Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Urattstisches Aämiltznblatt. 9k. 7 Ein zweiter Vorfall, der in seiner materiellen Ausdehnung deui elfteren zwar nachsteht, aber Äs moralische Beleidigung aller Juden Rumäniens angesehen werden muß, ist ein Ausspruch des Oberg er ich ts Hof es zu Jassy, der die Juden als Bagabnnde bezeichnet; als solche verweigerte er dämlich zwei jüdischen Kaufleuten, die wegen Bankerotts angellagt waren, die, Befreiung gegen Kaution. Diese Ohrfeige, die heute 250 000. Inden erteilt wird, hat selbstverständlich alle jüdischen Bemohner Rumäniens aufs, tiefste niedergeschlagen. .Seit mehr als 40 Jahren, seit jenen berühmten Zeiten, wo man Juden in die Donau warf, weil sie ,^öagabunde" seien, ist diese Bezeichnung nie mehr vorgekonunen. Die Juden aber haben ihre beleidigten Gefühle durch energische Proteste in der jüdisch-rumänischen Presse kuudgegeben, und die Mahnung zur Selbstwehr der verletztenEhre, die sich 'Gehör zu verschaffen scheint, heißt die jüdische öffentliche Meinung energisch gegen solche Angriffe einzutreten, wenn sie sich wiederholen sollten. Doch ist auch der pessimistische Ton einiger Zeitungen begreiflich: Sie erwarten Vonseiten der Landesherren nichts Besseres und raten zum Ergreifen von Mitteln, die sich eher bewähren, indem sie aus die Bestrebungen des gesamten jüdischen Volkes und seiner Arbeit für seine Zukunft hinweisend Md., Brief aus Konstantinopel. Der Konflikt zwischen dem Großrobbinate und der Aschkenasimgemeind« geht einer guten Lösung entgegen. Das von den Aschkenasim seinerzeit veröffentlichte Memorandum hat, so scheint es, seinen Zweck nicht verfehlt. Das Großrabbinat erllärte sich, nachdem es. die letzthin stattgefundenen Borstandswählen anerkannt hatte, bereit, den Aschenasim ihren Anteil an der'Fleischsteuer auszuzahlen. Zur Regelung aller anderen schwebenden Fragen ist eine spezielle Kommission eingesetzt worden. In der letzten Zeit ist in der Gesellschaft wie in der Presse viel von der Ernennung des Großrabbiners der Türkei zum Senats r gesprochen worden. Erzeugte diese Nachricht bei den Gegnern des Großrabbiners Freude, weil in diesem Falle sein Rücktritt unvermeidlich wäre: so ries sie eben aus demselben Grunde bei seinen Anhängern Bestürzung hervor. In ihrem unbegründeden Pessimismus witterten letztere in dem Zurücktreten des Großrabbiners Gefahr - für das öttomanische Judentum. Bald stellte cs sich heraus, daß sowohl die Freude der Gegner als auch die übertriebene Befürchtung der Freunde vergeblich waren, denn die Wahl des Großrabbiners in den Senat erfolgte nicht. Ein hiesiges Witzblatt schilderte' in einem humoristischen Artikel den wahren Sachverhalt, den ich zur Beleuchtung hiesiger Verhältnisse, natürlich unter Weglassung der Humoristischen Hülle, wiedergeben möchte. Schon lange war in Regierungskrcisen davon die Rede, unseren Glaubensgenossen David Effendi Molcho, der schon unter Abdul Hamid pine angesehene Stellung einnahm,, in den Senat zu wählen. Da nach dem Gesetze ein jüdischer Kandidat für den Senat vom Großrabbiner vorgeschlagen werden, muß, wandte sich der Bruder des gen: Herrn, ein Arzt mit dem Paschatitel, an den Großrabbiner mit der Bitte um Vermittlung. Der Groß rabbiner versprach das.Seine zu tun, doch bald überlegte er, wie es wäre, wenn er seinen verantwortungsvollen Posten, von dem er nur Schere reien und Feindseligkeiten zu erwarten hat, mit , dem friedlichen Senätorcnleben vertauschen würde. Vielleicht, meint schelmisch das Blatt, übte auch das hohe Honorar von 100 Ltq. monatlich Reiz aus. Er soll auch in der Tat sich selbst dazu vorgeschlagen haben, und wie es' scheint, erhielt er «ine förmliche Zusage, was ihn schon veranlaßt hatte, den Journalisten die „noch nicht offizielle" Nachricht seiner Ernennung zum Senator selbst zu übergeben. In Anbetracht des strengen Winters, auf den man hier gar nicht eingerichtet ist, am . wenigsten in der ärmeren Klasse, ermächtigte'der Hilfsverein der deutschen Juden seinen Vertreter unter die Armen in Galata und Balat, wo Hilfsveveinsschulen existieren, für eine bestimmte Summe Hetzmaterial zu verteilen. Dieser Tage wird hier Herr Siegmund Bergel aus Berlin erwartet: Herr Bergel, welcher im Austrage der amerikanischen Distrittloge des Bnei-Brith-Ordens reist, Iwird hier wie in Saloniki Bnei-Brithlogen ins Leben rufen. K. furt die Zähl der deütschnationalen; Kaufmannsrichter ein Drittel sämtlicher Gehülfen- Beisitzer! ' Leider hat das Interesse der jüdischen Kaufmannschaft für diese Wahlen bisher gänzlich versagt, da die Wahlbeteiligung aus jüdischen Kreisen als eine geradezu beschämend geringe bezeichnet werden muß. Daß es möglich ist, dem antisemitischen Besitzstände ganz erheblichen Abbruch zu tun, beweisen am besten die folgenden Zahlen: Wir haben in Frankfurt c a. 2400 wahlberech - tigte jüdische Angestellte, während im antisemiti- Berbandc höchstens 300—400 Wähler organisiert sind! Anbetrachts dieser Zahlen bedarf es wohl keiner weiteren Ausführung, daß es die dringende .Pflicht eines jeden jüdischen Handlungsgehülfen, welcher das 25. Lebensjahr erreicht hat, ist, am kommenden Donnerstag in der Zeit von 12—8 Uhr nachmittags ' seine Stimme zu Gunsten der Vorschlagsliste irgend eines der paritätischen Verbände äbzugeben. Nur so wird es' möglich sein, die geradezu unerträgliche und unwürdige Uebermacht der antisemitischen Kaufmannsgerichts - Beisitzer aus dem Sattel zu heben. Und auch an d i e j ü d i sche n Geschäftsinhaber ergeht der Mahnruf, daß sie ihre Angestelltendurch bereitwillige Ausstellung der erforderlichen Legitimationskarte, sowie durch Freigabe der zum Wahlgeschäft notwendigen kurzen Frist zur Abgabe ihrer Stimmen anspornen, denn „tu a res agitur“. Wenn alle selbstbewußtenjüdischen Kaufleute am nächsten Donnerstag ihre Plicht tun, dann ist der Erfolg auf unserer Seite. M. Aus afJtex Mett. Deutsches Reich. Saufmauusgerichts-Wahle». Am Donnerstag, den 22. Februar er. finden die Beisitzer-Wahlen zum Kaufmannsgericht für die Amtsperiode vom 1. April 1911 bis 1. April 1913 statt. -Ein ganz besonderes Interesse sollte S Wahl für die jüdische Kaufmannschaft besitzen, es dem antisemitischen deütschnationalen Handlungsgehülsen-Verbände infolge seiner skrupellosen AgitEon bisher leider immer gelungen ist, «inen t Teil der Beisitzer-Stellen durch seine Parger zu. besetzen. -Sv beträgt z. B. in Frank- Berlin. Die gewaltige Ausdehnung der hiesi en jüdischen G enreinde,—die ein Drittel sämtlicher Juden Preußens umfaßt, sowie die Vielgestaltigkeit ihrer .Institutionen, die sich besonders auf dem Gebiete der Stiftungen ständig vermehren, haben die Herausgabe eines Gemeindeblattes notwendig gemacht. Dieses amtliche Organ des Gemeindevorstandes erscheint monatlich einmal und wird sämtlichen Mitgliedern zugesandt. Vor uns liegt die soeben erschienene zweite Nummer. Wir finden darin Bekanntmachungen betreffs Stipendien, Gottesdienstzeiten, Verzeichnis der stattgefundenen Trauungen, Beerdigungen, Austritte auS der Gemeinde und aus dem Juden tumc, Mitteilungen aus' den Repräsentantensitzungen und den Sitzungen der Kommissionen usw. Ein Aufsatz Prof. Hermann Cohen's „Die Liebe zur Religion" leitet die Nuinmer ein.' Berlin. In der Repräsentantensttzung vom 5. ds. Mts. wurden bezügl. der Umgestaltung des Gottesdienstes in Orgel-Synagogen folgende Beschlüsse gefaßt: Berdeutschnng der Thoravorlesung unter Beibehaltung des bisherigen dreijährigen Zyklus im hebräischen Text. — Ausschaltung der in besonderem Verzeichnis zusammengestellten Stellen bis zum Erscheinen einer von der jüd. Gemeinde zu Berlin als mustergültig anerkannten Bibelübersetzung und an den Sabbaten, an denen trvtzoem eine wortgetreue Ucbersetzung unterbleiben muß, auszugsweise freie Uebertragung des Thoraabschnittes. — Verkürzung des Gottesdienstes dadurch, daß an Sabbaten und Festtagen das Schacharith -Gebet in einen besonderen Frühgvttesdiensr verlegt wird, und daß die Predigten an den Sabbaten möglichst auf 20 Minut. beschränkt werden. Wollen denn die Herren noch immer nicht einsehen, daß . mit den fortwährenden Streichungen, Kürzungen und Acnderungen dem Judentum nicht geholfen ist? Wird nicht gerade das Gegenteil von dem, was man anstrebt, erreicht? Wird nicht so eine völlige Pietätslosigkeit fiir alles durch Tradition Geheiligte großgezogen? Berlin. Der Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes hat beschlossen, am' 11. Juni in Berlin einen . außerordentlichen G emein de tag mit folgender Tagesordnung zu veranstalten: 1. Bericht des geschäftsführenden Vorsitzenden. - 2. Besprechung des Entwurfs eines Bersicherungsgesetzes für Angestellte. 3. Organisation der Wanderarmenfürsoge. 4. Satzungsänderungen. Königsberg. Der Oberpräsident erließ betreffs der in Ostpreußen ansässigen russischen Juden folgende, einen ju den feindlichen Geist atmende,, in einem ziw.ilisierten Stnate nnver- -ständliche Verfügung: 1. Die Kinder derjenigen Ausländer, die feit d«n Jahre 1882 hier ansässig find, haben das R«ht auf Naturalisation. 2. Diejenigen, die in spätem Jahren hier eingewandert sind, müssen alle zwei Jahre di-e Genehmigung üachsuchen, hier mit ihrer Familie, falls sie solche von ftüher haben, wohnen zu dürfen. Diejenigen, die keine F-amilie Haben, müssen sich bei jeder Erneuerung res Gesuches schriftlich verpflichten, hier keine Familie zu gründen, resp. solche aus Rußland mitzubringeu. 3. Diejenigen, die in den letzten 5—10 Jahren hier eingewandert sind und auch diejenigen, die bereits seit 20 und mehr Jahren hier wohnhaft sind, aber erst unlängst geheiratet haben, müssen sich bei der Aufenthaltsgenehmigung verpflichten, daß ihre Söhne bei Erreichungdes neunten Lebensjahres das preußische " ebiet verlassen werden. Es ist bereits von'-einem hier seit 1885 wohnhaften Kauftnann, dessen Junge jetzt das 6. Lebensjahr erreicht hat, diese Unterschrift verlangt worden. Nur mit großer Mühe gelang es ihm? die dauernde Aufenthaltsgenehmigung für seinen SoHn zu erreichen. Dem Kaufmann D., der seit 12 Jahren hier ansässig ist, ivie auch dem Sch., der vor 8—9 Fahren hier eingewandert ist — beide haben keine Söhne.— wurde die Aufenthaltsgenehmigung nur unter der Bedingung -erteilt, daß, falls sie Söhne bekommen sollten, dieselben . die Stadt ‘ zu verlassen haben. Die 10- und 12jährigen Söhne der Kaufleute I. und N-- die hier auch schon lange wohnen, wurden aus'gewiesen. Jedoch ist es dem einen Herrn gelungen, . für seinen ,'S»hn, der kränklich ist, auf ärztliches Attest hin die Aufenthaltsgenehmigung zu erlangen; der ziveite Sohn muß die Stadt verlassen. Ein Herr I, der seit 8 Jahren das Wohnrecht iir der Provinz hat,, erhielt plötzlich den Befehl, daß sein Sohn, der bereits die Tertia des'hiesigen Gymnasiums besucht, das preußische Gebiet verlassen müsse. Zu bemerken ist ferner, daß bei der Aufenthalsgenehmigung noch verlangt wird, man dürfe keinen Besuch aus,.Rußland ohne vorherige Anfrage beim Oberprasidentcu empfangen. ' Hoffentlich unternehmen der Verband der deutschen Inden und-die jüdischen Landtagsabgeordneten sofort die nötigen Schritte! Oesterreich-Ungar«. Wien. Nach der „Neuen Freien Presse" spielte sich inr Abgcordnetenhause der - Zwischenfall Mahler — Malik wie folgt ab: Wg. Dr. Arthur Mahler meint, daß alle jene, die nicht von Parteileidenschaft geblendet sind, zugestehen werden, daß seit langer, Zeit keine Vorlage das. Haus beschäftigt hat, die derart die Grundsätze der Zivilisation verleugne, wie der Hausiergesetzentwurf. Dieser Entwurf, sei von rücksichtslosem Egoismus erzeugt, der durch blinde Parteileidenschaft genährt und durch Liebedienerei gegenüber einem Schlagworte gefördert wird, der, wenn er wirklich ins Leben tritt, seinen Weg mit den Leichen von Hunderten von Armen kennzeichnen wird. Das Hausiergewerbe, das in allen Ländern blühe und prosperiere, soll in Oesterreich künstlich umgebracht werden. Redner erinnert daran, daß Kaiser Josef das Hausieren allgemein gestattet habe, wenn es nicht mißbräuchlich betrieben werde, Die heu-, tigen Verfechter des Hausiergesetzes seien seit vier Jahrhunderten nicht um einen Schritt in ihren Argumenten weiter gekommen. Das ganze Rüstzeug, mit dem der Hausierhandel heute erschlagen werden soll, setzt sich noch immer aus all jenen Schlagmorten zusammen, die schon im. Jahre 1510 bei einem Verbot des Hausierhandels maßgebend waren. Als Hauptargument wird immer die Schädigung des seßhaften Handels angeführt. Wie können aber 5000 Hausierer 400 000 Kaufleute schädigen? In diesem Argumente liege geradezu eine Beleidigung des seßhaften Kaufmannsstandes. Schon im Jahre 1896 sei in dem Berichte des Gewerbeausschusseshervorgehoben worden, daß es ethisch nicht gerechtfertigt wäre, durch Aufhebung des Hausierhandels die Konkurrenz einzuschränken. Denn die Konkurrenz sei ein Preisregulator, ohne den es naturgemäß zu Auswüchsen kommen müßte, wie es? die Kartelle sind, gegen die hier ein so lebhafter Kampf geführt wird. Abg. Alfred Schmid: In welchem Zusammenhänge steht das mit'den Kartellen? Abg. Dr, Mahler: Aber-Herr, wenn Sie zu dumm sind, das zu verstehen, dann reden Sie nicht! Äbg. Malik: Sie sind ein frecher Jude! (Zahlreiche Zwischenrufe und Lärm.) Abg. Dr. Mahler (zum Abg. Malik): Siesind ein Lausbub! (Rufe: So eine Frechheit!) Wg.-Dr. Mhslivec: Das ist eine jüdische Frechheit! Wg. Malik (zum' Wg. Dr. Mahler): Ich hau dir eine Watschen herunter, du Aff! Du blöder Kerl! (Großer Lärm und Zwischenrufe. Wg. Malik versetzt dem Redner einen Stoß.) Wg. Dr. M a hier (stößt den Abg. Malik zurück und ruft): Lassen Sie mich zur Ordnung rufen»