Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1911)
- Date
- 1911-03-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einige Monate sind seit Tolstojs Tode verflossen, und es dürfte nun an der Zeit sein, mit ruhigem Gleichmut au seine Persönlichkeit he.anzutrctcn. Als Tolstoj starb, da war keine Feder, die trocken. blieb, da klagten Herz und Stein, die Lüfte selbst trieften Tränen — eine Welttrauer! In Trauerrändern erschienen viele jüdische Blätter, Gedächtnisfeiern wurden in zahlreichen Synagogen abgehalten, Vorschläge in der jüdischen Presse gemacht, wie das Andenken des großen Toten zu ehren sei, — ja, wir Juden, denen Tolstoj nicht gehörte, zeigten mehr Anteil als das russische Volk, dessen Sohn Tolstoj war. Es ist hier nicht die eigentliche Stelle, sich über den Jdeenschwung" und Tatendrang des großen Mannes auszusprechen. Erinnert muß jedoch werden, daß der Welt-Tolstoj 'mit dem von Jasnoie- Poljani sich ganz wenig identifiziert; denn seine von ihm fortwährend gepredigten Ideen standen in krassem Widerspruch zu seiner eigenen Lebensweise. In seiner Brust kämpften zwei Seelen, von denen die eine ihn nach oben, die andere abwärts zog und die letztere die Siegerin blieb. Der Weg zur Wahrheit schlich bei ihm durch, die Schuld; sein Streben, Kämpfen und Leiden für die Menschheit ging nach einer einseitigen Richtschnur. Wohl faßte er ins Auge das Schönste und Größte des irdischen Daseins, beschäftigte sich, mit den:wichtigsten Problemen des Weltalls und involvierte einen Musterschatz philosophischer, toleranter und Moralischer Ideen in sich; aber er selbst war weit ab von deren Realisierung. Nicht Diogenes lebte auf dem Gute von Jasno-Poljani; der Stoiker Tolstoj aß - und genoß die Früchte des Lebensbaums. Er predigte von Brüderschaft und Verteilung der Güter, jedoch blieb sein Kutscher beim Pfcrdcputzcn und Wagenschmieren und erbten seine zahlreichen Aeckcr Frau und Kinder, nicht seine Licblingsbauern. Und. nun sein Verhältnis zu uns Juden! Hier war er sein Lebtag , cm Kind seines Volkes. Der eingewurzelte Haß schimmerte durch die Bauernklcidcr, hinter denen die Barmherzigkeit selbst wohnte. Ein Tolstoj, den man- Prophet, Stifter und Erlöser nennt, . der Humauitütsbrücken zwischen Gott und Mensch, Herr und Knecht, Patrizier und Plebejer anzulegen strebte, der einen Fliegenschiuerz und Banernstoßseufzcr gar nicht verschmerzen konnte, der den Galgen auf sein greises Haupt flehentlich sich erbat, um Tyranneien und Wäisenklagen nicht sehe» »nd hören zu müssen, — dieser Tolstoj schloß Aug', Herz und Sinn vor dem ewig verwaisten, heimatlosen Volke, vor sechs Millionen Ebenbildern Gottes im russischen Ghettogefängnis, über die Mensch und Teufel sich lustig machen, die Tränen säen und Tod ernten. Tolstoj vergaß gänzlich die Existenz dieses elenden Volkes, tauchte selten seine Feder zu dessen Gunsten ein, machte nie den Versuch, öffentlich! gegen die Zusainmenpferchung von Millionen Juden in Ansiedlungsrayons seine Stimme zu erheben, trotzdem er überzeugt sein durfte, daß seine Worte in den höheren Volksschichten Rußlands mit Eifer gelesen und nicht wirkungslos verhallen würden. Während der großen Metzelei in dreiunddreißig jüdischen Städten, in denen Greis und Jüngling, Frau und Tochter gemartert und gemordet wurden, in der entsetzlichen Zeit, die alle Weltelcmcnte in Verzweiflung versetzte,;r.o auch Bileams Esel das Manl züm Protest auftat und selbst die schwarzen Raben Rußlands das Meuchelwerk ihrer Genossenschaft nicht gern scheu mochten, da saß der Apostel Tolstoj in seinem Lehnstuhl und schrieb:- „Liebe den Nächsten wie dich selbst". Umsonst erwartete das zivilisierte Europa das geißelnde Wort des Weisen von Jasnoje- Poljani, umsonst rief ihm die Himmelsstimmc zu: „Erwache, du Musterideal der Menschheit, stehe nicht still bei dem Blute deines Nächsten!" Der Verfasser der Broschüre: „Ich kann nicht schweigen" schwieg 'und schwieg. Und warum schwieg er? Weil dieses Mal die Opfer lediglich im jüdischen Lager waren. Ja, Tolstoj hegte wenig Liebe zur jüdischen Station, er selbst gestehtdaß er mit der Muttcriuilch beit Haß gegen die Juden, eingesogeu hat, doch habe er diesen Haß stets zu bekämpfen gesucht. Als man ihm das Protcstschrciben gegen die Pogrome hinreichte, verweigerte der strenge Moralist seine Unterschrift, er», durch dessen erste Schriften — gleich wie bei seinen Zeitgenossen Turgenjew und Dostvjewskh — das Schimpfwort „Jiid" schimmerte. . Tolstvj's inkonsequente Beziehungen zum Judentum dürfen. uns auch von anderen Gesichtspunkten aus keineswegs wundern. Aus dem Briefwechsel zwischen ihm und jüdischen Gelehrten ist zu ersehen, wie wenig bewandert er in den heilige» jüdischen Schriften war, wenn er sic auch kritisierte. . Die Nächstenliebe nimmt Tolstoj allein für das Christentum in Anspruch. Und gerade die Tolstöj'schc Lehre über Menschenliebe ist cs, die die Jugend an sich lockt. Unsere junge jüdische Generation schöpft ihr Wissen über das Judentum nicht aus der Bibel und dem Maimonismus, sondern aus einer Tolstoj'schen Quelle, und schon deshalb . kehren viele ihren Rücken der Lehre Moses zu, die, ihrer Meinung nach, von Liebe zum Nächsten nicht durchdrungen ist. So keimte allmählich der Agitationskern gegen das Judentum, Liebe zum Evangelium und' haß gegen das alte Testament.. Wer weiß, ob nicht derselbe Tolstoj sein Schcrflein zur Einrichtung eines intellektuellen Pogroms beigctragen hat, wer weiß, ob bas Taussystem bei der hiesigen Jugend nicht zum Teil aus diesem Milieu entsprossen ist? Bon welchem Ausgangspunkt wir ausgehen, wir kommen immer wieder zu ein und demselben Resultat, daß die Verewigung Tolstoj's durch Denkmäler . und Stiftungen*) von jüdischer Seite aus keinerlei Berechtigung Hatz In dieser Hinsicht hätten wir von den Polen lernen können, die beim Tode Tolstoj's den Kopf nicht verloren. Generalversammlung des Hilfsvereins der dentscheuJnden. Am 19. März fand im Hotel Prinz Albrecht die Generalversanimlung des Hilfsvereins' der Deutschen Juden statt. Der Vorsitzende Dr. James Simon eröffnete die Versammlung, die sehr zahlreich besucht war, mit einem warmen Nachruf für die im Laufe des Jahres verstorbenen Mitglieder der Verwaltung, dabei die Verdienste der vereivigten Rabbiner Dr. Horovitz- Frankfurt und Dr. Hirsch Hildesheimer-Berlin hervorhebend. In Anerkennung dieser Verdienste ernannte die Generalversammlung beide zu Ehrenmitgliedern. Der Vorsitzende konnte alsdann feststellen, daß die Mitgliederzahl des Hilssvereins gestiegen und seine Einnahmen gewachsen sind. Der Verein hat jetzt über 2 2000 Mitglieder mit mehr als 134 000 Mark Jahresbeiträgen. Außerdem sind an 'einmaligen Zuwendungen 195000 Mark eingegangen. Zum Bericht über die Tätigkeit des Vereins übergehend, schilderte der Vorsitzende zuerst die Notlage der Inden in Galizien,, die sogar dazu geführt hat, daß eine staatliche Enquete eingeleitet wurde. Auch die jüdischen Organisationen haben sich unter dem Vorsitz der Jca in zwei Konferenzen damit befaßt, was zur wirtschaftlichen und kulturellen Hebung der Juden Galiziens getan werden könne. An diesen Arbeiten hat sich der Hilssverein in regster Weise beteiligt. Zur Lage der Juden in Rußland führte.Tr. Simon aus, daß die Bedrückung der Juden dort in unvermindertem Maße andauert. Aus hunderten von Orten werden täglich balo einzelne Juden, bald größere oder kleinere Gruppen von Juden vertrieben. Viele tausenee Familien sind im Laufe des Jahres auf diese Weise heimatlos geworden. Dieser Kämpf gegen das Wohnrecht der russischen Juden wurde aus der ganzen Linie wie auch der systematische Kampf gegen die Bildungsbestrebungen der Juden von der Regierung fortgcführt. Die berüchtigte Prozcntnorm — die Bestimmung, daß an den staatlichen höheren Schulen nur 3«,'» Juden in den Hauptstädten, 5«/o in sonstigen Gegenden, die außer- *) Mitteilungen des „Franks. Jsr. Fam.-Bl.* Nr, 49, :;! L