Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Aimrtkfrtrter llrnrlitil'difs fnnilirntilatt ---!-!-—-"( Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemenlspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. Bl. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 fein» schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deuiichland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— . > .. -. --- Redaktion and Hefchäftsssk-kk-: Srankfurt a. M„ <%etefon 10507. -HW- Herausgeber: Aalg H»eis. <! , Ins ertionspreis e: Die viergespaltene Petitzeile.35 Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. R. unter No. 486». -—_J 9. Jahrgang. Freitag, den 5. Schwat 5671 (8 Februar 1911). Nr. 5 Inhalt des hauptblattes. Artikel: Brief aus England. — Die jüdische Enquete in'Galizien. — Ein Interview mit Präsident Wolffsohn. — Aus aller Welt. —Personalien und Kleine^Mitteilungen. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Aus der Zukunft. — AllgemetneMitteilungen. — Spenden. — Wochen-Kalender — Briefkasten. — Barmizwohs. — Familiennachrichten. Brief aus England. Von S. M. S—d. Tie neue jüdisch - christliche Sekte, die Claude &. Montefiore zum Gründer hat, ist noch immer im Werden begriffen. „Nach dem Sturme eine leise Stimme." Und die Stimme ist so leise und läßt sich so selten in der Oeffentlichkeit hören, dass mait nicht nur die Formen nicht angeben kann, die die neue Religions-Gesellschaft uunehmen >vird, sondern überhaupt kaum an ihre .Existenz und .Lebensfähigkeit zu glauben inrstande ist. Eine Kirche wurde bereits angekauft und' in eine Synagoge verwandelt und ein Grundstück für einen Friedhof erworben, aber beide sind noch, wie Jericho, fest verschlossen. Es wird um Mitglieder geworben, aber die Zahl derer, die nach der neuen Fayon selig zu werden wünschen, scheint recht gering zu sein. Die Stelle eines Rabbiners wurde ausgeschrieben, und Mr. Montefiore begab sich nach Amerika, um einen passenden Verfechter seiner Lehre zu suchen, aber auch in Cincinnati scheinen die Leute nicht so „LävanoSä" zu sein. Vielleicht ist auch das hohe Gehalt nicht hoch genug für die in diesem Sinne verwöhnten anierikanischen Rabbinatskandidaten. Hat die neue Gemeinde einstweilen! noch nichts Positives geleistet, so kastn sie doch ein reiches negatives Konto aufweisen. Es ist recht fraglich, ob sie je etwas bauen wird, es ist jedoch über jeden Zweifel erhaben, daß, sie Geschick im Zerstören hat; denn ihre Gründung bedeutet den materiellen und m o r a l i s ch e n R u i n der Londoner Reform-Gemeinde, aus deren Mitgliedern sie sich rekrutiert, ein Ruin, der auch von dem orthodoxesten und prinzipiellsten Gegner der Reform schmerzlich empfunden werden wird. Die englische Reforni ist die sympathischste aller Refornr-Modcn, die mir bekannt sind und wie ich glaube, die einzige, die den Sephardi- Ritus zur Grundlage hat. Sie ist nicht das Produkt der Grübelei und Prinzipienreiterei oder des Abbruchs und der Anpassung, wie die deutsche Reform, sondern ist dein praktischen englischen Trieb nach Bequemlichkeit und Komfort entsprungen. Sie hat auch! daher nie gewagt, ein Prinzip des Judentums nmzustoßen. Tie Herren glaubten, die Orgel wirke „erhebend", und sie führten sie ein; der Gottesdienst am Samstag schien ihnen ein wenig zu lang, und' sie viertelten die Psalmen vom „Lamenazeach" bis Psalm 150, sodaß das Ganze im Laufe des Monats durchgenomtneu weist«, und ähnliche sekundäre Reformen. Sie behielten aber Zion und die Opfer und ereiferten sich so für das Hebräische, daß sie das Kaddisch-Gebet und „Jekum Purkon" aus dem Aramäischen ins Hebräische übertrugen. Auch in ihrem Verhalten der Orthodoxie gegenüber zeichneten sic sich durch eine Freundlichkeit und Hochachtung aus, die das Blut eines Emil Hirsch zum Siedepunkt aufregen würde. War ja der selige Tjr. Lö>M), der Mitbegründer der Gemeinde, ein Nationaljude und Chowew-Zion. Die neue Montesiore'sche Schöpfung hat in den Mitgliederreihen dieser Gemeinde Schrecken verbreitet und eine Krise hervorgerusen, die nnbedingt zu einer Spaltung führen wird. Der Gemeinde droht jetzt eine Gefahr, die damit enden wird, daß entweder die konservativen Mitglieder zur United Synagogue zurückkehren oder austreten und eine neue konservative Reformgemeinde gründen werden. Im Glauben, daß der „altmodische" Gottesdienst Montefiore und Genossen aus dem Hause Gottes verjagt hätte und in der Hoffnung, daß die Reformierung des Gottesdienstes entiocder die Abgefallencn zurückbringen oder wenigstens den Anschluß der Mitglieder an Montefiore verhindern Iverde, stellten die jüngeren Mitglieder Forderungen an die Berivaltung, die geeignet sind, den Gottesdienst seines jüdischen Charakters gänzlich zu entäußern und die Gemeinde zu einer extremen Reformgemeinde zu degradieren. Am meisten soll natürlich das Hebräische pogromiert werden, das zu einem Nichts reduziert werden soll. Ter Gottesdienst soll um 11 Uhr beginnen und! nur «ine Stunde dauern. Da die Predigt ein unausbleiblicher Teil des Gottesdienstes ist, so sollen die Gebete noch ferner beschnitten und zum größten Teile englisch vorgetragen werden. Tie Psalmen sollen in der Siprache gesungen werden, die David unbekannt war. Tie konservativen Mitglieder haben sich unter der Leitung des Professors Sir Philip Magnus, Mitglied des Parlaments für; die Londoner Universität und ein bekannter Pädagog und Naturwissenschaftler, zusammengewn und kämpfen energisch für eie Beibehaltung der alten Form des Gottesdienstes. Sie erließen einen sehr warmen Aufruf an die Mitglieder, der auch in der Presse veröffentlicht wurde, und in dem sie aus die Notwendigkeit des Hebräischen, als das Band, das das ganze Haus Israel religiös nud national vereinigt, hiirweisen. Der Aufruf ist ein Mcistep- Iverk des Stils und des ivarmen jüdischen Fühlcns und Denkens. Es ist jedoch, kaum zu hoffen, daß es den Konservativen gelingen werde, alles beim alten bleiben zu lassen, da die jüngeren Mitglieder, die die Majorität der Gemeinde ansmachen, für die Neuerungen sind, deren Tragweite, aus Mangel an jüdischen Kenntnissen und historischem Sinn, sie kaum begreifen können. Werden die Forderungen in der heute stattfindenden Generalversammlung angenommen, so bleibt den Konservativen kein anderer Ausweg, als die Gemeinde zu verlassen.'Man vermutet. daß auch der RaMiner in gleicher Weise handeln wird. Montefiore kann mit Stolz auf das Werk seiner Hände blicken. Es ist ja Nebensache, ob die „liberale" Gemeinde zustande kommen wir» oder nicht, aber die Saat der Uneinigkeit un» Zerbröckelung hat bereits die ersten Früchte gezeitigt. (Schluß folgt.) Die jüdische Enquete in Galizie». Graf B a d e n i, Landmarschall von Galizien, eröffnete im Gebäude des Landesausfchusscs fcie Enquete; er erkennt in seiner Eröffnungsansprache an, daß die Lage der jüdischen Bevölkerung ungünstiger als die der anderen Bevölkerung ist. Abg. Dr. v. L ö w e n st e i n, auf dessen Antrag der Landtag die Enquete beschloß, eröffnet die Aussprache. Er sieht in der Notlage der galizischen Juden den Ausfluß der Entwickelung der sozialen B erhält nisjc des Landes; die vom Lande zum Zweck der Selbsthilfe eingeleitete Aktion habe der jüdischen Bevölkerung manche Erwerbsquelle geraubt, ohne ihr neue zu geben. Dr. Aschkenase, Vizebürgermeister von Lemberg, gibt st a t i st i s ch e Date». In einzelnen Ortschaften könne die Hälfte der jüdischen Einwohner nur dank der össentlichen Mildtätigkeit ihr Dasein fristen. In Stanislau gebe es 3700 christliche und 7200 jüdische Arme, während die christliche Bevölkerung 54, die jüdische 46 Prozent ausmache. Das Hausier-, das Sonntagsruhe- und das Veterinärgesctz haben der jüdischen Bevölkerung wirtschaftlich sehr geschadet. Abg. Dr. Groß betont, daß mehr als die Gesetzgebung der anrisemitischeGeistder christlichenBevölkerung die Juden geschädigt habe. In Krakau nehme die Schuhmachergenossenschaft keinen Juden auf. Die Gewerbeverbände betreibe» antisemitische Propaganda. Abg. Dr. Diamond macht allein die Regierung für die vorhandenen Zustände verantwortlich; er verlangt jüdische Schulen. Direktor Zgnrs'ky, Gewerbeinspektor Nawratyl, Statthalter Brückner machen aus ihrer antisemitischen Gesinnung keinen Hehl und suchen die Ausführungen der Vorredner abzuschwächen Es sprachen »och Abg. Dr. K a l i s ch c r. Bürgermeister Dr. Le» u. andere. Bemerkenswert war die einstündige Rede des zionistischen Abg. Stand über die gesamte Lage der galizischen Juden. — Zu Beginn des zweite» Berhandlungstages polemisiert Abg. I a h l gegen Stand, kann jedoch Stands Zahlenmaterial nicht widerlegen. Dr. F r u ch t m a n n , Direktor der Galizischen Hypothekenbank, verweist ans die Verarmung der jüdischen Intelligenz; ei« Drittel der j irdisch en Advokaten in Lemberg nndin Krakau seien beschäftigungslos. Nur die vollständige Gleichberechtigung der Jude» verbürg« eine hinreichende Hilfsaktion. Er wünscht die Zuführung der Inden zur Landwirtschaft, die Schasftlng neuer Industrien und die Griitidurig von Fachschulen fiir die jüd. Bevölkerung. Direktor Feldstein hält die Schaffung von Produktivgenossenschaften für die jüdische» Handwerker für segensreich; Dr. Schöneth antisemitelt: Dr. Merwin spricht sich gegen die Verbreitung der jüdische» Sprache aus: Graf B a d e n i polemisiert gegen Stand: Professor Dr. Sternb a ch, der sattsam bekannte Leiter des jüdischen Schulwesens, greift wieder einmal das Cheder an; Mg. Groß verlangt, daß die Landesbank die jüd. Genossenschaften unterstütze, und Dr. B e n i s wünscht die Schaffung von ^KlxchMabrzken, sopy^ :.-.Ksinomvlk» .-irt chrnü kwstD TSd ■ifi nojif f:r.O .'in'.'i.iCI. JO'ihl .!) .)(’ T