Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1911)
- Date
- 1911-03-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt.-. #1.12 halb des Rayons und 10°/o im Rayon zugelassen werden — wurde in wenig erweiterter Form auch auf die Privatschulen und Kvmmerzschulen Übertrager. Den speziell jüdischen Schulen, von denen 6 (5 Gymnasien und eine Realschule) bestehen, wurde der Garaus gemacht, indem man ihnen die Berechtigungen für die Zukunft einfach entzog, und selbst diejenigen jüdischen Knaben und Mädchen, die sich privat vorbereiteten und als Externe ihre Examina machen uwllten, sind der Prozentnorm unterworfen worden. Die größte Hilfe, die der Hilfsverein den Juden Rußlands, deren, wirtschaftliche Lage durch den Druck noch trauriger geworden ist, bieten konnte, war auch in diesem Jahre wieder, daß er die Schwierigkeiten der Auswanderung möglichst zu heben fuchtc. Alsdann gab Dr. Paul Nathan einen Ueberblick über das Schülwcrk des Hilfs- Vereins i m Orient. Das Schulwerk, das der Hilssverein der Deutschen Juden in Galizien, Bulgarien, Rumänien, der europäischen und asiatischen Türkei unterhält und unterstützt, ist im verflossenen Schuljahr durch Gründung neuer Institute in Saloniki, Jerusalem, Jaffa und Haifa erweitert worden. Die altberühmte, bereits länger als ein halbes Jahrhundert bestehende Edler von Lämel-Schule in Jerusalem, oie ein wichtiges Mittelglied für das Schulwerk des Hilfsvereins in Palästina bildet, ist in das Eigentum und die Vertvaltung des Hilfsvereins der Deutschen Juden übergegangcn. Auch sind bereits Terrains in Jerusalem und Jaffa erworben worden, auf denen binnen kurzem eigene Gebäude für Schulen und Kindergärten und insbesondere für das Lehrerseminar des Hilfsvereius erstehen werden. Der Hllfsvercin unterhält und subventioniert an 50 Bildungs- und Erziehungsanstalten in den genannten Ländern, davon etwa 30 in Palästina. Die Ausgaben für das Schülwcrk betrugen 1910 rmrd 180000 Mark. , Die Grundlagen, auf denen der Hilfsverein sein Schulwerk von Anfang an ansgebaut hat, haben sich durchaus beivährt. Das Schulwesen hat darum eine so rasche und günstige Entwicklung genommen, well der Hilfsverein stets das Prinzip verfolgt hat, seine kulturellen Institutionen den Bedürfnissen und Anschauungen jener Bevölkerung, für die sie bestimmt sind, anzupassen und ihr das zu geben, was sie wünscht. Für den Orient ist tiefe Religiosität das Fundament aller Kultur, und die Religion muß daher ein Hauptelement des Schulunterrichts bilden. Auf dieser Grundlage sind die Schulen des Hilfsvereins im Orient bestens gediehen. Neuerdings ist der Hilfsverein dazu übergegairgen, die Talmud-Thora-Schulcn in der Richtung zu reformieren, daß der Lehrstoff durch Darbietung profanen Unterrichts erweitert wird. Auf diese Weise werden große Schichten dein tiefer wirtschaftlicher Not und geistiger Armut lebenden palästinensischen Judentums, ohne im mindesten an der überlieferten Religiosität einzubüßen, einem praktffchen Erwerbs- und Berufsleben zugeflihrt werden können. ... Europäische Sprachen brauchen weite Telle der orientalischen Juden nicht, aber Landessprache, Landeskunde und elementare Fächer, >vie Rechnen, Schreiben usw., sind imerläßlich für die künftigen Generationen zur geistigen und wirtschaftlichen Entwicklung und zur Teilnahme am Kulturleben chrer Heimat. Diese Bildungseleniente sollen die Talmud-Thora-Schulcn geben. Der Hilfsverein führt in dem Orient jetzt, um bereits während des Schulbesuches zu praktischen Berufen vorzubereitcn, Händfertigkeitsnntcrricht ein. Durch Entsendung deutscher Lehrer nach dem Orient vermittelt der Hllfsvercin dort Bildung und Kultur und verbreitet auch überall da, wo ein Bedürfnis danach vorhanden ist, die Kenntnis der deutschen Sprache. Andererseits werden im! Orient selbst Lehrkräfte auf dem Lehrerseminar des Hilfsvereins in Jerusalem für die Schulen und Kindergärtnerinnen in den für diese eingerichteten Lchrkurscn ebendaselbst hcrangebildet. Einem der Haupterfordernisse für die Renaisancc der dortigen Judenheit genügt der Hllfsvercin jetzt durch Errichtung eines Räbbinerseminars in Jerusalem. Wissenschaftlich gebildete, in der orientalischen Heimat wurzelnde, mit Land und Leuten, Landessprache und Sitten vertraute Persönlichkeiten sollen auf diesem Seminar ausgebildet werden, die berufene religiöse Leiter und Berater innerhalb ihrer Gemeinde wie deren Vertreter den Behörden gegenüber sein können. Auf Anregung des Hilfsvcreins der Deutschen Juden ist ferner ein Haifa ein Jüdisches Institut für technische Erziehung in Palästina begründet worden, das bereits int Bau begriffen ist und in den nächsten Jahren ins Leben treten wird. Auf diesem Jnstllute werden Techniker und Handwerker ihre Ausbildung empfangen, und durch sie werden der Sache der Judenheit tvie zugleich dem Lande die größten Dienste ertviesen werden können. Es wird dann die Möglichkeit gegeben sein, große jüdische Blassen in produktiven Berufen dauernd zu beschäftigen. Die Förderung des orientalischen Judentums, die auf diesem Wege in vielfacher Richtung Platz greift, geht weit hinaus über den unmittelbaren Nutzen für die Hcrangebildeten. Stehen die Juden im Orient auf einem höheren kulturellen Niveau, dann gewinnt der Orient auch für die unterdrückten Juden von Osteuropa eine wachsende Bedeutung. Bei der nahen Lage des Orients zu den Ländern der größten Not und Bedrückung der Juden werden sich immer engere Wechselbcziehungen zwischen diesen Ländern und dem Orient herausbilden, die der gesamten Judenheit zum Vorteil gereichen können. Der Vortragende schließt seine Rede, indem er an die Unterstützung der deutschen Judenheit appelliert, um dieses großzügige Hilfswerk weiter durchführen zu können. Das Blld über die Tätigkeit des Hilfsvcreins wurde ergänzt durch die Ausführungen des Generalsekretärs Dr. BernhardKahn auf dem Gebiete der Auswanderung. In den Jahren 1908 und 1909 Ivar eine merkbare Abnahme der jüdischen Auswanderung eingetreten. Im Berichtsjahr aber hat sich hauptsächlich infolge der Bedrückung der Juden in Rußland die jüdische Emigration wieder bedeutend permehrt. Sie betrug im Kaleriderjahr 1910 93107Personen allein nach den Vereinigten Staaten gegen 74,643 im Jahre 1909; sie hat sich also um 25o/o vermehrt. Die Gesamtauswanderung nach den Bereinigten Staaten, nach anderen überseeischen Gebieten und nach kontinentalen Ländern ist aus 12 000 0 Juden zu veranschlagen. Die Hälfte von diesen mußte auf chrer Wanderung ihren Weg durch Deutschland nehmen. Zur Fürsorge für die Scharen der Hilss- und Schutzbedürftigen unter diesen Answanderermassen hat der Hllfsvercin an den Grenzorten im Inneren Deutschlands und in den Hafenplätzen 36 Komitees und' Büros erlichtet. Irr mehr als 16,000 Einzelfällen wurde die Hilfe der Vertrauensleute des Hilfsvereins angerufen, über 10,000 Personen wurden befördert. Die.Tätigkeit zugunsten der jüdischen Auswanderer erforderte einen A n f w a n d v 0 n ü b e r 2 2 5 0 Ö 0 Mark, zu denen die Fca in Paris 125,000 Mark beigesteuert hat. Auch der Rückwanderer mußte sich der Hilfs- Verein der Deutschen Juden annehmen, umsomehr, als durch eine neue preußische Ministerialverordnung für die Rückwanderung besondere Schwierigkeiten geschaffen worden sind, zu deren Bewältigung der Hilfsverein sein möglichstes getan hat. Der neugcgründeten Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorgc hat der Hilfsverein seine Unterstützung geliehen, an deren Arbeiten sich beteiligt und ihr einen größeren Beitrag zur Verfügung gestellt. Zum Schluß erstattete Bankdirektor Er ns! S i m 0 n den Kassenbericht. Hierauf wurden Neuwahlen vorgenommen. Brief aus Ungarn. In der letzten Zeit hatte» wir genügend Gelegenheit, die Regsamkeit unserer jüdischpolitischeu Führer zu bemerken. Es gab Konventikel, Konferenzen, Beratungen, Sitzungen, Leitartikel und Ministergänge. Was erreicht wurde, ist zwar nicht viel, beweist aber, daß man durch energisches Eintreten Ar sein Recht mehr Aussicht auf Erfolg hat, als wenn man in ewiger Selbstverkleinerung und Selbstentäußerung sich der Gnade und Ungnade des ander» ausliefert. Bor allem hat das Ministerium die bisherige D o t a t i 0 n desjüdischen K u l t u s e t a t s uni einige Tausend Kronen erhöht. Die Summe steht noch immer nicht im Verhältnis zur jüdischen Einwohnerzahl und zur Steuerlcistung und soll, wie man agt, nur ein schlauer Kniff sein, die übrige» Konfessionen von unfern Stenergroschen mit wei ecn Millionendotationen zu bedenken; die Tatsache der Erhöhung ist iinnierhin erfreulich. Dann hat. der Graf Khnen Hederväry, der derzeitige Ministerpräsident, im Regierungslartei-Klub eine Rede gegen die reakti0nären Scharfmacher der .Partei gehalten. Er ist als feiner Diplomat recht vorsichtig uin das Thema gekrochen, hat von der liberalen Tradition gesprochen, die man nicht immer ans der Lippe Ähren must, die er später einmal in Taten umwerten will; dast die Rede Wittmanns, im'Parlament in ihrer sinsterrcaktionären Färbung scharf vom Hintergrund des Parteiprogramms abgestoßen hat, daß man sich aber darüber nicht zu stark echauffieren olle. Es Hat genügt, um das zappelige Gewinscl eines jüdischen Anhangs, der von der Gnade der üdischeu Urwähler das Wachstum der politischen Karriörc erwartet, zu beschwichtigen. - - Wasser ans die Mühle brachte aber wirklich erst die Knltusministerrede an den Präsidenten der orthodoxen Landeskanzlei. ,.E r wisse," sagte er, „daß das moralische Kapital',. Pas die an den alten-Satzungen 'der Religion p st haltenden orthodoxe» Juden repräsentieren, unschätzbar sei, und er werde stets bestrebt sei», die berechtigten I-n t e ressc n d cr -Orthodoxie zu fördern." Das war mehr als die orthodoxe Deputation erwartete, aber bedeutend weniger als das, was die necloge Leitung mit ihrer Hetz- und Denunjiationsarbcit gegen die konservative Judenheit vernente. Glaubte sie doch, den Rist, der bei uns das Judentum in zwei Lager scheidet, nur. so überbrücken zu lönne», das; sic durch Anschwärzung. der andern Partei bei der Behörde diese in ihre Zwangsorganisatiou drängen und dadurch aus. der Welt schaffen wird. Für das abgrundtiefe Fiasko wird der Sekretär der Pester Kultusgemeinde, Dr. I. Weitzburg, verantwortlich gemacht, well er den orthodoxen Standpunkt in Schutz genommen hat. Er wird von neologen „Egjcnlöseg" für seine Friedfertigkeit in Len Grund nnd Boden verdonnert; das Parteiorgan ist aber schlau genug,. die gleiche Nummer mit einem Aufruf zu schmücken, der die Gründung „der ungarisch-jüdischen Gemeinde-Friedensliga" anregt. Dast ein Ausgleich a n s dem Bereiche d er Möglichkeit ganz g e s ch w n n d e n ist, dafür ist die letzte Konferenz der „Machsike Hadas"- Organisation der beste Beweis. Dort wurde der Beschluß gefaßt, jedwede Verbindung mit der andern Partei zu brechen nn d sich selbst ans d em Gebiete der Wohltätigkeit von ihnen zu trennen. Die Begeisterung und Einstimmigkeit der Annahme hat gezeigt, w i e t i e s d e r G e d a n k e der ewigen Scheidung in derSeele unserer Orthodoxen wurzelt. Und gearbeitet wird ans beiden Seiten. Bei der Orthodoxie zieht man die Sanierung der Jeschilvas in ernste Erwägung nnd unterdrückt nicht mehr durch.Uebcrschreien die Anträge zur Gründung von orthodoxen Pcäparandeiischulen. Die andern sammeln die zerslatternden Splitter, gründen Kultusvereine, Litcratnrgesellschaften, arrangieren Maskenbälle, Purimkränzchen, Faschiiigsbelustigungen und geben Bücher heraus, in denen sie im vollen Brustton ihr jüdisches Magyarentum hervorkehren.. Wie weit, ein solches Büch von der Heerstraße des jüdischen Lebens entfernt ist, dafür ist das Torabuch Kochmann Wodjaners symptomatisch. Es wurde vom pietätvollen Sohn dem Seminarprofessor Dr. Bacher übergeben. Das Torabuch wurde gedruckt; die Kosten deckt natürlich der pietätvolle Beutel des getauften Sohnes: — Baron Wodjaner! Z i 0 n i. »-j . - "" Jerusalemer Brief. Das Frühjahr ist in Palästina die Jahreszeit der Touristen und Pilger. Leider läßt der Bes u ch - des heiligen Landes durch jüdische Reisende — trotz der in den letzten Jahren ab und zu veranstalteten Gesellschaftsreisen — noch viel zu wünschen übrig und steht hinter dem christliche» Touristen- und Pilgerverkehr weit zurück. Die Mehrzahl der europäischen Reisenden in Palästina besteht ans'Russen nnd Engländern. Am ->. d. M. langte eine Gruppe von . 1000 »Touriste»,- - ■ ' " ' - ‘;