Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- Seite 3 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4. . Rathenau scheint es als ein besonderes Zeichen der „Kultivierung" anzusehen, wenn ein Jude von seinen eigenen Glaubenslehren keine Ahnung hat. Dieser neue „Kulturmaßstab" ist zu „eigenartig," NM ernst und einer Widerlegung wert genommen zu tverden. Ebensowenig verlohnt es sich, die Frage zu stellen, was denn Dr. Rathenau von der jüdischen Religionsethik und den sittlichen Prinzipien des Judentums eigentlich weiß. Weniger philosophisch" gehalten sind die Ausführungen des Geh. Oberregierungsrats Dr. Mayer' s, der die Frage vom Standpunkte des Staates behandelt. Er stinimt darin Köhler zu. daß die jüdischen Kräfte für den deutschen Staat von großem Nutzen seien, — aber gerade deshalb müßten diese Kräfte als selbständige Faktoren in ihrer Unverfälschtheit bestehen bleiben. Ebenso sei die Fortexistenz der jüdischen Religion von großer Kulturbcdeutung. Die geschichtliche Erfahrung habe es bewiesen, daß eine Unterdrückung des jüdischen Glaubens und Entjudaisierung unabsehbaren Schäden für den Staat selbst im Gefolge haben müsse. Und so kommt Dr. Mayer, der Präsident des badischen Oberrates der Israeliten, im Interesse des Staates zu einer definitiven Ablehnung des Kohler'schen „Taufvorschlages," den Dr. Rathenau als Jude nur vorläufig nicht annehmen will. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Die heutige Sitzung des Ausschusses 'der israel. Gemeinde lvar die erste im neuen Jahre. Dr. med. B ä r w a l d, der bisherige Vorsitzende, begrüßte die neuen Mitglieder, besonders Dr. med. Hanau als Vertreter von Bockenheim, und gedachte dankend der Tätigkeit der ansgeschicdenen Mitglieder. Er gab sodann dem Gefühle der Trauer über das Hinscheidcn des Mitgliedes der Ritualkommission Lassar Mainz Ausdruck. Es wird nunmehr in die Tagesordnung eingetreten. Dr. med. B ä r w a l d und Dr. med. Will). H a n au e r werden als Vorsitzende wiedergcwählt. Von den Delegierungen seien hier erwähnt: In das Pflegamt des Hospitals wird Dr. Hanauer, in die Kommission für den Neubau des Hospitals Dr. Bärwald, Dr. H an a u e r und Dr. Hanau, in die Ritualkommission H » g o F r ä n k e l, in die Kommission für den Religionsunterricht an den städtischen Schulen Leo Isaak und in die Baukommission M o r i tz M o - s e r delegiert. Das Ruhegehalt der Schwester Johanna wird mit 40 Jk monatlich genehmigt und der letzte Punkt der Tagesordnung „Kultns'onimissioii" in die nichtöffentliche Sitzung verlegt. Berlin. Die hier vor kurzem gegründete Palästinaforschnngsgesellschast plant die Entsendung einer wissenschaftlichen Expedition zur Erforschung des Toten Meeres. Mau hosst, einen bekannten jüdischen Gelehrten für die Leitung der 'Expedition zu gewinnen. Berlin. Im Dezember sind hier folgende Personen aus dem Judentum a u s g c t r e t e n: Elisabeth Barth geb. Hoffman», Heinersdorferstr. 19; Bankbeamter Julius Haase, Grüner Weg 119; Walter- Feige, Kurfürstendainin 180; Dr. phil. et ined. Peter Rona, Wichmannstr. 3; Fräulein Alice Feige, Kurfürstendamm 180; Maria Goldstein geb. Prager, Bülowstr. 2; Rentier Alfred Cahen, Charlottenburg, F-ritschestr. 70; Anna Cahen geb. Boelz, Charlottcnburg, g-ritschcstr. 70; Kaufmann Wilhelm Silberstein, Charlottenburg, Schlüterstr. 34; Jnstizrat Josef Prerauer, Gr. Lichterfelde, Fontanestr. 2a; Dr. jur. Richard Feige, Kurfürstendainin 180; Rechtsanwalt Hugo Strelitz, Elsholzstr. 6; Rechtsanwalt a. D. Tr. jur. Georg Meier, Blumes- Hof 11; Apotheker Dr. phil. Heinrich Haller (früher Häkle), Bundesrats-ilser 11; Ernst Alfred Jos. Salomon, Kurfürstendainin 40-41; Buchhändler Gg. Ucko, Rixdors, Weichselplatz 3; Rentier Simon Bittiner, Friedenau, Fregestr. 80; Photograph Wilhelm Munk, Tegel, Schloßstr. 21; Bankbeamter Otto Pohl, ^Kalkrcuthstr. 11; Stud. med. dent. Ernst Blumenheim, Charlottenburg, Ansbacherstr. 6. München. Die Eröffnungsansprache von Fräulein B e r t h a P a p p e n h e i m aus der hiesigen Tagung des I ü d. Frauenbundes hat allgemeines Interesse, besonders aber der Teil, in dem sich die Rednerin iiber die Stellung der Frau im gegenwärtigen jüdischen Leben verbreitete. Sie sagte in bezug darauf folgendes: „Daß das Gebot des sozial-ethischen Verhaltens des Einzelnen ein jüdisches ist, und daß es sich mit den Gesetzen der modernen Wissenschaft nicht nur deckt, sondern schon ein religiöses Gebot für die Juden war, bevor die Wissenschaft die Gesetze entdeckt hat, macht, daß jeder innerhalb der jüdischen Gemeinschaft geborene Mensch dieser seiner angestammten Gemeinschaft voll Stolz Iren bleiben kann, einerlei, in welcher Distanz er sonst zur jüdischen Lehre stehen mag. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Stammestreue und der Trieb der Artentfaltung sind bewußte und unbewußte Kraftäußerungen der Individuen und der Gattungen. Treulosigkeit ist Schwäche und ein Anzeichen der Degeneration; auch Taufe und Ueberläufertum ist Charakterschwäche und Degeneration. Diejenigen unter ihnen, die wissen, wie sehr die T a u f s e u ch e unter den Juden zugenoinincii hat — vielleicht hat sic auch einen pathologischen Einschlag wie Sclbstmordsenchen und andere aus Nachahmung beruhende Erscheinungen —, diejenigen werden es begreiflich finden, daß eine Versammlung ernster Frauen unter andern wichtigen Erörterungen an dieser Tatsache nicht gleichgiltig vorübergehen kann. Und da muß es denn auch gesagt werden, daß, die Erscheinung aus den Zusammenhängen gerissen, als Ausschnitt betrachtet, die Frauen allerdings vielfach die Leichtigkeit und Bereitwilligkeit fördern, mit denen die Familien durch die Taufe ihre Abstammung verleugnen wollen und ihre Zusammenhörigkeit mit dem jüdischen Volke abschwören. Die Frauen sind es in vielen Fällen, die sowohl im Gesellschaftswie im Vereinsleben mit den christlichen Kreisen liebäugeln, christliche Beziehungen anknüpfen wollen, nur weil sie christlich sind, sich s e l b st demütigen und demütigen lassen, nur, um nicht als jüdisch zu gelten. Die Frauen sind es ost, die die Männer anstiften, „Der kluge Großvater" zu werden, und Frauen sind es ost, die dahin drängen, daß ihre Töchter und Söhne „in vornehme christliche Familien" durch Heirat ausgenommen werden, um — wie sie meinen — „restlos" in ihnen aufzugehen. Restlos, d. h. solange das Geld reicht, um dessentwillen sie geheiratet werden, oder bis sonst ein inneres oder äußeres Moment eintritt, daß sie trotz der Taufe als Juden und die Kinder als Jiidcnstäininlinge, als Eindringlinge doppelt schlecht und verächtlich behandelt werden. Aber nur wenn man die Erscheinung als Ausschnitt deS Gesamtbildes sieht, trifft die Schuld der Charakterlosigkeit und der Treulosigkeit, mit der sie zur Taufe drängten, die Frauen in den jüdischen Familien. Im Zusammenhang mit der Entwicklung betrachtet, haben die jüdischen M ä n - n e r viel schuld daran, daß die Frauen die jüdische Volksznsaminengehörigkeit so leichten Kaufes — meist um der Eitelkeit willen — anfgeben, weil sie die Frau nicht teilnehmen lassen an den Interessen, an den Geschäften, an der Arbeit iin jüdische n G e in e i n s ch a f t s - und V e r e i u s l e b e n, nicht an seinem praktischen und nicht an seinem idealen Inhalte. Seit zwei bis drei Jahrzehnten sehen wir gerade jüdische Frauen sich außerhalb ihrer jüdischen Gemeinschaft hervorragend betätigen. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß die großen Erfolge der deutschen Frauenbewegung auf die Mitarbeit der jüd. Frauen z u r ü ck z u f ii h r e n sind. Ihre Fähigkeit und Tüchtigkeit auf den verschiedenen Gebieten der sozialen Hilfstäiigkeit ist auch von wenig judenfreundlicher Seite anerkannt. Warum haben sich die jüd. Gemeinschaften nicht dieser intelligenten Truppe versichert, warum ihren begreiflichen Wunsch und Trieb zur Entfaltung ihrer sozialen Kräfte nicht.zum eigensten Nutzen verwertet? Warum haben die jüdischen Männer bis zum heutigen Tage ihre Frauen zum großen Teil davon ausgeschlossen, im jüdischen Vereins- und Gcmeindeleben Dienst zu tun? Wäre cs geschehen, hätte man, seitdem die Ghettoniauern gefallen sind, auch die Frauen a in jüd. G eistes- und G einei nd eleb c n tci ln e h m e it lassen, es wäre für beide Teile und für das Ganze ersprießlicher gewesen. Uninteressiert, gleichgiltig, ohne Verständnis, vielfach voreingenommen, so finden die Männer die Frauen heute in Momenten, wo es gilt, um vitale jüdische Volksinteressen zu kämpfen; sie finden die Frauen so, wie sie sie werden ließen . . .*) Wir Frauen dürfen nicht falsch bescheiden und kritiklos den Borkonimnissen und Unte^iehmuiigen in der jüdischen Welt gegenüberstehen, überzeugt, daß alles gut geordnet und geleitet ist, weil wir nichts davon verstehen. Es gibt Dinge, die wir Frauen so gut verstehen lernen können wie die Männer, und Dinge, die wir anders und besser verstehen müssen, wie die Männer . . .*) Warum lassen Sie es sich gefallen, Ehrendameu zu sein, in Geselligkeitsausschüsse gewählt zu werden — in den Lokalkomitees großer jüd. Organisationen dürfen Sie Mitglieder werben, in den Gemeinden dürfen Sie Steuern zahlen — aber iiber die Ziele der Vereinsorganisationen, über die Verwendung der Gelder wird hinter geschlossenen Türen gesprochen und b e st i m m t, das ist das heilige Referat der Männer, und darum versagt auch das Frauen inte resse dort, wo großzügige, bewußte Solidarität notwendig ist, wo *) Gekürzt. Seite 3. die .Kraft aus der Tiefe des Miterleben-, des Mitschasfens die Treue bringt, die Mutter und Sohn, Bruder und Schwester, Manu und Frau gleich wie in der Vaterlandsliebe auch in der Religionsgemeinschaft einig sein und opferfreudig werden läßt." Türkei. Konstantinopel. „Le I e u n e T u r c". das s ü h rcitbc j u II g t ii r k i s ch e O r g a II, spricht sich in einem Leitartikel entschieden für die Einwanderung de r I u d c n in d i e T ü r k e i ans. Der Artikel betont, daß gegen das allmähliche Entstehen eines nationalen und^ kulturellen jüdischen Zentrums in Palästina vom Standpunite der ottomanischen Reichsintcressen nichts einzuwcnden wäre und daß die Angst vor „separatistischen Tendenzen" geradezu kindisch sei. Palästina. Jerusalem. Die Beteiligung an der Einweihung der ersten mit Hilfe des Jüdischen N a t i o ii ä l f o ii d s ins Leben gerufenen Kolonie jemenitischer F i l i g r a n arbeiter in B e n - S ch a m e n mar eine so rege, daß ein Ertrazug von Jerusalem abgelassen werden mußte, um die vielen Teilnehmer befördern zu können.^— Rittergutsbisitzcr Dr. Paul vs ch v t t l ä n d e r in Breslau hat ans den Namen seines verstorbenen Vaters Julius ^chottländer 10 000 Jk für die hiesige städtische Kunstgewerbcschnle „B e Z a l c l" gespendet. Aus der zionistischen Bewegung. Köln a. Rtz. Im Aufträge der türkischen Regierung hat der ottomauische Botschasrcr in Berlin, O S in a n i f a m i P a f ch a , Bräfidenteii David Wolfffvhn .den b e st e n Tan k der Regierung für die Beteiligung der z i v - n i st i s ch e n F i n a n Z i n st i t u t e an dem W e r k e der Hedschasbahn übermittelt. — Die Spenden für de n I ii d i s ch e ii Nation a l f o n d s betrugen im Jahre 1910 455 775 Jk — In diesem Betrag sind auch 22 000 Mark enthalte», die in kleinen Spenden unter 80 JL für die Siedlüngsgenvsscnschast in Palästina (nach dem Plane Franz Oppenheimers) cingegangcn find und vereinbarungsgemäß dem I. 2k. F. gntgcschrieben werden. Jur Vergleich mit den Svendeneingängen des Jahres 1909 weist das abgelaufene Jahr eine Zunahme von ungefähr 50 000 ,/£ auf. Der höchste ^pendenbeitrag wurde auch diesmal wie in allen vorhergehenden Jahren in R u ß l a u d ansgebracht. Trotzdem die Behörden in verschiedenen Städten die zionistische Propaganda unterdrückten und die Sammelbüchsen des I. N. F. konfiszierten, beliefen sich die Eingänge aus Rußland ans 1UOOO Mark. An zweiter Stelle steht Oesterreich mit nahezu 90 000 Jk; dann folgt D e u t s ch - l a » d mit 50 000, die Bereinigte n Staate n von N o r d a m erika mit 51 000, S ii dafrika mit 30 000 und R it in ä it i c n mit fast 20 000 Jk In C a ii a d a wurden 12 000, in E n g l a n d 9000, in U ii g a r n 8000, in B c l g i e ii 0000, in Kroatien, S k a v v n ie n u n d B o sn i cn 5000, in H o l l a ii d 4000, in der T ii rkei 3700, in Argentinicn 3500, in Bulgarien 2900, in A u st r a l i c n 2500, in der S ch iv e i z 1000, in Frankreich 1200 und in Serbien 1100 Jk für den Jüdischen Rationalfonds gesammelt. Wien. Am 15. d. M. fand in den Räumen Wien IX., Türkenstrane 9 eine Sitzung des Zion. Z. -K. für W e st ö st e r r e i rfi statt. Präsident Adolf B ö h m hielt zunächst dem verstorbenen Mitgliede des Z.-K. Dr. Hugo Rappavort (Trauteiiau) einen warmen Nachruf und erstattete sodann einen eingehenden B e r i ch t ii b e r die Tätigkeit des Z e n t r a l b ü r o s. Derselbe erstreckte sich auf folgende Punkte: Presse („Palästina," „Indische Zeitung," „Selbstwehr," Jugcnozeitschristeii, Studentenzeitschnft), Propaganda: Bortragstonrncen, Broschüre über Zollschans Buch, Hebräische Kurse, Kultnsgemeindeaktion, Palästinaarbcit < Informationsbüro, Gesellschaftsreise, Lichtbildervortrag, P. L. D. C.-Agitation) und diverse andere Aktionen. Das Z.-K. nahm mit Befriedigung davon Kenntnis, daß durch die Bemühungen deS Prager D. -K. und der Prager „Bar-Kochba" die „Selbstwehr" wieder von offiziellen Funktionären geleitet wird, ebenso, daß die Zeitschrift „Palästina" sich in jeder Weise günstig entwickelt. Bezüglich der Palästinapropaganda wurde beschlossen, fortab mit ganzer Kraft für die P. L. D. C. zu agitieren und die eben erscheinende Spezialnummer von „Palästina" zur Unterlage für dieselbe zu benützen. In der Nachmittagssitzung übergab der Präsident dem Vizepräsidenten Gg. Dr. E m i l M a r - gnlies den Vorsitz. Er referierte hierauf in eingehender Weise über die Gründe seiner Demission. Nach längerer Beratung wurde folgender Beschluß gefaßt: