Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich»Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— HedaKttoil und Srankfurt a. M.. Herefon 10507. -H6-i— Herausgeber: |>afa Heis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.... . 25 Psg. Die Reklamezeile. . ioo .. Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter No. 4884. ' - 9. Jahrgang. Freitag, den 3. Mar 5671 (3. März 1911). Nr. 9. Inhalt LeS Hauptblattes. Artikel: „Neutral". — Das Judenproblem. — Generalversammlung des Berliner Lokalkomitees der AllianceJsraelite Universelle. —Briefaus Frankreich. — Brief aus Ungarn. — Aus aller Welt. — Seuilleton: Aus der Zukunft. — Wochenalender. — Barniizwohs. — Familiennachrichten. „Neutral". Das Wort ist leerer Schall, bis der Mensch ihn: Seele gibt. Und die Seele des Wortes gleicht der Seele . des Menschen. Wie des Menschen Seele vermag auch die des Wortes die entgegengesetztesten Gefühle und Gedanken zu umspannen. Da ist das Wörtchen „Neutral". Man hält cs allgemein für einen wertvollen Stein in dem Mosaik wahrer Kultur, — und doch kann dem anders sein. Denn wenn es in seiner positiven Bedeutung die freie Entivickluirg aller geistigen Kräfte verbürgt, so scheidet es konträr im negativen Sinne jede geistige ^Besonderheit aus. Hier wird jede '.persönliche Meinung ängstlich verborgen, und nur das Allgemeine ausgesprochen; dort stürmen frisch und frei die Meinungen aufeinander, messen sich aneinander und klären sich gegenseitig. Wo wir mit unserer Sympathie sein sollten, ist nicht schwer zu sagen; aber die liebe Gedankenlosigkeit hat dafür gesorgt, daß die Sym!- pathic der meisten am falschen Platze steht. Es ist ja so sehr bequem, die N e n t r ,ct I i t ä t fl 15 Maulkorb für s e l t st ä n d i g e Meinungen zn benutzen. Selbständige Meinungen setzen Denken voraus, Denken ist mit Wissen verwandt, — und beides ist gar manchmal gar manchem nicht angenehm. Deirken und Wissen. — Es gab Zeiten, da war das gesamte jüdische Volk eine freie Hochschule des Denkens und des Wissens. Doch die Zeiten lvaren einnial, und tvenn es auch heute drängt und drängt, daß sic wieder iverden, — wir haben sie noch nicht wieder. Es lebt zu viel Unwahres in der ganzen nmvahren Situation des jüdischen Volkes, daß die Wahrheit, die Denken und Wissen geben, schmerzen muß. Von jeher Gedachtes umzudenken, — muß nicht des kleinen Menschen große Selbstliebe das als einen Büßergang nach Canossa empfinden? Und deshalb gab man jetzt dem Wörtchen „Neutral" seine negative Bedeutung. „Bei der Verschiedenheit der religiösen ^Anschauungen kann nur auf dem Boden der vollsten Neutralität, nur bei der Enthaltung von jeder religiösen Stellungnahme ein geineinsanics Arbeiten ermöglicht werden", lautet die Parole. Setzen lvir statt „religiös" „jüdisch" — und das deckt sich doch bei den meisten —, so haben wir, bei Licht betrachtet, folgenden Grundsatz: „In jüdischen Organisationen, die die jüdische Gesamtheit umfassen sollen, muß jede jüdische Stellungnahme unterbleiben." Welch ein Widersinns Doch der Widersinn besteht; zahlreiche große und kleine jüdische Vereinigungen tragen ihn, ihrer Don-Quichoterie unbewußt, als Fahne stolz voran und wundern sich, daß ihr Erfolg im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Kraftanstrengung steht. Man betrachte beispielsweise die in dem Verband der L i t e r a t u r v e r e i n e zusammengefaßten Vereine — unser Frankfurter Literaturverein gehört zu den rühmlichen Ausnahmen —: etwa 230 Vereine mit etwa 1500 Vorträgen im Jahr, — und ihre Resultate infolge der gar zu neutralen Färbung der Vorträge kaum nennenswert. DaS Interesse für die jüdische Literatur ist trotz der gewaltigen Summe von Zeit- und Geldanfwendung seitens der Literaturvcreine nicht gewachsen; die Verleger jüdischer Bücher wissen davon zu erzählen. Oder hat etwa dieses „blühende" Literaturvereinsleben nrit seiner Verbreitung jüdischen Wissens eine Verminderung der Mischehen und der Taufen bewirkt? Dieser Tage war die Hanptversanimlung des C e n t r a l v e r e i n s deutscher Staatsbürger j ü d. Glaubens. 28000 Mitglieder hat diese Organisation, und ihre Aufgabe, die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden auf allen Gebieten zu erkäinpfen und sich gegen den 'Antisemitismus zu wehren, ist eine alle Juden ohne Unterschied ihrer jüdischen Anschauungen angehende Sache, — und doch kommt der Centralverein nicht vorwärts, weil ihn: dieStoßkrast fehlt, die Stoßkraft, die ihm nur die positiven jüdischen Werte in seinen Mitgliedern geben könnten. Mit dem Wörtchen „'Neutral" hat man das Leben in der deutschen Judenheit ertötet. Durch dieses Wörtchen ist es möglich, daß sich Männer, bar jedes jüdischen Wissens, da bar jedes wahrhaft jüdischen Interesses, in Führerftellung erhalten, statt von einer „denkenden" Masse aus dem Sattel geworfen zu werden. Was aber das Wörtchen „'Neutral" zu leisten vermag, so es nur positiv verstanden ivird, hat die von Anfang an von allen negativen Neutralen .arg bekämpfte zionistische Bewegung gezeigt. Sic.hat Stoßkraft und , lvürde sich noch mehr durchgesetzt haben, wenn nicht gar zu viele ihrer Anhänger innerlich noch die gewohnte Bahn weiter wandern würden. Das Judenproblem. Ein Vortrag Hermann Bahrs. Ter bekannte Schriftsteller Hermann Bahr hielt jüngst in Prag in der Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler vor überfülltem Saale einen Vortrag, in denr er, der Christ, den Assimilationsjuden aus deutsch die Meinung sagte. Seine Bilder von diesen Juden, „die nur das Bedürfnis haben, aus ihrer Vergangenheit herauszukommen", waren von einer verblüffend ungeschminkten Treue. Zuerst .glossierte er die extremste. Form' des Assimilationsjudcn, den Tanfjuden, der häufig in seiner neuen Religion, um ja die Festheit seiner Gesinnung zu erweisen, zum „fürchterlichsten religiösen Reaktionär" wird und so bei den heute innerhalb der Kirche wogenden gewaltigen Ströimingen von den weitesten Kreisen der Christenheit aufs unliebsamste pmpfuwden iverden muß. Er nagelte dann den Typus des reich gewordenen Juden fest, der, statt danach zu trachten, s eine Farbe, seine Gedankenwelt durchzusetzen, kein höheres Lob erhalten kann, als wenn nian ihm sagt: „Das, was Sie sind, sind Sie eigentlich nicht." Ein solcher Jude mietet sich ein Barockpalais, kaust sich ein königliches Schloß — womöglich unter der Bedingung, daß es den Titel „königliches Schloß" weiterführen darf —, ohne sich daran zu erinnern, wie niederträchtig die Herren, , die das Barockpalais erbaut haben, seine Väter und Großväter behandelten. „Eine merkivürdige Rache, sich in eine Gegend hineinzusetzen, die der vollständige Ausdruck dessen, ist, was die ärgsten Feinde des Judentums geschaffen haben!" „Diese reichen! Juden leben nicht ihr eigenes Leben, sondern sind in lächerlichster Weise die Assen und Bedienten einer fremden Geselligkeit und fremder Lebensgewohnheiten. Ueberall finden Sie diese Erscheinung. Auch in der Literatur.;Wie ungeheuer töricht ist das geheimnisvolle Interesse, die geheimnisvolle Sympathie, die jüdische Autoren für germanische Sagenkreise haben! Jeder von diesen Berliner modernen Juden macht ein verzücktes Gesicht, wenn er den Namen König Artus hört! Warum? Wer ist der König Artus für ihn? Ich mißbillige diese Juden, aber Psychologisch bewundere ich sie, ich bewundere das Gehirnkunststück, das sie zustande bringen." Die reichen Juden haben es Bahr angetan, und er kann sich nicht so schnell von ihnen losreißen. Er macht sich daher noch über sie lustig, weil sie dein deutschen Kaiser Millionen für Kriegsschiffe, Luftschiffe :c. geben und doch nicht ein-t mal simple Leutnants werden können. Ein Brief, der so recht bezeichnend für diese ganze. Bahr „unverständliche Verwirrung in aufgeklärten, modernen jüdischen Köpfen" ist, wurde nun vom Redner herangezogen. Ein jüdischer Dichter hatte ein Stück geschrieben, daß ein j ü d is ch e r Kritiker herunterriß,- — und hierüber war der jüdische Briefschreiber erbost. Er schließt daher seinen Brief an den Dichter: „Aber machen Sie sich nichts daraus! Wie kann denn ein Jude die Herrlichkeit Ihrer dichterischen Schöpfungen verstehen?" Bahr betont, daß die Juden, die sentimental werden, wenn sie ein Barockmonument sehen, auch nicht mehr die Vorkämpfer des Fortschritts sein können, sie, die von dem Ballast an - unnützer Ehrfurcht vor der Vergangenheit frei sein sollten. Und nun wendet Bahr das Blatt. Er ist zu Herzl gelangt, den er von Jugend auf persönlich kannte, und mit dem er sehr befreundet war. Hier Essen wir nun Bahrs Worte