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Neue jüdische Presse · 1911-02-10 · Heft 6 (10.2.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 6 (10.2.1911)
Date
1911-02-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Gerte & N-. 6 Frankfurt« Ifraekltisches KaunlieriLtattb«r Duc b'Orl«an» sein« Mankfestatio-nm aus allen Wänden ankleben ließ, in welchen er die Prinzipien von 1789 bekämpfte, siehe! da geschah das Unglaubliche. .Juden wurden beschuldigt, diese Revolution veranstaltet zu haben. AlS ob der edle terzog nicht wüßte, daß vor der Revolution die »den nur im Elsaß-Lothringen wohnen durften! Jüngst wohnte der Ministerpräsident jBriand einer. Monumenteinweihung bei, und bei dieser Gelegenheit wurde ihm von einem Camelot du Roy der Hut heruntergeschlagen und einige Ohrfeigen versetzt. Der Attentäter namens Lacour wurde verhaftet und zu 3 jähriger Gefängnisstrafe, welche er soeben verbüßt, verurteilt. Im Gefängnis wird er als Landesrechtsverbrecher behandelt und genießt nicht die Vorrechte, die den politischen Verbrechern eingeräumt werden. Die Camelots du.Roy protestieren nun heftig gegen diese Behandlung eines ihrer Genossen und geben in großen Plakaten ihrem Unwillen Ausdruck; unter vielen anderen Argumenten werfen sie dem jetzigen Minister vor, daß er den russischen „Juden Rips," welcher auf den Colonel der Moskauer Geheimpolizei schoß, als politisch behandelt und „Herrn Lacour" als Landesrechtsverbrecher. Charakteristisch ist auch die folgende Affäre: Bor einigen Monaten hielt ein französischer Schriftsteller Fauchois im Stadttheater Odeon Vorlesungen über Racine und kritisierte lebhaft diesen klassischen Schriftsteller des "17. Jahrhunderts. Die Camelots du Roy, welche sich den Teufel um Racine wie um die ganze Literatur kümmern, verfehlen keine Gelegenheit, ihre Manifestationen anzubringen. So auch hier. Sie machten Radau und wagten es sogar, das Podium zu besteigen und den Redner zu ohrfeigen. Sofort entstanden zwei Parteien für und gegen Fauchois. linier ersteren befand sich auch der berühmte Verfasser des Meisterstückes Beethoven, Arnyvelde oder besser Andrö Levy, der „Jude" ist. Die Camelots, welche gute Spione find, hatten dieses schnell heraus. Jetzt konnte man sich revanchieren und sein Mütchen an dem ,^uden" kühlen, denn Fauchois selbst konnten sie nicht, gut etwas anhaben. Einige Tage nach der geschilderten Szene trifft Levr mit einigen Camelots im Theater l'Oeuvre zusammen, und einer derselben beginnt, Levy zu beschimpfen. Dieser nicht faul, macht kurzen Prozeß und traktiert ihn mit einigen ^jüdischen" Ohrfeigen, daß jenem Hören und Sehen verging. Daraulhin schickt ihm Gaucher, dieses war der Geohrfeigte, seine Zeugen. Levy verzichtet aber auf die Ehre, sich mit seinem Widersacher zu schlagen und verkündet in einem öffentlichen Briefe, daß Gaucher, ein bekannter Antisemit, seinen Beruf darin sehe, auf Inden zu bellen, er selbst. Levy, sei zwar von jüdischen Eltern, aber „Libre Penseur"; doch weder eines noch das andere ginge Gaucher etwas an; Leute wie Gaucher dürfe man nur durch Ohrfeigen antworten, nicht aber sich mit ihnen schlagen; sollte er jedoch nochmals attackiert werden, so werde er sich einfach ans Gericht wenden. — Bei nochmaligem Begegnen der beiden. Streitenden fiel Gaucher Levy plötzlich an, und als sich letzterer wehren wollte, zog der Camelot seinen Revolver und bedrohte ihn damit. Levy hielt Wort. Dieser Tage fand der Prozeß statt. In der ersten Sitzung konnte das Urteil nicht gesprochen werden infolge der fortwährenden Obstruktionen, welche die Camelots du Roy veranstalteten. Mehrere Male mußte die Tribüne geräumt und daS Publikum manu militari hinausgeworfen werden; ein Vorgang, der stets mit den Rufen: „A baS les Juifs" (Nieoer die Juden) begleitet wurde. Bezeichnend war die Rede des Verteidigers Gauchers: Er sagte u. a.: „Wenn es eine Rasse gibt, auf welcher ein seit Jahrhunderten ver» erbter Fluch der Sklaverei liegt, so ist es gewiß die jüdische Rasse. Sind sie unterdrückt wegen des damals begangenen Gerichtsirrtums? Ist es der Fluch des großen Gekreuzigten oder rst -es ein ethnischer Flecken, durch welchen mau sich die tragische Mission der Zerstörung, welche dieses Volk in sich trägt, erklären muß?" Das Tribunal konnte nicht anders und mußte Gaucher verurteilen, tat es aber so gelinde als möglich. Das Urteil läutete: „200 Fs. Strafe und 1 Fs. Schadenersatz," welchen Levy beansprucht hatte. Die Antisemiten jubilieren über diesenUrteilSspruch und sind hochzufrieden, denn sie fürchteten tzine Gefängnisstrafe. Levy sollte sich seines Sieges nicht lange erfreuen; denn kaum im Hofe des Gerichts an« gelangt, versetzte .ihm ein anderer Camelot du Roy mit einer Reitpeitsche einen Schlag ins Gesicht. Sabina Stourdz«. Brief aus Ungar«. Die „Kazaren"-Frage beherrscht die Tagesordnung. Frellich, unsere jüdischen Großpächter der Toleranz drücken sich und verschwinden, wenn die rotbefrackten Hetzmeister der antisemitischen Volk-Partei,sich mit-wildem „Hallo!" auf. »in verwundeter Edeüoild^ stürzen. ->Sie gtßm sich einfach nicht zu »ckönnen, «uß»», wenn »kn rücksichtslose» enksnt terribl» dieser Volkspartei wie Karl Huszar die Grausamkeit besitzt, seine bodenlosen Verleumdungen gegen „die Kazaren"- mit Bücher- und Artikelzitaten zu begründen, die er aus den Werken der sich drückenden jüdischen Bolksväter — geschnitten hat. Auch unsre „allgemeinsten Zeitungen" haben, wenn sie sich auf allgemein menschlichen Standpunkt stellen wollen, ihre Theodor Lessinge, die auf ihren Freizügen nach Galizien Welten entdecken, die nicht existieren, und dann Artikel bauen, die ins Reich der Phantasmagorie ragen. Die Exkursion des geborenen Juden Paul Farkos nach dem Nordpol—eit hätte auch fast zu einer „Affaire" geführt. „Er", der gebildete, tolerante, durch und durch niagyarisierte dilletantische Soziologe, lernte auf einem Ausflug nach den Szijether Schncebergen das dort kümmerlich vegetierende Volk der Wallachen kennen. Als „vorurteilsloser Forscher" schrieb er einige Feuilletons, die er zu einem Buch zusammenhestete, und des langen Werkes kurzer Sinn war, daß die dort lebenden Juden an allem Elend und Jammer, an der Not und dem Hunger schuld seien. Gleich ihm, wenn auch von andern Gesichtspunkten, hat Dr. Franz Mezei, der Spiritus .setor der ungarischen Ncologie, die galizische Invasion behandelt. Während Farkos das soziale Motiv verdreht, um seiner Vorurteilslosigkeit dir Vignette zu sichern, behandelt der „moderne" Jude Mcsei den kultur'ellen Schaden, den das polnische Judentum heraufbeschworen hat. Den Schluß zieht dann mit logischer Konsequenz der Antisemi. HuSzar, der den Minister bestimmen will, auf Grund oieser „klassischen" Zeugen mit „Sondergesetzen sich gegen die Kazaren zu wenden". Größere Verwirrung als das antisemitische Säbclrasseln hat bei unsren Neologen die Idee des Wiener Rabbiners von der Gründung einer Antitaufliga angerichtet. Nicht jeder erwartet wie Julius W i n t e r b e r g, der Präsident der Pester Chewra Kadischah, einen segensreichen Erfolg von dieser Organisation. Es ist eher zu fürchten, daß Unruhe in den stillen Kreis der noch nicht ganz „Ausgejudeten" kommen kann, und darum läßt man auch chauvinistische Argumente auffahren, „um bt.fi aus Oesterreich importierte Idee" zu erdrosseln. Es gehört zum guten Ton bei unfern Brüdern von der Lcopoldstadt — dem Budapester Westend — wenigstens £5“/o der Familie gut christlich erzogen und für die Aufnahme in den Neuen Bund prädestiniert zu haben. Manche, die in der Kultusstube das große Wort zum Schutze der angestammten Religion führen, drücken ein Auge zu, wenn im Hause der Kaplan das Töchterchen in die Mysterien der Alleinseligmachenden einführt und, wer, wie der erste Pester Chasan, Professor Lazarus, sein Kind zivilamtlich ins andere Lager hineinverhciratet, der wird wie ein Märtyrer einfach in den Himmel gehoben. Daß wir keine Semiten, sondern irgend ein Mixtum von Hunnen, Zulukaffern, Mongolen und Derwischspröß lingcn sind, hat zur allgemeinen Beg.ückung der Mitglieder der „Israelitischen Kultusgesetlschast" der Neupester Oberrabbiner Dr. Benetianer endgültig bewiesen. Die semitische Legende gehört aus die Kanzel, Loiain publieo sind wir Magyaren aus echtem Schrot und Korn. Daß man von der andern Seite dies nicht glauben mag, ist wieder nur ein Stück Pech, das unserer Konfession — denn etwas andres können, dürfen, sollen wir nicht sein — mit in die Wiege gelegt wurde, das aber auch nit der Zeit überwunden werden wird. Z i o n i. Die jüdische Presse über die galizische Enquete. Neue National-Zeitung, Wien: „Während fast alle jüdischen Experten eingetroffen sind, haben die meisten polnischen Experten und der Ruthene Dr. Olesnicki die Enquste nicht einmal besucht .... Das Resultat der Enquäte bildete eine Reihe von Resolutionen, ans die sich die meisten Experten einigten, ohne daß es zu einer Abstimmung darüber gekommen wäre. Die Herren scheinen jedoch selbst eingesehen zu haben, daß diese. Resolutionen einen sehr problematischen Wert besitzen. Die Herren Dr. Nimhin und Dr. v. Löwenstein regten daher am dritten Beratungstage die Schaffung einer jüdischen Organisa tion an, einer „Selbsthilfe", die unter dem Patronate und der Kontrolle des Landes als „Bindeglied zwischen dem Lande und der Judenschaft" die Resolutionen verwirklichen sollte. Das Geld dazu soll wahrscheinlich die — Jca hergeben. Denn die Frage, ob eine rasche Hilfe für die verarmte jüdische Bevölkerung beim Lande oder bei der Regierung zu erwirken sei, wurde von allen Experten, wie Landesausschußmitglied Dr. Jahl als Vorsitzender konstatierte, verneint. Das nenne ich doch nobel sein. Die Polen und Ruthenen schämen sich nicht, alljährlich hunderttausende Kronen von der Regierung für ihre agrarischen und. korporatives Organisationen anzunehmen. Die hunderttausende jüdischen Bettler, »»n d»n»n die m»ist»n durch antisemitische Maßregeln der Lande»- und Staatsorgane um ihre Existenz gebracht werden, sollen aber nichts verlangen. So wollen es einige Leute, denen es genügt, daß sie zum Fenster hinausgesprochen haben, die aber selbst satt sind und nicht empfinden, was Hunger heißt. Kein Wunder, daß die öffentliche jüdische Meinung von dieser Enquste gar nichts erwartet; der Landmarschall hat selbst zugegeben, daß sie bloß eine „moralische" Bedeutung haben werde. Von der Moral allein können die Polen bekanntlich nicht leben und ebensowenig ihre jüdischen Nachbarn." Jüdische Zeitung, Wien: „Es war eine Komödie schlimmster Sorte. Die Vertreter des Landesausschusses und die andern christlichen Experten verrieten in ihren Reden so viel Judenhaß, daß es gradezu wahnwitzig wäre anzunehmen, daß diese Herren, welche die Macht in Händen haben, irgend etwas für die Juden zu tun beabsichtigen. Kein einziger von ihnen gab die Notwendigkeit einer besonderen Aktion zugunsten der Juden zu." Dr. Blochs Wochenschrift, Wien: „Aber auch die Zusammensetzung der Enquete zeigte sehr deutlich, in welchem Sinne man die Verhandlungen und Anträge wünschte. Unter diesen Mitgliedern sah ein jeder Kenner des Landes Gesichter, die sehr viel zu den gegenwärtigen Verhältnissen der galizischen Judenheit beitragen. Institutionen wie das Kuratorium der Baron Hirsch- Stiftung zur Errichtung und Erhaltung von Schulen in Galizien, dessen Generalsekretär sehr geeignet wäre, den Herren über das Schulwesen und über die Gewerbefreundlichkeit der galizischen Behörden, soweit cs sich um die dortigen Juden handelt — Aufschluß zu geben, der „Oestcrreichisch israelitische Gemeindebund wurden überhaupt ignoriert." Die Welt, Köln: „Die Enquete war ein Verlegenheitsmittel, eine leere Phrase, an die beide Teile nicht glaubten, weder die galizische Schlachta noch ihre Hausjuden. Dennoch ist diese Farce einer Expertenversammlung nicht ohne Bedeutung für die Juden Galiziens. Sie liegt weder in der einstimmigen Feststellung einer entsetzlichen Judennot, welche niemandem genauer bekannt ist als den sich unwissend stellenden maßgebenden Kreisen, oder in den gefaßten Resolutionen, zu deren Verwirklichung den Antragstellern und den Landesbehörden der Ernst u-nd der gute Wille fehlt, als vielmehr in äußern unerwarteten Neigungen, welche ungewollt eine radikale Umwälzung im galizischen Judentum verraten. Die Experten, vierzig erprobte, im Kampf gegen jede freiere jüdische Bewegung bewährte Handlanger der Herren des Landes sprachen mit einer staunenerregenden Offenherzigkeit vom jüdischen Elend . . Die Repräsentanten des Landesausschusses und ihre Gäste sprachen zum erstenmal seit Jahrzehnten verschiedene Sprachen und verstanden einander nicht mehr. Es weht ein neuer Geist durch das Judentum." Austritte aus dem Judentume imJahrelSI« in Frankfurt a. M. 15. Januar: Kaufmann Oscar Wiesengrund, Schöne Aussicht 9. 27. „ Fabrikant Heinr. Monheimer, Elken- . bachstraße 32. 7. Februar: Frau Frieda Gideon Victor geb. Hirsch und Sohn Fritz Jäger, Leerbach 71. „ „ Frau Dr. med. Paula Bascho, Städt. Siechenhaus. 24. „ Schneiderin Fanni Goldmann, Gneisenauflraße 89. 3. März: Frau Nora Karl Andrae geb. Hahn, Untermainkai 14. 15. „ Frau Gutta Richard Schultzweida geb. Wctterhahn, Gutleutstraße 11. 31. „ Kaufmann Richard Lebrecht, Barkhausstraße 2. 8. April: Bankbeamter Franz Joel, Feldbergstraße 24. 20. „ Student Ernst Collin, Hansa Allee 7. 30. „ Kaufmann Michael Elias Ullmann, Bleichsttaße 16. 2. Mai: Kaufmann Adolf Kaufmann und Ehefrau Anna geb. Lessing und 2 Kinder, Liebigstraße 31. 20. „ Kaustnann Hermann Haas, Schumannstraße 32. 1. Juni: Rechtsanwalt Dr. Paul Lsvi, Leerbach 45. 14. „ Kaufmann Fritz Läwenstein und Frau geb. Nathan, Erlenstraße 13. 23. „ Frau Hedwig Knoblauch geb. Redelsheimer, Eschersheimer Landstraße 75. 1. Juli: Schneider Salli Löwenstern, Merianstraße 19. ~ . r r 28. Beptbr.: Hrl. Nanette Thumrn, Niddastr. 61.

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