Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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---:—;— Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— *■ ________——_ Me-aKkiöil und chefchafisstette: Srankfurt a. M.. xx w. q e » J| c 7 Telefon 10507. H>erausgeber: Saliz H>efs. Jnsertionspreife: Die viergespaltene Petitzeile..... 25 Psg. Die Reklamezeile.. . 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter No. 4384. 9. Jahrgang. Freitag, den 27. Tewes 5671 (27. Januar 1911). Nr. 4 Inhalt deS Hauptblattes. Artikel: Aus der Welt der Gedanken. — Brief aus Oesterreich. — Brief aus Ungarn. Diejüdische 'Fleischkrise in Konstantinopel. — Fortsetzung der „Judendebatte". — Aus aller Welt — Aus Lerzioni st ischenBewegung. — Feuilleton: Aus der Zukunft. — Bunte Chronik —Kunst und Literatur. — Wochen-Kalender. — Allgemeine Mitteilungen. — Vereins- Kalender. — Familiennachrichten. Ans der Wett der Gedanken. Von Ben-Koh eleth. VI. Zo lisch an: Las Rassenproble m.*) Tie Menschen pflegen am liebsten über die wissenschaftlichen Fragen zu sprechen, die am welligsten fcststehcn. Ties ist kein Zusall. Der faule Mcnschengeist mag sich nicht an feste Gesetze und bestimmte Formeln gewöhnen und schweift lieber in den unbegrenzten. Flächen des Schwankenden und Unsicherelt umher. Es zeugt darum nicht gerade für die moderne Rasscirwissenschaft, daß heute säst jeder Halbgebildete seine Meinung über das Rassenproblem frischfrank-fertig in der Westentasche hat; dies hat viele ernst Lenkende verleitet, dem Rassenproblem überhaupt jede wissenschaftliche Basis abzusprechen. Und in der Tat, wenn inan die theoretischen Werke eines Chamberlain und Genossen gelesen (und welcher deutsche Jude hätte sie nicht gelesen!) und die praktischen Resultate der „wissenschaftlichen" Lösmrg des Rassenproblems int Radauantisemitismus wahrgenommen hat, kann man leicht auf die Meinung kommen, die ganze Rassenfrage sei entweder ein Charlatanismus oder im besten Falle eine Tragikomödie. Ich nehme dies voraus, um den Leser zu 'warnen, nicht mit solchen Gefühlen an das Zollschan'sche Werk heranzugehen. Einerseits wird Er dem Autor, einem Gelehrten im besten Sinne des Wortes, bitteres Unrecht tun; andererseits aber — und dies ist die Hauptsache — wird er sich allen Genuß rauben, den ihm die Lektüre dieses Buches sollst gewähren lvird. Genuß? Tatsächlich: Ich habe selten ein Werk mit soviel, von Kapitel zu Kapitel wachsendem Vergnügen gelesen, lvie das Zollschansche. Bis auf oen letzten Abschnitt. Tann kam das kalte Gußbad. Mer ein äußerst gesundes. Bist daraus gestärkt und gekrästigt herausge- Miigen, wie aus einer Kneipp'schen Kur. * Toch ich eile voraus, erzähle das Ellde, «hnc vom Anfang ein Wort gesagt zu haben. Ich beginne also von neuem, und will hübsch ordnungsgemäß schildern. Schildern und nicht rcjerieren. Tas Buch ist schon an.sich derart gelehrt, daß der Referent ruhig auf den gelehrten *) Dr. Ignaz Zollschan: Das Rassenproblein unter besonderer Berücksichtigung der theoretischen Grundlagen der: Mischen . Rassenfrage. .Wien und Leipzig. Wilhelm Brqunmtzller. Zweite verbesserte Üluffage. 509 S., 6.— Jk brasch,, 7.50 geh. Stil und die trockene Wissenschaftlichkeit verzichten kann. Ich will also schildern, welche Genüsse mir das Buch bereitet hat, und wenn es dann noch den Leser nicht nach diesen Genüssen gelüstet und er das Buch nicht liest, ja, dann bin ich an der Weisheit Ende gelangt. Ich öffne also das Büch, schlage die letzte Seite auf: 509. Ties wirkt nicht ermutigend. Ich blättere durch, erblicke Zahlen, Fußnoten, eine Unmasse Fremdworte und. werde noch bestürzter. 509 Seiten Oktavsormat eines streng wissenschaftlichen Werkes zu lesen, nachher oarüber referieren, ist keine heitere Aussicht. Toch die Pflicht geht über alles, ich rede mir Mut ein und beginne. Lese das erste Kapitel : „Tie gegenwärtige Auffassung des Rassen tum s des Germanen" und — freue mich. Ich merke: hier spricht ein Gelehrter, der die Anschauungen der deutschen Rassentheoretiker ganz verwirft, sich aber nicht mit entrüsteten Beschinipfungen und protestierenden Phrasen begnügt, sondern mit Hilfe eines erstaunlichen loissenschastlichen Apparates den Kampf gegen sie aufnehmen will. Seines Sieges stolz bewußt, läßt er die hervorragendsten Vertreter dieser Anschauungen zu Worte kommen, um sie dann um so gründlicher zu schlagen. Ties freut doch einen. Wenn man bisher iü den „wissenschaftlichen" Werken nur von der Inferiorität der Juden hörte und. von chrer Superiorität nur in jüdisch-nationalen Zeitungen las, dann bereitet es doch Vergnügen, in einem ernst wissenschaftlichen Werke die Widerlegung dieser deutschen Rassefanatiker zu lesen. Ich habe also das erste Kapitel zu irnde gelesen, und freudig erregt, voll von Spannung und Interesse fiir den weiteren Verlaus des Kampfes, beginne ich sofort das ziveite Kapitel: und die Freude wächst, die Aussichten meines Autors wachsen, anthropologisch, etnographisih, naturwissenschaftlich, historisch und — last not least — logisch werden die Gobineau und Renan, die T ü h r i n g und Chamberlain lviderlegt; die Germanen sinken, die Juden steigen, der Autor kämpft energisch und angestrengt, sein Waffenarscnal ist unerschöpflich, hier ist er Anthropologe, hier Naturwissenschaftler, bald Historiker und bald Physiologe, kämpft mit ben-nndcrnswerter Objektivität, läßt sich niemals hinreißen, so sehr ist er siegesbewußt. Tie anthropologischen Grundlagen des Rassenproblems werden untersucht, die historischen und physiologischen Grundlagen werden behandelt, und dann -im dritten Teil (Drei Untersuchungen über den Kulturwert der jüdischen Rasse) entrollt Zollschan ein lvunderbares Bild von der Größe der semitischen Rasse; „Die Geschichte des semitischen alten Orients" wird geschildert, „T ie G e sch ich te d er semitisch en Kultur i n S Panien" zieht an meinem Auge vorbei, „D i e Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter" wird vorgeführt, „D e r W e r t der Juden für die geistige Kultur" der Menschheit wird untersucht, und alles zeugt zwingend und überzeugend von der Begabung, der Bedeutung, der Größe der jüdischen Rasse. Ich lese dies und soll mich nicht freuen, soll nicht in seligen Gefühlen berechtigten Stolzes und vernünftiger Eigenliebe schwelgen? Gewiß! ich war auch vorher von der Größe meiner Rasse überzeeugt, all das, was ich las, war mir in den letzten Folgerungen in Bezug auf die Juden nicht ganz neu!: aber vorher wajr ejs nur instinktive Ueberzeugung, egoistische Einbildung, nun ist es mir wissenschaftliche Gewißheit. Wovon ich vorher nur gefühlsmäßig überzeugt war, ist mir jetzt verstandesmäßig bewiesen, was ich vorher ahnte, weiß ich jetzt. Und soll mich nicht freuen? Und welcher stolzer Jude wird sich nicht darüber freuen? Und da ich all meine Leser für stolze Juden halte, so kann ich ihnen, wollen sie einige Stunden geistigen Genusses sich verschaffen, nichts besseres als Zollschan's Buch empfehlen. - * Und das kalte Gußbad? werdet ihr mich fragen. Wo bleibt dies? Auch darüber ein Wort. Um euch allen Schrecken davor zu nehmen, will ich's euch gleich vorweg sagen: ich halte das Gußbad fiir die heilsamste und gesündeste Wirkung des ganzen Buches. Es stärkt einen ungemein, ganz wie eine moralische und geistige Kneipp'sche Wasserkur. Tas Kapitel, das diese Kur enthält, heißt: „Die Vernichtung des Kulturwertes der jüdischen Rasse durch ihre Dissoziation". Wieder entrollt Zollschan ein Bild, aber ein grausiges. Tie ganze Tragödie des modernen Judentums wird geschildert, in kräftigen Pinselstrichen, in greller Farbe. Im Westen ist das Ghetto gefallen, und mit seinem Fall hat die Assimilation begonnen; die Juden hes Westens haben Zum größten Teil die Mische Religion verlassen, denn die jüdische Religion wirkt — wie jede Religion — konservierend nur als Zeremonialreligion. „Je abstrakter und philosophischer eine Religion wird, je mehr die äußeren Symbole zurücktreten, je Mehr sie ans ihre Bekenner bloß persönlich und nicht mehr sozial bestimmend einzuwirken trachtet, umsomehr wird ihr Wirkungsgebiet durch kulturelle Einflüffe, durch persönliche Lässigkeü, durch andere Rücksichten usw. arrodiert. um so bedeutungsloser wird sie überhaupt." Mit dem Abfall von der jüdischen Religion erfolgte naturgemäß der Abfall von der übrigen jüdischen Kultur, die westeuropäische Judenheit assimilierte sich, ein großer Teil ging dem Judentum ganz verloren, teils durch Taufe, teils durch Mischehe; dies wird immer weiter gehen, naturnotwendig nimmt die Assimilation zu, und das Ende der Mischen Rasse für Westeuropa ist: Auslösung der Rasse. Und im Osten? Ta allerdings hat die Assimilation noch nicht in großem Umfange eingesetzt, aber: entweder wird auch dort im Laufe der Jahre die Gleichberechtigung der Juden erfolgen, und dann beginnt der Assimilationsprozeß wie in