Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 3. Nr. 5 Frankfurter Israelitisches Familienblatk. Berlin. Von den zu Senatoren der „Kaiser Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft" Ernannten sind Juden: Geh. Kommerzienrat Ed. A r n h o l d - Berlin, der erst jüngst der Kgl. Akademie der Künste 500 000 Jt. zum Ban von Atelierhäusern in Rom überwies. Geheimer Obermedizinalrat Dr. Paul E h r l i ch - Frankfurt, der durch seine jüngsten Ordensauszeichnungen den 'Adelsstand und den Titel „Exzellenz" erhalten hat, und Geh. Kommerzienrat Koppel- Berlin. Berlin. Paul Singer, seit zwei Jahrzehnten der Borsitzende der sozialdemokratischen Partei, ist im Alter von 67 Jahren gestorben. Die gesamte Presse rühmt ihm die strenge Rechtlichkeit seines Charakters und die Ruhe und Liebenswürdigkeit seines Wesens »ach, ivelche Eigenschaften ihn als Vorsitzenden zum Beherrscher der schwierigsten Situationen machte». Im Reichstag wird er als einer der besten Kenner der Geschäftsordnung vermißt werden. Berlin. Dr. Georg Landsberg, außerordcntl. Professor der Mathematik an der Universität Kiel, ein Schwager des Rabbiners Pros. Dr. Atzaybänm, ist zum o r d e »t l. Professor, Prof. G o l d z i c h e r - B u d a p c st zum korrespondierenden Mitglied der hiesigen Akademie der W i s s c n s ch a f t e n befördert worden. — In Wilmersdorf verschied der Amtsgcrichtsrat a. D. Geh. Justizrat Joseph Pollack. Hamburg. Die Repräsentanten der Deutsch-Israelit. Gcm eindc wählten J ako b A l e x a n d c r zu ihrem ersten und I o s e p li L i p p m a n n zu ihrem zweiten Vorsitzende n. ÄreSlau. Die Hinterbliebenen des im November verstorbenen Stadtverordneten E. Breslauer überwiesen dem Magistrat 30 000 ,IL, deren Zinsen für Wohltätigkeitszwecke gebraucht werden sollen. Als Opfer seines Berufes — infolge einer Infizierung — verschied der 28jährige Assistenzarzt Dr. E r n st BI n m c n t h a l und Ivenige Wochen nach ihrem Gatten, dein Rittergutsbesitzer Julius Schottländer, Frau Anna S ch o t t l ä n d e r geb. Galewsky. — InBrieg verschied — 68 Jahre alt — Stadtrat Albert Eckersdorff, bis vor Ivenige» Jahren Vorsteher der jüdischen Gemeinde. München. Kommerzienrat Simon Lebrecht, Vorsitzender der Börse, ist — 61 Jahre alt — verschieden. Als bürgerlicher Magistratsrat hat er seit Jahren im kommunalen Leben Münchens eine bedeutende Rolle gespielt. Im Münchener Lokalkomitee des Hilfsvereins der Deutschen Juden war er 2. Vorsitzender. Karlsruhe. Das Finanzniinisterium hat verfügt, daß der Wein, der in der Synagoge gebraucht ivird, st e n e r f r e i ist. — Ans der Koppelschcn Stiftung in Bühl (Adresse: Synägogenrat in Bühl) sind 690 ,/£. an Eheans - st euer zu vergeben. — I. E. Löwe-London hat dem Israelitischen L a n d e s st i f t 950 Jl. zugewiesen. Luzern. Der Israelit. Frauen Verein seierte das 25jährige Jubiläum seiner Präsidentin, Frau Abraham Erlanger. Zürich. Am 22. Teweth starb im 46. Lebensjahr Frau H a n n a h Weil. Sie lvar ein „Escheth Chajil" im wahrsten Sinne des Wortes. Bescheidenheit war ihre Zierde. Trotz ihres großen Wohlstandes war sie für jeden Bedürftigen zugänglich; mcntanb ging ohne reichliche Spende von ihrer Türe. Dabei gab sic stets mit frenndlichem Gesichte. Jeder, der zu essen verlangte, wurde gespeist, und hatte sie keinen Vorrat, so bereitete sie schleunigst und meistens mit eigenen Händen Speise für die Armen. Dabei ließ sie die Armen nicht, wie es jetzt leider häufig der Fall ist, in der .stäche oder im Vorplatze speisen, sondern am Familientische, und es gewährte ihr die größte Freude, wenn es den Hungrigen recht mundete. Am Dienstag ivnrdc die Entschlafene unter ui,gewöhnlich großer Beteiligung beerdigt. Allein ans Gailingcn, dem früheren Wohnplatz der Verstorbenen, waren fast 50 Personen gekommen. Am Grabe widmete Rabb. Dr. L i t t in a n n einen tiesempfmidcnen Nachruf. Prag. Heinrich Teweles, Chefredakteur des Prager Tagblatts, ist zum Leiter des d c u t s ch e n. L a n d e s t h e a t e r s bestellt worden. Konstantinopel. In Salonique trat Oberstleutnant Dr. Salomo n R a h u m b e y, der Arzt des Militärhospitals, nach lOjähriger Dienstzeit in den Ruhestand. Paris. Unter den dreißig Frauen, die im verllossenen Jahre an der medizinischen Fakultät promovierten, ivaren vierzehn Jüdinnen "st.s. O st e >i r o p a (Rußland und Rumänien). Eine russische Jüdin, S a v i n a A a r o n o v i tz, erhielt eine besondere Auszeichnung bei der Prüfung. Allen diesen erfolgreichen Kandidaten war in ihrer Heimat die Zulassung zum Universitätsstudium wegen ihres Judentums verweigert worden. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Am 26. Januar berichteten ^stier von den verschiedenen Frankfurter jüdischen Frauenvereinen einberufenen Versammlung die Frankfurter Delegierten über die Münchener Tagung des jüdischen Frauenbundes. Den Vorsitz führte Frau Schlesinger. Die Referate von Fräulein P a p p e n h e i m und Frau Rosenblatt, die am Erscheinen verhindert ivaren, hatten Frau Clementine C r a m c r und Frau Fr o m b e r g übernommen. Außerdeni sprachen Frau Prosessor Kunz, Frau Dr. R a s - sauer, Fräulein Reumüller und Fräulein Süße r. Infolge der vorgeschrittenen Zeit konnte es, trotzdem die Referate eine Fülle wichtigen Materials boten, zu einer Diskussion nicht kommen. Frankfurt a. M. - Bockenhetm. In der gestern Abend im Rheingauer Hof stattgefnndenen Gener a l - B e r s a m m l u n fl" der I s r. A l m osen- Kasse, welche im Jahre 1810 von Dr. Kaut und anderen gegründet tvurde, tvurden für das laufende Jahr folgende Herren in den Vorstand gewählt: I u l. Müller (k. Vors.), Max Appel (2. Vors.), L evy Ballend erg (Kassierer), Lehrer Max Höxter . (Schriftführer), Lippinan R oth - schild, Adolph Bergmann und Isidor Adle r. Berlin. Gesellschaft für Palästina- F o r s ch u n g. Am 13. Februar, abends SVa Uhr, findet int Hotel „Zu den vier Jahreszeiten" (Prinz Albrechtstraßc), der angekündigte Vortrag des ans dem Babel-Bibelstreite bekannten Orientforschers D r. Jeremias- Leipzig mit Lichtbildern über das Thema: „Kanaan in vorisraelitischer Zeit" statt. Gäste haben Zutritt. Karten sind zu haben bei Dr. I. Ginsberg, Am Karlsbad 7. Nürnberg. Im Verein „Chevras B a ch u r i m" sprach Distriktsrabbiner Dr. B r e n e r- Aschaffenbnrg über das Thema „Der Talmud als Schönhcitsrichter". Er präzisierte die Stellung des Judentums zur Kunst, welche Stellung innerhalb der Grenzen, die durch die ethische Anffassung des Judentums gezogen sind, eine durchaus freundliche sei. Stratzburg i. Els. Dem Jüdischen Jugendb n n d, dem jungen erfolgreichen Verein, war cs gelungen, letzten Mittwoch den bekannten Strafrechtslehrer Dr. van C a l k e r, ordentl. Prof, an der hiesigen Universität, zu einem Vortrag über den heutigen Stand der Strafrechtsreform zu gewinnen. I» seinen Ausführungen inachte der glänzende Redner die zahlreich erschienenen Mitglieder des Vereins und viele Gisste vertrant, wie Iveit die Reformen des Strafprozesses gediehen sind. Auch .die schwierigsten Fragen ans dem materiellen Strafrechtsentwurf (Rückfällige, Geisteskranke, Jugendliche) behandelte Prof, van Calker. Begeistert wußten die Anwesenden dem trefflichen Kenner der Materie Dank für seine Laien wie Juristen interessierenten aktuellen Ausführungen. Ernst Hecht. Hamborn (Rhld.) Im hiesigen neu gegründeten „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" hielt Dr. jur. R. R o s e n t h a l - Duisburg einen sehr lehrreichen Bortrag über das aktuelle Thema: „Werner Sombarts Judcntheoricn". — Im nächsten Monat wird Zahnarzt E h r m a n n - Werden (Ruhr) über: „Jüdische Zeit- und S t r c i t f r-a g e n" rescrieren. LI. Zürich. Vergangenen Sonntag hielt Kirchenrat Dr. Kroner-Stuttgart in der Synagoge einen Vortrag über das Thema „I u d e n t n m n n d W c l t r e l i g i o n." Der Redner ging von den allgemeinen internationalen Bestrebungen aus, die sich in unserer Zeit durch Friedenskongresse, Kongreß für Weltchristentnm nsw. geltend machen, und die darauf hindenten, daß sich die gesamte Menschheit letzten Endes zu einer einzigen Weltreligion bekennen werde. Welche der bestehenden positiven Religionen tverde sich wohl am besten für eine Wcltreligion eignen? Der Budhismus, zu dem sich nahezu 600 Millionen Menschen bekennen, könne niemals Weltreligion werden, weil die Ethik des Budhismus eine Rückkehr zur Nirwana und eine Büßermoral predigt. Eine Religion, die eine Lebensverneinung auf ihrem Banner stellt, könne nicht Weltreligion werden. Das Christentum und der Islam aber sind in ihren ethischen Grundsätzen, "die doch für eine Weltreligion die ausschlaggebenden Faktoren sein müssen, lediglich eine Kopie des Judentums. . Der Redner kommt alsdann auf die Besprechung des Entwicklungsganges der menschlichen Religions-' begriffc, die da folgende sind: Fetischismus, Totemismus, Schamanismns, Polytheismus und Monotheismus. Letzterer, der die höchste Entwicklnngsstufe eines Religionsbegrisfs "bedeutet, tritt am klarste» und abstraktesten beim Judentum hervor. Das Judentum ist daher dasjenige Religionssystcm, das die ärchetypen Elemente einer Weltreligion in sich enthalte. Der Einwand, daß die jüdische Religion eine reine nationale sei, weshalb sie sich zu einer Weltreligion nicht eigne, ist nicht stichhaltig. Die 7 noachidischen Gebote der Bibel lassen nach talmudischem AuSspruchc alle Völker der Erde, sobald sie diese 7 Gebote erfüllen, eines jenseitigen Lebens teilhaftig werden. Auch der Sabbath und das'"Opfern haben einen universellen Charakter, so wurde im Tempek zu Jerusalem am Sukkothfeste für sämtliche Völker der Welt geopfert. Es ist also nach bvc Ansicht beS Redners — in der jüdischen Religion' auf das Involvieren aller Nationen in diesem ReligionsverbanLe von Vorneherein abgesehen worden. S. Horowitz. G fetnffefoR. © Aus der Zukunft. Von Friedrich Rott. lFortsetzung.) „Ich glaube, wir haben es einzig und allein dem Wettermacher zu danken, schekocho ugewuroßo mole olom, von dessen Kraft und dessen Allmacht die Welt voll ist." „9ht, Herr Mairowitsch," wandte sich Jankel an seinen Fahrgast, „was sagen Sie zu Ihrer lieben Mutter? — die kenn's mit jedem Magid ansnehmen, mir scheint mit dem Dubbner auch." „Sie könnten mir vielleicht eine Gefälligkeit erweisen," sagte Jakobson, nachdem er dem Rosselenker den vereinbarten Fährlohn eingehändigt und in seiner Herzensfreude noch ein ansehnliches Mehr hinzugefügt hatte, „in Ihrem Ort ist doch ein Telegraphenamt?" „Gewiß Herr, und ich mecht' wetten, daß ich weiß, was der Herr will. Der Herr will schicken eine Depesche an seine .Fremde in Deitschland, daß er hat gefunden seine liebe Mutter, und die Depeschen soll ich ausgeben aus das Amt von die Telegraphen. Hab' ich's derraten?" Jakobson nickte lächelnd. „Wollen Sie so gut sein?" „Wie haißt, ob ich will? — Mein lieber Herr Mairowitsch, wenn mer seht, wie Hakodosch bvrüchhö Einem antut große Tenwes, dem mecht iner ach antun eppes Güt's. Schreiben Sie Ihre Depeschen, ich geh' einspannen inein Rössel." „Wollt Ihr von mir auch eine Depesche mitnehmen, Jankel?" „Haißt e Freg! — Die Frau Mairowitsch will telegraphieren an den Beiter, an den Herrn Aronowitsch —" ,FVie Ihr alles erraten könnt!" „Feiner Kopp!" erwidert Jankel, selbstbewußt lächelnd, indem er mit dem rechten Zeigefinger an seine Stirn tippte. „Alsdann ich geh." „Herr Aronowitsch, dem das Gut gehört, ist ein Vetter von Dir?" fragte Jakobson. „Er ist ein entfernter Verwandter. Damals, als ich nach langer schiverer Krankheit ansing zu gesunden, hatten ihn Bekannte von meiner traurigen Lage in Kenntnis gesetzt, denn ich hatte nichts. Was in unserem Hause nicht niet- und nagelfest gewesen, hatten die Unholde fortgcschleppt, alles übrige zertrümmert. Wohin unser Geld gekommen ist, weiß ich nicht. Mich kümmerte das alles auch nicht, ich hatte diejenigen verloren, die mir die Teuersten gewesen waren, ohne die das Leben keinen Wert für mich hatte. Da kam mein Vetter und hat mich hierher geholt, und ihm und seiner braven lieben Frau ist es allmählich gelungen, mich wieder aufzurichten. Ich verdanke ihnen unendlich viel. Nachdem ich gesund war und nicht umsonst bei ihnen bleiben wollte, haben sie mir die Hauswirtschaft übergeben, und nebenbei hat mich der Vetter die Landwirtschaft kennen gelehrt. Ich habe mich so nach und nach hineingcarbeitct, und schon seit einer Reihe von Jahren habe ich die Verwaltung des ganzen Gutes unter mir, und ich freue mich, den guten Menschen wenigstens teilweise vergelten zu können, was sic mir getan haben, denn der Vetter ist gewöhnlich im Sommer mit seiner Frau ans Reisen. Mer der Vetter hat immer behauptet, ich müßte nochmals heiraten. Jetzt aber bin ich doppelt glücklich, daß ich mich dazu nicht habe überreden lassen, jetzt habe ich Dich mein Kind! — mein lieber, lieber, teurer Sohn!" — Er neigte sich und zog ihre Hände an seine Lippen, aber er brachte kein Wort über dieselben, das Herz war ihm zu voll "von heißem Glücksgefühl. Da trat Jankel wieder in das Zimmer. „Ra, alsdann, 's Rössel is eingespannt, jetzo mecht ich bitten um die Depeschen." Er mußte noch einige Minuten warten, sie hatten beide noch nicht daran gedacht zu schreiben. Jakobson riß ein Blatt aus seinem Portefeuille und schrieb, seine Mutter trat .hinter ihn und las, was er geschrieben hatte. „Rischmas kol chai jcworech es schimcho. Habe meine Mutter gesunden, berichte Blau." Sic zog ihn an sich und drückte ihre Lippen aus seine Stirn, dann teilte sie in nahezu denselben Worten ihren Verwandten das ihr gewordene Glück mit. Schon im Laufe des folgenden Tages erhielt sie 'Antwort von den Verwandten, den Zlusdruck der innigsten Anteilnahme an ihrem Glücke und die Aufforderung, ihren Sohn als Gast der Familie zu betrachten und demselben möglichste Aufmerksamkeit zu erweisen. Es war in früher Morgenstunde, Egon lag noch süß schlummernd in des Schlafes Armen, der ihm das holde Bild seiner Braut vorgegaukelt