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Neue jüdische Presse · 1911-02-10 · Heft 6 (10.2.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 6 (10.2.1911)
Date
1911-02-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 6 Seite 2. gnanffurter Israelisches gamilüSnUatt Her Zeit, wenn es ferner in; den Besitz den Masse des Volkes kommen sollte, so konnte das nur gestehen in. der Bindung, in der geschlichen Form, Sie chm Hesekiel gegeben hat!" Ties ist doch köstlich. Bier Seiten vorher ist Hesekicls Meinung ein „verhängnisvoller Irrtum", nun ist es plötzlich durchaus notwendig. Diese Srclle hat mir — ich will offen sein — riesigen Spaß bereitet. Es freut doch einen eingefleischten Kritiker, einen solchen Widerspruch zu entdecken. Das war nicht gescheit, Herr Wcinheimer, für eine Hache Seite den Talar abgelegt zu haben. Wenn schon, denn schon. Ich liebe stets die Konsequenz. Wemi Theologe, dann wenigstens durchwegs. Aber ab. und zu ein Mensch wie alle niederen zu sei«, ist keine Art . . . Kurz noch einige weitere Pröbchen. — Seite 105. Weinheimer spricht über den Messiasgedanken und sagt: „Beides, der Glaube an das neue Zeitalter mit seinem Kampf der gottfreundlichen und gottfeindlichen Mächte und. der überweltliche, transzedente Messias, ist unter persischem (sage und schreibe persischen) Einfluß entstanden." Und weiter: „Man muß sich hüten, .die Messiashosfnung als etwas spezifisch Jüdisches ansehen zu wollen." Ist das nicht köstlich? Ich, und ihr und alle, die etwas vom Judentum zu wissen glauben, waren stets der Ansicht, daß der Messiasglaube etwas spezifisch Jüdisches sei. Wie er entstanden ist, darin sind wir nicht alle einig. Ich sage aus nationalen Gründen, ein anderer meint aus religiösen, ein Friedliebender vergleicht, ans beiden zusammen, aber keiner von uns hat je daran gezweifeU, daß er etwas Spezifisches, etwas Unjüdisches sei. Und ich hatte sogar stets geglaubt, daß der Zionismus nur eine Fortsetzung dieser Idee sei. Und nun kommt Weinheimer und belehrt uns eines anderen. Die Messiasidee sei persisch. Was tun wir jetzt? Da wird uns wohl nichts übrig bleiben, als unsere Meinung über die Messiasidee und damit über das Judentum überhaupt gründlich zu revidieren. Oder? Wollen wir's lassen? Weinheimers wegen — glaube ich — lohnt cs sich wirklich nicht, auf unsere alten Tage unsere ganze Weltanschauung zu ändern. Weinheimer spricht über Jesu s. Ihr könnt wohl ahnen, wie es werden wird. Seite 157: „Jesus wandelte in des großen Jeremia Spuren." Seite 158: „Das Judentum hat ihn zum Tode verurteilt, ohne zu ahnen, daß es damit sich als einer geistigen Weltmacht selber das Todesurteil gesprochen." S. 161: „Seitdem blieb das Judentum eine Größe ohne jede Ausdehnungsmöglichkeit nach außen und — nun fomiut das Beste! — ohne jede eigene geistige Bewegung im Innern. Das hat sich damals entschieden und ist so geblieben bis zum heutigen Tag. Es gibt wohl jüdische Gelehrte und jüdische Künstler, aber es gibt keine jüdische Wissenschaft und keine jüdische Knust. (Das Judentum ein Volk und doch kein Volk!" Da habt ihr's. Ta seht ihr, wie blind wir alle bis heute gewesen. Wir glaubten, das Judentum sei eine selbständige Kultur geblieben, gerade well cs Jesus abgelehnt hat, eine eigene Kultur mit eigenem innerem Leben, Wcinheimer sagt euch, daß es falsch ist. Wir glaubten, daß wir heute ein reiches inneres Leben haben, daß im Judentum der Gegenwart die verschiedensten (allzuverschicdcn leider!) geistigen . Strömungen vorhanden sind; Weinheimer sagtj .euch, Wahn sei es gewesen. Wir glaubten wohl, eine jüdische. Wissenschaft zu haben, Weinheimer lehrt euch, daß es nur Einbildung sei. Wir glaubten wohl, eine jüdische Zürnst zu ^besitzen (auch Literatur ist Kunst), Weinheimer sagt uns, daß cs Hirngespinst gewesen. Wir glaubten endlich, wohl ein. Volk zu sein, Weinheimer verkündet, daß wir es nicht mehr sind. Wozu schreibe ich, jüdischer Schreiber, diese Zeilen noch, wozu liest du, jüdischer Leser, diese' Zellen noch! Wozu? es ist ja nur eine Zeit- und Kraftvergeudung. Es hilft ja nichts. Wir sind ja schon geistig seit 1900 Jahren tot, und niemand kann uns je wiedererwecken? Finis Judaeae! lehrt doch Herr Weinheimer! . . . Witze, werdet ihr sagen, mache ich wohl, zur Belustigung nur hätte ich den zweiten Band von Weinheimer's „Geschichte des Volkes Israel" besprochen! Mag sein. Und ist cs etwa ein Unrecht? Hat das Buch wirklich viel mehr Wert, denn zum Witz zu dienen? .... Brief aus England. Bon S. M. S—d. . (Schluß.) Das Aufschießeil des Reform-Judentums hat aber auch etwas Gutes verursacht. Das Wicdercrwachen des vermeintliche Toten, den man durch den Zionisnius zu Grabe getragen glaubte, hat allen Elementen, denen die Erhaltung des Judentums in seiner reinen, unverfälschten Form teuer ist, das Zeichen gegeben, auf der Hut zu sein und die Krästc zu sammeln und zu vereinigen. Die Predigerorganisation ist fleißig an der Arbeit und niacht gute Fortschritte. Es ist erfreulich zu sehen, daß auch der greise Chief Rabbi bei der Arbeit ist und die Versammlungen dieser Organisation leitet. Erfreulich besonders darum, daß auch er oie Notwendigkeit der Organisation eingesehen hat, die gegen seinen Willen entstanden ist. Dr. Adler war der große Zentralisator des englischen Judentums, der olles zu einer großcit Maschine zusammeugeschmolzen hatte, die er selbst leitete. Diese Zentralisation hat natürlich auch gewisse Schäden gezeittgt, unter denen ich als den fatalsten den Umstand betrachte, daß er das Niveau des jüdischen und allgemeinen Wissens der unter ihm stehenden Rabbiner so herabsetztc, daß man sie kauni als Rabbiner betrachten darf. Freilich, je weniger Wissen der Rabbiner hatte, und je weniger Autorität er in seiner Gemeinde sich erfreute, umso abhängiger wurde diese von dem. Oberrabbinat und seinem Beth-din in London, das die kleinen und armen Gemeinden auch in pekuniärer Hinsicht sich nuterwürfig zu machen verstarbcu hat. Dieses Regierungssystcm hatte vielleicht eine Existenzberechtigung vor dreißig oder zwanzig Jahren, als die Zahl der Gemeinden in der Provinz noch sehr gering war, cs erwies sich aber als unhaltbar in den letzten Jahren, Ivo durch den Strom der Emigration aus Osteuropa die Provinzgemeinden sowohl an Zahl als an Bedeutung gewaltig zugeiwinnien haben. Ter Typus von Rabbinern, wie sie das englische Rabbincrseminar zu produzieren pflegte, erwies sich als unmöglich in Gemeinden, die 20,000 Seelen und mehr zählen, darunter viele Talmide-Chachomim und Maskilim. Ausländern wurde jede Bewerbung von vorneherein unmöglich gemacht. Dazu kani iwch, daß in den letzten paar Jahren die Hände des Leiters durch zunehmend des Alter schwach geworden sind. Alan fühlte überall das Anormale an dieseni Zustande, aber unternahm nichts aus Furcht, mau würde dadurch den alten „Chief" verletzen, der noch immer mehr arbeitete, als sein hohes Alter und seine schwache Gesundheit erlaubten. Mau begnügte sich einstweilen mit der Reorganisation des Rabbinerscminars, dessen Leitung man in die Hände Professor B ü ch l e r s legte, der einen großen Ruf hat als Gelehrter und „strong man" und der fortschrittlichen Richtung in der Orthodoie angehört. Es fand sich jedoch bald ein Rabbiner, der den Mut hatte, öffentlich aufzutreten und die Zustände rücksichtslos und frei zu behandeln. Ta er ein guter Redner und bemittelt ist, machte er Agitationsreisen in die Provinzstädte, wo cs chm auch gelang, die öffentliche Meinung für eine Reorganisierung und Reformierung des Rabbinats zu gewinnen. Tic „Minister" waren die ersten, sich einem Plan anzuschließen, von hem sie nur das beste für die materielle und moralische Hebung ihrer Stellung erwarten können. Das Resultat war die Organisatton der Prediger und Chasanim, der sich auch der Chief Rabbi anschloß, und die von Zeit zu Zeit Konferenzen hält, um das Material der bevorstehenden Reorganisation zu behandeln. Unter den verschiedenen Beschlüssen, die auf der letzten Konferenz vor wenigen Tagen gefaßt wurden, möchte ich besonders die Forderung hervorheben, England in neun Rabbinatsdistrikte zu teilen mit Hanptgemeinden, an deren Spitze Oberrabbiner stehen werden, welche für das religiöse Tu« und Lassen des ganzen Distrikts verantwortlich sein sollen, und die die Befugnis haben, über alle religiösen Fragen zu entscheiden. Tie Oberrabbinen sollen dem Oberrabbinat und Beth-din in London untergeordnet bleiben, sie bilden jedoch Kommissionen aus den Rabbinern und Vorstehern der Gemeinden ihres Bezirks, die oft zusammenkommen, um die religiösen unb philanthropischen Angelegenheiten ihrer Gemeinden zu behandeln. Die Oberrabbiner kommen auch oft zusammen, um über Fragen, die das gesamte englische Judentum betreffen, zu beraten. Tic Einteilung soll auf folgende Weise geschehen: 1. Tie Grafschaften Northmnbcrland, Cumberland, Turham und, ein Teil von Aorkshirc mit Newcastle on Tyne als Hauptgcmcindc, 2. ein Teil von Lancashirc mit Manchester als Hauptgemeinde, 3. ein Teil von Gorkshire, Terbyshirc und Lincolnshire mit Leeds als Hauptgemeinde, 4. Cheshire, Nord-Wales und ein Teil von Lancashirc mit Liverpool als Hauprgeineindc, 5. Süd-Wales und der SLvwesten Von England mit Cardiff als hauptgemeinde, 6. die östlichen Grafschaften und die Midlands mit Birmingham als Hauptgemeinde, 7. die südlichen und südöstlichen Grafschaften mit Portsmouth als Hauptgemeinde, 8. Schottland mit Glasgow und 9. Irland mit Dublin als Zentren. Dieser Beschluß ist darum äußerst wichtig, da cs klar ist, daß das Oberrabbfnat nur noch solange existieren kann, solange Tr. Adler am Leben ist. Geht er von der Szene herunter — dieser Tag möge noch recht lange ausbleiben —, so ist niemand da, der seine Rolle übernchnien könnte. Jcw's College hat keinen einzigen Mann hcrvorgcbracht, der dieses Amtes würdig gewesen wäre. In Deutschland und Oesterreich gibt cs Ivohl noch Männer, die Tr. Adler zu vertreten würdig genug sind, aber die Zeiten, wo es den. deutschen Juden Nathan Adler und Samson Raphael Hirsch gestattet war, sich um das englische Oberrabbinat zu bewerben, sind für immer vorbei. Tic Emigranten aus Frankfurt und Warschau sind unterdessen unter dem Regime Tr. Adlers jiit englisch geworden. Die vorgeschlagcne Einteilung ist das einzige Mittel, um die Situatton retten zu können und den Ansbruch eines Chaos unmöglich zu machen. Auch in den Kreisen der Rabbonim in England, der „foreign rabbis", wie sie der Chief Rabbi vor dem Tivorce Committee des Parlaments unlängst bezcichnetc, herrscht jetzt reges Leben. Auch sie haben cingeseheN, daß ihre Stellung nicht normal ist, und daß sie daher nicht imstande gewesen waren, einen Einfluß auf die breiten Massen auszuüben und zur Verstärkung des orthodoxen Judcnttrms beizutrageu. Eine Konferenz der englischen Rabbonim. wird demnächst stattfinden, die die Lage des Judeutums in England behandeln und eine streng orthodoxe Organisation von Rabbonim und Laien ins Leben rufen soll. Tic Seele dieser Bewegung ist der bekannte Gaon Rabbi Da ich es in Leeds. Brief aus Frankreich. Befindet sich in einem Lände eine große Anzahl ein und desselben Volkes, so wird mit dieser a! gerechnet; — bei uns Juden ist es jedoch e umgekehrt: Dort wo wir viel sind, da gerade werden wir unterdrückt, und nur, wo wir wenig sind, können wir uns in die Höhe schwingen. In Frankreich leben nur wenige Juden, und so sind hier Professoren, Beamte, Offiziere, ja sogar Minister (Klotz). Trotzdem ist die jüdische Lage keineswegs eine glänzende. Ueberall stehen die Juden im Wege, von jeder Seite hackt man guf sie ein, man zeigt mit den Fingern ans sic, man meidet sie wie Pestkranke, und — ach wie gern! — hätte man sie hinausexpediert. An allem ist der Jude schuld, und sollte man darob selbst die Geschichte fälschen müssen. Als

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