Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. denen die Verhandlungen mit dem Konsistorium wegen Einrichtung eines Soldatenheims und der Beitritt zum Verband jüdischer Jugendvereine Beachtung verdienen. Dem mit reichem Beifall aufgenommenen Berichte folgte eine eingehende Besprechung, an der sich namentlich Felix Bloch, Löw und Dr. Grombacher beteiligten. Hierauf erstattete Alfred Maher den Kaffe n b e r i ch t, lt. welchem sich das Bercinsvermögen inkl. Mobiliar auf ca. 3900 JL beläuft. Die Leitung der nunmehr beginnenden Wahlhandlung lag in den Händen eines Wahlkomitees, als dessen Vorsitzender Universitätsprof. Dr. med. Rob. Dreyfuß fungierte. Die Mitglieder des engeren Vorstandes Nmrden mit überwiegender Stimmenmehrheit gewählt und zwar stud. jur. Edmvnd Weilt zum 1. Präsidenten (bei geheimer Zettelwahl einstimmig), Dr. med. HenriBlvch zum 2. Präsidenten, Max Mayer zum .1. Schriftführer, Alfred Mayer zum Kassierer und Jacob Bickardt zum 2. Schriftführer. Eine längere Debatte entspann sich bei der Wahl der Beisitzer. Es wurden gewählt: Dr. Grombacher, M. Eichelgrün, Samuel Levy, Willy Oppenheimer, G g. Abraham und S. Durlach. Als Delegierter für den Verbandstag in Hannover wurde stud. jur. Edmvnd Weil! gewählt. Aus der Lehrerwett. Alzey (Rheinheffen). Mit Schluß des Schuljahres steht wiederuni eine große Zahl von jungen Leuten vor der wichtigen Lebensfrage der Berufswahl. Es seien deshalb diejenigen, die sich dem Lehrerstande zu widmen beabsichtigen, darauf aufmerksam gemacht, daß in dem hiesigen Groß Herzogs. Schullehrer-Seminar auch Nicht Hessen Aufnahme finden. Die jüdischen Seminaristen erhalten durch den Rabbiner von Alzey Unterricht, sowohl in allen religions-wissenschaftlichen, als auch in den hebräisch-rabbinischen Lehrfächern» außerdem werden sie vom Gemeindekantor im Kantorate vorgebildet. Zur p r a k t i s ch c n B c t ä t i g u n g ist den Seminaristen im Jugend- und Gemeindegottesdienste, sowie in der Religionsschule Gelegenheit geboten. Reichlich bemessene Stipendien stehen zur Verfügung. In den letzten. Jahren fanden sämtliche jüdischen Abiturienten im Staatsdienste Verwendung. Die mjt dem hiesigen Seminare in Verbindung stehende Präparanden-Anstalt befindet sich in Wöllstein bei Alzey. Auch hier ist für Religionsunterricht und Stipendien Sorge getragen. -t. Stratzburg. In der Kommission des Landesausschufses umrde bemängelt, daß die Rabbinerstelle in Die den Hosen nicht besetzt werde. Der Regicrungsvertreter erwiderte, daß die israel. Kultusgemeinde in Dicdenhvfen den dringenden Wunsch habe, ihren jetzigen Kantor, der sich zum Rabbinerexamen vorbereite, als Rabbiner zu erhalten. Jcheuhausen. Distriktsrabbiner Dr. A. Cohn wurde anläßlich des 90. Geburtstages des Prinzregenten mit dem Verdienstorden vom heiligen Michael 4. Klasse ausgezeichnet. (L) Posen. In der letzten Stadtverordnetenversamnrlung wurde die Resolution gefaßt, den Magistrat zu ersuchen, in Zukunft bei der Anstellung der Lehrer im Bolksschuldienste der Stadt Posen nur die pädagogische Tüchtigkeit der Bewerber ohne Rücksicht ans ihre Konfession zu berücksichtige». —! Die jüdische Schule in Gostyn wird nur von 7 Kindern besucht. Zwecks' Einverleibung in die evangelische Schulsozietät, wurde auf Antrag der Regierung mit den jüdischen Hausvätern verhandelt. Der Vorstand der jüdischen Schulgemeinde erklärte' sich für die Auflösung, während die Mitglieder der Schulgemeinde sich dagegen aussprachen. — Lehrer Simon Friedlaender inWro nke tritt a»r 31. ds. Mts. in den Ruhestand. G 'ünüTefm. Aus der Zukunst. Von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) „ . . . liebe gute Atutter! — Viktor schreibt mir, daß Du erst jm August herzukommen gedenkst. Bis dahin sind noch beinahe fünf Monate, — und ich fürchte sehr, daß mein Lebenslicht tveit früher erlöschen wird. —. Und wenn dann Viktor allein wäre — allein mit seinem großen Schmerz! Liebe, liebe Mutter! Höre auf den Angstrus Deines Kindes! komme früher zu uns! komme sobald wie möglich, denn, —. meine Tage sind gezählt. Ich bin zwar nicht sehr leidend, habe MarkffSÄK UttEWS TlmMenkttü. nur selten Schmerzen, —, aber meine Kräfte schwinden von Tag zu Tag. Vielleicht, wenn Du sehr bald kommen würdest, vielleicht würde mir dann Gottes Gnade noch das hohe Glück gewähren. Dich, geliebte Mutter, von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen, daß ich die Erinnerung an Dein liebes Angesicht mit hinüber nehmen könnte ins Jenseits. Ich weiß zwar, daß Du Herrn Aronvwitsch nicht in Verlegenheit bringen darfst, aber Viktor hat mir so viel erzählt von der' Güte Deines Vetters, von der Du ihm erzählt hast. —i Ich glaube, wenn Du ihm 'sagen würdest, daß ein unglückliches totkrankes Mädchen. —. Nein, nein, das sage ihm nicht, denn ich bin nicht unglücklich — Wie könnte ich unglücklich sein? — Viktor liebt mich, wird.mich immer lieben, auch wenn ich nicht mehr hienieden weilen werde —; Aber noch weiß er nicht, soll auch noch nicht wissen . ." Lili war mächtig erschüttert, als sie den Brief, den die Freundin soeben vollendet, gelesen hatte. Es währte eine geraume Zeit, bevor sie es wagen zu können glaubte, dem Blicke der Kranken, den sie auf sich geheftet fühlte, zu begegnen. Endlich legte sie den Brief wieder auf den Schreibtisch und trat langsamen Schrittes zu dem Ruhebette, auf das Irma sich wieder ausgestreckt hatte. „Ich möchte Dich schelten", sagte sie, indem sie das schmale Gesichtcheu der Freundin leise streichelte, „aber ich habe zu großes Mitleiden mit Dir, wenn ich sehe, wie Du Dich marterst, Gottlob grundlos marterst." Irma schüttelte den Kopf und schwieg. Dann sagte sie: „Sage mir aufrichtig, Lili, meinst Du, daß ich den Brief 'so abschicken könnte?" Lili zuckte die Achseln. „Du möchtest Deine Schwiegermutter gern früher hier haben, das ist begreiflich. Wer daß Du der armen Frmr deshalb die Hölle so heiß machen mußt —, wozu Wivtlidj nicht die geringste Veranlassung vorhanden —" Die Kranke seufzte schmerzlich. „Du willst mich nicht verstehen, da werden wir uns nie verständigen, — und ich hätte so gern über Verschiedenes mit Dir gesprochen —" „Armes', kleines, dummes Kind! — Aber, wie Du meinst. Wenn Du es so tragisch nimmst, dann will ich lieber auf Deinen Unsinn cingehbn und mit Dir besprechen, was' Du willst. Wer erinnere Dich, daß ich einzig und allein mit Rücksicht auf Deine Schwarzseherei Deinen Unsinn in Erwägung ziehen will. — UebrigenS ist die Sache auch nicht gefährlichvoni Testament machen ist noch keiner gestorben." „Das denke ich auch, — und mir liegt so sehr daran .—" „Also frisch drauf los, Kleine, ich bin ganz Ohr." Aber es verging noch einige Zeit, bevor die Kranke hervorbrachte, was chr auf dem Herzen lag, denn in Wirklichkeit ist es nicht so leicht, zu einundzwanzig Jahren letztwlllige Verfügungen zu treffen. Doch als' sie endlich begonnen hatte, ward sie ruhiger, sicherer. Lili hörte ihr schweigend zu, nur hin und wieder den Kopf schüttelnd, wie rnn anzudeuten, daß sie das Ganze sür eine Torheit halte. Aber sie merkte sich wohl die kleinen und die großen Wünsche der Sorgenden und schrieb sie sich unauslöschlich ins Herz hinein. „So, das' wär's also," sagte sie, die schmale heiße Hand der Kranken innig drückend. „Kenne ich jetzt alle Deine Wünsche?" „Alle." „Schön, so nimm hiermit mein Versprechen daß ich nichts' vergessen werde. Und wenn Dich über hundert Jahre schließlich das Verhängnis aller Sterblichen ereilen würde, daß ich dann für alles sorgen würde, was Du mir als Deinen Wunsch bezeichnet hast, vorausgesetzt, daß ich dann selbst noch unter den Lebenden weile." „Ich danke Dir, Du hast mir eine schwere Last vom Herzen genommen. So hat das ewige Grübeln doch ein Ende." — — Es schien, als hätte ihr das Aussprechen ihrer Wünsche und Sorgen wohlgetan, sie war in den nächsüni Tagen merklich heiterer, und das Sinken ihrer Kräfte nahm wenigstens' nicht zu. Dennoch war ihr Verlobter schmerzlich betroffen, als er wiederkam und die Geliebte mehr wie einen Schatten ihrer selbst fand. Aber er hütete sich, sie seinen Schrecken gewahren zu lassen, und so täuschten sie sich gegenseitig. Sie ihn, indem sie in seiner Gegenwart voll lustiger Einsälle war, heiter plauderte und lachte. Er sie, indem er ihr Gebahren für bare Münze zu nehmen schien, während ihm das' Herz blutete. Wenige Tage vor dem Passahfeste kam Frau Mairowitsch, Irmas Brief hatte sie herbeigerufen, hatte alle Hindernisse beseisigt. Der Kranken war noch die große Freude, die Mutter des Geliebten von Angesicht zu Angesicht zu sehen, sich zu überzeugen, wie sie es für sich nannte, daß ihr Viktor unter ihrein Schutz geborgen, daß er eine Stütze an ihr haben werde, um auch den schwersten Schlag übersiehe» zu können. Glücklich lächelnd lag sie da, umgeben von allen, die ihr teuer waren. Nr. 11. „Mir ist so wohl," sagte sie wiederholt, bald dem einen, bald dem andern zulächelnd, „mir ist, als ob ichfliegen könnte." ,Mir werden Dich schon halten, daß Du uns nicht davonfliegst," hatte ihr der Vater, gleichfalls lächelnd, erwidert, während das Herz sich ihm wandte in stummer Qual. Dann hatte sie nach Lili verlangt. Die Kranke streckte ihr die h^iße, zuckende Hand entgegen. . „Danke Dir, daß Du gekommen bist, — und sieh nur, Viktors Mutter ist auch gekommen, — und sie ist so lieb und so gut, — grade so, — wie ich sie mir gedacht habe. Nun ist alles gut! Ich wollte Dich nur erinnern an das, was Du mir versprochen hast." „Sorge nicht, das werde ich nicht vergessen, nie. Wer ich glaube, Du solltest jetzt schlase». Es ist spät, und Du scheinst müde zu sein." „Gleich werde ich schlafen. — Christtne soll mir nur die Haarnadeln aus den Zöpfen nehmen." Ihre - Angehörigen traten nochmals zu ihr, jeder reichte ihr mit herzlichem gute Nachtwunsch die Haud. Sie erwiderte jede» Wunsch, lächelte jedem freundlich zu, und daun zogen sich alle in das anstoßende Zimmer zurück; nur ihre Pflegerin blieb bei ihr. Sie hatte tvic an jedem Abend die Hornnadeln aus den schweren Zöpfen gezogen und wallte sich! daun mit halblautem gute Nacht! zurückziehen. Die Kranke winkte 'ihr jedoch zu bleiben. »Last Du mich lieb, Tini?" sragtc sie flüsternd. Statt der Antwort sank das große Mädchen dicht vor dem Bette in die Knie und bedeckte die Hände ihrer jugendlichen Herrin mit ihren Küssen und Tränen. „Laß' Tini, laß'! — ich habe Dich auch sehr lieb. —■ Neige Dein Ohr zu mir, — ich möchte Dir noch Verschiedenes sagen." Christine entsprach der Aufforderung, und die Kranke flüsterte ihr ihre verschiedenen Wünsche ins Ohr. Aber das weinende Mädchen konnte nicht antworten, konnte nur mit übergroßer Anstrengung ein lautes Schluchzen unterdrücken und drückte nur wieder und .immer' wieder Irmas Hand an ihre Lippen, bis sie sie nicht nrehr flüstern hörte. — Noch längere Zeit lag sie auf den Knien und lauschte den leisen Atemzügen der Schlummernden, bann erhob sie sich vorsichtig und ließ sich ans einen Sessel in der Nähe des Bettes nieder, die Kranke zu beobachten, die sich während der ganzen Nacht nicht regte. Als Christine ihr aiir folgenden Morgen das erste Glas Milch bringen tvollte, gewahrte sic, daß die Augen halb geöffnet und dje ivnnderbar schönen Augensterne verglast toaren. —> Die reine Seele war der lieblichen Hülle entflohen. * * * Die Zeit schritt vor. Wie Egon vorausgesehcn. hatte sich seine Braut nicht bewegen lassen, während des Trauerjahres um 'den Hintritt ihrer Mutter das Hochzeitsfcst zu feiern. Aber der Sommer ging zu Ende und mit ihm das Trauerjahr. Frau Doktor Hoffmann hatte alle Hände voll zu tun init der Einrichtung des künftigen Heims ihres Sohnes' und stand auch der mutterlosen Braut mit Rat und Tat zur Seite. Egon dvar überglücklich, er hätte unaufhörlich jubeln mögen, rückte doch der heiß ersehnte Tag mit jedem Tage um vierundzwanzig Stunden näher, und er gebrauchte nicht einmal mehr beide Hände, um die Tage bis dahin an den Fingern abzuzählc». Auch Lili sah mit stillem Glücksgefühl der Stunde entgegen, die sic mit dem Freunde für immer Vereinen würde. Es sollte keine große Festlichkeit stattsindeii, das Brautpaar legte keinen Wert auf eine solche, Lilis Vater hätte dieselbe aber gradezu als Frevel empfunden. Er schien in jüngster Zeit aussallend leidend zu sein, Emmi, die mit ihrem Gatten am Tage vor der Hochzeit eingetroffen war, war geradezu entsetzt, als sic tfyu gesehen hatte. Sie hatte auch sosort den Arzt zu Rat gezogen, und der hatte ihr zugestiinmt, daß ihr Vater, trotz der bereits vorgerückten Jahreszeit einen Kurort besuchen müsse. . Der zur Hochzeit bestimmte Tag war angebrochen. Die Ziviltrauung sollte uni zehn Uhr stattfinden, die religiöse Trammg um halb zivci. Herr Doktor Hoffinann und Jakobson sollten bei der elfteren als Zeugen fungieren. Jakobson verbrachte auf ausdrücklichen Wunsch seiner verstorbenen Braut, die denselben Lili gegenüber ausgesprochen hatte, niit seiner Mutter die Ferien in D. Am Hochzeitsinahl teilzunehmen, dazu konnte er sich nicht entschließen, aber er hatte versprochen, den Trauungen beizuwohnen. Es war dreiviertel auf Zehn. Der Wagen, der das Brautpaar und die Zeugen zum Standesamt führen sollte, hielt vor dein Meierschc» Hause, die Zeugen hatten bereits "ihren Sitz in demselben eingenommen, Egon war in das Haus gegangen, seine Braut abzuholen. Sie hatte den Wagen halten gehört und kam' ihm bereits i» der Halle entgegen. Sie war in schwarzer Seide, vielleicht um einen Schein blasser als gewöhnlich, dennoch überaus "lieblich. Freundlich lächelte sie