Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. versuche nur zu erklären, nicht zu rechtfertigen. Ich möchte die alte Formlosigkeit nicht zurück wünschen. Der Zionismus im türkischen Parlament. Konstantinopel, 2. März. Ein Zufall brächte in der. gestrigen Sitzung der Depntiertenkamnier die zionistische Frage aufs Tapet. Der Vertreter der demokratischen Partei I s in a i l H a k k i griff in seiner Kritik der Leistungen des Finanzniinisters den Zionismus an. In unwissender Weise verknüpfte er die türkische Anleihe mit dem Zionismus, indem er die französischen Bankhäuser, mit Hilfe derer die Anleihe hätte abgeschlossen tverden sollen, als Organ des Zionismus bezeichnet«:. Die jüd. Deputierten M a z l i a ch u. C a r a s s v wiesen die Erklärung zurück, sedoch nicht mit der erforderlichen Energie. M azlia ch begnügte sich mit der Bemerkung, daß mau vom Zionismus spricht, ohne über i,h» Lenau unterrichtet zu sein. Carasso wies auf das Faktum hin, daß gerade die jüdischen Mitglieder der Einwandeinngskommissiou erklärt hätten, es sei nicht ratsam, Emigranten in größerer Anzahl kommen zu lassen, solange es Zein Gesetz gebe, auf Grund dessen sie .ohne vorherigen fünfjährigen Aufenthalt naturalisiert werden können. Der frühere Minister des Innern T a l a a t verteidigte den Zionismus, wenn er auch zngeben mußte, daß die Regierung nicht gewillt sei, den Wünschen der Zionisten zu entsprechen. Bon größter Bedeutung ist die Stellungnahme des Großvesiers Hakki. Er sagte: „Wohl ist es wahr, daß gewisse Phantasten sich mit dem Gedanken einer Wiedererrichtung des jüdischen Staates herumtrugen. Atlcin diese träumerischen Ideen sind nicht nur von der Mehrheit der europäischen Juden, sondern auch von sämtlichen ottoinanischen zurückgewiesen worden; denn die Juden sind das denkbar praktischste Volk, ein Volk, das keinen Schimären »achläuft. Jüdische Philanthropen, wie die Barone Hirsch und Rothschild, haben enorme Summen sür die Auswanderung der Inden nach Argentinien und Syrien ausgegeben. Unter dem alten Regime war bei uns eine solche Bewegung nicht möglich, und man hat deshalb zur Verhinderung der Einwanderung den berüchtigten roten Zettel cingcführt. Wir haben auch nach der Proklamation der Konstitution denselben beib:hal en, nicht weil wir die Gründung eines jüdischen Staates befürchten, sondern weil uns nur die Mittel zu einer rein muselmanischen Eiuivandcrung zur Verfügung stehen. Sobald das neue Gesetz über die Einwanderung angenommen sein wird, werden wir den roten Zettel abschaffen. Die Anleihe hat auch mit dem Zionismus nichts zu tun: wenn israelitische Banken sich an der Anleihe beteiligt haben, ist eS nicht den Zionisten zu Liebe geschehen, sondern aus rein geschäftlichen Interessen." Die Ausführungen des Großvesiers, die mit lebhaftem Beifall anfgenommen wurden, sind für, die Entwicklung des Zionismus in der Türkei von großer Wichtigkeit, denn nach solchen Aeußcrnngeu an hoher Stelle werden viele vttomanischen Inden ihre bisher verheimlichte Sympathie für den Zionismus offfcn bekunden und auch die Gegner des Zionismus werden ihn nicht mehr mit der bisherigen Gehässigkeit befehden. K. Verein für Statistik der Juden. Der Verein für Statistik der Inden hielt am 2t>. Februar seine Hauptversammlung ab. Dem vom Vorsitzenden erstatteten Tätigkeitsbericht entnehmen lvir folgendes: Tie vom Bureau für Statistik der Jude n herausgegebene „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Inden" hat auch im 6. Jahrgang das gehalten, was sie versprochen hat. S o m b a r t hat die Zeitschrift in seinem soeben erschienenen großen Werk „Die Juden und das Wirtschaftsleben" vielfach benutzt und rühmt sie als „gut geleitet." Nach lvie vor sammelt sie alles einschlägige Material und macht cs der großen Oeffentlichkcit zugänglich. Die Zeitschrift darf sich das Verdienst zuschreiben, exakte Forschungen , über Juden und Judentum ans eine ganz neue Basis gestellt zu haben. Besonderer Wert wird bei der Bearbeitung des Stoffs darauf gelegt, auf Fehlerquellen hinzuwcise», Erläuterungen zu statistischen Ergebnissen zu geben und vor' falschen Schlüssen zu warnen. Im klebrigen war das Bureau iiu abgelausenen Jahr fast ausschließlich durch die Bearbeitung eines monumentalen WerK' in. Anspruch genommen. Es ist nänilich ein Tabellenwerk geschaffen worden, welches alles amtliche statistische Material für sämtliche Länder der Erde enthält, so weit cs sich auf die Statistik der einzelnen Konfessionell bezieht. Zunächst sind der Bevölkerungsstand und die ^Bevölkerungsbewegung von l)r. oec. pndl. I. Sc- 3 all bearbeitet. Und zwar , sind alle drei Häuptkonfessionen berücksichtigt, so daß das Werk nicht nur für die Statistik der Juden in Betracht kommt, 'andern als ein st a n d a r d w o r k der Kaufe s i i o n s st a t i st. i k überharlpt bezeichnet werden darf. Ter praktische Wert des Buches liegt namentlich darin, daß, cs die Benutzung und mühsame Beschaffung der' amtlichen statistischen Materialien überflüssig macht. Auf dieses Werk hat sich, wie gesagt, die geamte Tätigkeit des Bureaus im verflossenen Jahr konzentrieren müssen, so daß daneben ivenig Zeit für andere Arbeiten blieb. Gleichwohl konnte die Untersuchung Dr. S eg alls über dieEntwickelung der jüdischen Bevölkerung in M ü n ch e n v o n 1875—1905, die der Verei li für Statistik der Juden in München herausgegeben hat, -der Oeffentlichkeit übergeben werden, und es erscheint ferner in kürzester Zeit im Berlage des Bureaus f ü r S t a t i st i k d e r Jude n eine Spezialarbeit von Dr. Anselm H il lm a n n über das jüdische Genosse nschaftswesen in'Rußland. Ferner geht das Bureau nunmehr daran, zivei größere Untersuchungen in 'Angriff zu. nehmen, und zwar über die Lage der Juden in Deutschland und ferner über die Entwickelung der jüdischen Bevölkerung in Berlin. Für die letztere 'Arbeit sind von der Berliner jüdischen Gemeinde 3000 Jk. bewilligt worden. Schließlich wird zur Zeit eine wichtige Enquete über die Wohlfahrtseinrichtungen aller großen Gemeinden der Erde veranstaltet. Es wurde ferner beschlossen, sür die besonderen Zwecke der M eyc r ho ffe r - S t i f t u n g, welche neben der Förderung der allgemeinen jüdischen Statistik hauptsächlich zur Evidenzhaltung derjenigen christlichen Familien dienen soll, lvclche jüdisches Blut besitzen, eine Arbeit Herstellen zu lassen und sich mit einer geeigneten Kraft hierfür in Verbindung zu setzen. — Auf Grund der zum Schlüsse vorgenommenen Wahle», setzt sich gegenwärtig das Kuratorium wie folgt zusammen: Geh. Sanitätsrat Dr. M a r e tz ki. Geh. Sanitätsrat Tr. Blumenthal, Justizrat Dr. Horwitz, Prof. Dr. Martin Philipps o u, Justizrat M a x F u ch s, Justizrat Dr. Eugen Fuchs, S i e g m u n d Berget, Justizrat L i l i e n t h a l, Bankier Benno Stern und Frau Prof. Dr. M e h e r h o f f e r. Ten Vorstand .des Vereins bilden Dr. A l f r e d Nossig, Richard Cassel, Rechtsanwalt Dr. Bruno Blau, Bankier Benno Stern, Dr. H a ns He ym ann , Syndikus Dr. Lu d >vi g Holländer, Dr. Bernhard K a h n und Dr. Theodor Z l o c i st i. Aus aller Uett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M., 7. März. In der heutigen Sitzung des Ausschusses der i s r. Gemeinde wurden zunächst .der Israel. Religionss ch u l e 12 000 Jk Subvcntio n für das laufende Jahr bewilligt und zwar gemäß dem Verlangen des Vorstandes unter der Bedingung, daß ein Beauftragter des Vorstandes die Schule in Augenschein^ nimmt. In die Kommission, die das Verhältnis der Schule zur Gemeinde regeln soll, delegierte der. Ausschuß Dr. H a - itaucr und Hugo Fränkel. — Mangels eines Jsolierzimmers und Wohnräume für die Assistenzärzte und die Dienstmädchen und im Hinblick darauf, daß bis zur Bcziehbarkeit des neuen Hospitalgebä udcs noch ca. 4 Jahre vergehen dürften, soll für den Hospitalverwalter eine Wohnung gemietet und dessen bisherige Wohnung für die gedachten Zwecke in Anspruch genommen-werden. Die hierdurch entstehenden Kosten werden bewilligt. — Für die Umänderung, bezw. Vergrößerung des Oraun-Hakandesch in der Börneplatz-Synagogc wird ein Kredit bis 2500 JL gewährt. — Es werden nun Mitteilungen bezügl. Prof. Dr. Kracauer's Qu eilen buch zur Geschichte der Frankfurter Juden gemacht. Das ans 35—40 Bogen veranschlagte Nrkundenbnch wird bereits iiü Sommer beendet sein. Die politische Geschichte der Frankfurter Inden bis 1849 wird dem diesmaligen Programm des Philanthropins beigelegt werden. Es soll beim Oberbürgermeister um Subvention aus der Stcrn'scheu wissenschaftlichen Stiftung und aus der Königswarter-Stiftung nachgesucht werden. — Als letzter Punkt der Tagesordnung wird die Anstellung des Lehrers Dr. Hermann F r e u d e n b e r g c r als Oberlehrer am Philanthropin genehnngt. Frankfurt a. M. Anläßlich des eisten Jabrzeitstagcs Rabbiners Dr. Horovitz s. A. findet Sontagnachmittag 51/2 Uhr ein Hesped in der Synagoge ani Börneplatz statt. Frankfurt a. M. Wir werden um den Abdruck des nachstehenden Aufrufes ersucht: An die deutschen Juden! . In einigen Monaten werden die Reichs t a g swahlen stattfinden. Die Möglichkeit, den offenen Antisemitismus ganz niederzuringen und den verkappten einzndämmcn, ist nur dmm gegeben, wenn mit Energie in den Wahlkanipf cingegrisfcn wird. Selten wird eine Gelegenheit wiederkommen, die in solchem Maße die Reinigung des deutschen Reichstages von judenfeindlichen Elemente» ermöglicht. Nur müssen diejenigen, deren Sache es ist, den Kampf zu führen, sich mit Energie und Opfermut zur Schlacht rüsten. Seit Jahren hat der Zentral-Bereit! in die Wahlkämpfe vielfach mit Erfolg eiugegrisfen, um den politischen 'Antisemitismus — gleichgültig ob er offen oder verkappt auftrat — zu bekämpfen. Die Wahlparole des Zentral-Vereins ist: unter allen Umständen gegen den Antisemiten! Darum regelt nicht allein die Parteizugehörigkeit, sondern auch die Persönlichkeit eines Kandidaten unser Verhalten ihm gegenüber. Wir prüfen nicht imr seine Partei-Zugehörigkeit, sondern seine Stellung dem Judentum gegenüber. In einer Reihe demnächst erscheinender Druckschriften wird die Tätigkeit der Antisemiten ii» Parlament zur Aufklärung weitester Kreise ausführlich beleuchtet werden. Flugblätter werden in reichstem Maße zur Bersügung gestellt werden, um die Lügen, die von antisemitischer Seite fortgesetzt zur Verdächtigung des Judentums in die Welt geschleudert werden, im vollsten Lichte der Oeffentlichkcit zu beleuchten. Die antisemitischen Agitatoren sollen in .Zukunft nicht mehr in hetzerischer Weise die ältesten Märchen über Juden und Judcntunr unerfahrenen Wühlern erzählen können, ohne befürchten zu müssen, Lügen gestraft zu werden, lins liegt Fraktionspolitik fern. Aber die Schmach, welche der 'Antisemitismus .für unser Vaterland bedeutet» muß endlich getilgt werden, und hierzu bedarf es der energischen klntcrstützung solcher Kandidaten, welche gegen den 'Antisemiten im Wah lkamPf stehen. Zn einem solchen Kampfe gehören erhebliche Mittel, die' wir aus unfern minimalen jährlichen Beiträgen nicht aufbringen können. Deshalb muß ein W a h l f 0 n d s gesammelt tverden. Man macht die sehr beklagenswerte Erfahrung, daß von 1 ii bischer Seite vielfach für allgemeine Zwecke, die unter lkmständen bei praktischer Durchführung sich oft gegen die Juden richten, recht, erhebliche Summen zusammengebracht werden. Dagegen ist gerade für die Kostspieligkeit unserer außerordentlich wichtigen politischen Kämpfe, die jedem einzelne» deutschen Juden erst die Grundlage seiner bürgerlichen Existenz sichern sollen, oft ein recht geringes Verständnis vorhanden. Das darf in Zukunft nicht mehr sein! Darum zeichne ein jeder für d e n W a h l s 0 n d s und gebe uns die Möglichkeit, für die Ehre und staatsbürgerliche Gleichberechtigung des Jndciiums nachhaltig und erfolgreich zu kämpfen. Die Tatsache, daß die antisemitische Agitation zum großen Teil aus den fast unerschöpflichen Quellen des Bundes der Landwirte gespeist wird, muß unsere Freunde zu neuer und größerer Opfcrwilligkeit als bisher anspornen. Der. Vorstand des Zentral-Vereins deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens. Dr. Horwitz. klm die Kräfte nicht zu zersplittern und de» Wahlkamps mit größter Energie und möglichster 'Aussicht aus 'Erfolg zu führen, haben sich die beiden nnterzeichnete» Vereine zu g e m e i n s a m e m Vorgehen vereinigt. lieber die Verwendung der eingehenden Beträge im einzelnen wird eine Kommission, bestehend aus Vertrauensmännern beider Vereine, Beschluß fassen. „In st iz r a t D r. H 0 r wi tz-W a hl f o n d s 1911" Dresdner Bank, Depositenkasse 0, Berlin 81V.!>8, Lindenstr. 7. lieber die eingegaiigencn Beiträge wird in den Organen beider Vereine auf Wunsch unter Chiffre quittiert. Z e n t r a l - V e r e i n deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Verein z u r A b w e h r des Antisemitis m n s. Oesterreich-Ungar«. Budapest. Die königliche Tafel fällte dieser Tage ein interessantes klrteil. Ein Lokalblatt brachte eine Notiz über einen Gemeindebeamten, daß er getauft sei. Die erste Instanz verurteilte den Redakteur, da er das Faktum der Taufe nicht beweisen konnte, dies aber eine unehrenhafte Handlung motiviert, wegen Verleumdung zu 100 Kronen Haupt- und 20 Kronen Nebenstrafe. Die Kgl. Tafel kassierte dieses. Urteil und begründete den Freispruch wie folgt: „Der Uebertritt von einer Konfession zur andern, ist das freie Recht jedes Bürgers, das auch. tatsächlich von vielen in Anspruch genommen wird. Demzufolge kamr der Uebertritt weder strafbar noch eine 'solche Handlung sein, die verachtungswürdig ist. Es kami daher die Behauptung, daß