Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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i— ...... ---—-- Diese Zeitung erscheint wöchentlich. > Redaktion und HefchäftsDelle: < --:-— — — — Jnsertionspreise: - Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frank- Frankfurt a. ITC., Die viergespaltene Petitzeile.. 25 Psg. furt a. M. Mk. 1.— ftei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einckL « rr zg s st rr rrtz s 7 Die Reklamezeile.. I#0 „ schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: ‘tgefefott 10507. Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. i Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, -r ok—;- Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. sonstige Länder Mk. 2.— ' ' _,_____ — , Herausgeber: Aals Heis. , unter No. 4864.' ' 9. Jahrgang. Freitag, de« 19. Schwat 5671 (17. Februar 1911). Kr 7. Snhatt des Hauptblattes. Artikel: Ein neuer Rat, der uralt ist. — Brief au§ Rumänien. — Brief au§ Konstantinopel. — KaufmannSgerichts-Wahlen. — Aus aller Welt. — Personalien und Kleine Mitteilungen. — FeutllLLon: Aus der Zukunft. — Spenden. — Wochen-Kalender. — Fami lienn ach rich ten. Ei«, neuer Rat, der uralt ist. „Restlos im Deutschtum aufgehcn, restlos bis zur Unerkenntlichkeit, Volk, Religion, Tradition, Sitte, Brauch, alles, die nationale Synagoge inbegriffen, muß restlos verschwinden." —, So der Rat des .Rechtslehrers Köhler in der „Deutschen Montagszcitüng". Dieser löbliche Rat' ist uralt, er dringt an das jüdische Ohr seit Tausenden von Jahren, bald waren "es Griechen, bald wiederum Römer, bald die Gemeinde Jesu, die sich nach und nach zur Kirche und zur allmächtigen Beherrscherin entwickelte, die uns diesen Rat erteilt haben. Auf welche Weise ist bekannt, doch daraus kommt es hier nicht an. Damals sollte das. „Aufgehen" im Griechentum, Römertum oder Christentum, heute in» Deutschtum stattfinden; doch darin war Man sich stets — einst, wie heute — einig, daß das „Äufgehen" nur restlos zu geschehen habe. Auch das bischen „Mosaische" soll nach Köhler spurlos von dcü deutschen Landen verschwinden; alle Synagogen, m i t oder o h n e Hebräisch, m i t oder ohne Zion, auch die Sonntagssynagogen sollen aufgehoben werden! Für Köhler und Genossen ist die Aufhebung der Synagogen und! das damit verbundene Valetsagen dem Judentum eine einfache Konsequenz des Äufgehens. Denn wodurch anders soll der vom Judentum zum Deutschtum übergcgangene Jade gekennzeichnet werden, wie soll ein Jude Vollblutdeutscher werden, soll er das Ebenbild von Hcydebrand oder von -Dr. Hahn, von Zedlitz, von Heyl oder gar von Licbermann von Sonnenberg Iverden, oder genügt es mit dem der Bassermann, Wiemer und Payer? Wo ist also ein Maßstab für Deutschtum? Etwa Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Liebe, welche die oben erwähnten Vertreter des Deutschtums in sich verkörpern? . . . Man spricht von deutscher Treue; — besitzen die etwa die Juden in kleineren: Maße? Also worin anders(als in der Taufe soll das angenommene Deutschtum; sich kund tun? „Man halte sich an die Religion", meint ein Vertreter des preußischen Landadels und Dolmetsch der regierenden Klasse, namens v. Tiezelsky, „weil man kein anderes Mittel und Merkmal hat." Prosessor Köhler ist, wie gesagt, nicht mehr als konsequent, er kennt nur ein entweder — oder: Jude, dann Bolljude, Nationaljude, Deutscher, dann aber Bolldeutscher, deutscher Christ. Halbes dagegen — mag es noch so wenig, sogar ein bloßer Schatten sein — kann und soll, da nutzlos, micht geduldet werden. . So denkt der Rechtslchrer Köhler, so denken mit ihm Millionen deutscher Handwerker, Agrarier, Kaufleute, Aerzte u. dgl. m. So dachte man auch einst, und so dachte man sogar zur Zeit der Aufklärung, der Emanzipation .... . Man war aufgeklärt und daher auch tolerant, — aber b l o ß tolerant; tolerieren pflegt man nur Leute, die auch rechtlich ungleich stehen und zu stehen haben; das gleicheRccht für alle galt nur den Christen, die Juden aber sollen einstweilen toleriert, geduldet werden, bis sie nach und nach Christen werden. Man sagte das Zwar nicht offen heraus, allein man sagte es stillschweigend, man dachte es. Zwar erwiesen sich die Juden Jahrhunderte lang betreffs ihres Judentums als sehr hartnäckig, allein — so dachte man — dies war in Zeiten des christlichen Tiefstandes und christlicher Barbarei, damals als die 'Juden vogelfrei waren und nur Mißhandlungen und Verfolgungen kannten: doch was Barbarei und Finsternis nicht vermocht haben, das werden Aufklärung und Hnmanätät zustande bringen. Die Neuzeit hat den Wunsch der Bekehrung der Juden nicht fallen gelassen, vielmehr hat sie ihn vom Mittelalter übernommen, nur hat die moderne Welt mit der mittelalterlichen Methode gebrochen, und an Stelle der Austreibungen und Inquisitionen setzte man Aufklärung und humanitäre Emanzipation. Tie alte 'Methode hat sich einfach nicht bewährt, — die Juden blieben Juden. Professor Köhler darf also nicht einmal den Ruhm der O r i g i n a l i t ä t beanspruchen, wenn er auch, wie aus dem Borhergehendeir zu seinem Ruhme hervorgeht, nicht bloß in den Bahnen des finsteren Mittelalters, sondern gleichzeitig in denen der aufgeklärten Neuzeit wandelt. Es ist noch nicht lange her, da der liberale Professor Nöldcke uns denselben Rat erteilte. Doch unwillkürlich wirft sich die Frage auf: Wieso kommt es, daß man gerade an uns Juden dieses Ansinnen des freiwilligen Ausgehens stellt? Fast keine europäische Nation ist aus einem Gusse; auch ist keine derselben so beschaffen, daß sie nicht neben sich und in ihrer Mitte noch andere kleinere nationale Minoritäten in freier Entfaltung dulden könnte, und obwohl die Unterschiede in Rasse und' Konfession zwischen den anderen kleinen Minoritäten und den Nationalitäten viel kleiner — bisweilen ganz minimale oder fast keine — als die jüdischen sind, so fällt cs doch keinerder nationalen Majoritäten ein, mit dem Ansinnen eines freiwilligen Aufgehens an irgend eine Minorität heranzutreten. Das Mittelalter begründete unsere zwangsweise Bekehrung mit Seligmachung und Segnungen des Himmelreiches, die durch, Taufe uns Juden unfehlbar zuteil würden. , . . Ter neuzeitlich: Köhler, der- Köhler der Moderne und der Rechtswissenschaft, begründet unsere,, freiwillige Bekehrung durch unsere Seligmachung und unsere Erhebung zum Stand der Genien. Und wieso? Einfach so: das jüdische Volk sei arm an Genialitäten — worauf Köhler diese seine Annahme stützt, ist uns unerfindlich —, das deutsche Volk dagegen an Genien reich — Chamberlain sagt es! — und mithin eine Mischung zwischen Judentum und Germanentum geradezu geboten! Wahrlich, auf eine solche Logik kann nur ein genialer Rechtslehrervon Chamberlains Gnaden kommen. . . . Wir aber vermögen nicht eine derartige Logik zu fassen. Das Mittelalter bot für die Annahme der Taufe Entsündigung, Seligwerdung und noch mehr auf Erden und ein ganzes Himmelreich nach dem Tode, für ihre Verweigerung jedoch Folter und Exil; doch blieben die Juden trotz allem Juden. Und Köhler? Wo gibt es ein Menschenkind von menschlicher Ehre und menschlichem Gefühl, das die Liehe seiner Eltern um den Glanz Fremder eintauscht? Wird dennwirklich die natürliche, schon mit der Geburt gegebene Zuneigung zu de neig enen Eltern nach dem Grad ihrer Genialität bemessen?! Kann und darf Elternliebe von gewissen Qualitäten abhängig gemacht werden? (Schluß folgt.) Brief aus Rumänien. Ein jüngst vorgekommener „Fall" zeugt von dem schädlichen Einflüsse der schon oft erwähnten antisemitischen Professoren. Am städtischen Theater zu Jassy wurde eine junge Schauspielerin engagiert, von der man nachher erfuhr, sie eine Jüdin. Kaum war diese Nachricht bekannt geworden, als sich eine Gruppe von „nationalistischen" Studenten und Mittelschülern entschloß, das Austreten der jungen Schauspielerin zu verhindern. Zn diesem Zwecke begab sich eine Kommission zum Polizeipräfekten und forderte, daß der jüdischen Schauspielerin das Auftreten verboten werde, sonst würde Blntt vergossen werden! Ter Präfekt fügte sich und gab dem Direktor des Theaters die entsprechende Weisung. Da sich aber der Direktor nicht beirren lassen »rollte, veranstalteten die inr Theater in Scharen veersammelten Studenten und Schüler einen solch' n-üsten Skandal, daß die Vorstellung tatsächlich, trotz aller verzioeifelten Protestkundgebungen des vernünftigen Publikums, unmöglich gemacht wurde. Doch die Juden schwiegen nicht. Am folgenden Tage erschien ein Flugblatt, in dem den Juden dringend empfohlen »vird, das Theater, welches fast gänzlich von Juden unterstützt wird, solange zu boykottieren, bis man ihnen Genugtuung verschafft hat. Des »veiteren brachten vornehme jüdische Persönlichkeiten beim Direktor des Theaters eine Beschwerde ein gegen diese ihre Ehre verletzende Handlungsweise der Studenten, worauf der Direktor versicherte, er werde die Ausführung um jeden Preis durchsetzen und sich für das nächste Mal Ruhe zu verschaffen wissen. Auch an den Premierminister, P. P. C a r p, der als gerechter Mann bekannt ist, haben sich die Inden mit der Mtte gewendet, sie vor derartigen Borkoininnissen in Schutz zu nehmen. Der Kultusminister, der jndenfteundlich gesinnte H. C. Arion, hat bereits die Direktion des Theaters aufgefordert, ihn» zur Einleitung einer Untersuchung über das Geschehene ausführlich zu berichten.