Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. Seite 3. Manksmier ZsraelitisHes Familienblaö. Munkacs, Zborow und Bilkew — veröffentlicht. Da es 'mnt das Okkupationsgebiet der Orthodoxie ist, lieh er seiner Parteitimt wild die Zügel schießen, und das traurige Ende ist, daß der mit antisemitischem Programm ins Parlament gewählte Demagvg HÜszor, wenn er die Forderung nach Aufnahme von Ausnahmegesetzen gegen die „Kasaren" *) stellen will, für diese als schlagende Argumentation spaltenlange Artikel aus dem „jüdischen" Werke des „jüdischen Kultuspräsidenten" zitiert. Man sollte es kaum glauben. Der Kanzleipräsident spricht von seinen Konfessionsgenossen, die sich von ihm nur in der Tracht und Zugehörigkeit zur anderen Organisation unterscheiden — bei der sie aber mit einer bis ans Martyrium grenzenden Liebe ausharren — in Termini, die dem Dreschgrafen sicherlich eine längere Freiheitsstrafe eingetragen Hütte. Hört nun der voreingenommene Arier das „jüdisch" gestempelte Urteil über diese „Bampyre," „Blutegel" usw., so zittert er vor der „schwarzen Pest", die diese Brunnenvergifter herausbeschworen haben. Das Resultat, wie kann es anders sein, als ein engeres Aneinanderreihen der Bajonette unserer Grenzgensdarmen, um das Vorwärtsdrängen der „Kasaren" zu verhindern. Und diese „Kasaren" sind im Grunde geuomnien ganz harmlose Naturen. Ein naives Urjudengeschlecht, das sich in den Bergen vor dem Hereinströmen des vernichtenden Zeitendranges verschlossen hat. Männer, die über die gewaltigen Probleme des Tags nicht reflektieren, nur ihrem Gotte, in altüberbrachter Form, dienen; an das Leben gar keine Erwartungen stellen und viel, schwer und erfolglos arbeiten. Sie sind die besten und billigsten Feldarbeiter, die von Sonntag früh bis Freitag morgens bei Sonnenbrand und Regenschauer ausharren und Freitag die Hälfte des Wochenlohns für die Schnellzugsfahrkarte bezahlen, um nur den heiligen Schabbos im Kreise der Familie zu verbringen und sich zu überzeugen, daß das jüngste Kind, ein siebenjähriger Blondkopf, sein Pensum im „Talmud mit, Meforschim" gründlich gelernt hat. Die Kost ist primitiver, als man sich vorstellen kann. Hering und Maisbrot für Wochentage und Rindsknochen mit Weißbrot für Schabbos. Statt nun in diesem Leben das grandioseste Opfer der Selbstentsagung zu erblicken, wie dieses B. Beregi in seinen Schilderungen tut, sehen. die Hasser in all dem nur ein weltfremdes Maniakentum, auf das sie ein Recht haben, Schellenkappen zu ziehen rmd Zuchthausstrafen zu verhängen. — Die orthodox« Landesrepräsentanz hat bei ihrer letzren Tagung, die ourch die Audienz beim Ministerpräsidenten reichen Erfolg hatte, den .Beschluß gefaßt, im laufenden Jahre eine Generalversammlung ähnlich derjenigen im Jahre 1905 einzuberufen. Der Wahlmodus ist dabei ein ganz eigenartiger. Jede Gemeinde delegiert ihren Rabbiner und einen Laien zu diesem Kongreß, wodurch natürlich das' provinzielle Element ,übersteigt, was dann sowohl den Gang der Beratungen als auch das Resultat des Kongresses eminent beeinflußt. Bei diesem Kongreß wird die Landesrepräsentanz neugewählt. Diese besteht aus folgenden Organen: 1. Zentralkanzlei mit Bcamtenperfonal und Präsident. 2. Zentralkommission, die sich aus' 5 Rabbinern und 10 Laien zusammensetzt und 3. aus dev 100 gliedrigen Landesrepräsentanz, in der auch das „Balbattin"-Element mit 60 Köpfen in Majorität ist. Die Landesrepräsentanz hat statutengemäß einmal im Jahr zu tagen, kann' aber von der Zentralkommission, ivcnn es' nottut, so oft es nur angeht, zusammenberufen werden. Politisch hat sich das' Präsidium im letzten Lustrum hervorragend betätigt, da nur durch es die Orthodoxie zu einem Faktor im öffentlichen Leben und die seit vierzig Jahren Erkämpfte selbständige Autonomie zu Gesetzeskraft erhoben wurden. Zioni. Aus aller Wett. Deutsches «eich. Frankfurt a. M. Die hygienische Ausstellung in Dresden. Dein Frankfurter Lokalkomitee' sind zur Förderung seiner Arbeiten für die Abteilung >4?' Ygiene der Jude n" seitens der Israel. Gemeinde und der Frankfurt- Loge namhafte Subventionen bewilligt worden. Da zweifellos manche Private historische Gegenstände besitzen, ivelche für die Ausstellung von Wert sind, wie z. B. alte Wohnungseinrichtungen, Kleidungsstücke, Kultusgegenstände, Speisezettel aus Kicheren Jahrhunderten, so richtet das' Komitee die Aufforderung an diese Besitzer, einschlägige Gegenstände zur Verfügung stellen zu tvollen. Auch Modelle, Photographien, Abbildungen, Gemälde find willkommen. Kosten Erwachsen den Besitzern nicht, und es.wird jede Garantie für unversehrte Rücklieferung übernommen. Nähere Anskunst erteilen Dr. Hülsen, Bockenh. Landstraße 2 und Dr. Hanauer, Reuterweg 57. „ *) In Ungarn neuerdings Bezeichnung für gahzische Juden. . Berlin. Die Hauptversammlung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zeichnete sich durch eine sehr große Beteiligung und überaus' anregende Debatte aus, die sich hauptsächlich mit dem Antisemitismusbeschäftigte. Verschiedene Redner forderten für den Kampf gegen den Antifemitiswns. die Gründung von Jugendgruppen. Schließlich wurde beschlossen, akademische Ortsgruppen und einen Mahlsands zu bilden, wobei die Mitglieder einen. Mindestbeitrag von 1.— JL zu leisten haben. Nach dem Geschäftsbericht stieg die Zahl der Mitglieder von 23000 auf 28 000 und betätigte sich der Zentralverein hauptsächlich in Fällen von Antisemitismus in höheren Schulen und in aka-, demischen Kreisen. Berlin. Die „Talmud-Thor«"-Kommission des Bundes jüdischer Akademiker ladet die Bundesbrüder zu einem talmud isch en Ferienknrs in Heidelberg während des Monats März ein. Es sei — so heißt es in dem Aufrufe des Bundes — immer die vornehmste Ausgabe der akademischen Jugend gewesen, den Boden für eine junge bessere Zukunft vorzubereiten, und daher sei der Bund jüdischer Akademiker die berufenste Instanz, um das Thorastudium in Deutschland wie in früheren Jahrhunderten wieder heimisch zn machen und dadurch dem blutleeren, weil thoralosen Körper der deutschen Judenheit neues Leben, einzupflanzen. Diese Methode der Lernversammlungen in einem arbeitsstillen Monat habe den Vorzug, scyon ein-i mal im jüdischen Kreise heimisch gewesen zu sein und die Früchte gezeitigt zu haben, die auch der Bund — in kleinerem Maßstab — von ihr erwarten. Es waren die „Chodschei Chalah", die Versannnlungsmonate Adar. und Ellul, die während der Jahrhunderte des Amoraim und Geonim Scharen der Thorabeslissenen znm Studium der Gottcslchre zusammenriefcn, damit sie nach den Zeiten schwerer Arbeit für Karls und Hof ihr ganzes Sinnen und Trachten ausschließlich aus das Studium des Gesetzes richteten. Ein bedeutender russischer Talmudgelehrter ivird dett Kurs leiten. Das Studium wird die erste Hälfte des Tages in .Anspruch nehmen. Die Nachmittage sind für Spaziergänge und' Ausflüge' frei, Berlin. Im Reichstag brachte der Militäretat wie-alljährlich die immer noch selbstverstäildliche INichtbefördernng der Juden zu Offizieren zur Sprache. Das Resultat blieb auch .diesmal das gleiche ivic bisher. Immerhin hat zum ersten Male der Kriegsminister zugegeben, daß her Grund dafür, daß es keine jüdischen Offiziere gibt, antisemitischer Natur ist. Sämtliche Redner — der Zentrrrmssührer Gröber, der Nationalliberale Osann, der Sozialdemokrat Schöpflin, der Bolks'parteiler Kopsch, der Reichsparteiler v. Oertzen — mit Ausnahme des Antisemiten Raab, der eine Hetzrede niedrigsten Ranges hielt, sprachen sich gegendie bisher geübte Praxis ans; nur die Konservativen schwiegen. Berlin, 2t». Fevr. In einer von mehreren hundert Gemeinde-Mitgliedern besuchten, vom Neuen Jüdischen Gemeindeverein einberufenen Versammlung nmrde nach einem Referat Rechtsanwalts Dr. A. Klee und nach warmer Empfehlung durch Fabrikdirektor E. Lichtenstein und G. Spiewköwski nachstehende von Dr. I. Zwirn eingebrachte Resolution e i n st i in m i g angenommen: „Die am 21. Februar 1911 in den Residenz- Sälen tagende, vom Neuen Jüdischen Gemeinde- Verein einberufene Versammlung jüdischer Gemeinde-Mitglieder begrüßt das Erscheinen des Gemeindeblattes mit lebhafter Genugtuung, weil es' einem oft, auch vom. Neuen Jüdischen Gemeindeverein, ausgesprochenen Bedürfnis der Gemeinde abhilft. Insbesondere hält sie die regelmäßige Veröffentlichung der aus dem Judentum Ausgetretenen .für ein geeignetes Mittel, dem Abfall vom Judentum entgegen zu treten und die Aufmerksamkeit unserer jüdischen Gemeinschaft auf diese traurige Erscheinung zu lenken. Die Versammlung spricht die Erwartung aus, daß die Veröffentlichung dieser Listen auch weiterhin konsequent vnrchgeführt werden wird. Dagegen spricht die Versammlung über die von der Repräsentanz in Gemeinschaft znit dem Vorstand beschlossene Um gestaltung des Gottesdienstes in den Orgel-Synagogen ihr^ tiefstes Bedauern aus. Sie hält die Abtrennung des Morgengottesdienstes von Mussafgebet, sowie gewisse Maßnahmen, die der ausgesprochenen Absicht der Verkürzung des Gottesdienstes dienen sollen, für'.verfehlt und ist der Ueberzeugung, daß dergleichen Entgegenkommen gegenüber den' angeblichen Bequemlichkeitswünschen etlicher Shnagogenbesucher dem wahren religiösen Bedürfnisse der überwiegenden Mehrheit der Berliner Judenheit Abbruch tut und nurgeeignet ist, den jüdischen Gottesdienst äußerlich dem christlichen ähnlich zu machen. Die Mtte an die Rabbiner, ihre Predigten nicht über 20 Minuten auszudehnen, betrachtet die Versammlung als' eine herabwürdigende Zumutung; in jeder Herabwürdigung des Rabbinerstandes erblickt sie eine Schädigung des Judentums überhaupt. Sie glaubt auch, daß eine Schädigung der Gemeinde in religiöser Beziehung eintreten wird, wenn die Rabbiner ein Marimalmaß von 20 Min. innezuhalten gezwungen sind. Die Versammlung hofft, daß diese Beschlüsse in Bälde ivieder aufgehoben werden." Hannover. Die Taa-so-dnuna der nrn 19. März in Hannover (Konzerthaus) stattfindenden ordentlichen Delegiertenversammlung des' Verbandes der jüdischen Jugend- Vereine Deutschlands lautet wie folgt: Vormittags 9—1 Uhr: 1. Geschäfts- und Kassenbericht (Dr. Apfel, Dr. Finkel, Felix Meyers. 2. Generaldebatte über alle die Jugendbewegung berührenden Fragen. 3. Zeitunqsfrage. Nachmittags 3—7 Uhr: 4.. Vo> standsanträae betr. Statutenänderung (Licktenberg, Regensburger). 5. Festsetzung des Jahresbeitrages gemäß 8 10 Ziff. 2 der Verbandssatzung. 6. Neuwahlen. Die Delegierten treffen sich bereits Samstag abend 9i/, Uhr im Kasino des Jüd. Jugendvereins (Josefstraße 17.) Sonntag abend findet ein Purimball statt, Montag Besichtigung der Israel. Erziehnnasanstalt in Ahlem. — Adresse für Anfragen : Rechtsanwalt A. Lichtenberg, Georgstr. 12. Oesterreitb-Niraarit. Brünn. Der Fortschritt in unserer 8499 Seelen zählenden jüdischen Gemeinde zeitigt sonderbare Resultate. Letzten Samstag zuSchacharis gab es im großen Tempel kein Minjan. Trotzdem es in diesem Tempel zwei Rabbiner, ein -Rabbinatsstellvertreter, ein Oberkantvr. zwei oder drei Unterkantore, drei Gabboim, sechs uniformierte Schamossim, 20 bis 30 Batlonim usw. gibt, konnte ,man an einem Samstage nicht die notwendiae Anzahl von -elm Personen finden, um den Gottesdienst zur festgesetzten Stunde abzuhalkeni. Rußland. Petersburg Ein kurzer Lichtschimmer der -Hoffnung — und dann wieder Finsternis. Die Behandlung des Antrages auf Aufhebung des Ansiedlnngsrayons in der Reichsduma gab den immer wieder so schnell hoffenden Juden diesen Lichtschimmer, und der gxnenwärtig hier tagende Adelskongretz hat die Aussicht auf Besserung der jüdischen Lage Wieder wanken .gemacht. Nach von rasendem Judenhaß übersättigten Reden, besonders eines Pari schkewitsch und eines Markow II., nahm' der Kongreß eine Resolution an, in der der bedingungslose Ausschluß der Juden, einschließlich der getauften, von allen Staatsämtern gesetzgeberischer Tätigkeit sowie von der Militärpflicht gefordert imrd. Wer da iveiß, wie sehr die Regierung mit dem Adel rechnet, wird den Ernst der Lage erfassen. Bereits wird mitgeteilt, daß das Justizministerium keinen einzigen jüdischen Advokatnrgehilfen als Advokaten zulassen wird, solange die Zahl der Advokaten nicht der jüdischen Prozentnorm entspricht. Auch soll den jüdischen Advökatnrachilfcn untersagt werden, fernerhin in Zivilvroresien zu vertreten. Petersburg. 29 Fevr. Aus dem Gouvernement TsÄernkgoff kommen Nachrichten über massenweise Ausweisungen von Juden. Ans dem Kreise Surasch dieses Gouvernements werden allein 219 Familien von der Ausweisung betroffen. Diese völlig gesetzlosen Ausweisungen voll-ieben sich zudem unter sehr grausamen ' Begleitumständen. Um die jüdischen Familien zur schleunigen Abreise zu zwingen, werden bei 30 Grad Kälte die Türen und die Fenster ihrer Wohnungen von der Polizei geöffnet, sodaß die Ausgewiesenen schwer zu leiden haben. Der Gouverneur von Tschernigofs befahl, alle gesetzlichen Beschwerden der Juden gegen die Ausweisungen ohne Prüfung abzuweisen. Petersburg. Die bereits gemeldete Ueberweisung des Antrag über -ie Aufhebung des An-- siedlungsrayons an die Kommission zur Unantastbarkeit der Person ist bloß eine Formalität, welche das Parlament noch zu nichts verpflichtet. Immerhin ist es ein günstiges Prognostikon, daß die genannte Kom-