Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- Seite 4 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. „Das Z.-K. billigt die Haltung seines Präsidenten, dem es sein uneingeschränktes Vertrauen ausspricht. Das Z. -K. findet die Demission seines Präsidenten begründet in dem Verhalten der Zentrale in Köln gegenüber der westöstcrrcichischcn Organisation und ihren verantwortlichen Partcibchörden, insbesondere in den Veröffentlichungen des Zentralorganes in der Afsaire Park-Steiner und den Angriffen auf die gesamten österreichischen Gesinnungsgenossen, welche in Nr. 5t des Zentralorgans im Schlußpassus der osizicllen Er- Üärung der Redaktion enthalten ist. „Das Z. - K. fordert die Einhaltung der auf der Jahreskonfcrenz 1910 vereinbarten Friedcnsbedingungcn und verlangt von der Zentrale Genugtuung und Respektierung der westösterr. Organisation und ihrer ireigewählten Organe." Es wurde beschlossen, mit allem Nachdrucke diese Forderungen des Z. - 5k. bei den obersten Parteibchörden zu betreiben. Als eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein gedeihliches Zusammenwirken mit dieser beschloß das Z. - K. zu verlangen, daß der Wiener Berichterstatter der „Welt" nur mit Zustimmung des Z. - 5k. nominiert werden dürfe. Die Frage der Einberufung eines Zionistentages wurde einstweilen auf die nächste Sitzung vertagt und der Präsident ersucht, bis dahin die Geschäfte weiterznführen. In der durch seine Erklärung neuaufgerolltcn Angelegenheit Park-Steiner beschloß das Z.-5k.. vom E. A. C. zu verlangen, daß es durch ein Parteiehrengericht dieselbe zur endlichen Austragung bringe. Aus -er Zukunft. Von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Frau MairoUitsch betrachtete »och immer staunend das glückstrahlende Angesicht des wicdergefundenen Sohnes. „Merkwürdig! merkwürdig! — ganz wie der Vater — jeder Zug der Vater. — Zankel," wandte sie sich an den Kutscher, „seid so gut und saget der Mirel, sic möchte ans einen Augenblick hereinkommen. — Aber saget ihr nicht, was Ihr gesehen habt. Versteht Ihr?" „Versteh schon," versetzte Jankel und eilte hinaus. Gleich darauf kam er zurück mit der langjährigen Köchin des Hauses, die ehedem bei Frau Mairowitsch bedienstct gewesen war. „Was tut sich?" fragte die Alte, „was ist da mehr?" „Komm' näher und sieh her." Sie kam näher und sah den jungen Mann neben seiner Mutter, die ihren Arm um seine Schulter gelegt hatte. Mirel stieß einen gellenden Schrei aus und entsloh, Jankel ihr nach. „Schcm jischmereni! ein Sched! ein Sched!" „Aber Mirel, redet ka Narrischkaten!" „Ich red' ka Narrischkat, Ihr habt ihn nischt gekennt, aber ich sag' Euch, er is ganz wie ihr Herr, ganz wie ihr Herr, den ich selber Hab in's Kewer legen sehn! — Weh! sie hält 'n Sched im Arm!" „Aber Mirel! Wcibcrl! laßt doch mit Euch reden!" „Was is da zu reden? tver Augen hat, kann sehen. Sch'ma Jisroel! es is ’n Sched, und sie haltet .ihm im Arm! — Jankel, ich bitt Euch, reißt sie weg von dem Sched." Es währte noch eine geraume Zeit, bevor es dem aufgeklärten Rosselenker gelang, die treue Alte zu überzeugen, daß es sich nicht um einen bösen Geist handelte. Inzwischen saßen Mutter und Sohn, Hand in Hand, Auge in Äuge und lvurdeu nicht müde, einander anzuschauen, den gegenseitigen Stimmen zu lauschen und zu hören, >vas sic einander mitzuteilen hatten. Die Erlebnisse des jungen Mann sind bekannt, seine Mutter sprach: „Mir ist, als wäre ich im Traum, ich kann cs noch immer nicht fassen, daß Du mein Kind bist, das ich so lange als tot beweint habe. — Ob Du gut bist? — Ich kenne Dich nicht; aber ich weiß, daß Du gut bist, sonst könntest Du ihm nicht gleichen. Deinem Vater, dem besten, dem edelsten der Menschen, den je die Erde getragen hat." — Sie hielt einen Augenblick inne, wie überwältigt von der Erinnerung, dann sprach sie mit' etwas belegter Stinime weiter: „Es ivar in jenen grauenvollen Tagen, als das Volk, von den Behörden aufgehetzt, sich gegen die Juden wandte. — Ich will Dir die Greueln nicht schildern, nur das, was uns betroffen hat, will ich erwähnen. Die Pogroms waren daivals an der Tagesordnung; heute schlug man hier die Juden tot,, morgen dort. Bei uns geschah es gn einem Sabbat. Wir wohnten einige Stunden von hier in E. Wir hatten ein Geschäft, es ging uns recht gut, Frankfurter Israelitisches Fcnnilienblatt. um so sicherer war unser Verderben. Es war an einem Sabbatnachmittag, als wir das Heulen und Toben der Hooligans vernahmen. Ob Dein Vater die Haustür verrammelt hatte, weiß iäy, nicht; aber sie wurde ausgestoßcn, und ein Haufen Hooligans drang herein. Sofort begannen sie zu plündern und zu zerstören, was ihnen in die Hände fiel. Dein Vater wehrte ihnen nicht, denn was hätte er gegen die Masse ausrichten können? Doch da kam ein Betrunkener taumelnd auf mich zu, schrie, er müsse die schöne Jüdin küssen, umfaßte mich, neigte sich zu mir, schon spürte ich seinen nach Fusel duftenden Atem — da sprang Dein Vater auf ihn zu, mit einem wuchtigen Faustschlag traf er ihn in's Gesicht, daß er mich losließ und zurücktaumeltc. Doch im selben Moment drängte sich der Schmied vor, dessen Sohn Dein Vater geschlagen hatte. Mit seinem Schmiedehammer holte er aus und traf mit wuchtigem Schlage Deiuen Vater in die linke- Schläfe. — Lautlos und blutüberströmt brach der Herrliche zusammen. — Ich will mich über ihn werfen, da höre ich Dich jämmerlich schreien, und wie ich aufblicke, sehe ich den Kerl, der mich hat küssen «vollen, jvie er Dich an den Füßen gepackt hat und hoch emporhebt, um Dich gegen die Mauer zu schleudern. — Doch da hat Gott mir geholfen. — Ich springe dorthin, wohin ich sehe, daß er Dich schleudern will >^»d Du fliegst mir in die Arme, ob lebend oder tot, das weiß ich nicht, — wie ich mit Dir durch die Hintertür gekommen bin, das weiß ich auch nicht, — ich weiß nur, daß ich mit Dir durch die Felder gerannt bi», bis ich auf der Landstraße einen bekannten Bauern mit seinem Wagen gesehen habe. Väterchen! Väterchen! habe ich gerufen, um Gottes Barmherzigkeit willen, nehmt mich mit. Da hat der brave Manu sofort angchaltcn und ist vom Wagen heruntcrgesticge», um mir hinaufznhelfen, und jetzt habe ich erst gesehen, daß Dir die Augen offen hast und daß Du lebst, und ich war so dankbar, daß ich für einen Augenblick sogar an Deinen Vater vergessen habe. Der brave Bauer hat ans die Pferde cingehauen, daß Kies und Funken stoben, 'denn er hat gesagt, die Hooligans sind uns ans den Fersen. Gefahren sind wir ivie der Teufel. — Doch auf einmal scheut das Pferd, vor was, das weiß ich nicht; — es reißt dem Bauer den Zügel aus der Hand und jagt ivie rasend querfeldein über Gräben und Stcingerölle, es war eine grauenvolle Fahrt. — Der Bauer hat geflucht und hat alle seine Heiligen angerufen, ich habe die Widni gesagt und Sch'ma Jisrcol! und Du bist ganz still gewesen und hast Dich an mich geschmiegt. — Ans einmal rennt das rasende Tier gegen einen Baum, der Wagen fällt um, — und wir fliegen hinaus. „Ich bin mit dem Kopf auf einen Steinhaufen gefallen, das hat man mir erzählt, denn ich selbst weiß nichts davon. Erst zwei Tage später hat man mich gefunden, auch den braven Bauer, aber er war tot, ein Kind hatte jedoch niemand gesehen. — Jetzt erst reime ich mir das zusammen. Du ivarst kaum anderthalb Jahre alt, bist allein in die Stadt gelaufen, konntest Dich aber Fremden nicht verständlich machen, und als ich nach zwei Tagen gefunden wurde, war ich bewußtlos, und cs währte eine Reihe von Wochen, bis ich zur Besinnung kani. — Ich habe selbstverständlich sofort nach Dir verlangt, kein Mensch hatte Dich gesehen, man sprach die Vermutung aus, daß auch Du ein Opfer der Mordgier jener Scheusale geworden, denn man hätte eine Anzahl Kinder unter den Ermordeten gefunden, auch die Leiche meines unvergeßlichen Gatten. Daß ich auch Dich verloren haben sollte, konnte ich lange nicht fasse», viele Jahre habe ich umsonst nach Dir geforscht, bis ich schließlich an Deinen Tod glauben mußte. — Und nun hat mir Gott doch die große Gnade erivicsen — ich habe Dich wieder! — mein Kind! mein Sohn! mein Alles! — O, Gott ist gut! Gott ist gut!" — Tränen erstickten ihre Stimme und weinend schlang der Sohn seine Arme um ihren Hals. „Gott ist gut! Gott ist gut!" Dann griff er in die Brusttasche und zog eine Karle hervor. „Kennst Du das, liebe Mutter?" „Ach, das bist ja Du!" rief sie und drückte das Bild an ihre Lippen „mein Kind! mein süßes Kind! — So hast Du ausgesehen, genau so — Mirel!" rief sie der Alten entgegen, die sich aus Jankels Zureden eben wieder in das Zimmer getraute, „schau doch her, iver ist das?" Mirel nahm das Bild und Tränen entstürzten ihren Augen. „Ach, das ist ja unser goldiges Jüngel! Dowidel! Dowidcl! wo ist er?" „Hier ist er", sagte die glückliche Mutter, unter 'Tränen lachend, indem sie aus de» stattlichen Sohn deutete „hier ist unser goldiges Jüngel, unser Dowidel. Und David, hier ist unsere treue Mirel, auf deren Arm Du am liebsten eingeschlafen bist." Jakobson drückte die Hand der Alten herzlich und sprach einige dankende Worte, als der Kutscher näher trat. „Na, wie ist's denn, fahren wir jetzt zur Station, Herr Mairowitsch?" Nr. 4 Herr Mairowitsch! — Seltsam durchzuckte es ihn, zum ersten Mal im Leben hörte er sich mit seinein wahren Namen nennen. Aber der Hals war ihin wie zugeschnürt, er bracht im Augenblick keinen Laut hervor, seine Mutter antivortetc für ihn. „Nein Jankel, heute fährt mein Sohn nicht zur Station und morgen auch nicht, und überhaupt uicht in der nächsten Zeit, so schnell lasse ich ihn nicht wieder fort." „Das Hab' ich mir gedenkt," sagte Jankel. den breiten Atund lächelnd noch breiter ziehend. „Aber an der .ganz Szimche ist doch eigentlich der Jankel schuld, wenn der nicht hier eingekehrt ivär. —" „Da möcht' ich doch eher meinen, daß euer Rössel daran schuld hat," fiel Mirel ein „wenn bas sich uischt hätt' auf die Hinterfiß gestellt —" „Dann hätte .ich's eigentlich dem Gewitter zu danken," bemerkte Jakobson lächelnd, „daß das Pferd sich vor den Blitzen gefürchtet hat." (Fortsetzung folgt.) „Zu Geschenken eignen sich meine Operngläser, Feldstecher,LorgnonS, Barometer. Thermometer, Brillen, PIncenez; Spezialwerkstätte für Optik, Mechanik, Elektrotechnik. Physikalische Lehrmittel." „I. W. Albert, Inh. Paul Wanderey, HauS Neptun, Ecke Neue Mainzerstr. und Weißfrauenstr. 11. Tel. 7254, Amt I." Breslau, den 15. Januar 1911. Sehr geehrte Redaktion! Nachstehend gestatte ich mir, Ihnen die Abschriften einiger Briefe zu übersenden, die Sie »üb die Leser Ihres geschätzten Blattes vielleicht interessieren dürften. Mit vorzüglicher Hochachtung! Hugo Schachtel. Anfang Oktober vorigen Jahres wandte ich mich im Aufträge einiger Breslauer Herren, die hier eine Ortsgruppe der „Organisation für hebräische Sprache und Kultur" zu gründen beabsichtigen, au den hiesigen Gemeinderabbiner Herrn Dr. Rosenthal mit der Bitte um Ueberl a s s u n g e i n e s S ch u l z i m m e r s in der von ihm geleiteten Rcligions-Unterrichts-Anstalt zur Abhaltung e i n e s ,o d e r m e h r e r e r Hm:- bräischer Sprachkurse nach moderner Methode. Herr Rabbiner Dr. Rosenthal war so freundlich, mir sofort (am 12. 10. 10) zu antivortcn: er halte meinen Antrag für empfehlensivert und habe denselben befürwortend dem Herrn Geheimrat Wollstein übergeben. Dieser meine, daß er den Antrag dem Vorstande unterbreiten müsse, dessen Sitzung erst in 14 Tagen stattfinde. Am 18. November erhielt ich folgenden Bescheid: „Wir sind uicht in der Lage, dem Anträge auf Ueberlassung eines SchulzimmerS zu entsprechen. Der Vorstand. der Synagogen-Gcmeinde, gcz. Wollstein, Marck." Am 23. November schrieb ich an den Vorstand der Shnagogen-Gemeinde: „Zu dem Bescheid (folgt Jour». Nr.) erlaube ich mir die höfl. Bitte auszusprechen, mich die Gründe für Ihre Ablehnung der Ueberlassung eines Schulzimmers für die Abhaltung hebräischer Sprachkurse wissen zu lassen. Ich spreche diese Bitte aus, iveil ich nur annehmen kann, daß ein Mißverständnis vorliegt. Meine damals "an Herrn Rabbiner Dr. Rosenthal gerichtete Bitte erfolgte im Aufträge eines Kreifes von hiesigen Gemeindemitgliedern, die sich mit der Absicht tragen, hier eine Ortsgruppe der „Organisation für hebräische Sprache und Kultur" zu begründen. Dem Berliner Lokalkomitee dieser Organisation sind von der Verwaltung der Berliner Shnagogen-Gemeinde, wie aus einer jüngst in der „Mlgemeinen Zeitung des Judentums" und andern jüdischen Zeitungen pichliziert gewesenen Annonce Iiervorging, eine ganze Anzahl von Schulzimmern in Gemeindeschulcn zur Verfügung gestellt worden. Meine Auftraggeber und ich glaubten annehmen zu können, daß die Breslauer Gemeinde-Verwaltung sich einem gleichen Wunsche gegenüber nicht ablehnend verhalten würde." Am 9. Dezember erfolgte nachstehender Bescheid: „Wenn die Sprachkurse die Förderung der verständnisvollen Teilnahme am Gottesdienste oder der Kenntnis des hebräischen Schrifttums bezweckt hätten, würden wir Ihnen die Schulräume ohne weiteres überlassen haben. Da die Kurse jedoch — wie wir auf Grund eingezogener Erkundigungen ermittelt haben — zionistischen Bestrebungen dienen sollen, deren Förderung als mit dem deutschen Nationalgefühl unvereinbar wir entschieden ablehnen, haben wir die Einräumung der Schulzimmcr verweigern müssen. Der Vorstand der Shnagogen-Gemeinde. gez. Wollstein. Sachs. Marck." Ich habe darauf das folgende Schreiben an den Vorstand gerichtet: „Auf das Schreiben, Tagebuch Nr. 2203/10 gestatte ich mir zu erwidern: Obwohl die Frage der Ueberlassung von-Schulräumen für den hebräischen Unterricht " an sich