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Neue jüdische Presse · 1911-02-03 · Heft 5 (3.2.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 5 (3.2.1911)
Date
1911-02-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Zrarüfurber UrMWWes AmEirnblatt. Rr. 5 zur Erleichterung der Auswanderung die Verbreitung fremder Sprachen. Dr. Asch ke na sc stellt nun folgende konlrcte Anträge: 1. Die Juden sollen in allen Aemtcrn Aufnahme finden. 2. Es werde der Unterrichtszwang unter den Inden eingesührt. (Samstag soll der Unterricht entfallen, ferner .sollen jüdische Lehrer angestellt werden re.) 3. -Schaffung von Bürgerschulen. 4. Den Inden soll die Möglichkeit geboten werde», die Vorteile der Kredit-, Industrie-, Handwcrker- und sonstigen Institutionen zu geniesten. 5. Bildung von jüdischen Handwerkergenossenschaften, denen Kredite und entsprechende Werkzeuge gewährt werden. 6. Die Handwerker sollen finanziell unterstützt werden, damit sic ihre Werkstätten niodcrn einrichtcn können. 7. Verbreitung von Hausindustrie und Heimarbeiten. 8. Schaffung und Unterstützung von Handelsorganisationen unter den Juden. 9. Propagierung der Taglöhnerarbeit unter den Juden. 10 Gründung von Gewerbeschulen mit Berücksichtigung der Juden. 11. Grösterc Ueberweisung von Mitteln an die jüdischen Hilfsorganisationen, welche die Zwecke von Punkt 1 bis Punkt 10 zu erfüllen haben. 12. Schaffung einer speziellen Abteilung im Landesausschusse mit der Aufgabe, durch Abhaltung von Enqueten und Ausführung von statistischen Arbeiten, das Material vorzubereiten, welches zur Lösung der Fragen von 1 bis 10 dienen. Nachdem Landmarschall B a d e n i gegen den letzten Antrag des Dr. Aschkenase Stellung genommen hatte, wurde die Sitzung geschlossen. Ei« Interview mit Präsident Wolffsohn. 'Der Herausgeber der ,Jlngarl. Jüd. Ztg." hatte mit Präsident Wolffsohn gelegentlich dessen Ausentfiaüs in Budapest ein Interview. Wir entnehmen aus den Aeusterungen des Präsidenten folgende interessante Mitteilungen: Die Verhältnisse in Ungarn .hält. der Präsident sehr günstig für die Entwicklung des Zionismus und ist daher erstaunt, dast nicht mehr geschehen konnte. Soweit er mit den ungarischen Juden in Berührung tan, hat er überall Interesse für unsere Sache gefunden. Selbst der extremste Assimilant in Ungarn habt noch mehr Sympathie für den Zionismus, als ein großer Teil der deutschen Juden. Es wäre «ine gewisse innerliche Zerrissenheit bei den ungarischen Juden zu konstatieren, eine Leere, die sie sehr empfänglich für die zionistische Idee mache. Auf meine Frage, wie es sich init dem unter denPapieren desSultans gefundenen zionistischen Check verhalte, teilte der Präsident folgendes mit: Kurz vor dem Ausbruche der türkischen Revolution erhielt das A.-C. von dem Direktor der Jerusalemer Bankfiliale die Mitteilung, daß der dortige Gouverneur die zionistische Bank zur Zeichnung eines Beitrages für die zu erbauende Hedschasbahn aufgefvrdert hätte. Einerseits mutzte man 'darauf gesatzt sein, datz das Geld, wie es in der Aera Abdul Hamids üblich war, bei dem Gouverneur zurückbleiben würde, andererseits ist es, um sonstigen Dexationen des Gouverneurs zu entgehen, geboten, den Betrag von 1000 Pfund zu zeichnen. Der Präsident konnte sich nicht leichten Herzens entschließen, eine solche Summe in die Hände des Gouverneurs zu geben. Er suchte daher eine in türkische Verhältnisse wohleingeweihte Persönlichkeit auf, auf deren Rat er einen auf die Londoner Zentrale lautenden Check an das Sekretariat des Sultans selbst abschickte, um dann dem Gouverneur die Quittuirg zu übersenden. Mit dem Check ging aber an den Sultan auch ein Schreiben des A.-C. ab, in welchem dasselbe seine freudige Bereitwilligkeit ausdrückte, an der Schaffung einer Bahn, welche das Aufblühen eines Landes, an das sich die Hoffnungen der Zionisten knüpften, fördert, Mitwirken zn können. Einige Tage darauf erhielt Wolffsohn ein Telegramm, in welchem der Sultan mitteilen ließ, daß zum Ban der Hedschasbahn nur Moslemin beitragen dürfen, da diese Bahn für religiöse Zwecke gebaut werde, es stehe aber dem A.-S. frei, denselben Betrag für ein vom Sultan erbautes Hospital in Jerusalem zu spenden. Nach einer Unterredung mit dem Berliner Botschafter Tewsik Pascha erklärte sich' das A-C. hiezu bereit. Bier Tage später brach die Revolution aus. Da es bei den damaligen Zuständen leicht möglich war, daß der Check in unberufene.Hände gelangte, gab Wolffsohn nach London die Ordre, die Auszahlung des Checks zn verweigern. Als der Sultan wieder die Alleinherrschaft an sich riß. mußte diese Ordre wieder zurückgezogen werden. Nach dem endgiltigen Siege der Jungtürken erfuhr das A.-C. durch die Tagesblättcr, daß. der Check unter den Papieren des Sultans vorgefundcn und von der Regierung beschlagnahmt wurde. Die Presse übertrieb den Betrag des Checks natürlich ums Zehnfache. Der Check war aber mittlerweile nach englischem Gesetze abgclaufen, nachdem seit der 'Ausstellung 'desselben 6 Monate verflossen maren. Da meldete die Londoner .Zentrale, datz Check durch die ottomanische Bank präsentiert Das A.-C. telegraphierte, daß inan die Auszählung unterlasse und schrieb an die türkische Regierung einen Brief in folgendem Sinne: Die zionistische Organisation hätte gemäß ihren Bestrebungen, das Land der Ahnen und der Hoffnung . des jüdische» Volkes zur Blüte zu bringen, gerne zum Ban der Hedschasbahn beigctragen. Der Sultan habe aber äbgelehnt, zu diesem Zwecke Gelder von Ungläubigen cntgegcnznnchmen und enipfohlcn, den Betrag für das Hospital zn stiften. Unter dem absolutistischen Regime Abdul Hamids war cs nicht möglich, sich diesem einmal ausgesprochenen Wunsche zu entzichen. Der freiheitlichen Negierung gegenüber aber gestattet sich das A.-C. den Wunsch mrsZnsprecheii, dast das Geld dein ursprünglichen Zwecke zngewcndet werde, in >velck)em Falle der Check flüssig gemacht werde. Die Regierung nahm davon Kenntnis und drückte dem A.-C. den Dank für die Förderung der HcdschasbahN aus. Aus aller Meü. Deutsches Reich. Metz. Oberrabbiner Dr. Netter hat dem soeben erschienenen Jahresberichte des Israelit. Hospizes eine historische Studie vorangcstellt. Danach reicht der Ursprung der Anstalt bis in den Slnfang des 17. Jahrhunderts zurück, also bis in die Zeit, >vo die Juden von Metz nach ihrer Wiedcransiedlung in der Stadt, aus der sie so lange verbannt, wieder eine regelrechte Gemeinde bilden dursten. Die Ausgaben, die durch jreiwillige Spenden aufgebracht wurden, betrugen anfangs etwa 2500 Frank, stiegen dann in den Jahren 1780 bis 1790 auf 1000 Frank, während sie sich jetzt auf über .30 000 Ji. belaufen. In interessanter und ausführlicher Weise werden dann die wechselreichen Phasen dieses ursprünglich privaten, dann vom Konsistorium subventionierten, auch ans städtischen Mitteln unterstützten und schließlich von der Gemeinde übcrnonimenen Institutes dargelegt, das auch seine Unterkunftsstätte im Lauf der Jahrhunderte wechselte. Heute steht man vor der Verwirklichung des längst gehegten Planes, dem Altcrsversorgungshcim, das cs fast ausschließlich ist, ein regelrechtes, allen Anforderungen der modernen Hygiene entsprechendes Krankenhaus anzugkiedcrn. Oesterreich-Ungar«. Kra'au. Trotzdem die galizischen Behörden jeden Inden, der es wagt, sich bei der Volkszählung wahrheitsgemäß zur jüdischen Umgangssprache z n bekennen, in der unerhörtesten Weise drangsalieren, haben viele tausende Juden aller Berufe die Rubrik Umgangssprache mit dem Vermerk „Jüdisch" ausgesüllt. Dem Rabbiner Gedalja Schmelkes in Przemysl wurde deswegen eine Geldbuße von 40 Kronen auferlegt. Der Rabbiner verweigerte jedoch 'die Zahlung der Buße und erklärte, lieber eine Freiheitsstrafe erleiden zu wollen. Diesem Beispiele werden zweifellos viele Hunderte und Tausende folgen. — Trotz der Versicherungen der polnischen Machthaber, das; die Juden Galiziens Polen seien und daß sie ihnen nahe ständen, hat der L a n besau s s ch n ß in diesem Jahre die jüdischen Bil - dungsinstitute mit rund 3200 Kronen bedacht, das heißt: nicht einmal mit 1°/o der für Bildungszwecke bestimmten Gesamtsumme von 293 690 Kronen. Dabei bilden die Juden 12»/o der Gesamtbevölkerung. — Am 12. Februar wird eine ans 2900 Personen bestehende M a s s e n d ep u t atio n der jüdischen Schänker Galiziens unter Führung der Abgeordneten Stand und Breiter im Reichsrat erscheinen, um bei der Regierung Protest ei.izulcgcn gegen die Verfügungen der galizischen Statthalterci in der Propinationsfrage, durch die viele tausende jüdische Schänkerfamilien Galiziens brotlos geworden sind. Frankreich. Paris. Am 31. Dez. 1909 Zählte die j ü d i s ch e G e m c i n d e 3870 Mitglieder (195 mehr als im Vorjahre), die 258 400 Francs ausbrachten. Angestcllt waren 11 Rabbiner, 16 Kantoren, 19 Sekretcriatsbeamte, 5 Chordirektoren, 124 Chorsänger, 17 Schächter und 36 Shnagogendicner. Der Religionsunterricht würbe von 2830 Kindern besucht. Die Anzahl der Barmizwohs, Trauungen und angemeldeten Todesfälle ist erheblich zurückgegangen, ein Beweis des zunehmenden Jiidifserentismus. Amerika. New-Nork. ArU der dieser Tage stattgehabten 20. Jahresversammlung der Vereinigung amerikanischer jüd. Gemeinden, der Vereinigung der Reformgemeinden, entstand durch die Rede Rabbiners Dr. faiifmon Köhler -Cincinnati große A u f r e g n n g. Er sagte u. a.: Ich wundere mich nicht, dast miete russischen und rumänischen Brüder, erzogen in erniedrigenden Umständen und in anderen religiösen Ansichten, eine gewisse Lust bekommen, wenn ie sehen, dast unsre masestätischc Tempeln, philanthropische und Bildungs-Anstalten durch ganz neue Methoden erhalten werden: sie bemerken aber nicht, dast wir durch das Bereinigen von Amerikanismus mit Judentum uns und unseren Kindern diese Lebensstärkung erworben haben. Wir haben damit den Glauben viel besser geschützt, als unsere Brüder in Europa, die sich in der Gefahr eines geistigen Hungertodes befinden, und deren Kinder tauscndweisc ihr jüdisches Erbe für einen Topf Linsen verkaufen, um politische oder soziale Anerkennung zu erreichen. Wir stehen unseren konservativen Brüdern in der Treue und Liebe, zil unserem heiligen Erbe nicht zurück; noch mehrr die Liebe zu der Wahrheit, für die unsere Eltern gestorben sind, haben die Pioniere der Resörni veranlaßt, die Wahrheit aus dem Gefängnis zu befreien, in das der Schulchan - Aruch sie eingezwängt hat. Dr. Max Heller, Rabbiner zn New-Orleans und Präsident der Zentral-Konserenz' amerikanischer Rabbiner, nahm gegen diese Ausführungen sofort das Wort, indem er sagte: Die Reforiner haben kein Monopol auf den Fortschritt: auch die Orthodoxie schreitet fort. Ich.kann mit dem Beschluß unserer Vereinigung vom Jahre 1908 gegen den Zionismus nicht übereinstimmen; eine Vereinigung wie die unsrige darf sich nicht in die Ueberzengnnge» ihrer Mitglieder einmischen oder die Partei, zu der manche von ihnen gehören, beleidigen. Ich selber bin stolz darauf, ein Zionist zu sein. Ich bin auch nicht .einverstanden damit, daß unsere Vereinigung immer das Amerikanisieren hinauspaukt; wir dürften endlich einmal als eine stillschweigende Tatsache annehmen, daß wir Amerikaner sind. Geben wir uns lieber mit der Orthodoxie Newyorks ab, sie geht mehr vorwärts als wir. Sehen wir endlich ein, daß die Amcrikanisierierung des Einwanderers nicht das einzige Mittel, ihm zu helfen, ist. Als nun Rabbi Max Landsberg -Nochester Rabbiner Dr. Heller heftig angriff und dessen Attacke ans Dr. Köhler als nicht anständig bezcichnete, entstand ein Höllenlärm, der s i ch n n c langsam wieder legte. Palästina. Nachdem die Not infolge des Regenmangels aufs höchste gestiegen war, ging endlich Freitag, den 13. und Samstag, den 14. v. M. ein ausgiebiger Regen nieder. Der Preis für Wasser hatte bereits eine für die ärmeren Bevölkcrungskreise unerschwingliche Höhe erreicht, und auch sonstige Lebensniittcl waren infolge des Regenmangels immer teurer geworden. Für die Landwirtschaft bedeutet der Regen ebenfalls eine Erlösung, da der Ackerboden ini ganzen Lande vollständig verdorrt war und man für die nächste Ernte die schlimmsten Folgen befürchtet hatte. Jerusalem, 25. Jan. Die Morde und Diebstähle nehmen leider in der hl. Stadt rapid zu. In der vergangenen Nacht.ist sogar ein Raubmord verübt worden. Hier existiert ein Verein „Gemilnth Chesed," der armen Leute zinsenlos Geld auf Pfänder verleiht. Der Mann, hem das frenide Gut anvertraut ist, wohnt in der Stadt, in einem Hofe unter lauter jüdischen Nachbären. In der erwähnten Nacht hatte sich der Mann in das Beis- Hamidrasch begeben. Däs scheinen die Diebe abgcwartet zn haben; denn kaum daß er sich entfernt hatte, drangen die Banditen ein, erdrosselten die Frau und hantierten nun nach Belieben. Die Täter verschwanden, nachdem sie alles Wertvolle an sich genommen hätten, ohne ein Zeichen zurückznlassen, das ans ihre Spur führen könnte. Abgesehen vom Morde, ist es der vierte größere Diebstahl, der allein in diesem Winter verübt wurde. — Nach Monate langem schöne» Herbstwetter, har sich endlich der Winter eingestellt mit einer Strenge, wie ihn kaum Adnischen denken. Abwechselnd friert, schneit, stürnrt und regnet cs, dast die Schiffe in Jaffa nicht landen können. Leider tritt die Genickstarre infolge des naßkalten Wetters wieder in ganz erheblichem Maßstabe ans. H. Personalien «. Kleine Mitteilungen. Frankfurt a. M. Dem Nachruf auf L a s s a r Mainz ist noch hinzuzufügen, daß er Mitbegründer des Israel. Hilssvcreins war und eine Anzahl Jahre dem Kuratorium der unter Rabbiner Dr. Breuers Leitung stehenden Thora-Lehranstalt angehörte. Ferner sei hinzugefügt, daß das Frankfurter Rabbinat bereits vor vier Jahren Lassar Mainz die „Maurenn" - Würde verleihen jvöllte, dieser sie jedoch in seiner Bescheidenheit ausschlug. Sonntagnachmittag sprach Rabbiner Dr. Nobel im Trauerhanse.

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