fuhr sich einigemal mit seinem Tuche über die bleiche Stirn, trat auf einen Moment zum Spiegel, um sich zu vergewissern, daß seine Toilette in Ordnung, und nahm seinen Hut. — Mit der elektrischen Bahn hatte er die Wohnung des Rabbiners bald erreicht und ward auf sein Verlangen in das Studierzimmer desselben geführt. Der Rabbiner empfing ihn freundlich und sorderte ihn auf, sich zu. setzen. „Sie komnien vermutlich wegen der Vermählung Ihrer Fräulein Tochter. Hat die bürgerliche Trauung schon stattgefunden?" „Sie findet im Augenblick statt, das Brautpaar ist eben auf dem Standesamt, sobald sie zurückkommen, werde ich den Trauschein verschicken." „Um den muß ich bitten, und außerdem möchte ich woch um die hebräischen Namen des Brautpaars und deren Eltern ersuchen. DaS heißt, Ihr werter Name ist mir bekannt, aber die andern Namen —" „Diese mitzuteilen ist eben der Zweck meines Kommens. Dabei habe ich aber eine besondere Bitte." „Wenn es in meiner Macht steht, dieselbe zu erfüllen, so dürfen Sie sie als ersüllt betrachten." „O, sic ist nicht schwer zu erfüllen, Hauptsache ist mir Diskretion, — und davon bin ich i'cherzeugt." „Das dürfen Sie sein, doch nun, — um was handelt es sich?" „Es handelt sich -um folgendes, Herr Doktor. Die Braut, deren Trauung heute stattfinden soll, ist nicht in Wirklichkeit meine Tochter, sie entstammt einer angesehenen Familie^ in Rußland. Nachdem sie bei den Judenverfolgungen im Jahre 1906 beide Eltern verloren hatte, haben wir sie als Kind von wenigen Tagen adoptiert, und meine selige Frau hat den höchsten Wert darauf gelegt, daß das Kind nie erfahre, daß sie nicht unsere Tochter ist. Noch in ihrer letzten Stunde hat sic mich an mein diesbezügliches Versprechen erinnert. Ich möchte daher sehr bitten, Herr Doktor, die Namen, die. ich hier ausgeschrieben habe, beim. Vorlesen der K'subah möglichst rasch und undeutlich aussprcchen zu wolle», damit sie nicht verstanden werden." „Das ist ein sehr, sehr eigentümliches Verlangen." „Ich muß es stellen, um mein Wort zu halten." „Aber die Zeugen, die das Schriftstiick unterschreiben werden, können doch die Namen lesen." „Sie können sic lesen, werden cs aber höchst wahrscheinlich nicht tun. Aber wenn sie sic auch gelesen haben würden, der Braut lvürden sic dieselben doch nicht Mitteilen." „Wahrscheinlich nicht. Aber den Bräntigam haben Sie doch davon in Kenntnis gesetzt?" „Bisher nicht. Wäre denn das erforderlich?" „llnbedingt. Dem Bräutigam muß der Name der Braut und deren Eltern genau bekannt sein, sonst könnte die Trauung nngiltig sein." „So werde ich ihm sofort den Sachverhalt Mitteilen. Doch im übrigen, Herr Doktor, rechne ich auf die Erfüllung meiner Bitte."

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