Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis Pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— Redaktion und chelchäftsstslk: Frankfurt a. IR., xt vt ö e II v xi g e7 %etefon 10507. -t-as-g' AsraUKgebev: Kali; H»sis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene. Petitzeile.... . NM- Die Reklamezeile. . wo „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter No. 4864. ' ' 9. Jahrgang. Freitag, den 19. Adar 5671 (10. März 1911). Rr. 10. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Aus der Welt der Gedanken. — Purim-Parodien.— Der Zionismus im türkischen Parlament. — Verein für Statistik der Juden. — Aus aller Welt.—Aus der zionistischen Bewegung. — Feuilleton: Aus der Zukunft. — Kunst und Liter atur. — Wochen- Ka len der. — Familiennachrichten. Ans der Wett der Gedanken. (Betrachtungen und Besprechung«n.) VIII. „Der Scha tz" von D a v i d P i n s k i.*) Eine K r i t.i k. Bon Ben-Koheleth. " David P In s k i hat es tute Tille, C h on es, des Totengräbers, Tochter und Heldin seiner Komödie „Der Schatz", gemacht. Ein jeder von ihnen hat einen guten Gedanken gehabt und hat damit die Leute gefoppt; nur mit kein Unterschiede, daß es bei Tille aus geistreicher Ausgelassenheit und bei Pinski aus geistlosem Unvermögen geschah,-und dem noch wichtigeren Unterschiede/ daß Tille die Leute nur in der Ko.-- mödie zum Besten führt, wo es erlaubt und angebracht ist, und Pinski es im Ernste tut, >vas talentlos und ärgerlich ist. *' * * Ein jeder von ihnen — sage ich — hat einen guten Gedanken gehabt, denn in der Tat, der Gedanke, der Pinskis Komödie zugrunde liegt, ist geistreich, witzig und für eine Komödie wie geschaffen. Man höre nur: Chones, des Totengräbers, idiotischer Sohn Judke Hai beim Begraben seines Lieblingshundes eine Anzahl von goldenen Münzen gesundes Er gibt sie seiner Schwester Tille, die darauf flugs ins vornehmste Geschäft der Stadt eilt, sich eine prachtvolle Toilette kauft und überall das Gerücht verbreitet, ihr Vater habe einen großen Schätz gefunden und s-i. jetzt Millionär. Aus diesem Stoff hätte ein großhcr Kvmödiendichtcr ein Lustspiel von bleibendem Werte schaffen können, ein Lustspiel, ebenso reich an Witz und' Komik wie an Gedankenuno Menschendarstellung, eine Satire von ewiger Gültigkeit. Pinski hat dies wohl verstanden, hat sogar klar erkannt, . in welcher Richtung sich die Komcbic weitcrentwickeln muß, hat es auch versucht, eure große Komödie. zu schaffen uno — hat cs nicht vermocht. Aus zwei Gründen: aus Mangel an Talent, was noch verzeihlich ist, und aus Mangel an Objektivität, >vas unverzeihlich, ist? Der große Lustspieldichter ist immer objeklio, objektiv im richtig verstandenen Sinne; nicht etwa so/ wie cs. Oberlehrer und Spießbürger verstehen, . daß er seinen Personen kalt, teilnahins- >os gegenüberstände, daß er kein Verhältnis zu ilincn hätte; dies vermag nur der Stümper, der nach . auswendig gelernten Regeln dichtet. Der *) David Pinskis „Der Schätz", Koniödie in I Akten. Deutsch von Fega Trisch, Theaterverlag Mmard Bloch, Berlin. 131 S. wahre Dichter nimmt stets zu seinen Gestalten Stellung, haßt oder liebt sie, mit der Lustspieldichter tut es mehr als jeder andere. Ab.r er bewahrt immer die Distanz, steht immer über ihnen, ist ihr Meister und Herr, und Ivird ihnen darum nie ungerecht. Man lese die Koniödien Malier es, unter allen Lustspieldichtern derjenige, der, was Komik und Witz betrifft, der Posse, der Farce am nächsten steht. Wie hat Moliörc die Personen, die er unsterblich lächerlich gemacht hat, gehaßt! Aber niemals wird man cs merken. Nicht er inacht seine Helden lächerlich, sie machen es.sich selbst, und damit hätten wir die Regel gefunden: Die Lächerlichkeit und Verspottung der Personen muß sich.aus ihren Charakteren ergeben. Bon dieser Regel hat David Pinski keine Ahnung. Aber schließlich wäre es nicht so schlimm, wenn er nur ein Lustspieldichter wäre; denn dann hätte er sic ein Pfunden. Das Unglück jedoch ist. daß er cs eben nicht ist. Und auch das wäre noch nicht das. Schlimmste, ivenn .er nur ein gerechter Mensch wäre: denn auch dann hätte er der Regel nicht so töricht Hohn gesprochen. Aber darin steckt eben des Pudels Kern und der Komödie Kardinalfehler, daß er nicht einmal dies ist. Pinski hat seine Komödie geschrieben, um die russischen Juden herab zusetz en, häßlich erscheinen zu lassen, um sie zu beschimpfen. Beschimpfen und nicht etwa lächerlich zu machen; denn dies wäre sein gutes Recht gewesen und hätte die Komödie nicht verdorben. Er aber woll'e sie beschimpfen, wollte sie.in den Augen des Zuschauers nicht lächerlich, .sondern verächtlich erscheinen lassen! Darin liegt der Grund fiir alle Fehler des Stückes. Denn vor altem ist schon die Absicht allein, im Zuschauer das Gefühl der B e r a ch t n n g anstatt das der Lächerlichkeit den Personen des Lustspiels gegenüber zu erregen, durchaus verfehlt. Verachtung ist ein Gefühl, das wohl eine Tragödie, niemals aber eine Komödie Hervorrufen darf. Neben diesem von vornherein begangenen Grundfehler, der von gänzlicher dramatischer Unkenntnis des Dichters zeugt, ergeben sich aber auch all die anderen einzelnen Mangel des Dramas aus der falschen Tendenz des Dichters. Bor alleni in der Charakteristik: Man kann eigentlich von Fehlern in der Charakteristik nicht gut sprechen, >veil eine solche im Stück überhaupt fehlt; mit Ausnahme der Tille, deren Charakter man in undeutlichen, verschwommenen Zügen erfassen kann — was ja Bei ihr, als der Heldin, ganz selbstverständlich ist —, sind alle Personen der Komödie dem Leser Rätsel; was man iveiß, erfährt man meist ans den Thcaterbemerkungen, aus ihren! Sprechen.und Handeln so gut wie nichts. Am schlimmsten ist es bei all denen, die nicht zur Familie des Totengräbers gehören; dabei sind sie eigentlich die Hauptpersonen, die,' an denen Pinski die Habgier, das Kriechen vor dem Gelbe zeigen wollte. Dies ist auch das einzige, was inan weiß. Sie sind alle habsüchtig,, habsüchtig Pis zum Ekel, gelbsüchtig bis zum Wahnsinn. Dies ist es ja, wozu Pinski die Komödie schrieb. Die widerliche Habgier der Ghettojuden wollte er zeigen. Und ganz von dieser Sucht beherrscht, hat er cs scheinbar ganz vergessen, daß schließlich all diese Inden, so habgierig sie auch sein mögen, doch Menschen von Fleisch und Blut sind, die noch andere Eigenschaften als ihre Habsucht besitzen; diese aber zu zeigen, nur eine Spur von ihnen erkennen und ihre Lächerlichkeit so aus ihren. Charakteren sich ergeben zu lassen, hat Pinski nicht für nötig gehalten, oder richtiger, hat es nicht vermocht, weil ihm eben die Distanz fehlte, weil er sich nicht dazu erheben konnte, sie von einein höheren Standpunkt in ihrem ganzen Umfange zu betrachten, sondern, unter ihnen steckend, nur diese ihre Habsucht wahrnehmen konnte. Daraus ergibt sich auch der zweite Grundfehler der Komödie: der Mangel jeglicher Handlung. Pinski schuf nicht das Stück aus reiner Freude am dichterischen Schaffen, aus innerem Genüsse an künstlerischen Werken, wie es wahre Dichter tun; er schrieb sie nur um ihrer Tendenz willen. So war ihm also eine Handlung gar nicht wesentlich, für seinen Zweck nicht notwendig; im Gegenteil, je weniger Raum die Handlung einnimt, umsomehr Platz für die Schilderung der Habsucht, für die herabsetzende Darstellung der Ghettojuden. Nun wäre dieser Mangel noch nicht entscheidend, wir haben viele Komödien mit mangelnder Handlung, die dennoch groß, unsterblich sind; wir hätten dann eine reine schildernde. Sittenkonrödie. Dann aber, ja dann nmß die Schilderung umso besser, umso künstlerischer sein, so künstlerisch, daß sie an Stelle der spannenden Handlung den Zuschauer zu interessieren und zu fesseln vermag. Die Schilderung aber — und oainit bin ich beim letzten und vornehmsten Fehler des Stückes angelangt ,—. die Schilderung ist das Unkünstlerischstc, das Geistloseste in der an sich so geistcsarmeit Komödie; denn bestanden die bisher gekennzeichneten Fehler nur in der Abwesenheit von ettvas Positivenl, so ist die verfehlte Schilderung eine direkte negative Eigenschaft des Dramas^ sie ist übertrieben und —!vas in einer. Komödie unverzeihlich ist — ist geschmacklos. Daß man beispielÄveisc den Chone gleich am ersten 2lbcnd. als man von seinem Schatze erfährt, in der Synagoge in die erste Reihe neben den Rabbiner setzt, ist unwahrscheinlich, daß die Juden aber sich im letzten Akte in Reih und Glied aufstellen und auf Wunsch Judkes,. der ihnen den Ort djes Schatzes nennen soll, alle idiotischen Dummheiten Nachreden, ist geschinacklos bis zum Ekel. Diese Geschmacklosigkeiten haben, man lese nur die Besprechung des Dramas nach der Berliner Aufführung, mit am meisten zum Mißerfolge des Stückes beigetragen, denn sie sind für einen Menschen, der nur ein wenig Geschmack und Remlichkeitsgesühl besitzt, unerträglich. Pinski hätte dies empfinden inüssen, wenn er nur einen Fun--