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Neue jüdische Presse · 1911-02-24 · Heft 8 (24.2.1911) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 8 (24.2.1911)
Date
1911-02-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ZsraitkfHtrker Diese Zeitung scheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— HedaKttoir imd Hefchaftssterke: Srsnlcfurt s. M.. %ctefon 10507. -«H- Hevaitsgevev: Saks Heis. Jnfertionspreife: Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter No. 4864. 9. Jahrgang. Freitag, den 26. Scliwat 5671 (24. Februar 1911). Rr. 8 . Inhalt des HauntblatteS. Artikel: Ein neuer Rat, der uralt ist. — Früchte des Antisemitismus in England. — Brief aus Oesterreich. — Aus aller Welt. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Aus der Zukunft. — Kunst und. Literatur. — Wochen- Kalend er. — Barmizwohs. — Familiennachrichten. Ein neuer Rat, der uralt ist. (Schluß). Nein, tausend Mal nein! Schon das Kindlein aus dent-Kindergarten wird ob einer solchen naiven Frage, weshalb es seine Eltern liebe, stutzig werden: „Weshalb!? Deshalb, weil sie meine Eltern sind." Und trifft etwa diese Begründung für Erwachsene in kleinerem Maße zu? oder ist ein Rechtslehrer aus anderem! Holze denn tvir geschnitten? Doch halt! Ein dröhnendes, betäubendes Lachen dringt zu unseren Ohren, ein Riescngelächter, das Lachen der Götter über den Zwerg-Menschen, das Lachen des 'Nietzschelieb ernten sch en über uns Zwerge samt unserer Kiirderstubennwral. Der Herr Geheime Justizrat — Vorsicht geboten! — steht eben auf einer sehr hohen Warte, auf der Warte des „Iensei ts von Gut und Böse"; dort oben gelten Elternliebe, Elternanhänglichkeit und Stammcstreue nur als Ammenm ärch en und Kinderstubenge s ch w ä tz. „Kulturmächte" will dieser Uebermensch des Jenseits von Gut und Böse schaffen, lauter Uebermenschen. Und was bedeutet der Volksvcrrat und die Taufe gegenüber einem!, solchen erhabenen Ziele?! Jenseits von Gut und Böse existieren Sünden überhaupt nicht! Für die Männer ans dem „Jenseits" ist der Uebermensch alles, alles, andere aber Lust; was sollen, was bedeuten nationale Schranken, wenn die ganze Menschheit nur zum Nutzen und Frontmen des Uebermcnschcn da ist?! Man sieht also, wie Köhler überhaupt auf den Gedanken des freiwilligen Aufgehens kommt; das Uebermenschtum verlangt es, und da haben die Tausende der bürgerlich Braven, deren einziger Verstand (es ist, ihr Sündenbuch täglich auf eine Null zu bringen, da haben aber auch die Tausende von Intellektuellen zu gehorchen und unterzugehen. „Aufgehen, Aufzehren! kann man von einem Aufzehren sprechen?" meint der kluge Professor, ^wcnn verschiedene Rassen sich darin zusammenfinden, daß sie ihre Eigenschaften miteinander verbinden und dadurch als ein Neues Trittes erstehen?! Man könnte doch ebensogut sagen, daß die Deutschen verzehrt würden, . als umgekehrt!" Wie schön! Welch geschickter Jurist dieser geheime Justizrat nur ist! Doch seine gehcimjustitzrätliche Spitzfindigkeit spekuliert zuviel aus die Naivität seiner bürgerlichen Leser, sonst müßte er sich sägen: Mit dieser seiner Logik könnte ntan den Deutschen Vorschlägen, daß sie Juden werden und nicht umgekehrt. Würde doch dadurch bloß „ein neues Drittes erste hen!" Der Name Jude ist sä viel älter und bedeutet auch mehr! Was ~ das Aufgehen des Christentums im Judentum betrifft, so .ist es nicht mehr als billig, der Katholizismus wird immer unhaltbarer, ohne die neuerlichen Ketzergerichte und Modernisteneide ist er überhaupt nicht zu halten, auch der Protestantismus gctzat immer mehr ins Wanken, Harnack und 'Genossen tuen zwar ihr Bestes, doch vergebens; während die Wahrheiten des Judentums immer sicherer und befestigter werden und die Fortentwicklung der Religionen immer mehr zum. Judentum führt und dessen geschichtliche Existenzberechtigung verkündet! Und das Aufgehen der Rasse? Nun, auch da handelt es sich um ein Aufgehcn einer schwächeren in einer stärkeren Rasse. Man vergegenwärtige sich, wie das Deutschtum nach zweitausendjähriger Verfolgung ähnlich der des Judentums ausgesehen haben würde. Das Deutschtunt, trotz seiner vielgerühmten Treue, löst sich in aller Herren Länder ohne weiteres auf, und gar wegen eines solchen hohen Zweckes, wie cs die Schaffung von Kulturgeschichte und Kulturmächten ist, würde cs sich mit Behagen auflösen. Doch siehe! Nach alldem, was wir ausgeführt haben, bleibt noch immer die Frage offen, warum Köhler mit seinem Vorschläge sich ausschließlich an uns Juden wendet. Weshalb tritt er nicht an die anderen Rassen heran, sind wir etwa die einzig befähigte Rasse auf Erden! Illlein der Grund liegt auf der Hand: Die andern wurzeln fest in ihrer Nation und sind weit entfernt davon auszureißen, — und wir Juden? Auch wir besitzen felsenfeste Volksgenossen, und 'G. l. in Hülhe und Fülle. An diese — an die Nationaljuden, sowie an die traditionellen Juden — geht Köhlers Ruf nicht; vielmehr richtet sich sein Vorschlag an die Halbentwurzelten, denen jüdisches Wissen, jüdisches Gefühl und jüdisches Selbstbewußtsein abgeht; die mit einem Fuß bereits draußen stehen und nur aus Mangel an Mut in sich nicht die Kraft besitzen, noch den zweiten Fuß aus dem unter ihnen wankenden Boden zn ziehen; an die Geiger und Konsorten, die nicht müde werden, einerseits die Tradition ihrerVätcr und ihr gloreiches Volkstum zu verleugnen und in den Staub zu treten, anderseits ihr Deutschtum zn beteuern, an diese, nur an diese geht Köhlers Ruf: Seid konsequent, gebt Euer bischen zügestutztcs, verstümmeltes „Mosaische" auf, . beseitigt Euere Synagoge, die trotz ihrer Verdeutschung und Verchristlichung noch immer einen jüdisch-nationalen Rest ansmacht; genug des Halben, seid Männer, seid deutsche Christen, zuM Heile des Deutschtums! „Zum Heile des Deutschtums." Der bekannte Jurist Friedrich Albrecht Werner meint: Nur diejenigen Juden können uns fördern, welche sich aus keine Transaktion einlassen, mit ihrem Gewissen nicht kapitulieren;" allein-Köhler glaubt, auch die „klugen Ueberläufet" gebrauchen zu können, er stützt sich dabei auf Einzel fälle, aus Heine, obwohl, wie allbekannt ist, Heine seinen Rabbi von Bachrach nach seinem und wegen seines nachher tief bereuten Uebertrittes nicht hat zu Ende führen können. — Nun, wir rufen Köhler zu: Glück auf! Wir legten mit diesen zweifelhaften Elementen keine Ehre ein, und wir trugen von Ihnen nur Schaden davon, vielleicht habt Ihr mit ihnen mehr Glück, vielleicht! . . Dann also Glück auf! Ihr sollt auch dafür unfern tief empfundenen Dank erhalten. . . . Doch einen Rat wollen wir den Ueberläufern noch mit auf den Weg geben: Wollt Ihr wirklich von Eurer „Klugheit" gründlich Gebrauch Machen, so schließt Euch ohne Verzug der herrschenden, konservativen Partei an und heiratet gleichzeitig aus der adligen Mitte, e r st d a n n kommt Ihr und auch wir zur Ruh. Mer weh Euch einer oppositionellen Partei anzuschließen, dann gelangt Ihr noch aus purer Erbitterung ob des nutzlosen Schritts und des Ueberrestes Eurer unvertilgbaren jüdischen Rassenmcrkmale zum reinsten Antisemitismus und schadet dadurch Euerer Partei, wie auch uns. So unsere Antwort an Köhler, so unser Rat an die Ueberläufer! Früchte des Antisemitismus in England. Eine interessante Aufgabe ist es, in der Kulturgeschichte der Völker dem Entstehen und Schwinden nationaler Eigenschaften nachzugehen. Die Engländer gelten als das Volk der persönlichen Freiheit, und heute müssen wir mit der Tatsache rechnen, daß dieses Volk, das auf Traditionen so stolz ist, mit seiner stolzesten Tradition in absehbarer Zeit brechen wird. Die Frage des Militärzwanges wird in manchen Kreisen bereits schüchtern erwogen, und der erste Schritt auf dem Wege der Einschränkung der Asylfreiheit ist mit dem Fremdengesetz von 1805 bereits getan. Noch gilt England als das Land der Freiheit; aber der auch im Jnselreich sich verbreitende Antisemitismus scheint wie in anderen Ländern, so auch hier, mit seinem Gifttrank verwirrend zn wirken. Die durch den regen jüdischen Geist sich 'in ihrer Ruhe bedroht sehenden Konservativen sind es, die mit Beharrlichkeit gegen die Einwanderung arbeiten. Bereits nach der Eröffnung des Parlaments durch König Georg V. beauftragte die konservative Partei des Unterhauses ihr Mitglied Croft, den Minister des 'Innern zn ftagen, „ob die Regierung in Anbetracht der letzten verbrecherischen Anschläge in Ost-London gesetzgeberische Maßnahmen zur Verhinderung der Landung unbemittelter Ausländer zu empfehlen gedenke" — die mit anderen Sorgen belastete liberale Regierung verneinte selbstredend die Frage —, und seitdem wird die konservative Presse nicht müde, täglich Hetzartikel gegen die Fremden in London, besonders im Londoner „East-End" zn bringen. „Daily Telegraph" begann gleich nach dem Houndsditcher Morde, „Evening News" folgte, und jetzt find „Standard" und „Times" an der Reihe. „Standard" bringt seit einiger Zeit Tag für Tag grausige Schilderungen aus dem „East-End" und fordert das englische Volk auf, der Gefahr, die diese „Fremden" bilden, entgegenzutreten. Natürlich wird

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