Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1911-02-17 · Heft 7 (17.2.1911) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 7 (17.2.1911)
Date
1911-02-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692716-2692723--05986-2700948
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 7. Frankfurter Israelitisches FamilienblaÜ. Seite 3. aber vergreifen werden Sie sich an mir nicht. (Andauernder Lärm und Zwischenrufe.) Präsident: Ich bitte um Ruhe, meine Herren! Ich bitte im Interesse der Würde und des Anstandes des Hauses, sich ruhig zu Verhalten und keine Zwischenrufe zu machen. Abg. Dr. Mahler: Darf ich weiter sprechen? Wenn Sie in einem fort dreinrcden, muß einem die Geduld reißen. (Anhaltender großer Lärm und Zwischenrufe.) Präsident: Bitte, meine Herren, Ruhe zu - halten. Ich habe bereits erklärt, daß in diesem Lärnr die einzelnen Rufe nicht zu vernehmen sind und daß ich inir Vorbehalte, die nötige Remedur zu schaffen; ich ersuche den Redner fortzufahrcn und auch seinerseits nicht zu provoziere». Abg. Dr. Mahler sagt in Fortsetzung seiner Rede: Mit dein Kampf gegen den Hausierhandel folge man nur einem Schlagworte, nicht aber einem volkswirtschaftlichen' Bedürfnisse. Bei Bekämpfung des Hausierhandels lasse man vielmehr alle jene Argumente außer acht, irelche imstande wären, die Vorteile des Hausierhandels ins rechte Lichtzu setzen. Er weist insbesondere ans den Zusammenhang zwischen Hausindustrie und Hausierhandel hin. Insbesondere in Galizien, wo eine so grenzenlose Not herrscht, müsse man darauf bedacht sein, eine Hausindustrie zu schassen. Das sei aber nur dann möglich, tcen» der Absatz der erzeugten Ware ans dem Wege des Hausierhandels gestattet wird. Bei dem vorliegenden Gesetzentwurf handle es sich nicht um einen Kampf um Prinzipien, sondern darum, das Stück harten Brotes den ärmsten der Armen zu nehmen. Die Zwangssuggestion, die das Hausiergcsetz auf einen großen Teil des Hauses ausübe, könne man sich nur dadurch erklären, daß man Hausierer sagt und die Juden zu treffen meint. Als die Resolution Schmid ins Haus gebracht wurde, sei der Zwischenruf gefallen: Was brauchen die Juden studieren, sie sollen mit alten Hosen hausieren. (Zwischenrufe.) Heute mache man deni armen Juden auch das unmöglich. Präsident: Ans der Durchsicht des mir eben vorgelegten stenographischen Protokolls habe-ich mich überzeugt, daß der Herr Abg. Dr. Mahler als Redner zuerst den Herrn Abg. A. Schmid durch eine Beschimpfung provoziert, dann dieser und der Herr Abg. Malik einer- und der Herr Abg. Dr. Mahler andererseits sich gegenseitig mit Schimpfworten belegt haben, der Herr Abg. Malik auch gegen den Herrn Abg. Dr. Mahler tätlich wurde. Ich rufe deshalb die eben genannten Herren dtbgeordneten zur Ordnung und drücke die Erwartung aus, daß solche Szenen sich iin Hause nicht wiederholen werden. Prag. Einen erfreulichen Beweis füt das steigende Interesse, das hierzulande in lveiten jüdischen Kreisen den modernen Palästinabcstrebungcn entgcgengcbracht wird, bilden zwei jüdische Gesellschaftsreisen nach Palästina, die in den nächsten Monaten stattfinden werden. Die vom Wiener Jnformationsbureau für Palästina und die Türkei (Adresse: Wien, IX, Türkenstraße 9) arrangierte Palästinareise wird am 23. März d. I. gemeinsam in Triest angetreten. Die Schiffspreise von Triest nach Jaffa und retour mit dem Eildamvfer betragen für I. Klasse Frcs. 590.10, IL Klasse Frcs. 401.10, in. Klasse Frcs. 166.— einschließlich ritueller Verpflegung, IV. Klasse (Verdeck ohne Verpflegung) Frcs. 110.—. Die definitive Reservierung der Schiffsplätzc erfolgt nach Einsendung eines Fünftels des einfachen Passagepreiscs. Der letzte Zeitpunkt für die Anineldung ist der 20. Februar d. I. Die zweite, für ungefähr vier Wochen berechnete Gesellschaftsreise wird vom zion. Distriktskomitee für Böhmen (Adresse: Prag. Bencdiktgasse 1) im August veranstaltet werden. Der Teilnahniepreis) in Ivelchem sämtliche Auslagen für die Fahrt von Triest bis Triest, Unterkunft, Verpflegung, Wagen, Führung, Entrees nsw. eingerechnet sind, wird sich I. Klasse ans 1300 Kr., II. Klasse auf 1000 Kr. und III. Klasse auf 650 Kronen belaufen. Großbritannien. London. Im Parlament kam dieser Tage die E i n W a n d e r u n g s s r a g c zur Sprache. Churchill, der Minister des Innern, Ivurde von den Konservativen angegriffen, die ihm vorwarfen, daß er den Aliens Act nicht vorschriftsmäßig durchführe. Air. Churchill wies jedoch die Angriffe zurück und führte den Nachweis, -daß sich im Jahre 1910 kau m 4000 E i n« Wanderer in England niedergelassen haben. Er versprach jedoch, neue Maßregeln gegen die Einwanderung ausländischer Verbrecher zu tresfen. Ruhla«-. Radomisel. Ein Rückwanderer erzählte mir Folgendes über seine Leiden in Deutschland: Ju Berlin angekommen, hatte er sich in das Büro des' Jsr. Vereins für Durchwandcrcr begeben. Hier ivurde ihm gesagt, wenn er 10 Rbl. besitze, werde man ihn -nach Rotterdam senden.. Er gab boä Geld, ein Bedienter begleitete ihn zur Bahn, loste ein Wllet -nach Aachen und gab ihbn das Restgeld und eine Karte an den Kastellan der Synagoge in Aachen. Doch kaum hatte der Zug an der ziveiten Stationhalt gemacht, da erschienen zivei Schutzleute, schleppten das „Jüdchen," wie sie ihn nannten, aus dein Zuge, nahmen ihm seine 35 Rbl. ab und schlossen ihn in den Wartesaal ein. Halb verlängert ivurde er dann nach zwölf Stunden in einen Waggon inten, iert, und ohne nur einen Tropfen Wasser fuhr er dann Tag und Nacht, bis der Zug Thorn erreichte. Hier nahm ihn ein Schutzinann in Empfang, brachte ihn »ach Alexandowo, wo man in 3 Tage einsperrte und dann nach seiner Heimatsstadt Radomisel expedierte. Lehrer I. I. Braun. Türkei. Konstantinopel. Der jüdisch-nationale Turnverein „M a k k a b 1" veranstaltete ein Fest zum B e st e n des F l o t t e n f o u d s. Staatsrat R e s ch i d B e tj führte den Vorsitz. Die angesehensten türkischen Gesellschaftskreise waren anivcsend und bewunderten die meisterhasten turnerischen Leistungen. Staatsrat Reschid Bey hielt eine Ansprache an die Turner, in der er den außerordentlichen erzieherischen und patriotischen Wert ihrer Bestrebungen hervvrhob. Es ivürde xin Ruhmesblatt des „Makkabi" sein und bleiben, daß er die erste ottomanische Organisation war. die ein derartiges Fest zu rein patriotischen Zwecken veranstaltete. Konstanllnopel. Der Sultan hat fast sämtlichen jüdischen Vereinen und Anstalten, Ivelche Makkabäerseiern veranstaltet hatten, für die Zwecke ihrer Vereine kleinere und größere Spenden gemacht. Bulgarien. Sofia. In den letzten Wochen fanden im ganzen Laude die jüdischen Gemeindewahlen statt. Der heftige Wahlkampf zwischen den Zionisten und de» Gegnern der zionistischen Bewegung endete mit dem Sieg dcrZio nisten. In Philippopel, Rustschuk, Varna, Widdin, Haskoro und Küstendil wurden ausschließlich Zionisten in die Leitung der Gemeinde gewählt. Amerika. New-Aork. In unserem New-Uork mit keiner einen Million Inden müssen diejenigen Juden, die ihre Geschäfte am Sabbat geschlossen halten, sie auch am Sonntag schließen, und daher haben diemeisten jüdischen Geschäftsleute Samstags ihre Geschäfte geöffnet. Wenn die Newyorker Judenheit einmütig den Willen kundgetan hätte, darin Aendcrung zu schassen, hätten sie ihren Willen durchgcsetzt, denn sie sind ein wichtiges Element bei den Wahlen. Bisher hatte es aber an dieser energischen Willensäußerung gefehlt; dazu kam, daß die mit den Republikanern verbundenen christlichen Geistlichen sich jeder Acnderung in der strengen Sonntagsruhe widersetzten. Dieses Jahr sind aber die Demokraten die Herren in Newyorks gesetzgebender Körperschaft, und da dürfte es leicht sein, Erleichterungen für die den Samstag feiernden jüdischen Geschäftsleute zu erreichen. Abg. A a r o n I. L c v y hat in der Staats- Versammlung bereits wieder die Sabbatbill des vorigen Jahres eingebracht; die Bill bestimmt, daß Personen, die einen anderen Tag als den Sonntag beobachten, nicht für die Verrichtung einer werktätigen Arbeit oder Ausübung eines Geschäftsaktes am Sonntag bestraft werden können. Personalien it Kleine Mitteilungen. Frankfurt a. M. Stadtrat Emil Stiebel. Vorsitzender des Vereins zur Förderung der Handiverkc unter den israelitischen Glaubensgenossen und Vorstandsmitglied des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen, feierte letzten Montag seinen 70. Geburtstag. Frankfurt a. M. Zu der in der vorwöchentlichen Nummer gebrachten Liste der Austritte ans dem Judentum, wird uns mitgcteilt, daß Fabrikant H ci nr. Mo n hei me r Jude . geblieben ist. Frankfurt a. M. Schwester Cecile Salomon, seit 7 Jahren an, hiesigen Rothschild-Hospital tätig, ist zur Oberin des israelit. Spitals in Basel gewählt worden. Berlin. Hier fanden im Dezember 81 und im Januar 28 A u s t r i t t e aus dem Judentum statt. Wir entnehmen der Liste dieser Flüchtlinge folgende Namen: Professor Heinrich Grünfeld, Dr. E. Frölich, Chemiker Dr. Max Lewy, Arzt Dr. Fritz Burchard, Gerichtsassessor Dr. Berthold Valentin, Frauenarzt Dr. Otto Abraham. Bildhauer Georg Wolf und Dipl. - Ingenieur Eugen Vandewart. ' ----- Berlin. Der Schriftsteller Dr. Adolf Kohut erhielt den Charakter eines' königl. ungar. Rates. Stadtrat Mwg d a n,. dem das Berliner Armen« wesew untersteht, , tritt . aus' Jlltersrücksichten am 1. Llpril in .den Ruhestand. ÄnchSweiler lllnter- Elsaß). ' Durch . Herrn I. Schlamme aus Zaber» Wurde hier, Ecke Hauptstraße und Herrengasse, ein unter jjuter Leitung stehendes streng koscheres Speise haus gegründet. Unsere Kleinstadt ist» tvie wohl keine zweite ihresgleichen, als Schulstadt weitbekannt, durchschnittlich 40—50 israelitische Schüler _ ans der Umgebung und sogar aus den Nachbarländern besuchen das hiesige Gymnasium. First jedes Jahr waren Schüler genötigt, mangels geeigneter jüdischer Pensionshäuser von dem beabsichtigtem B suche der hiesigen Schule Abstand zu nehmen. Diesem Uebelstande ist durch das neue Speisehaus nun abgeholfen worden. Breslau. Oberbibliothekar Professor Dr. Leopold Cohn erhielt den Roten adle rorden 4. K l a s s e. Am 1. April tritt Professor Dr. Mo faires in den Ruhestand. In G r o ß - S t r c h l i tz ist der Kommissionsrat Sinron Graetzer, seit 18 Jahren Stadtverordneter, und hier ist Frau Fanny Kober geb. Wischnitz, eine seltene Frau von echtjüdischer Frömmigkeit und moderner Bildung, verschieden. Basel. Noch der jüngst vorgenommenen Volkszählung zählt die Schweiz 19007 Inden gegen 12 264 im Jahre 1900. Rexingen. Ellas Walk Preßburger und Frau Sofie geb. Zürndorfer feierten die goldene Hochzeit. Der König verehrte dem, Paare sein goldbronzenes Reliefbild mit Widmung. Rothenburg a. Fulda. Anläßlich ihrer goldenen Hochzeit erhielt das Isaak Linz'sche Ehepaar die goldene Ehejubiläumsmedaille. lU.) Posen. Kaufmann Salomon Zucker in Tremessen und Kaufmann Emil Manheimer in Mo sch in wurden von der Regierung als Magistrats Mitglieder beschäftigt. — In Wreschen verschied in hohem Greifenalter der Rentner Aron Jona Wittig. Er hat jahrelang allwöchentlich Montag und Donnerstag als Fasttag gehalten, war früh und abends in der Synagoge der erste und widmete seine Zeit fleißig dem Thoraforschen. -t. Hagenau. Marcus Mach, der Mitinhaber und Gründer der Hopfenfirma Jules Bloch u. Moch, ist — 63 Jahre alt — verschieden. Seit 38 Jahren war er Mtglied des hiesigen israel. Zufluchtshauses und des Knabenwaisenhauses seit dessen Gründung. Wie«. In der Liste der aus dem Judentum Ansgetretenen befindet sich auch Else Jerusalem .geb. Kotanyi, die Verfasserin des Buches „Der heilige Sharabäus." Wien. Baron Alb.ert d"n Rothschild, Chef des Wiener Bankhauses Rothschild, ein Bruder der Baronin Willy v. Rothschild-Frankfurt a. M., ist plötzlich am Schlaganfall verschieden. Albert v. Rothschild, der als Sohn Anselm v. Rothschild's am 29. Oktober 1844 geboren wurde, und eine Tochter Alphynse v. Rothschild's - Paris heiratete, vermehrte das Kapital des Wiener Bankhauses Rothschild so gewaltig, daß er der reichste Rothschild wurde. Der österreichische Staat verdankt seiner finanziellen Hilfe und seinen finanziellen Leistungen unendlich viel. Ganz hervorragend war auch Albert Rothschilds Können als Astronom und Schachspieler. Auch ein ausgezeichneter Photograph und Kunstkenner >var er. In der Familie wurde er von herben Schicksalsschlägen heimgesucht; er verlor früh die Gattin, der eine Sohn ist irrsinnig, ein anderer verunglückte und starb, die einzige Tochter ist taub. Bon den beiden weiteren Söhnen übernimmt der 29jährige Louis die Leitung des Hauses. Von Albert v. Rothschild als Juden läßt sich nicht viel sagen, außer, daß ihm der großzügige jüdische Wohltätigkeitssinn innewohnte. Zum Vorwurf wurde ihm gemacht, daß er in seinen riesigen Eisenwerken zu Wittkowitz einen antisemitischen Geist duldete, so daß Anstellungen von Juden nur selten vorkamen, — Die Beisetzung bot ein glänzendes Bild. Das diplomatische Korps, Mitglieder der Hofgesellschaft und des Hofadels. Vertreter der Reaierung, der Zivil- und Militärbehörden waren erschienen. Aus Anlaß der Beisetzung verteilte die Familie 200 000 Kronen an die Armen Wiens und 100000 Kr. an die Armen Budapests. Wie mitgeteilt wird, hat Albert v. Rothschild 12 Millionen Kronen für Wohltätigkeitszwecke vermacht. Hierdurch erhöhen sich die Spenden, die er schon bei Lebzeiten für ähnliche Zwecke vorgenommen hat, auf 50 Millionen. Pntza (Unaam). Hier berfd&teb im fil. Lebens-> fahre der hochangesehene Advokat Dr. Leopold K o r r t s ch o n e r. Er gehörte dem Stadtrat und der Leitung unserer Wohltätigkeitsinstitutionen an. Am 6. Zionistenkongreß nahm er als Delegierter teil. Czernowitz. Hier verschied eine 103 jäh ei» e Frau: Frau Lea Berkowicz. Ihr Mann.-Saul Jossel Berkowicz, init dem sie 89 Jahre verheiratet war und der jetzt 101 Jahre zählt, ist noch am Leben. Bon ihren 13 Kindern leben noch 4. Paris. In dem Bibliotbekswal des Institut Pasteur lrerden demnächst die Büsten der großen materiellen Förderer des Instituts Aufnahme finden, darunter die Büsten Barons Alphonse de Rothschild, M. Osiris'und Frau Fnrt adv-Heine.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.