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Neue jüdische Presse · 1911-02-10 · Heft 6 (10.2.1911) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 6 (10.2.1911)
Date
1911-02-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— Redaktion und Geschäftsstelle: * Frankfurt a. iß., Errrrzgsstrrrtzs 7 %etefon 10507. Herausgeber: Karg Gets. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Psg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Vorschrist ohne Verbindlichkeit- Konto bei dem Postscheckanrt in Frankfurt a. M. unter No. 4864. 6 Jahrgang. Freitag, Le» 12. Schwat 5671 (16. Februar 1611). «r. 6. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Aus der Welt der Gedanken. — Brief aus England. — Brief aus Frankreich. — Brief aus Ungarn. — Die jüdische Presse über die galizische Enquete. — Austritte aus dem Judentume im Jahre 1910 in Frankfurt a. M. — A u s aller Welt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Feuilleton: Aus der Zukunft. — Kunst und -Literatur. — W o ch e n - K a l e n d e r. — Familie n-Nachrichten. - Ans der Welt der Gedanken?) Von Bcn--Koheleth. VII. W c i n h c i m e r: Geschichte des Volkes Israel. Wenn ein dentscher Gelehrter eine Geschichte des jüdischen Volkes schreibt, dann darf inan, ohne den zweideutigen Schein leerer Prophezeiung ans sich zu nehmen, voraussetzc», aas; ein guter Teil dessen, was er schreibt, falsch sein wird; wenn dieser Gelehrte überdies.protestantischer Theologe ist, dann darf man den vorausgesetzten Teil des Falschen beträchtlich steigern: niid lvenn dieser protestantische Pfarrer gar noch religiös - liberal ist, dann kann dieser Teil ins Ungemcsscne erhöht werde». Ja, iver an solchen Voraussagungen Lust hat, kann sogar im großen ganzen auch die einzelnen Partiecn der Geschichte bestimmen, die mit naturnotwendiger Sicherheit falsch sein werden. Ein deutscher Gelehrter wird niemals voll und ganz in das Wesen des Prophctismns eindringcn können, ein protestantischer Pfarrer wird stets die Juden zur Zeit Jesu falsch beurteilen und ein liberaler Theologe instinktiv .die Pharisäer beschimpfen. Tics alles .läßt sich fast a. priori beweisen, ist aber überdies so sehr durch die Erfahrung bestätigt worden, daß der apriorische Beweis überflüssig ist. Es ist nicht gesagt, daß cs keine Ausnahmen von diesen Regeln gibt; aber dann sind es eben Ausnahmen. (Beispiel: Pros. Bcrtholet in der Beurteilung der Pharisäer in seinem „Ende (des jüd. Staatswcsens"; Weinheimer als Normalthcologe bezeichnet daher auch diese Beurteilung (der Pharisäer bei Berlholct als „auffallend günstig und merkwürdig".) Hermann Wcinheimcr ist aber keine Ausnahme. Für. ihn gelten die Regeln. Und — gedankt sei ihm hierfür ain meisten — er hat die Regeln glänzend bestätigt, hat eine „Gerichte des Volkes Israel" geschrieben, deren erster Band noch anging, deren zweiter aber all die Eigenschaften enthält, die eine Geschichte des jüdischen Volkes von einem dentsch-protestantischliberalen Theologen enthalten muß und darum großen ganzen so ziemlich! falsche ist. Ich ivill nicht jagen, daß alles falsch ist. Ties wäre auch ein Kunststück. Es gibt in jeder Wissenschaft — 6c- *) Hermann.Weinheimer: Geschichte des Volkes 'tärael. Band 2. Die Entstehung des Judentums sVon der babylonischen Gefangenschaft, bis zur Zerstörung Jerusalems durchs die Römer.) Berlinschönöberg. Buchverlag der ,T>ilfe.", 1910. 181 S. -1— JÜ brosch., 4.— M geb. sonders in der Geschichte — Partiecn, die nian beim besten Willen nicht falsch machen kann: der Obertertianer ebensowenig lvie der Professor. Und ich kann cs beispielsweise Weinheimer nicht als Verdienst anrcchnen, wenn er die Jahreszahl der Zerstörung Jerusalems durch Titus richtig auf 70 n. Ehr. datiert hat. Das soll beileibe kein Witz sein, vielmehr nur ein drastisches Beispiel, das besagt, daß die politischen Vorgänge und äußeren Erscheinungen von Weinheimer im allgemeinen richtig dargestellt wurden. Aber überall, wo es galt, innere Strömungen, .geistige Vorgänge zu erklären und .beurteilen, da kam in ihnen der deutsch-protestantisch-liberalc Theologe hervor und hat alles verdorben. Mir ganz besonders. Vor liberalen protestantischen Theologen habe ich eine instinktive Abneigung. Ties ist nur eine persönliche "Abneigung, werdet ihr sagen. Mag sein. Aber daß der Theologe in Weinheimer den zweiten Band seiner „Geschichte des Volkes Israel" — na, sagen wir's drastisch — verhunzt hat, ist kein persönliches Gefühl, ist eine objektive Tatsache, die felsenfest steht, schwarz auf weiß geschrieben. Wo? In den 181 Seiten dieser Geschichte. Tenn — es verdient hcrvorgehobcn zu werden —, daß Weinheimer nicht etwa zwischen Wahrem und Falschen getrennt hat; das wäre noch gut. Man wüßte dann, dies Kapitel ist ganz falsch und jenes ganz richtig. Er har vielmehr beides dnrcheinandergestreut, eine Seite richtig, die andere falsch, ein Satz gut und ein Satz schlecht, ünd dies macht sein Buch so ujwangcnehm. Tu liest es, erfreust dich an manch schön geschriebener Stelle — und hast doch imnicr das Gefühl dabei: Paß auf, gleich kommt'-;, der Schnitzer. Man muß immer auf der Lauer stehen, und dies macht nervös. Bei mir ging's noch. Schließlich — seien wir unter uns — lese ich das Buch doch nur, um nach Fehlern zu schnüffeln, und cs gibt böse Zungen, die behaupten, Kritiker sind Leute, die an den Tunimhcitcn ihrer Mitmenschen die größte Freude empfinden. Also ■ bei mir ging's noch. Dem Leser, dem unschuldigen, nichtsahnenden Leser jedoch will ich die Lektüre nicht raten, es sei denn, daß er vom Holze der Kritiker geschnitzt sei . . . Toch ich sehe schon die Kritiker unter meinen, Lesern drohende Blicke ans mich werfen, als wollten sie mir sagen: „Ties ist ja alles nur Gerede! Wo sind die Beweise?" Ein guter Schriftsteller — lehrt mich stets mein Redakteur — muß alle Arten von Lesern befriedigen. So will ich denn auch diesen kritischen Geistern Genüge tun und ein paar positive Beweise geben. Weinheimer — gedankt sei ihm hierfür — hat es seinem Kritiker wirklich nicht schwer gemacht. Man öffnet das Buch und findet sofort Fehler in beliebiger Anzahl. Ich schlage auf und stoße auf Seite 14.s 'Ta erzählt Weinheimer von einer Neubearbeitung der biblischen Geschichtsbücher, die — so meint er — um das Jahr 600 etwa stattgefünden haben soll. Ich ließe ihm diesen Fehler zur Not passieren. Zu streng wollen wir nicht sein. Und von Weinheimer verlangen, nicht Bibelkritiker zu sein, hieße fordern, „unmodern", „unwissenschaftlich" zu erscheinen, von seinen Kollegen als „Rückschrittler" und „Stockorthodorer" verschrieen zu werden; nein, so grausam wollen wir nicht sein. Also verzeihen wir ihm dies. Toch da erzählt er iveiter, wies diese Umarbeitung besonders deutlich bei der Beurteilung des Königtuins als Institution zu erkennen sei. „Ursprünglich mit Recht als gewaltiger Fortschritt und Vorteil für Volk und Religion begrüßt, wird das Königtum jetzt ganz anders beurteilt. Eine Rede wird eingcflochten, in der das Volk vor dem; gefährlichen Schritt gewarnt wird. Diese, dem Samuel in den Mund gelegte Warnung war der Ausdruck des Unmuts über so manche Gewalttat und Tyrannei der Könige." Ties wird mir nichts dir nichts hcruntergesagt, ohne Beweis, ohne Kommentar. Weinheimer sagt's, und damit basta! Wir aber sagen: Wer das Judentum so wenig versteht, daß er nicht auf den Gedanken kam, daß es von Anfang an, aus seiner ureigensten Natur heraus, dem Königtum kühl, fast ablehnend gcgcnüberstehen mußte, der darf nicht den Anspruch erheben, eine Geschichte des Volkes Israel zu schreiben. 1 Doch weiter. Zwei Seiten darauf spricht Weinheimer von H c s e k i e l. Es folgt sie bis zur Unerträglichkeit abgedroschene Anschauung von Hesekiel als starren Gesetzesfanatiker im Gegensätze zu den früheren Propheten. Hesekiel — meint Weinheimer — ist merkwürdigerweise ein Prophet, denn „bisher waren die größten unter den Propheten ausgesprochene Gegner des Gesetzes gewesen, soweit es von Zeremonien, Tcmpeloirnst und Opfertvesen überwuchert wurde," während „Hesekiel gerade ein Förderer der Richtung war, die alles Heil vom Gesetze erwartet". Auch diesen durch seine Abgedroschenheit keineswegs wahrer gewordenen Irrtum würde ich Weinheimer verzeihen. Ich verlange nicht von ihm, eine Ausnahme zu sein. Aber schlechter als der Turchschnitt darf er nicht sein. Und dies ist er hier. Und merkwürdigerweise darum, weil der Geist des liberalen Theologen ein: Weile von ihm gewichen und ihn gesunder Menschenverstand beherrscht hat. Aber nur für eine halbe Seite. Dadurch mußte ein Widerspruch entstehen und ist auch entstanden. Seite 17 sagt Weinheimer: „Aber nun. war dieser Mann — Hesekiel •— in dem verhängnisvollen Irrtum befangen, daß er die Masse zu seinen Zielen — nämlich Liebe zu Gott und den Menschen — lenken könne durch Gesetz". So spricht der protestantische liberale Theologe, der seit Luther vor Gesetzen einen unüberwindbaren Abscheu .hat und stets in sentimentalen religiösen Herzensüberwallungen sich cinbildet, Massen durch Predigten und frommen Augcnaufschlag zu erziehen. Man kann also Weinheimer nicht übelnehmen, wenn auch er diese Meinung hat. Ausnahme ist er eben nichr. Unglücklicherweise ist er Seite 21 nicht mehr Theologe, sondern, vernünftig denkender Mensch, und so schreibt er denn: „Wenn das prophetische Gut überhaicpt hinübergerettet werden sollte über die Stürme

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