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Neue jüdische Presse · 1911-02-24 · Heft 8 (24.2.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 8 (24.2.1911)
Date
1911-02-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr.'8. Seite 3. der Verband von Beginn seiner Tätigkeit an die Gründung einer Haushaltu n g s - u. Landwirts ch af tsschnle im Auge. Aus Mangel an Mitteln mußte diese außerordentlich wichtige Gründung bisher anfgeschoben. werden. Der Verband hofft aber, wenn er nun mit einem anssührlichen. von Sachverständigen ausgearbeiteten Plan vor die Oeffentlichkeit tritt, auf die Unterstützung weiterer Kreise rechnen zu dürfen. Ter Verband ist sich dessen bewußt, daß noch vieles auf dem kulturellen Gebiete, in Palästina zu leisten übrig bleibt. Wenn er sich , in dem Maße Ivejter entwickelt wie bisher, wird er bald allen Aufgaben, die er sich noch lveiter stellt, >vie: Gründung eines Heims für Krankenpflegerinnen, eines Ateliers für Weißwäsche. Unterstützung von .Arbeiterhäuscrn- und Küchen in den Kolonie», gerecht tvcrdcn können. Es kan» daher den jüdischen Frauen aller Länder, die jüdischen Fragen Liebe und Verständnis cntgegenbringen, nicht nahe genug gelegt iverdcn. den „Verband Jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina" tatkräftig zu unterstützen und über der Not ihrer Umgebung nicht zu vergesse», daß in Palästina Juden wohnen, die auf unsere Hilfe angewiesen sind! Die Vorsitzende des Verbandes ist Frau Pros. W arb u r g , Berlin W., Uhitandstr. 175. Zuschriften, sind zu richten: Aus Deutschland an Frau Dr. Les.cynsky, BerlinIV., Bayreutherstraße 36, aus allen andern Ländern an Fräulein cand. med. Rösa .Hirsch, Berlin älV., Flensburgcrstraße 12. München. Das Anwachsen der Mischehen, ist geradezu beängstigend. 1909 wurden hier 42 jüdische und 27 jüdisch-christliche, Ehen eingcgangen. Oesterreich-Ungar«. Budapest, 31. Febr. Morgen beginnt die I ä h r e s k o n f e r e n z d e r o r t h o d.' Landesrepräsentanz, die aus 60 Laien und 40 Rabbinern besteht. Die Wichtigkeit der diesjährigen Beratungen, bei denen die Stellungnahme zur „Machsike Hadaß" -Organisation, die dauernd an Mitgliedern zunimmt und von der Rührigkeit der jungen Orthodoxie zeugt, eine große Rolle spielt, beansprucht eine zweitägige Beratungszeit. Z i o n i. Pretzbnrg. DiL hiesige „Ungarländ. Jüd. Ztg." schreibt über das Verhungern eines T alm u d sch ü le r s namens Samuel Jampl: „Jampl ist vor zwei Jahren nach hier gekommen und hat seither auf der hiesigen Jeschiba mit cifrigenl Flciße dem Talmudstndiuui obgelcgcn. Er war ein schüchterner, stiller Jüngling von unglaublicher Bedürfnislosigkcit. Das Hungern war ihm eine vertraute, gewohnte Beschäftigung geivorden rcnd hinderte ihn nie, sich in die geliebten Folianten mit Lust und Liebe zu vertiefen. Seine schtvache Konstitution hielt aber den Entbehrungen nicht lange stand.. Er wurde lungenkrank. Vaterlos, der Sohn einer blutarmen Witlve in Bilke, bezog er -seinen Lebensunterhalt ausschließlich voii dem Unterstützungsverein der Jeschiba. Diese Unterstützung besteht in der untersten Skala aus 4 Brotzsetteln ä 16 Hcller für dieWochentage und 2 Zetteln ß 40 Hcllcr f ü r den Samstag. Jampl soll wochenlang nichts anders als Brot gegessen haben. Schüchtern und von einem gewisseir Stolze hat er sich anfangs zu Niemandem geäußert. Als die Not zu bitter wurde, gab er sich seinen Brüdern zu erkenneip Da war cs zu spät. Er brach zusammen und wurde ins Spital überführt. Da verbreitete sich mit einem Male die'schlimme Kunde, daß im jüdischen Spitale ein Bocher liege, der an Entbehrungen zu Grunde gehe. In der Gemeinde, wo man enorme Beträge für Wohltätigkeit, einnimmt! ... In den letzten Tagen versuchte man, erschrocken, das Verbrochene gut zu machen. Aber Jampls Tage waren gezählt. Auf dem Totenbette führte er bittere Klage. Er erzählte, daß er an einenr Freitag Nachmittage sick endlich entschlossen habe, zu dem „Gabbe" zu gehen. Er sagte demselben, daß er die ganze Woche so viel wie Nichts gegessen hätte und bat um die zwei „Sabbatzcttel." Der Gäbbe sagte ihm, er gebe sic ihm nicht, 7weil er zu viel Deutsch studiere. Er lief zu dem Anderen, der sagte ihm, zwischen den Semestern sei kein Geld da. Er hat damals am Sabbat nichts gegessen. Der sterbende Bachur fügte dann wörtlich hinzu: „Trotzdem sie mir so weh getan habe», bin ich Jedem moichel." Tonntag deir 29. Januar ist er gestorben. Unter dcic Rabbinatsschülcrn herrschte die größte Aufregung. Seit Jahren wird das Rabbinat aufs Inständigste gebeten, andere Gäbbäim zu wählen, da die armeil Bachurim von den gegenwärtigen Leitern der Chewra aufs.Schlimmste tyrannisiert werden. Die Ehewra soll ein Jahreseinkommen von 15—18 000 Kronen haben. Es ivird pie Rcchnung abgelegt/ Das Geld läuft bei verschiedenen Personen ein, wird von verschiedenen Personen verteilt/ ohne daß Jemand nur eine beiläufige Berechnung haben kann, wieviel und wem gcgeben wird. Bisher haben die dringendsteil Bor¬ Frankfürier Israelitisches Familienblatk. stellungen nicht vermocht, eine Aenderung herbeizuführen." Fiume. Die hiesige Vorstandswahl wirst einen solch finstern Schatten aus das Hier herrschende jüdische Leben, das fic verdient, öffentlich gcbrandmarkt zu werden. Seit Fahren sitzt Dr. Heinr. Sachs, der allmächtige Potentat, im Vorstandsstuhl. Er hat sich, wie nian sägt, .Verdienste ecivorbcn, die Man mit der höchsten zu vergebende,! Ehre honorierte. Vor vier Wochen nun hat Dr, Sachs a,ls seinem Hause eine Kapelle gemacht, um s e i n e T o ch t.e r z it t a n f e n. Rach geschehenem 2lkte legte er sein Ltint in die Hände der Gemeinde zurück. Diese aber faßte den einstimmigen Beschluß: die Abdankung nicht zur Kenntnis zu nehmen. Sie erblickte in dein Taufakt ihres Führers keine Jneompetibilität. Dr. Sachs war humoristisch genug,, au der Spitze dieser Ju d c u g e me i n s ch a f t zu verbleiben. Sie ist s c i n c r w ü r d i g. « Z i o n i. Grotzbritannien.^ London. In der Kabresveriammlong der 4% Industrie -Wohnungs - Gesellschaft, deren Vorsitz er führte, führte Lord Rothschild den Nachweis, daß die 800 iüdische Mieter — unter 842 Mietern — der Gesellschaft fast ausnahinslos pünktlich ihre Miete zahlen. Es sei das der beste B e w eis gegen die Verleumdungen gewisser Zeitungen, die da behaupten, die Ehrl i ch k e i t d e r I u d e n d c s Londoner O st - c n d s sei nicht beglaubigt. London. H-er verlief nach kechstäaiaer inkercssanter Verhandluna, in der auf jüdisch-gesetlichcm Gebiete Rcdcturuiere gefochtcn wurden, ein Prozcß 'von Metzgern des Ost c nds gegen den S ch c ch i t ah-B o ar d ergebnislos. Die Metzger behaupten, nicht den Vereinigten Synagoaen Londons anzngchörcn und damit "nicht dein Scheckütah-Board zu llnterstehen. dieser könne also ihr Fleisch nicht für unerlaubt erklären, und der Schechitah-Board erklärt, daß nach dem jüdischen Gesetze nur eine Gemeinde und eine maßgebende jüdische Behörde in einer Stadt sein dürfe. Das Gericht erklärte sich für unfähig, eine Entscheidung zu fällen, Rußland. Petersburg. Am 31. Januar a. St. (13. Febr.) waren 2 5 Jahre verflossen, seitdem die erste hebräische Tageszeitung crs ch t c n e n ist. Bis dabin hatte es bloß hebräische Wochenblätter und Monatsschriften geneben. Der Begründer des ersten hebräischen Tageblatts, des .,B a j o m", das drei Jahre lang, vvn 1886 bis 1889, in St. Petersburg erschien, war Dr. ,J. L. Kantor, zur Zeit Kronrabbiuer in Riga. Die unmittelbaren Nachfolger des „Häioni" wären die Tagesblätter „H'ameliz" und „Hazefirah", Vvn denen das letztgenannte nach mehrjähriger Unterbrechung wieder in Warschau erscheint. Petersburg. Die RetSSduma beriet den von 166 Mitgliedern eingebvachten Antrag über die Aufhebung des A n s i e dlu n gsr an o n s. Sie beschloß mit 208 oeaen 38 Stimmen, sich Ivcder »ür noch neuen den Antrag auszusprechen und die Angelegenheit einer Kommission zu überweisen, die binnen Monatsfrist Bericht erstatten soll. Türkei. Konstantinopel. Der Miniii»ic der öffentlichen Arbeiten hat den Jngenicur Nazis Bey beauftragt, einen Entwurf für den Bau eines Hafens in Haifa auszuarbeiten. Die Regieruna bat für diesen Hafenbau die S,imine Vvn 10 Millionen Francs ausqeworfen. Dieser Betraa wird der Reciiei-nng von der Gesellschaft zur Ausbeutung der Phosphatlaaer bei Es-Salt als Darlehen zur Verfügung gestellt. Amerika. Farlville (Jll.) Oktober 1908 orüvdeken zabl. reiche Zöglinne der in den Bereinigten Staaten bestehenden jüdischen Uckerbauschulen einen Verein unter dein Namen ,.Ha-Jkkar Hazair be-Anierika" (..Der junge Landwirt in Amerika"). Der Ziveck dieses Vereins ist, tüchtige iüdische Ackerbauer für die Niederlassung Du Palästina h er an; ub ild e n. Der Verein ist auch bemüht. für seine B-strebunc>rn in weiteren Kreisen der jüdischen Juaend Amerikas Propaganda zu machen, er hat jedoch bisher das Hauptgewicht auf die Ausbildung seiner Mitglieder geleat, die zurzeit in verschiedenen Farnien Kaliforniens und. anderwärts als landwirtschaftliche Arbeiter tätig sind. Ein jedes Mitalicd wählt sich irgend einen Ziveig der Landwirtschaft als Spezialgebiet, das er neben de» andern Arbcitsfäckiern vorzugsweise pflegt. So lvidmen sich einzelne Mitglieder i,l erster Linie der Geflügelzucht, andere der Viehzucht, dem Körnerban,, den Bäumknlturen usw. Sobald jedes einzelne Atitglied einen Betrag von mindestens 1000 Dollar erworben haben wird, soll die gemeinsame Reise nach Palästina angetreten werden. , Die großartigen Erfolge der jüdischen Ackerbauschuleil in Nordamerika, die erst vor kurzem auf der Konferenz des Jüdischen Farmcrbundes wieder öffentlich festgestcllt worden sind, lehren uns, daß es durchaus nicht so schwierig ist, wie viele glauben, jüdische junge Leute zu tüchtige» Ackerbauern zu erziehen. Der Verein „Ha-Jkkar Hazair bc-Amerika" hat in dieser Hinsicht selbst sehr günstige Erfahrungen gemacht und hält es im Interesse der jüdischen Palästinakolonisation für überaus wünschensivert, daß sich in Amerika wie in Europa gleichstrebende Jugendgrnppeil bilden. Der Sekretär des Vereins (Adresse: Mr. M. Levine, c/o. S. T. Haight Ir., Earlville, III.'l ist zu Auskünften aller Art gern bereit. A«S den Vereinen. Frankfurt a. M. Aus dem Büro des „M o n t ef iure"-B ere i y wird uns mitgeteilt, daß am nächsten musikalisch - deklainatorischen Abend in der Frankfurt-Loge (Mittwoch, den ,1. März ,a. c.s ansschtießlich .Dichtungen und Kompositionen von Frankfurter jüdischen Autoren zu Gehör kommen sollen. Hierzu hat sich wiederum eine Reihe tüchtiger Künstler in den Dienst der idealen Sache gestellt; außerdem werden verschiedene Autoren ihre Werke persönlich Vorträgen. Frankfurt a. M. Wie wir dem Geschäftsberichte des Vereins „G n Nr p e r tz's ch c s S i e - chenhans" (Vorsitzender: Julius Goldschinidt) entnchlnen, wurde im vergangenen Jahre die Männrrabteilung vollständig der Neuzeit gemäß ümgestaltet, was einen Kostenaufioand von 52,000 Mk. erforderte. Die Ausgaben für Haushaltung, Aerzte, Löhne usw. betrugen 79,035' Mark. Der Vorstand bittet, im Interesse der armen Siechen der Anstalt weiterhin recht reiche Gabe» zufließen zu lassen. Berltn. 16. Febr. Die Ortsgruppe des Verbands der. Sabbäthfreunde hakte sür gestern -Abend nach .dem Tiergartenhof zu einer öffentlichen Versainmlung cinoeladen. Trotz der in dieser Jahreszeit gehäuften gesellschaftlichen Veranstaltungen waren ca. 500 Personen' erschienen, die mit dem anNnerksamsten Interesse den Ausfühlirngeu des Herrn Eli Lazarus folaken. Der Redner lonßte in fesselnder Weise in einstündigem Vorträge das 'Thema ,/Peltl i ch e und religiöse Z e r e in o n i e n" mit besonderer Berücksilbtiaung der Zeitstiillmungen zu behandeln. Seine geistreichen Deduktionen und die scharfe Gegen-- übetstellung der landläufigen Beari'fe zereiiionialer Formen und symbolischer religiöser Handlun<ien aaben den Hörern gennasam Sto»f zum Nachvenken. In der Diskussion zeichnete Rabbiner Dr. M nn k. oftmals bon stürnlischein Beifall unterbrochen, ein' Bild der Kvnseauenzen, die ein Anfaeben der in den religiösen Zeremonien .liegenden Stühkraft sür das Judentum haben iklüsse. Der wohlaelunaene Wend brachte neben seknem moralischen Gelvinn auch einen materiellen Erfolg, indem sieb 55 neue Atitglieder amneldeten. BüraelbeiOffeuiack. Die Jkra-l. Krankenkasse veranstaltete zu Ehren der drei Vet-ranen ans dem Kriege 1870/71 — Joseph He ß. Em a - nuel Grünebaum und Jsaac Hirich Letzterer ieht in Frankfurt wohnend) — ein Essen, das lehr harmoniscki 'verlief. Die Bersteigernng des Bensckens ergab 30 JL für die Armen. Wiesbaden. Der Verein für jüdische Geschichte n. Literatur bot mit dem Bortrag ..I n dis ch e Siin st ler" einen hohen künstlerischen we«uR. Der Vortragende. Privatdozent Dr. Cohn- W i c m e r - Berlin, verstand es borzüalick. seine zahlreiche Zuhörerschaft' durch Wort luid Bild zu fesseln. Die hervorragendsten jüdischen Künstler ließ er vor unfern Llugen in. cinigen ihrer bedeutendsten Künsürerke vorüberziehen: Antoknlski. Lesser llrv. Israels, Lilien, Struck. Max Lieber-' mann, Pisiaro und gab zu jedem Bilde die von Hohem kunstkritischen Verständnis .zeugenden Erläuterililgen. Bei'oilders 'präanant - war seine Erklärung über das .Wesen des. Kinvressionisnius, den er an der Hand der' vorgeführten Lichtbilder uck ooulos demonstrierte. Wie selküverständlich verwieilte er dabei etwas länaer beim Führer der deutschen Sezession. Mar Liebernlann und hob die Tatsache hervor, daß fast überall Juden die Führer des Impressionismus sind oder wenigstens mit zu den ersten Vorkämpfern desselben gebären, sodaß viele den Jmpressionisnlus gls indisch schlechthin ^charakterisieren. Er ermähnte ferner, wie die kunstkritische Welt über Max L'ebermann anläßlich seines 60. Geburtstages verschieden urteilte: während die einen ihn als deutsch-nationalen Künstler feierten, sahen andere in ihm 'einen jüdischen Künstler. Er schloß dann mit dem bekannten Refrain von der Jnterkonfcssionalität der Natur wie der Kunst. Es sei 'mir gestattet, daran folgende Bemerkung z,l knüpfen: Das Judentum macht gegenwärtig mehrere Krisen durch: der schlimmsten eine ist wohl die, daß man dem Judentunr jede schöpferische Kraft abspricht. Wohl gibt cs£ so sagen

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