Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. MMfuÄer WvaWWA MmtliMMatt. Rr. 4 Westeuropa, oder aber das Ghetto bleibt, nun dann wird die physische Schwächung der osteuropäischen Juden, die schon heute erschreckend jst, noch zunehmen, und Las Ende ist hier: Physische Degeneration! Dieses Bild entrollt Zollschan, und es wirkt grausig. Nicht in flammenden Worten, nicht in Jeremiaden schildert er, sondern auch hier ruhig, objektiv, mit Tabellen und Zahlen, statistisch und logisch/ historisch und naturwissenschaftlich beweist er alles, und gerade durch diese Ruhe und Kühle der Darstellung wirkt das Bild noch betäubender. Es rieselt so den Itücken hinunter, cs friert und fröstelt, ganz wie bei einem eiskalten Gußbad. * Also? Jst das Schicksal der jüdischen Rasse Untergang? Haben wir Jahrtausende gewirkt und geschasst, um auf diese Weise zu verschwinden? Auf diese rühmlose Weise, nicht kämpfend wie ein Heldenvoll,, sondern degenerierend wie ein Bastardvolk? Aber noch gibt es eine Rettung! Und Zollschan zeigt diese Rettung, diese einzig mögliche Rettung. Wir kennen sie ja alle; Aufhebung der Diaspora, Repatriierung der jüdischen Rasse, nennt es Zollschan, Zionismus nennen wir es alle. Und also lautet das Ergebnis des Buches: „Es gibt ohne Zionismus nur zwei Möglichkeiten: Auflösung der Rasse oder physische Degeneration!" Und dies ist die gesundende Wirkung des Buches. Alan wird moralisch gestärkt, geistig gehoben, man fühlt mehr Kraft in sich, das Blut rollt rascher und Begeisterung ergreift dich, Begeisterung fiir das Ziel: Zionismus. Und wollt auch chr diese moralische Kräftigung, diese gesundende Wirkung dieses Buches an euch erfahren, dann geht, eill, und lest es! Brief aus Oesterreich. Zur Gründung einer Antitaufliga hat Oberrabbiner Dr. <8übtmann in flammenden Worten ausgefordert. Den Anlaß hierzu bot der Gedächtnistag des berühmten Wiener Kanzelredners Adolf Jellinek in Verbindung mit der Tatsache, daß dessen Sohn, der Heidelberger Rechtslehrcr Geh. Hvfrat Georg Jellinek, jüngst als Protestant gestorben ist, Oberrabbiner Dr. Güdemann ist fast vier Jahrzchutc das geistige Oberhaupt, der über .150000 Seelen zahlenden Wiener jüdischen Gemeinde; er war wohl stets darauf bedacht, 'sich, seine Sporteln von den ihm unterstehenden scchszehn Rabbinern nicht kürzen zu ■ lassen, daß er aber. denselben Eifer für die Erweckung und Pflege positiver jüdischer Werte an den Tag' gelegt hätte, könnte man nicht behaupten. Cs ist unter seinem Regiment nichts geschehen, um der gerade in Wien so große Dimensionen .habenden Taufseuche cntgegenzuarbeiten, und wenn er 'jetzt zur Bildung einer Antitaufliga auffvrdert, so ist das ein R u f in einer Wüste; in der Miste des Wiener Judentums wird dieser Ruf nur schwachen Widerhall finden. Es ist leicht, das Verächtliche der Taufe an den Pranger zu stellen; ob jedoch die Ankläger nicht weniger anzuklagen sind, weil sie das Judentum, dessen Bürde die Täuflinge weg warfen, ihnen ein Nichts sein ließen, ist eine zweite Frage. Seit der Emanzipation und durch die damit entstandene Assimilation ist es das Schicksal des jüdischen Volles, von seinen Führern verlassen zu werden. Das zeigt sich auch in Galizien. Auch die galizische Judenheit ist stets, gut genug dazu, ihre Intelligenz in alle Ehrenämter zu wählen und dafür von chr verraten zu werden. Nichts haben die „jüdischen Führer'" in Galizien — die zionistischen Reichsratsabgeordneten machen die einzige Ausnahme — getan, um die hereinbrechcnde jüdische Massen-Katastrvphe infolge des neuen Schankgesetzes zu verhüten oder nur zu mildern, — und nun sind wir mitten in der Katastrophe drin. Jeder Tag bringt neue Beweise dafür, daß das'neue Schankgesetz ein politisches Machtmittel des Polentums ist und von diesem gegen die Juden angewendet wird. So wurde — um aus unzähligen Fällen einige herauszugreifen — im Bezirke Wiznitz ein 72 jähriger Greis, der 52 Jahre lang seine Schenke betrieb und heute noch eine große Familie zu ernähren hat, zu Gunsten eines christlichen Reiffeisenkasseninspekwrs, der nie das Schankgewerbe ausübte und nie selbst ausüben wird, der Schankkmzesston verlustig erllärt, so wurden in Solka viele jüdische Bewerber, 'abgewiesen, während eine wohlhabende Dame, die nie in Solka lebte, die Konzession erhielt, und so würden in Mtoka-Dragomirna die Gesuche der dortigen sieben jüdischen .Schanker abgewiesen und die Konzession der Gemeinde, dem deutschen und ■ dem rumänischen Warenhaus«: erteilt. Doch genug davon! Wenn es schon gar zu schlimm geworden ist, dann wachen die jüdischen Führer stets auf, — doch dann ist es zu spät. —> Zum Schluß auch -einmal etwas Erfreuliches! Die Reform der Zivilprozeßordnung, welche nunmehr auch das ungarische Magnatenhaus angenommen hat, untersaLt die Frage nach de« Konfession ber der Zeugenvernehmung. Diese neue Bestimmung darf in ihrer Bedeutung nicht unterschätzt werden; nicht, als ob durch sie dein Antisemitismus nun weniger Betätigung geboten würde; ihre Bedeutung liegt darin. Laß durch sie ein gewaltiger Schritt vorwärts geschehen ist zu dem Ideale, daß das Gericht nur den Menschen unbeeinflußt von seiner persönlichen Atmosphäre kennt. Dr. G. Brief aus Ungar«. Während man bei der Neologie nur eine Sorge zu kennen scheint, die nämlich, das glaubenstrcuc Judentum an die Wand zu drücken, cs durch das Stigma der Vaterlandslosigkeit verhaßt und durch den Stempel der Kulturfeindlichkeit verächtlich zu machen — eine Arbeit, die schon so weit gediehen ist, daß der Officiosus der Neologie zur Zitatenquclle -er antisemitischen Hetzpresse geworden ist —, geht das glaubenstreue Judentum endlich daran, die Versäumniss.e einer vierzigjährigen Vergangenheit nachzuholc». Bis vor kurzem hat man sich bei den Orthodoxen nur auf bloße Negation des Standpunktes der andren versteift. „Sie sind keine Juden!" >var das „Ein und alles" ihrer Terminologie. Von einem Ausbau und Festigung der Organisation, von einem großen Zug, der die Massen beseelte, von einem Ziele, dem man. zustrebte, war keine Spur vorhanden. ' Wer es wagte, die Leitung an ihre Pflicht zu erinnern, er wurde gestempelt und sein Wort verhallte lautlos. Es 'ist jetzt anders. Der „Machsike Hadcks" hat mit einem ganzen Netz von Vereinen und Distrikten das'Land umspannt, die berufen sind, kraft der Einheitlichkeit der Idee, die sie verknüpft, dem Judentum aufzuhelfen und ihm den ihm gebührenden Platz an der Sonne zu sichern. Am 2. Januar war ber. 35 c legier teil tag des Landesverbandes, der im Beratungssaal der orthodoxen Gemeinde seine Sitzungen abgehalten hat. Das ganze Gebiet des ethischen und sozialen Lebens der nngarländischen glauhenssreicn Judenschaft wurde zum Gegenstand ernstester Erwägung gemacht, und zum erstem Mal wurden große j.üdisch-soziale Fragen in orthodoxem Kreise von hohen politischen Gesichtspunkten aus behandelt. Nach dem Muster der Genossenschaften andrer Konfessionen, soll auch bei uns das Wirtschafts leben auf genossenschaftliche Basis gestellt werden; eine zielbcwnßte Aktion im Kampfe g.egen das Sonntagsrnhegcsetz wurde beschlossen und dem Ausbau des Jeschiwalebens die größte Aufmerksamkeit geschenkt. „Die größten Jeschiwos sollen mit einer Künsth andw er ksab t ei lang versehen werden, daniit die Zöglinge derselben, wenn sie ihre Studien beendet haben, nicht nur für den Tod, sondern auch fürs Leben vorbereitet werden." Damit es aber nicht den Anschein.habe, als ob sich die Tätigkeit des „Machsike Hadas" gegen die derzeitige orthodoxe Landeskanzlei richte, wurde bei den Präsidialwahlen der Präsident der Kanzlei, Adolf Frankel, in den ausführenden Ausschuß gewählt. Daß der enge Zusammenschluß dringend ist, dafür liefert das ungarische Parlament den schlagendsten Beweis.' Jst ja dort der antijüdische Ton soweit gediehen, daß man sich von den „Kasaren" weg zu den „Kobis" und „Schmuls" wendete, um diese auf die Wurzeln ihres Stammbaums zu verweisen. Bei dieser Apostrophierung werden sich die jüdischen Abgeordneten nicht so drücken können, wie bei der Schmähung der Kasaren. Umso weniger, alsdie Mitglied erdergroßen liberalen Regierungspartei diesen Pöbelton ins hohe Haus getragen haben. ' Zioni. Die jüdische Fleischkrise in Koustautinopel. Ueber zehn Tage blieb die jüdische Bevölrung ohne koscheres Fleisch, dank einem zwischen den jüdischen Metzgern und dem Großrabbinate ausgebrochenen Konflikte. Das Los der jüdischen Metzger scheint in der Tat nicht sehr beneidenswert zu sein. Infolge ber im Orient üblichen Gabella, einer Fleischsteuer von 30 Para per Oka, und noch anderer Spesen, die nur den jüdischen Fleischern erwachsen, sind diese genötigt, das Fleisch 30—40 Prozent teuerer zu verkaufen, als ihre nichtjüd.ischen B e r u fs g en o s s e n.. Dadurch sind sie' aber auch im Verkaufe ausschließlich ans jüdische Kunden angewiesen, von welchen die Mehrzahl auf Kredit nimmt, während die Metzger gezwungen sind, die Gabella bar und im Voraus zu entrichten. Dazir kommt noch, daß gerade die reicheren Juden, um von der Gabella frei zu sein, ihren Bedras an Fleisch bei nichtjüdischen Metzgern decken. Angesichts all dieser Schwierigkeiten einerseits. und anderseits der Tatsache, daß die Gemeinde die eingenommenen Gelder nicht zlveckentsprechend vcrivendet, vereinigten sich alle jüdischen Metzger und forderten vom Großrabbinate einen zehnprozentigen Nachlaß der Gabella nebst einer inindestens achttägigen. Zahlungsfrist. Das Großrabbinat schlug vorerst die wohlberechtigte Forderung der Metzger ohne weiteres ab, lmd als die. Metzger darauf die Zahlung der Gabella einstellten, ließ es sogar die Schächter abberufen. Nach langem Widerstand müßte das Großrabbinat doch nachgeben, und somit nahm heute die Fleischkrise ein "Ende. Mit der Fleischkrise eng verbunden, ist der Konflikt der aschkenasischen Knltnsgemcinde mit dem Großrabbinate. Vertragsmäßig erhalten nämlich die Aschkenasinr von den Gabellaeinnahmen des Grvßrabbinats 50 Ltq. monatlich. Der provisorische Rat des Groß-Rabbinats weigert sich aber schon seit acht Monaten, den Aschkenasim ihren Anteil an der Gabella ausznliefern, ohne dafür triftige Gründe anzugeben. Die Verwaltung der Slschkenasüngeineinde toird wahrscheinlich nach dem Beispiel ihrer Schwester-Gemeinden in Palästina ans eigene Kosten Schächter anstellen, um so die ganze Gabella der Aschkcnasim zu gewinnen. Das Großrabbinat wird dabei am meisten zu kurz kommen. Das; aber auch die -Spaniolen die Fleischkrise zum Ausdruck ihrer Unzufriedenheit mit dem Großrabbinat benutzt haben, ist auf die gegenwärtig stattsindenden Wahlen zum „Medschlisch umumi," dem großen Rate des Großrabbiners, znrückzuführen. Nach den Berichten hiesiger ' spaniolischer Zeitungen soll cs bei diesen Wahlen nicht überall gesetzmäßig zugehen. So ist augenblicklich der Himmel in Konstantinopel stark bewölkt, und leider scheint der leitenden Persönlichkeit die nötige Energie zu fehlen, um die bestehenden Schwierigkeiten überwinden zu können. K. Fortsetzung der „Judeudebatte". (Von unserem Berliner Korrespondenten.) Die etwas sensationell aufgeputztc „Jndcndebatte" in der „Deutschen Montagszeitung" ist weiter fortgesetzt worden. D r. Walter R a t he n a u -Berlin behandelt das Thema nach dem Gesichtspunkte der Juden — und kommt sozusagen zu einer provisorischen Ablehnung der Taufe. Diese bringe bei der gegenwärtigen Sachlage den Juden materiellen Gewinn und persönlichen Nutzen. Es sei aber unmoralisch, solcher Vorteile wegen seinen Glauben zu wechseln. An der „Absonderung" der Juden sei soniit vor Allem "die Regierung schuld, die den Inden, solange sie nicht getauft siird, nicht die volle. Gleichberechtigung gewährt. Und nun holt Rathenau zu einer schweren Anklage aus: „Die der preußischen Judenpolitik zugrunde liegenden Vorstellungest sind rückständig, falsch, unzweckmäßig und unmoralisch. Rückständig: Demi alle Nationen westlicher Kultur haben diese Vorstellungen ausgegeben, ohne Schaden zu erleiden. Falsch: Denn Maßnahmen, die gegen eine Rasse gedacht sind, werden gegen eine Religionsgemeinschaft gerichtet. Unzweckmäßig: Denn an der Stelle der offenkundigen Berjudung, die bekämpft werden soll, tritt die latente, und zwar auf Grund einer üblen' Selektion; zugleich wird eine große, konservativ veranlagte Volksgruppe in die Opposition gedrängt. Unmoralisch: Denn es werden Prämien ans Glaubenswechscl gesetzt und Konvertiten bevorzugt, während hunderttausend Staatsbürger, die nichts anderes begangen haben, als ihrem Gewissen und ihrer Ueberzeugung gefolgt zu sein, in ungesetzlicher Weise und durch lleine Mittel um ihre edelsten Bürgerrechte gebracht werden." Dieser „rückständigen, falschen, unzweckwidrigen und unmoralischen" Judenpolitik, die ein Erlöschen der Abneigung gegeir die Inden von christlich-deutscher Seite unmöglich mache, sei die jüdische „Absonderung"' zuzuschreiben. Sonst stünden keinerlei Hindernisse der wohl wünschenswerten Beseitigung der „Trennung" im" Wege. Cr, Rathenau, habe „niemals einen Juden getroffen, der die Ethik des Neuen Testaments abgelehnt hätte." Seines Erachtens sei „der heutige kultivierte Jude weniger als irgend ein anderer zeitgenössischer Kulturträgervom. Dogmatisch-Religiösen abhängig, im - Mythologischen, Historischen, Exegetischen, Dogmatischen, ja selbst im rituellen Bereich der alten Nätionalreligion. wenig bewandert." ...