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Neue jüdische Presse · 1911-03-03 · Heft 9 (3.3.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 9 (3.3.1911)
Date
1911-03-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. - — und damit den Schluß des Vortrages — wörtlich Wiedergaben. „Theodor Herzl ist ein Beispiel, on dein Sie den ganzen Leidensweg des Juden sehen können. Wissen Sie, was Theodor Herzl war, wie ich ihn kennen gelernt habe? Er war — deutschnationaler Burschenschafter. So fing er an. Und er war ein ausgezeichneter deutscher Burschenschafter. Mit der psychologischen Geschmeidigkeit, die den Juden eigen! ist, hatte er mit dem Gehirn das ganze Deutschtum ausgenommen und ivußte es nun sozusagen Plastisch auszudrücken. In Reden, auf der Mensur, in Kneipen war er der ideale deutsche Burschenschafter. Zum Lohne dafür beschloß seine Burschenschaft, als er im dritten oder vierten Semester war, die Juden aus der Kouleur oum infamia zu chassieren. ,Das war das große Jugenderlebnis Herzls. Er, der der bedeutendste unter diesen Leuten war, er, dem es am ernstesten war mit dem Deutschtum, .er wurde hinausgeworfen, obwohl ihn alle sehr gern hatten. Man sagte ihm nur, wir müssen die Konsequenzen deines deutsch- . nationalen Gedankens ziehen. Und wenn Sie wollen, wenn Sie es psychologisch betrachten,, so hatten beide Teile nicht unrecht. Nun ging Herzl nach Berlin. Ein Faden war chm weggeschnitten. Der Versuch, in diese große deutsche Welt hineknzukommen und ein .lebendiges, mitwirkendes, vollwertiges Glied zu werden, war gescheitert. Nun versuchte er, Weltmensch zu sein. In Berlin füngierte er als Wochenplauderer des „Berliner Tageblatt" in halbfranzösischer Art, etivas, was chm, wie alle Dinge, die ^dieses starke Talent angriff, vortrefflich gelang. Nach außeu. Für sein eigenes Empfinden nicht. Denn er war ein Mensch von einer solchen inneren Unschuld, daß er in der geringsten Verlogenheit nicht existieren konnte. Und so war dieses Weltmann-in-Berlin- Spielen für chn bald unerträglich, — und rasch ergriff er die erste Gelegenheit, um nach Paris zu -kommen. In Paris hatte er das große' aufrüttelnde Erlebnis seines Daseins. Er hat mir dies oft, mit schlichter Einfachheit und doch so wunderschön, erzählt. Er war dabei als journalistischer Berichterstatter für die „Neue Freie Presse", wie dem Hauptmann Dreyfus die Epauletten von der Umform gerissen wurden. Und er hat mir geschildert, wie die Gesichter der Menschen rings herum ausgesehen haben, und wie es für chn war, als hätte er bisher sein ganzes Leben in einer tiefen Nacht. verbracht, und plötzlich sei ein ungeheurer Blitz gekommen, der chm mit einem Male einen Moment lang die ganze Wahrheit enthülste: er sah auf allen Gesichtern den ungeheuren Haß, nicht gegen den armen Hauptmann Dreyfus, sondern gegen das ganze Judentum', und dieser Anblick dieses ganz unbegreiflichen Haffes, das wurde das Motiv zur Umkehr und Rückkehr. Das war der Moment, wo er sich sagte: Du stehst unter diesen Leuten, du .spielst mit der Kultur , dieser Leute, du fühlst -dich noch stolz, wenn du dich der Kultur dieser Leute anpassen darfft, die zu dir und f deinesgleichen so stehen, mü diesen: verzerrtem Haß im Gesicht. — Die ganze Dreyfusgeschichte ist ja gar nichts Neues, sie ist schon einmal dramatisiert worden im „Kaufmann von Venedig". Dort wird ein Jude um sein gutes Recht betrogen, und alle Menschen freuen sich darüber. Ob Shylock persönlich sympathisch war oder nicht, ist geradeso gleichgültig für die Rechtsftage in diesem Stück wie die Frage, ob Dreyfuß ein angenehmer Gesellschafter war oder nicht. Taffache ist, daß eine Gesellschaft und zwar eine hochstehende, die.der venezianischen Nobili, mit Shylock den Kontrast macht, um den sie ihn dann durch einen Witz betrügt. Ganz Venedig jubelt darüber, daß ein Jude betrogen werden konnte. Das ist ihnen aber noch nicht genug. Er muß auch noch sein Geld hergeben, west sie .sich nicht sättigen können in chrem Haß und den Moment benützen, um ihren, gegen den Juden aufgespeicherten Haß, der wie eine Krankheit wuchert, einmal loszulaffen. Und so begnügt man sich auch noch nicht damit, den Juden überlistet und ihm das Geld abgenommen zu hüben, nein, mün verlangt auch noch, er soll Christ werden, weil man weiß,' daß es das schwerste Frankfurter Jsraefftisches Fcmültznblatt. für ihn ist. —Was ist -das? Das ist: das jede auf feudalem Boden.stehende Gesellschaft isoliert Mkoi will. Wie das Fremde herankommt, ' hört alle Echik, alle Aesthetik auf, gegen ihn, den Andersartigen, den Fremden, ist alles erlaubt. Das hat sich im Falle Dreyfus gezeigt. Ich fürchte, daß sich eine ganz ähnliche Geschichte im Fall Hilsner abgespielt hat. Und diese Geschichte wird sich immer wieder abspielen, solange die Juden ihre Existenz als Fremde in einer ftemden Umwelt suchen, sie wird erst in dem Moment aufhören, Ivo die Juden in Europa gerade so dastehen wie alle anderen Nationen als Angehörige einer bestimmten, bewußtorganisierten Nation. Die Frage des Zionismus, die Frage des in Palästina aufzurichtenden! Judenstaates oder Kvlonisationswerkes ist eine Sache, von der ich viel zu wenig vefftehe, als daß ich über sie ein Urteil fällen könnte. Sie ist auch, meine ich, nicht so notwendig. Notwendig ist der Judenstaat im Bewußffein des einzelnen Juden., . .,. Was ich sagen will, ist dies': daß nach meiner Ueberzeugung das einzig Notwendige für die anderen Nationen in Europa ist, :daß die Juden sich auf ihre eigene Nationalität bffinnen, daß sic sich als Nation in Europa organisieren, wobei sie ja in jedem einzelnen Staat sehr gute, brave Staatsbürger sein können, und! daß sie als organisierte Nation (ob sie nuN einen Staat haben oder nicht, ist da gleichgültig) sich bekennen und leben. In chnen. ist das Judentum, und wenn die Juden sich als Nation fühlen, dann müssen sie, ob sie wollen oder picht, auf der richtigen Seite der Menschheit stehen, auf der Teste der Freiheit, auf der Seite des Volkes. Ueberall dort, wo irgend welche Bedrückte sind, dort sind ihre Freunde und nirgends anders. Seien Sie die Freunde dieser Bedrückten, und Sie werden immer auf dem rechten Wege sein." Generalversammlung des Berliner Lokalkomitees der Alliance Jsraelite Universelle. Der Vorsitzende, Rabbiner Dr. Weiße, widmet dem dahingeschiedenen Geschäftsführer Klaußner einen warmen dtachruf und erstattet einen ausführlichen Geschäftsbericht, den Dr. Apfel durch Mitteilungen über die Vorkommnisse innerhalb der A. I. U. in den letzten Wochen ergäitzt. Er teilt mit, daß das Zentralkomitee Geheimrat Leopold Landau-Berlin kooptiert habe. Auch habe es den Etatsentwurf, der mit einem Ueberschuß von Mark 40 000 zu Gunsten der Zentrale abschließe, genehmigt. Dagegen beständen iiber dasRnssenwerk und die Wanderarmenfürsorge noch Differenzen zwischen Paris und der Deutschen Konferenz-Genossenschaft (D. K.-G.), welche sich nnterkeinenUmstSüden das Recht nehmen lassen werdch' einen Teil ihrer Tätigkeit nach eigenem Ermessen zu bestimmen. Das neue Präsidium der D. K.-G. sei nun konstituiert und bestehe aus Justizrat Max Fuchs I., Geh. Medizinalrat Landau und Rabbiner Dr. Werner-München. In zahlreichen Agitationsversammlungen seien in letzter Zeit gute Erfolge erzielt worden. In der Diskussion gibt Dr. Hey'mann seiner Sympathie mit der neuen Berliner Leitung Ausdruck, welche, wie er hoffe, bestrebt sein werde, mehr als früher allseitige Einigkeit herznstellen. Er hebt die Differenzen hervor, welche noch immer zwischen der Pariser Auffassung über die Leitung einer wirklich universellen Alliance und der deutschen Auffassung bestehen. Insbesondere sei die Stellung, welche seitens des Pariser Zentralkomitees der zionistischen Bewegung gegenüber eingenommen werde, eine unglückliche und zu tadeln. Er erinnert daran, daß Gcheimrat Goldberger früher mit Wissen und Willen der Pariser Zentrale seine bekannte Erklärung gegen den Zionismus erlassen habe, daß bei dem Besuche Achmed Risas in Paris der Zionismus völlig falsch dargestellt lovrdcii sei, und daß die Alliance den Redakteur des Kanstantinopler „Tiempo," Fresco, noch nicht abgeschüttelt habe. Er fordert die D. K.-G. auf, dahin zu wirken, daß jede Feindseligkeit gegen andere Organisationen aushöre. Die Alliance müsse demokratisiert werben, und er begrüße namens seiner Freunde freudig die Idee einesAlli an c e tage s. Justizrat Fuchs erwidert ' darauf, daß die D. K.-G. gegenüber allen anderen Organisationen! solange er die Leitung .habe, nach Möglichkeit den Frieden wahren würde. Die Zusammenarbeit von Juden,aller-R ich tungen sei dringend zu wünschen. Die Pariser Berhält- Nr. 9 Nisse seien keineswegs ideal. Zweifelhäst sei es aber, ob der gegenwärtige Moment für die Ausstellung weiterer Forderungen günstig sei, umsomehr, als die in Paris wohnenden Z. -K. Mitglieder der Zahl nach weit überwiegen. Es werde zweckmäßig sein, eine andere Zusammensetzung' des Z.-K. auf dem Wege der Wahl anzustreben. Dann würben auch die. von Dr. Heymann betonten Wünsche ganz oder zum Teil in Erfüllung gehen. Zur Erzielung eines solchen Erfolges 'sei aber eine große Propaganda für die Anberaumung neuer Wahlen zum Z. - K. notwendig. (Lauter.Beifall). In der Debatte äußerten sich dann noch eine Anzahl anderer Herren, ohne daß Widerspruch gegen die Ausführungen des Vorsitzenden laut wurde. Die Wahlen ergaben die Wiederwahl der ausscheibenden Mitglieder und die Neuwahl folgender Herren: Geheimrat Adolf B a g t n s k y, Struck, Dr. Einil Levy und Professor Masse. Ferner wurde deni Lokalkomitec die Kooptation Dr. F r i e d e m a n n' s empfohlen, da aus formalen Gründen seine Wahl durch, die General- Versammlung nicht erfolgen konnte. Brief aus Frankreich. Es war einmal ein „großer unbekannter" Lehrer namens 'Gustav Tery, dessen Ehrgeiz um so größer war, je weniger man von ihm wußte. Er griff daher zur Feder und schrieb gegen den Unterrichtsminister; doch dieser verklagte ihn, und er wurde verurteilt. Nun ward er Sozialist. Aber der Ruhm blieb immer noch aus. Endlich kam ihm ein guter Gedanke. Hatte nicht Drumont mit einem antisemitischen Journale Millionen verdient und sich beinahe einen Sitz in der Akademie erobert? Mso ein antisemitisches Blatt gegründet! Und so geschah es. Diese Woche richtete Tery von seiner Jauche-, grübe — Pardon! von seinem! Blatte aus sein Geschoß gegen die jüdischen Verfasser und die französischen Bühnen, welche deren Stücke ausführen lassen. (Interessant ist folgende Tatsache:'' Vor einigen Wochen wurden 17 verschiedene Stücke von 17 verschiedenen jüdischen Autoren in einerWoche an ^verschiedenen Theatern und meistens den Haupttheatern in Paris aufgeführt.) Besonders richtete sich sein Zorn gegen die „Komödie Franyaise," welche soeben das Stück „A p r ä s m o i" von dem „Juden" Henry B e r n st e i n .. ausführen läßt. Dieses Theater wird von der Regierung unterstützt» und die Galavorstellungen für die durch Paris reisenden gekrönten Häupter und Fürsten, werden in ihm gegeben. Daß in den heiligen Hallen dieses Theaters das Stück eines „Juden" aufgeführt loerden sollte, paßte natürlich den Antisemiten ganz und gar nicht. Tery iveihte das neueste Giftprodukt seiner' Feder dem „Inden Bern-.' stein" und versprach, alles' anfzubietcn, uin das Spielen des Stückes zu verhindern. Henry Bernstein, trotz seiner 10 Theaterstücke ein noch junger Mann, sah der Generalprobe ruhig entgegen. Zu dieser nmrden — wie üblich — nur die Eingeladenen irnd die Vertreter der Presse zngelassen, und so konnten die Antisenriten keine Manifestationen im Innern veranstalten. Tery besetzte daher alle Ein-' und Ausgänge mit einer Anzahl Gesinnungsgenossen, die im Gänsemarsch auf und ab spazierten und mit schreiender Stimme sein Journal feilboten. Die Polizei machte aber diesem Unfug rasch ein Ende und vertrieb die Schreier. Tery begann nun, sein Journal eigenhändig zu verteilen, und als er sich den Weisungen der Polizei beharrlich widersetzte, wurde er verhaftet. Ein komischer Zwischenfall ereignete sich bei dieser Gelegenheit. Als nämlich ein sehr distinguiert aussehender Herr sich einem» der Kamelotts näherte, wurde er von der Polizei, die ihn für einen Antisemiten .hielt, angehalten. Aber gerade dieses kann man dem Herrn nicht gut nachsagen, denn wenn auch kein allzugroßer Philosemit, so ist doch Baron Dr. Henry de Rothschild — und dieser war es! — absolut kein Antisemit: Die Generalprobe des Stückes „Aprös moi" fand also unbehelligt statt. Die Neugier des Publikums war aber sowohl durch das günstige Urteil der ^unparteiischen Presse, als auch durch die Manifestationen der Antisemiten erregt worden, und zur Premiere war das Haus ausverkanst. Sabina Stonretze. Brief aus Ungarn. Der Präsident der israel. neologen Landeskanzlei als Helfershelfer der Antisemiten. —i Die Kasaren. — Generalversammlung der orthodoxen Landesrepräsentanz. Die jüdischen Allerweltbeglücker sind in brennender Verlegenheit, da sie die heranfbeschwvrnen Geister nicht los werden können. Der Präsident der neologen Landeskanzlei, Dr. Franz Mezei. hat als Parteimann in dem Jahrbuch der ungarisch-jüdischen Literatnrgesellschaft seine. Aussätze über das Käsarengebiet — die Gegend um Szigeth,

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