Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692716-2692726--06027-2700993- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. St. 10 feil Talent hätte, und er hätte es bei dem beträchtlichen Talent, L a s. c r doch b csitzt, auch empfunden, wenn, nun — es ist immer dersübc Grund — wenn er nur die Distanz gewahrt chatte, wenn er sein Stück und nicht Las Stück oder vielmehr die Sucht der Herabsetzung - der Ghettojuden um jeden Preis i h n völlig beherrscht hätte. Dies ist eben sein Unglück geworden, dies hat die Komödie verdorben. Wenn man sie gelesen hat, tut cs einem lcidum den prachtvollen Grundgedanke»; während man sie liest, wird man ärgerlich und empört. Man liest Len ersten Akt und hat hohe Erwartungen für den Fortgang des Stückes, mau liest den zweiten, die Erwartungen werden wesentlich hcrabgestimmt, man liest den übertriebenen, trivialen dritten Akt, sieht alle Hoffnung in den Sand zerrinnen und ärgert sich, und end'ich liest man den im ganzen höchst geschmacklosen Schlußakt und ist cnrpört, derartig gefoppt zu sein. Dies sind die Empfindungen jedes nur einigermaßen verständigen und feinsinnigen Lesers. Für den jüdischen aber, zumal für den, der diese Ghettojuden selbst kennt, ist die Empörung Und der Unwille unendlich stärker. Nicht zu Unrecht haben viele allgemeine Zeitungen das Stück als antisemitisch bezeichnet; seine unschöne Tendenz kann nur Antisemiten Gefallen «bringen. Im jüdischen Leser löst sie nur wehmütige, beschämende Reflexionen aus über jüdische Selbstvcrachtung und jüdische Degeneration. - David Pinski hat dasselbe wie Tille, Choncs, des Totengräbers, Tochter, ersehnt. Jeder wollte wenigstens einmal im. Leben glänzen, diese für eine Millionärin, jener für einen großen Lustspieldichter gehalten tverden. David Pinski ist cs auch wie Tille, Chones, des Totengräbers, Tochter, ergangen. Beiden wurde der Wunsch für einen Tag erfüllt. Tille galt einen Tag lang als Millionärin, Pinski wurde einen Abend lang im „Deutschen Theater" aufgeführt. Und dann brach die Herrlichkeit beider zusammen. Tille wird daraus nichts lernen. Sie ist damit zufrieden, chr genügt der eine Tag. Dafür existiert sie schließlich nur in einer mißratenen Konlödie. Wird aber David Pinski auch ■ mit diesem Los zufrieden ,seiu? Oder stände cs ihm nicht besser an, daraus die nötigen Lehren zu ziehen, cinnlal» daß cs auch künstlerisch ein Verberchen ist, nur jeden »Preis' die „schmutzigen" Ghettojudcn beschimpfen zu wollen, und ferner daß cs doch besser ist, aus der jüdischen Bühne als groß zu gelten, als im „Deutschen Theater" ausgelacht zu werden. Purim-Parodien?) Uebersetzt von G. Ui Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt. Walter Scott bemerkt einmal und die Psychologen bestätigen cS uns: Ter Reiz zum Lachen ist dann anr unwiderstehlichsten, wenn die Erhabenheit der Zeit mrd des Vorgangs ein Gelächter als besonders unpassend erscheinen lassen mühten.' Heilige Dinge . ins Lächerliche ziehen, ist darum noch keineswegs identisch mit dem, was wir heutzutage Unehrerbietigkeit nennen. Dieser Spaßmacher will weniger Gespött treiben, als seine Liebe zum Ausdruck bringen; sein Lachen entsteht eher aus cinein Uebermaß, als aus dem Mängel an-Verehrung. Heutzutage wagt man es nicht. Heiliges zu parodieren, und nicht nur, daß man es nicht tut, man darf es auch nicht. Früher durste man es und tat es. Wir müssen eben in unserem Benehmen gegen einen Fremden, dem wir gelegentlich einen förmlichen Besuch abstatten, sehr vorsichtig sein. Da müssen wir die gesellschaftlichen Formen beachten und mis hüten, in unserem Benehmen vertraulich zu werden. Bei einem lieben, vertrauten Freund können wir es anders machen. Er weiß, daß wir ihn hoch schätzen, und wir dürfen ruhig einen Augenblick den Respekt außer acht lassen, ohne unserer Freundschaft zu schaden. Die 'gleichen Betrachtungen lassen sich mit' einigen Abänderungen ans religiöse Gebräuche an-, *) Aus dem Buche „Festival Studies" by Jsr. Abrahams- 11. % London, Macmillan u, Co., Limited. wenden. Je mehr die Menschen von ihrem Glauben erfüllt sind, desto geneigter sind sie, sich damit zu hänseln. Die Fröhlichkeit ist harmlos' und vorübergehend, der Glaube tiefgründig und immerwährend. Die Menschen müssen lachen, mid sic lachen über das, was sie am meisten interessiert. . Im vor - protestantischen Zeitalter drückten selbst die Mönche bei jenen Schwänken die Angen zu, in denen die Kinder - Bischöfe, Narrenvräsidentc» und wie immer die. Scherz - Vertreter der hohen Geistlichkeit hießen, auftraten. Zwar gehören jene Saturnalien einer Sitte von Frühlingsfesten der antiken Welt an, die bis zum alten.Babylonien und noch weiter zurückgehen. Aber unser Interesse an. den Ueberbleibseln solcher. Sitten im Mittelalter ist ein mehr psychologisches als historisches. Leser von W. Scott's „Abt" oder Frazcrs „Der goldene' Zweig" loissen wohl, wie weit diese mittelalterlichen Saturnalien getrieben lourden. Mißachtung der Autorität, an der die Autorität selbst ihr Vergnügen hatte, possenhafte Nachahmungen selbst von Kirchenliedern, Karikaturen der heiligsten Gebräuche, was uns als Gottlosigkeit erscheint, — Dinge, die unserem Gefühl für Anstand vielleicht hauptsächlich deshalb so anstößig Vorkommen, iveil unser Glaube selbst mehr und mehr eine Sache des Anstandes gelvorden ist, ein „Staatsbesuch in Glacehandschuhen," der seine guten Formen nicht einbüßcn kann, ohne dabei zugrunde zu gehen. Auch die Juden haben ihren Karneval nötig gehabt. Auch von .ihnen ist bekannt, daß sic bei heiteren Anlässen Masken und nicht immer sehr feine als. Rabbiner verkleideten, die das unbestrittene Recht besaßen. Heiliges lächerlich zu machen, das Gebetbuch zu karikieren und — was ihnen am meisten Spaß machte — den wirklichen Rabbiner zu necken, indem sie seine Art zu spreche», seine» Gang, sein Benehmen nachahintcn, seine kleinen Schwächen hervorhobcn und ihn so dafür büßen ließen, daß er sonst die allgemeine Hochachtung genoß. Jetzt noch spielen sich in vielen Synagogen Rußlands und sogar in England natürlich solchen alten Schlages — am Feste der Gcsctzesfreude Szenen lärmender Fröhlichkeit ab, harmlos aber geräuschvoll. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Juden erst jetzt anfangen, zwischen dem Heiligen und dem Weltlichen eine strenge Grenze zu ziehen. J»r Mittelalter wäre ein solcher Unterschied unmöglich gelvesen; jedenfalls wäre er allen unverständlich geblieben. Das Leben in all seinen Teilen war gleicherweise heilig und profan. Und so zögerte der Jude niemals, das Leben in die Synagoge zu tragen. Sind wir so sicher, daß er unrecht hatte und wir recht? Wenn er mehr von der Welt in die Synagoge hineintrug, so trug er dafür auch mehr von der Synagoge in die Welt hinaus. Sei es wie es sei, das Judentum hatte seinen Karneval besonders.jtnb vor allem den Purim. Wir haben nicht die Absicht, hier all die Arten von Maskeraden und Spielen zu beschreiben, in denen sich die eingeengten Gefühle Luft -machten. Unsere Aufmerksamkeit beschränkt sich ans die literarischen Parodien. Man kann die Purim-Parodien ganz äußerlich in zwei Gruppen einteilen: die erste Gruppe parodiert die rabbinische Art der Beweisführung, die zweite die Gebete. Ersteres ist äußerst lustig, letzteres ist geschickt gemacht, aber unserem modernen Geschmack zu wenig angemessen, weshalb wir nicht viel davon anführen. So gibt es Nachahmungen des Hallet (Psalm 113—118) zmw Lob des Weines. Sie beginnen ganz treffend, aber unpassend mit: Hallelnjajin, „Lobt, den Wein." (Vom Aufgange der Sonne bis zu ihrem Niedergange soll unser Mund ihn loben). Sogar das Nischmas - Gebet ist zur anakreontischen Ode gelvorden; und dabei ist kaum ein Wort verändert. ' Die Selichoth oder Bußgebetc sind ebenfalls herangezogen worden, um den Unterhaltungsstoff zu vermehren; aber unser Gefühl dafür hat sich so geändert, daß loir Zitaten daraus nicht vertragen könnten. Mehr am Platze und unterhaltender sind die Parodien auf die talmudische Art; die Karikaturen sind lächerlich genug, aber wenigstens' ebenso lustig als sie töricht sind. Ganz können ja eigentlich nur Kenner der rabbinischen Diskutiermethode das Treffende jener Parodien würdigen. Indessen mögen doch folgende Stellen, die der H a g g a d a h f ü r Pesach nach geahmt lind, für sich selbst sprechen. Ter, ivelcher folgende drei Dinge am Purim nicht getan hat, hat seiner Pflicht nicht genügt. Ties sind sie: „Essen, Trinken und Tanzen". . . „Jeder der durstig ist, komme und trinke." „Worin unterscheidet sich dieser Tag von allen andern Tagen?" An pudern Tagen bars man trinken, an diesem Tage muß man . . . ,Mer am häufigsten und stärksten trinkt, dieser ist lobenswert." „Es geschah einst mit Rabbi „Alter Wein" und seinen Gefährten, daß sie an Purim den ganzen Tag und die ganze Nacht aßen und tranken", bis sie alle unter den Tisch fielen, den Becher noch in der Hand. -Des Morgens fanden sie ihre Schüler in dieser Lage und sprachen: „Verehrte Lehrer, die Zeit fürs Morgenbrot ist angebrochen." , In dieser. Weise folgt die Parodie dem Seder Zeile für Zeile mit sprühendem Witze und' erstaunlich geschickten Schwänken; z. B. das folgende: Rabbi „Faß" sagte: Siebzig Jahre feiere ich'nun schon das Purimfest, und nie.konnte ich beweisen, daß. die Feier 3[ Tage und' 3 Nächte dauern sollte, bis Rabbi/„Alter Wein" lehrte: Es-steht geschrieben „Von 'Kummer zur Freude und von Trauerzu Festtagen (Esther 9, 22); nun geradeso wie die Trauer und das Fasten 3 Tage dauerte, müssen die Lustbarkeiten und Vergnügungen 3 Tage dauern." Rabbi ,Lcug" sagt sieben Tage „denn die Tage der Trauer (für einen Toten) dauern 7 Tage. Die Weisen sagen nichts, sondern essen und trinken bis zn den Tagen des Messias." Ter Seder schließt mit den Worten 7 „Das nächst,; Jahr hoffe» wir in Jerusalem zn sein." Tic Parodie, mit einer nur. ganz geringen Aendernng des chebräischcn Wortlautes,' schließt mit dem Ausblick: „Das nächste'Jahr hoffen wir doppelt zn trinken." Diese Proben mögen genügen. Und wie. die Gebräuche für den Pesachabend „Seder für lcl schimmnrim" (Nacht der Bewahrüng) heißen, betitelt sich die Parodie „Sederfür lel schikkurim" (Gebräuche für die Nacht der Trunkenheit). Aiißer diesen Parodien des Seder gibt es Nachahmungen der Mischnah, den sogenannten Traktat Purim. „Am Vorabend des 14. Nissan muß mau. alle» Sauerteig aus dem Hause entfernen" — so heißt der Anfangssatz der Mischnah Pesach im. „Am Vorabend des 14. Adar muß man alles Wasser aus dem Hause entfernen," ist die Lesart des Parodisten. Es ist eine große Sünde, an Purim Wasser zu trinken. Wenn es regnet, so ists ein böses Omen für die Welt, aber wehe bcni unglückseligen Juden, der cs unterläßt, seine Fenster zn schließen und dadurch das unzeitige Naß abzuhalten. Ei» einziges Zitat noch aus der drolligen Mischnah, und das soll den Schluß unserer Auswahl bilden. In den Sprüchen Salomo (31, (>) kommt der Vers vor: „Gebet Berauschendes dem, der dem Untergänge geweiht," aber das' Wort, welches mit „dem Untergänge geweiht" übersetzt ist, kann auch heißen „demjenigen, der verliert." „Nun saßen" — in der Parodie — „mehrere Gelehrte beim Wein und Würfelspiel" die ganze Stacht hindurch, bis ihre Schüler kamen und .sagten: „Verehrte Lehrer, die Zeit ist gekommen, da Ihr die Pnrimpflicht erfüllen und daS zngemesscnc Qnmitum Wein trinken müßt." Eiiier der Gesellschaft nahm keinen Teil daran, denn er war wegen des Geldverlustes niedergedrückt, den er 'beim Spiel erlitten hatte. Daraufhin bemerkte einer seiner Freunde, daß e r, wenn er an Purim Geld verlor, nmsomehr trank, stände doch geschrieben: „Gebet Berauschendes, dem der verliert." Manche mögen vielleicht den vorschnellen Schluß ziehen, daß die Juden des Mittelalters unmäßig waren und ihre Rabbiner bon - vivants. Keine Folgerung wäre falscher oder lächerlicher. Die ganze Pointe des Witzes liegt darin; daß sich alles an sehr mäßige Leute richtet, der Scherz konunt davon, baß man Männer als Zechbrüder und Saufkumpane hinstelltc, die in Wort und Tat zwar nicht Abstinenz, aber Mäßigkeit und Enthaltsamkeit im eigentlichsten Sinne lehrten. Tic Verfasser der Parodien waren teilweise gelehrt, häufiger witzig, alle aber gläubigen Gemütes. Wir können sic nicht vollkommen rechtfertigen; jedes Fastnachtstrcibcn zeitigt Auswüchse. Warum aber, könnte man fragen, loar es bann notwendig, von jene» Parodien zn sprechen? Weil, sage ich. wir ohne sic nicht zu einer Totalansicht des jüdischen Charakters kämen und das Bild darum unvollkommen bliebe. Denn diese Parodien sind keineswegs gemein, oder roh. Es findet sich kein Wort darin, über das wir erröten müßten, wenn auch vieles unseren Geschmack beleidigt und verletzt. Sie zeigen uns den Juden so von seinem Judentum durchdrungen, das; cs eigentlich nur eine Form der Schmeichelei ist, wenn er dasselbe parodiert. Was er gm besten kennt, am meisten liebt, parodiert er, ivenn er sich unterhalten und'freuen will. Man könnte nun die Frage aufwerfen, ob nicht hinter all diesem ein Zug kritischer Betrachtung verborgen liegt, ein Mangel an Verehrung für den geistigen Gehalt. Sicher ist, daß es kein Mangel an Verehrung für de» religiösen Gehalt war; höchstens war cs eine Respektlosigkeit ans zn großer Vertraulichkeit, eine Respektlosigkeit, die von warmer Liebe nicht leicht zn trennen ist. Wenn wir das weniger leicht einschen, so mag es nur aus dem Grunde kommen, den Brutus dem Lucilius gegenüber anführt: (Jul. Cäsar IV, 2.) Merke stets — wenn Lieb', erkrankt und schwindet. Nimmt sic gezwungene Höflichkeiten an. Einfält'gc, schlichte Treu weiß nichts von Künsten." Möglich, daß unsre jetzige Förmlichkeit einem Mangel an .Verehrung näher steht 'als . die leichte Vertraulichkeit der .Vergangenheit, Doch, — ich *»E3!SBSG=i5SSao»