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Neue jüdische Presse · 1911-02-24 · Heft 8 (24.2.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 8 (24.2.1911)
Date
1911-02-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familieublart. auch in den Klubs eiu systematischer Redeseldzug gegen die „Fremden und Anarchisten" geführt. Taß man mit falschen Zahlen arbeitet, verschlägt in der Politik ja weiter nicht. Denn in Wirklichkeit bilden die Anarchisten nur einige; kleine bedeutungslose Gruppen und ist England schon längst kein Einwanderungsland mehr (im letzten Jahre wanderten 610 776 Personen ein und 597 506 aus, bleibt also eine Vermehrung von 13 270 Personen). Als wahrer Grund bleibt einzig der Antisemitismus. Sehr richtig wird hierüber dem „Berl. Börs.-Cour." wie folgt geschrieen: „Schon die erste Fremdenbill war nur antisemitisch begründet. Die Konservativen sehen, daß die armen Juden in Whitechapel ihre Kinder vielfach akademischen Berufen zuführen, für die bis jetzt in Englomd wegen des sozialen Konservatismus nur' Reiche und Adlige in Betracht kamen. Nun erhebt sich eine Bevölkerungsklasse, die erst vor kurzem ins Land gekommen und versucht es, den ganzen bisherigen Zustand zu revolutionieren und ein „intellektuelles Proletariat" zu schaffen, das destruktive und revolutionäre Kräfte in seinem Schoße bergen muß, weil es in Armut ausgewachsen und mittellos ist. Die russischen Juden aber, deren Zahl sich in Ost-London auf ungefähr 150000, und im ganzen vereinigten Königreich auf eine Viertel Million beläuft, haben Rußland verlassen, weil sie ihren Kindern wegen der in Rußland herrschenden Judennorm (5—10 Prozent der gesamten Schülerzahl) überhaupt keine Erziehung angedeihen lassen konnten. Die Juden in Whitechapel arbeiten schwer und leben schlecht, .um ihren Kindern «in Studium in Cambridge und Oxford zu ermöglichen. Wegen ihrer Begabung und ihres Fleißes, der ihnen bedeutende Schulstipendien einbringt, erregen sie mehr Neid und Furcht, als Bewunderung. Diese Aerzte, Anwälte, Ingenieure usw. werden sicherlich keine Fahnenträger des Konservatismus sein . . . Die Konservativen können die Erziehungsideale der in England ansässigen russischen Juden nicht mehr ändern und können keine Ausnahmegesetze für diese Juden, die schon zum großen Teil englische Staatsbürger sind, schaffen, aber durch eine neue Fremdenbill, die die Landung von russischen Juden in England unmöglich machen soll, wollen sie einem sozialen Prozeß ein Ende machen, der, wenn er sich ungehindert weiter entwickelt, ihnen viel Abbruch tun. und vielleicht sogar auf das ganze System der englischen Bildung und mithin der Politik nicht ohne Einfluß bleiben kann. Daß dieser Grund der einzige ernste ist, der die Konservativen zu ihrer wichen Fremdenagitation veranlaßt, beweisen zur Genüge die Artikel des „Standard" und des „Daily Telegraph", die einen Stöcker zum Verfasser haben könnten. Im übrigen ist es weniger gefährlich mit Judenhaß Äst mit Deutschenhaß zu spielen, und die konservativen Vaterlandsretter müssen immer einen Feind in Bereitschaft haben." Brief aus Oesterreich. Der Demonstrationszug der galizischen Schanker vor den höchsten Behörden in Wien hat nunmehr stattgesunden, und die Lehren, die er gegeben hat, sind nach verschiedenen Richtungen hin beachtenswert. Vor allen Dingen hat sich gezeigt, daß mutige Selbsthilfe sechst den Gegnern Achtung einflößt und wenn auch nicht immer Mnz, so doch wenigstens teilweise zum Ziele führt. Die Wiener Bevölkerung, die antisemitische Wiener Bevölkerung hatte für den Zug der 2000 jüdischen Schänker nicht nur keine Spott- und Hohnruse, sondern zeigte durchweg würdigen Ernst, ja mitleidiges Interesse. Der Mnisterpräsident und der kaiserliche Kabinettsdircktor empfingen die Führer des Demonstrationszuges — die Abgeordneten Straucher, Stand, Mahler und Breiter und eine Anzahl Schänker — sehr entgegenkommend, und das Resultat dürfte 'sein, daß noch '9 00 Konzessionen erteilt werden, eine Zahl, die wohl im Verhältnis zu den mindestens 8000 brotlos gewordenen, meist jüdischen Familien nicht groß, aber dennoch erfreulich ist. Aber noch eine weitere Lehre ergab sich'. Doch diese Lxhre sollte besonders bei uns in Wien ein allgemein anerkanntes Gemeingut sein, die Tatsache nämlich, daß das offizielle Judentum keinen Funken jüdisches Gemeinschaftsbewußtsein hat. Während die ganze Wiener Bevölkerung, Juden und Christen, Behörden, Polizei und Eisenbahn, den -bedauernswerten Opfern der polnischen Schlachzizen - Politik zuvorkommendes Interesse erwiesen, verhielt sich der Kultusvorstand so, als ginge ihn die Sache überhaupt nichts an; ja, er hatte sogar den traurigen Mut, die vom Empfangskomitee erbotene Mithilfe kurzweg zu verweigern. Aber es wird anders werden! Unsere wackere studentische Jugend ist die Bürgschaft dafür, daß es anders wird. Bon innen verraten, von außen bekämpft, lebt vorläufig noch die österreichische Judenheit ihr Dasein. Wenn die Herren im Parlamente noch so uneinig 'sind, wenn es sonst der Negierung noch o schwer wird, ihre Vorlagen durchzubringen, so ändert sich sofort die Situation beim Worte „Jude". Mit dieser Zauberformel macht man das wildeste österreichische Parlament aktionsfähig und bringt chneller, wie es der Regierung lieb ist, Gesetze durch. So ist das nur vom Judenhaß' diktierte Hausiergesctz so schnell durchgepeitscht worden, daß cs mit seinen Widersprüchen und Halbheiten einfach als Gesetz unmöglich ist und schon aus diesen! Grunde vom Herrenhäuse zurückgctviescn werden muß. Zum Schluß noch einige i nt e r c s s a n t e Einzelheiten zum Demonstratiomszug der zalizischen Schänker: Die Aktion und ihr Gelingen ist hauptsächlich Dr. S t r a u ch e r zuzuschreiben. Die Schänker trafen Dienstag früh —: am Tage der Beerdigung Rothschilds' — in Wien ein und fuhren am gleichen Tage des Abends wieder nach Galizien zurück. Der antisemitische Handelsministcr Dr. Weißkirchner empfing die Deputation selbstredend reserviert, und auch die Antwort Dr. Lazarskis, des neuen Obmanns des Polenklubs, der kühn erklärte, in Galizien gebe es keine konfessionellen Unterschiede, .konnte nicht befriedigen. Die Erregung gegen diese Heuchelei des polnischen Führers machte sich auf einer am gleichen Tage veranstalteten öffentlichen Versammlung Luft. Rührende Ovationen wurden dagegen den drei jüdischnationalen Abgeordneten und Ern st Breiter dem einzigen christlichen Abgeordneten, der Hilfe leistete, dargebracht. I>r. 6. Aus aller Well. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Auf der Eillinie Triest- Alexandrien, sowie auf der S Y r i e n-L iure (Triest-Jaffa) wird der Oesterreichische Lloyd von jetzt ab rituelle Konserven führen, die unter Aufsicht des.Rabbinates der Synagogengemeinde „Israelitische Religionsgesellschaft" in Frankfurt a. M. bereitet sind. Die Inanspruchnahme ritueller Verköstigung ist rechtzeitig, d. i. spätestens bei 'Belegung der Plätze, anzumelden. Zur Förderung des Reiseverkehrs zwischen Europa und Palästina bewilligt der Lloyd ferner denjenigen israelitischen Reisenden, die mit Legitimationskarten vom Burean der Deutsch-Holländ. Palästina - Verwaltung in Frankfurt a. M. '.bczw. von deren Bureau in Jerusalem versehen sind, eine Fahrpreisermäßigung. Berlin. Seil einigen Monaten besteht hier ein Arbeitsamt für jüdische Akademiker. Ein solches Arbeitsamt ist Notwendigkeit in einer Zeit, in der im öffentlichen wie im privaten Dienst die jüdischen Bewerber systematisch zurückgewiesen werden und selbst die Interesselosigkeit jüdischer Arbeitgeber die jüdischen Bewerber ausschließt oder wenigstens nicht bevorzugt. Das Arbeitsanit hat in vielen deutschen Städten Vertrauensmänner gewonnen, deren Aufgabe cs ist, jeweils die Möglichkeit einer Niederlassung für Slerzte, Rcchtsanwälte usw. und Vakanzen aller akademischen Stellungen denr Arbeitsamte mitznteilen und die Besetzung durch Juden zu veranlassen, die beteiligten jüdischen Kreise dafür' zu interessieren, daß sie jiidischc Kräfte einstellcn und sich der Vermittelung des Arbeitsamtes bedienen, kurz, > das Interesse der jüdischen Akademiker in jeder Weise zn fördern. Diese Organisation bedarf aber noch des Ausbaues. Deshalb sollten in allen von Juden bewohnten Plätzen Deutschlands sich Personen finden, welche das Amt eines Vertrauensmannes übernehmen wollen; insbesondere sollten aber säintliche jüdische Gemeinden und Vereine sich in den Dienst der Sache stellen und ihre Bereitwilligkeit dem Ainte Mitteilen. Auch materiell muß das junge Unternehmen gestützt werden. Dies kann durch Spenden und Subventionen, aber auch insbesondere durch den Erwerb der Mitgliedschaft geschehen. Die Mitgliedschaft kann durch einen jährlichen Beitrag von mindestens 5 Mark erworben werden, durch einen einmaligen Beitrag von mindestens 150 Mk. wird die lebenslängliche, durch einen solchen von mindestens 300 Mark die immerwährende Mtgliedschaft erworben. Auch hier ergeht vorzugsweise an die genannten jüdischen Körperschaften die Aufforderung, das gemeinnützige Unternehmen nach ihren Kräften zu fördern. Zuschriften und Beiträge sind an das Arbeitsamt für jüdische Akademiker (C. 25, Dircksenstraßc 26—27) zn Händen des Herrn Rechtsanwalts Meseritz zu richten. Berlin. Mt den Erklärungen, die der Kultusminister im Landtage über die Abweisung eines jüdischen Medizinalpraktikanten durch den Leiter des Britzer Kreiskrankenhauses gegeben hat, wird diese Angelegenheit noch nicht erledigt sein. Wie in^ der letzten Sitzung der Aerztekammer mitgeteilt wurde, hat der Aerztekammerausschilß für Preußen eine Eingabe Ri. 8 au den Reichskanzler gerichtet, eine Bestimmung zu erlassen, nach der die Ablehnung von Medizinalpraktikanten unzulässig sein soll, außer bei konfessionellen Krankenhäusern. Doch solle in diesen Fällen in den amtlichen Verzeichnissen ausdrücklich vermerkt sein, daß die betreffende Stelle den Angehörigen einer bestimmten Konfession Vorbehalten sei. Das Kammermitglied Sanitätsrat Wiesenthal legte dar, daß es sich nicht uin eine Angelegenheit der Aerzte handle, sondern des Gesetzes und des Rechts. Nach dem Gesetz kann ein Medizinalpraktikant nur wegen sittlicher oder strafrechtlicher Verfehlungen abgclehnt werden, die Ablehnung in Brry erfolgte ausschließlich wegen der Konfession, weil die Assistenzärzte keinen Juden im Kasino haben wollten. — Die Wahlen der Arbeitnehmerbeisitzcr znm K au fm anns ger ich t ergaben einen bedeutenden Stimmenrückgantz der antisemitischen Deutsch nativ ualeu. Statt bisher 57 werden sie ferner nur 49 Sitze einnehmen. Berlin. Der säst alle Länder Eurovas und die Vereinigten Staaten Amerikas umfassende „Verband Jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina", der jetzt auf eine 3 jährige Tätigkeit zurückblickt, hat in dieser kurzen Zeit viel Gutes gestiftet. Von der Tatsache ausgehend, daß die wirtschaftliche und ethische Hebung eines Volkes stark von der Erziehung der Frau abhängt, hat der Verband es' sich zur Aufgabe gemacht, seinen Teil an der Kulturarbeit in Palästina durch wirtschaftliche und ethische Hebung der Frau dieses Landes bcizutragen. Er versucht, den Frauen und Mädchen in Palästina, die noch in dem orientalische» Vorurteil befangen leben, daß Arbeit erniedrigt, einen westlichen Begriff von der sittlichen Höhe rechtschaffener Arbeit und der daraus basierenden persönlichen Unabhängigkeit beizubringen: er hat dies bereits mit Erfolg getan, Nne es die von ihnr in Jaffa und Jerusalem gegründeten Spitzens ch ulen beweisen. , Dieselben werden von 30 bczw. 50 Schülerinnen besucht, die, je nach Geschicklichkeit 2.20 Frs. bis 3.50 Frs. wöchentlich, fleißige sogar 6.-- Frs: pro Woche bei. vsti'mdiger Tagesarbeit verdienen. Bei den dortigen geringen Lebensbedürfnissen hat der für unsere .Verhältnis karge Verdienst eine große Bedeutung. Die Spitzenschulen werden von Prof. Boris' Schatz und Frau Maher- Lübkc geleitet, ivährend ehemalige Schülerinnen des Jäffaer Ateliers als Lehrerinnen tätig sind. Auch in Liberias soll eine Schule mit 25 Schülerinnen gegründet werden. Die Einrichtungskostcn werden von der Moskauer Ortsgruppe des Verbandes aufgebracht. Me fertigen Arbeiten werden größtenteils nach Berlin geschickt; sie haben überall, wohin sie von hier aus kamen, sehr viel Beifall und viele Kauflustige gestruden. Wenn die Produktion erst eine größere ist, ist der Absatz an europäische Geschäfte gesichert und vielen palästinensischen Frauen und Mädchen ein Erwerb' geschaffen. Auch der noch sehr im argen liegenden jiidischcn Krankenpflege und dem jüdischen Spitalwesen in Palästina hat der Verband gleich nach Konstituierung sein Interesse zugewandt. Für das jiidische Krankenhaus 'in Jaffa hat er eine europäisch ausgebildete Krankenpflegerin augestellt und auf deren Veranlassung einige Anschaffungen gemacht. Von der Moskauer Ortsgruppe wurde ferner eine W ö ch n c r i n neun n d Re k o n v alcs ze n teu stub e eingerichtet. Um den Mangel an gut ausgebildetem Pflegepersonal zu verringern, wurde ein für diesen Berns sehr geeignetes Mädchen, das aus Rußland nach Palästina ausgewandert war, auf Veranlassung und Rechnung des Verbandes am Breslauer jüdischen Krankenhaus ausgcbildct; cs hat nach bestandenem Examen eine Anstellung im Krankenhanse „Schaare Zedek" in Jerusalem erhalten. In Haifa, das sich immer mehrzu einem jüdischen Zentrum entwickelt, wo jetzt auch das jüdische Technikum errichtet ivird, will der Verband auch ein jüdisches Krankenhaus: gründen, und es ständig subventionieren, damit die jüdischen Patienten nicht inehr gezwungen sind,, das englische Mssionsspital oder das deutsche katholische Krankenhaus, aufzusuchen, wo sie häufig unter antisemitischen Unfreundlichkeiten zu leiden haben. Bon den 6000 Frs, die zur Einrichtung nötig sind, wurden bereits 4000 Frs. für diesen Zweck gestiftet; es ist sehr zn wünschen, daß sich die fehlende (Summe recht bald ansammelt, damit das Hospital in kurzer Zeit errichtet werden kann. Auch zn dem traurigen Kapitel des Mädchenhandels, der in einzelnen Fällen von Egypten nach! Palästina übebzngreisen droht, hat der Verband Stellung genommen. Es ist sein Streben, dieses schändliche Gewerbe dort zn unterbinden, bevor es größere Dimensionen annehmen 'kaum Um die jüdische Frau für das kolonisatorische Werk in Palästina tauglicher zu machen, hatte

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